RUNNING WILD: Die Frage, ob man Musik als Gefühl oder als intellektuelles Spiel betrachtet!

RUNNING WILD: Die Frage, ob man Musik als Gefühl oder als intellektuelles Spiel betrachtet!


20 Jahre RUNNING
WILD
! Was fällt mir dazu in erster Linie ein? Mann, bin ich alt
geworden! Es kommt mir noch gar nicht so lange vor, dass ich – kurz
nach dem Erwerb des ersten Albums „Gates To Purgatory – das RUNNING
WILD
-Logo auf meinen Bio-Ordner kritzelte und nur kurze Zeit später
von meinem Lehrer für diese Tat einen gewaltigen Anschiß bekam.
Aber ein Blick auf den Kalender des Jahres 2003 bestätigt, dass der
am 01.07.1961 in Hamburg geborene Sänger/Gitarrist Rock’n Rolf
Kasparek tatsächlich schon seit – genau genommen – ÜBER
zwei Dekaden im Metal-Business mitmischt. In diesen zwei Dekaden wurde
RUNNING
WILD
zu einer „Entweder lieben oder hassen“-Band. Es gab
enthusiastisches Jubelgeschrei, derbe Verrisse und etliche Line-up-Veränderungen.
Es gab Leute, die der Band Stagnation, keinerlei Weiterentwicklung und
keinen Mut zum Risiko vorwarfen, aber wahrscheinlich auch einen Aufschrei
der Entrüstung ausgestossen hätten, wenn RUNNING
WILD
auf einmal halbgare Experimente gewagt und aus ihrem – zugegebenermaßen
recht engen – Stilkorsett ausgebrochen wären. Was noch wichtiger
ist : Die immer noch zahlreichen Fans sind immer noch dankbar für
jede RUNNING
WILD
-Scheibe, die klingt wie eine RUNNING
WILD
-Scheibe. Und das tut jede der mittlerweile veröffentlichten
zwölf Studioalben. Der geneigte Fan weiß mit jeder Scheibe,
auf der der RUNNING
WILD
-Schriftzug zu lesen ist, was ihn erwartet. Und das ist auch gut
so! Zur Feier dieses Jubiläums erscheint nun die „20
Years of History
“-Scheibe, über die ich mich u.a. mit Sänger
Rock’n’Rolf Kasparek unterhielt.

Genau
genommen müsste diese Scheibe zwar “21 Years in History”
heißen, aber gut finde ich, daß der Schwerpunkt nicht auf
ein oder zwei Alben liegt, sondern daß wirklich jedes Album bei
der Songauswahl gleichberechtigt wurde. War es für Dich von Beginn
an klar, daß von jedem der bisher veröffentlichten zwölf
Studioalben zwei Songs auf das Album kommen?

Das mit den zwei Songs pro Album war von Beginn an klar. Natürlich
haben die Fans durch ihre verschiedenen Reaktionen Einfluß auf die
Songauswahl genommen, aber es gibt natürlich einige Sachen wie „Prisoner
of our Time“ oder „Under Jolly Roger“, die einfach logisch
waren. Ich habe mich halt bemüht, immer zwei Songs auszuwählen,
die repräsentativ für das Album stehen und es in letzter Instanz
auch darstellen. Die Songs wurden auch chronologisch angeordnet um eben
die Entwicklung der Band zu zeigen. Es ist für mich auch keine „Best
of“ im eigentlichen Sinne. Für mich ist das mehr eine –
wie der Name schon sagt – eine reine History-CD, die vielleicht auch
den einen oder anderen neuen Fan bringt. Ich wollte von Anfang verhindern,
daß es eine Zusammenstellung ausschließlich bekannter Songs
wird, denn damit verarscht man die Fans. Ich wollte den Fans etwas Besonderes
bieten, weshalb wir vier Songs komplett neu aufgenommen haben. Ich habe
die Songs teilweise stark überarbeitet und, um das Ganze etwas kräftiger
und druckvoller zu gestalten, zusätzliche Gitarren- und neue Bass-Parts
eingespielt, denn es hätte einfach den finanziellen und logistischen
Rahmen dieser Produktion, die übrigens in meinem eigenen Studio stattfand,
gesprengt, wenn Peter die Bass-Parts übernommen hätte. Peter
und Matthias Liebetruth sind allerdings auf den vier Songs, die neu eingespielt
wurden, zu hören, wobei von Beginn an klar war, daß Bernd Aufermann
nicht im Studio für RUNNING
WILD
arbeiten wird. Er ist lediglich der Live-Gitarrist, denn im Livebereich
sind RUNNING
WILD
definitiv eine Band, die aus vier Leuten besteht und wo jeder
der vier seinen Anteil am Gelingen einer Show hat.

