QUEENSRYCHE: Der Verfall der westlichen Zivilisation…

QUEENSRYCHE: Der Verfall der westlichen Zivilisation…

Interviews, die wir euch nicht vorenthalten wollen – Queensryche (1994) – Der Verfall der westlichen Zivilisation…

Es gibt Bands, die immer ein Interview
oder einen Artikel wert sind, insbesondere, wenn eine solche Band ein Album
veröffentlicht, das dermaßen zwiespältige Reaktionen bei Fans
und Kritikern hervorgerufen hat wie “Promised Land“. Einige sprachen
von der ‘bandtypischen Genialität’, andere konnten nur wenig
oder gar nichts mit der Scheibe anfangen. Was aber außer Frage steht:
Es ist das wohl am wenigsten eingängige Produkt von QUEENSRYCHE,
es lebt primär von seiner psychedelischen, düsteren, melancholischen
Atmosphäre, und ist zudem überhaupt nicht vergleichbar mit irgendwelchen
Trends, denen andere Musiker mehr oder weniger erfolgreich hinterher rennen.

Da nun in der vergangenen Zeit alle Magazine das Album bis zur letzten Note
auseinandergenommen und analysiert haben, bietet sich hier natürlich die
Gelegenheit, einmal genauer darauf einzugehen, warum dieses Werk alles andere
als eine ‘Hey baby, let’s party all night’-Einstellung vermittelt.
Und so führte dieses Interview mit Sänger Geoff Tate, Drummer Scott
Rockenfield und Bassist Eddie Jackson dann auch zu Themen wie Kindheitstraumata,
Medien und dem Verfall der westlichen Zivilisation …

Bevor wir näher auf die Texte von “Promised Land“ eingehen, lasst
uns mal kurz über die Produktion sprechen. Dieses Album ist das erste,
das Ihr selbst produziert habt, zuvor habt Ihr Euch ja nur teilweise an der
Produktion beteiligt. Die meisten Bands wählen einen Produzenten, da sie
das Feedback brauchen, vielleicht auch eine objektive Sicht, denn zu den eigenen
Songs gibt es ja nur noch wenig Distanz.

Geoff: Ich glaube eigentlich nicht, dass Objektivität eine solch gute Sache
ist. Es ist eine Errungenschaft unserer westlichen Zivilisation, die als gut
akzeptiert wird, und diese Meinung teile ich nicht unbedingt. Wenn Du eine andere
Meinung hören möchtest, dann kannst Du danach fragen, wenn nicht –
dann lässt Du es einfach.

Scott: Das wäre so, als würde man Leuten die Musik anbieten und sagen:
„Magst Du das, gefällt Dir das?“. Wir hatten immer eine genaue
Vorstellung von der Musik, die wir machten, wir schreiben Musik, die uns selbst
gefällt und an der wir uns für den Rest unseres Lebens erfreuen können,
und hoffentlich gefällt sie anderen ebenso. Aber der Grundsatz geht schon
dahin, dass wir sie für uns selbst schreiben, und seitdem wir mit der Musik
angefangen haben, hatten wir unsere eigene Produktion vor Augen. Es war also
unvermeidlich, dass wir an diesem Punkt angelangten, früher oder später.
Und was Produzenten betrifft – sie stellen eigentlich nur eine andere Meinung
dar, und wenn wir unsere Musik mögen, dann sind wir nicht auf eine differenzierte
Sicht angewiesen – in diesem Falle wäre es besser, Vorab-Demos an unsere
Fans zu schicken. Ich denke, es ist besser, eine Sache so zu machen, wie du
sie selbst für richtig hältst. Sicher, wir hatten James ‘Jimbo’
Barton, der das Album co-produzierte und mit dem wir auch zuvor schon zusammengearbeitet
haben, um uns zu helfen und uns sogar noch mehr zu Experimenten zu bewegen.

Geoff: Und was das Wort ‘Produzent’ betrifft – es gibt keine rigide
Definition dieses Begriffs. Es bedeutet verschiedene Dinge für verschiedene
Personen in verschiedenen Situationen und Projekten. Einige Produzenten haben
einen technischen Hintergrund, und sie arbeiten eigentlich mit den Bands zusammen
an den Aufnahmen, aber einige dieser Leute lehnen sich in ihrem Stuhl zurück
und sind für die Organisation zuständig, um sicher zu gehen, dass
die Band pünktlich erscheint, dass die Studios gebucht sind, dass die Bands
ihre Mahlzeiten bekommen und sie kümmern sich um das Budget. Also es hängt
wirklich davon ab, mit wem du es gerade zu tun hast und wie dein Gegenüber
das Wort ‘Produzent’ versteht.

Scott: Ja, es ergab sich so, dass wir an einem Punkt angekommen waren, wo wir
genau wussten, in welche Richtung wir mit unserer Musik gehen wollten, und die
Menschen um uns herum sich nur noch um geschäftliche Belange kümmerten,
aber wir sagten uns, dass wir das auch selbst tun könnten. Jimbo hatte
einige wirklich gute Ideen für die Songs, wir hatten zu diesem Zeitpunkt
schon ungefähr 90% der Stücke geschrieben. Er kam dazu