Was kannst Du über die beiden „neuen“ Songs berichten?

„Apocalyptic Horsemen” ist ein Überbleibsel aus den „Under
Jolly Roger“-Sessions und „Prowling Werewolf“ ist ein alter
Livetitel, den wir bereits 1983 in unserem Liveprogramm hatten und bevor
es damals an die Arbeiten zu unserem Debüt ging, war „Prowling
Werewolf“ immer der Opener. Er war ursprünglich auch für
die „Gates to Purgatory“ gedacht, hat es aber letztendlich nicht
auf die Scheibe geschafft.

Du erwähntest gerade eventuelle neue Fans. Glaubst Du, daß
ihr noch neue Fans rekrutieren könnt?

Doch,
da hat sich viel über diese DONOTS-Geschichte
getan, mit denen ich ja „Bad to the Bone“ eingespielt habe,
und wo sich herausgestellt hat, daß sich einige der DONOTS-Kiddies
echt für RUNNING
WILD
zu interessieren begannen. Aber es gab auch RUNNING
WILD
-Fans, die sich auf einmal für die DONOTS
interessierten.

Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit den DONOTS,
zumal RUNNING
WILD
ja bisher immer eine Band waren, die auf den unzähligen
Tribute-Sampler bisher keine Rolle spielten?

Der Grund war, daß mir Wolle Funk von der DONOTS-Idee,
eine Scheibe mit Metalcovern herauszubringen, erzählte. Der Ingo
von den DONOTS
war früher sogar Mitglied im RUNNING
WILD
-Fanclub und wurde durch die „Port Royal“ dazu inspiriert,
selber Musik zu machen. Er hat sich sogar mal, wie ich es damals hatte,
einige weiße Strähnen färben lassen.

Du hast Dich erneut für ein Remake von „Branded and Exiled“
entschieden, obwohl der Song ja schon für „The First Years of
Piracy“ neu eingespielt wurde. Warum jetzt quasi das Remake vom Remake?

Weil der Song ein echter Klassiker ist, deshalb auf diese Platte gehört
und weil mir aus heutiger Sicht die „The First Years of Piracy“-Version
zu schnell und zu gehetzt klingt. Und „Mordor“ ist halt ein
Favorit vieler, vieler Fans, den ich deshalb aufgenommen habe, weil ich
nicht glaube, daß wir diesen Song jemals live spielen werden.

Nicht nur ich hätte es wahrscheinlich sehr gut gefunden, wenn
auch die beiden „Debüt No 1“-Songs („Hallow The Hell“
und „War Child“) oder Neueinspielungen von „Purgatory“
oder „King of the Midnite Fire“ ihren Weg aufs Album gefunden
haben. Wieso fehlen diese Stücke, die eine Sammlung endgültig
komplettiert hätten?

Weil dadurch die Kapazität der CD überschritten worden wäre,
Es waren auch rechtliche Gründe, warum die beiden „Debüt
No 1“-Songs fehlen. Wir wollten auf keinen Fall das Risiko eingehen
die beiden Stücke, für die wir übrigens das erste Mal richtig
professionell in einem Studio waren, aufzunehmen und die Platte zu veröffentlichen,
um dann von jemandem einen alten Vertrag unter die Nase gehalten und gesagt
zu bekommen, daß wir die Stücke nicht hätten aufnehmen
dürfen. Ich hab den Vertrag, den wir damals unterschrieben haben,
nicht mehr. Die Scheibe war ja damals auch nicht zum Verkauf gedacht,
sondern sollte ursprünglich als Plattendemo dienen, mit denen man
sich bei den Labels hätte bewerben sollen.


Wird es eine Tour zur Scheibe geben?

Nein, die Wacken-Show war die einzige, die wir zur Scheibe gegeben haben
und spielen werden. Es war eine spezielle Show, wo wir Sachen wie „Treasure
Island“, „Genghis Khan“ oder „Chains & Leather“
gespielt, die noch nie oder schon seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr
live gespielt wurden. Für weitere Shows ist auch keine Zeit mehr,
denn kurz nach den Aufnahmen zu „The
Brotherhood
“ ging es auf Tour. Anschließend hab’ ich
an der Live-DVD bzw. Live-CD gearbeitet. Schließlich es ging dann
auf einige Festivals, an die Zusammenstellung der „20
Years
“-Scheibe und eben die Wacken-Show. Das heißt, ich
habe unmittelbar nach der Wacken-Show mit dem Songwriting zur neuen Scheibe
angefangen und wollte mich nicht unter noch mehr Zeitdruck setzen, denn
die Scheibe soll irgendwann im nächsten Frühling veröffentlicht
werden.

Wieso hat Matthias Liebetruth und nicht Angelo Sasso auf der neuen
Platte gespielt. Deine Kritiker könnten meinen, Du hast Dich von
ihrer Kritik bezgl. Herrn Sasso beeinflussen lassen!

So könnte es aussehen, aber das ist nicht der Fall. Ich habe schon
damals bei den Aufnahmen zur „Victory“-Scheibe keinen Hehl daraus
gemacht, daß Matthias ein paar Sachen adaptiert und überarbeitet
hat. Es war mich zu dem Zeitpunkt auch klar, daß er die „The
Brotherhood
“ einspielt. Das hat aber aus Zeitgründen nicht
hingehauen, so daß Angelo sich bereit erklärt hat, auch das
Album einzuspielen. Zu dem Zeitpunkt war aber schon klar, daß Matthias
mit uns auf Tour geht, denn er sollte ursprünglich auch die „Victory“-Tour
spielen, musste jedoch aus terminlichen Gründen passen, so daß
wir für die Tour Chris Efthimiadis von Rage (heute bei Sub7even –
der Verf.) verpflichteten.

Ungewöhnlich und gewiß nicht die Regel ist, daß auf
der aktuellen Scheibe Songs zu hören, die für und von zwei Labels
eingespielt und veröffentlicht wurden…

Für mich das eigentlich klar, denn wenn man eine Scheibe veröffentlicht,
die „20 Years
in History
“ heißt, dann muß das Songmaterial auch
diese Zeitspanne umfassen. Sonst hätte das ja auch keinen Sinn gemacht.
Wir hatten das Glück, daß die Live-CD auch Songs beider Labels
enthielt, so daß man das alles ohne Streß regeln konnte und
eine Hand die andere wusch.


Bleibt es dabei, daß Du auch in Zukunft das alleinige Songwriting
übernehmen wirst?

Ich habe gerade mit Matthias über einige seiner Ideen gesprochen,
mit denen wir uns näher beschäftigen werden, wenn ich mit meinem
„Kram“ durch bin. Ob man was daraus machen kann, werden wir
dann sehen. Bei Peter und Bernd kann man sicherlich auch davon ausgehen,
daß sie die eine oder andere Idee haben.

Die aber natürlich zum RUNNING
WILD
-Stil passen müssen?

Eben, etwas anderes würde auch keinen Sinn machen, denn der Stil
von RUNNING
WILD
hat sich in den letzten zwanzig Jahren zu einem unmißverständlichen
Stil entwickelt, obwohl mir genau das von einigen Leuten immer wieder
vorgeworfen wird. Es ist aber alles die Frage, ob man Musik als Gefühl
oder als intellektuelles Spiel betrachtet.

Wie weit planst Du eigentlich im voraus! Hast Du vielleicht so eine Art
„Fünf-Jahres-Plan“?

Ich plane im Moment nur bis zur nächsten Scheibe, die zwischen Januar
und April des nächsten Jahres erscheinen und gleichzeitig die letzte
für „G.U.N.“ sein wird. Danach folgen die Tour und Festivals.
Und da hören die Planungen auch schon auf, obwohl es natürlich
schon einige Angebote interessierter Labels gibt. Aber um diese kümmere
ich mich erst dann, wenn es spruchreif ist.

Du
hast Dir ein Studio eingerichtet. Wird es ein reines RUNNING
WILD
-Studio oder können auch andere Bands dort ihre Alben, Demos
etc. aufnehmen?

Nein, das wird ein reines RUNNING
WILD
-Studio, in dem ich die kommenden Produktionen durchführen
werde. Es ist in meinem eigenen Haus auf dem Dachb
zugeschnitten, wie es für meine Arbeitsweise am besten ist und ich
werde da mit Sicherheit keinen fremden Ton-Ingenieur ranlassen.

Wäre „20
Years in History
“ nicht auch ein guter Anlaß in die Fußstapfen
von Stefan Effenberg, Daniel Küblböck oder Naddel zu treten
und eine Biografie zu veröffentlichen?

Es gab zwar mal Ansätze, aber aus den verschiedensten Gründen
hat sich das zerschlagen. Mir fehlt aber im Moment in erster Linie die
Zeit und in zweiter Linie auch die Lust, denn im Moment schreibt jeder
„sein“ Buch, so daß der Gedanke daran mich nicht gerade
beherrscht…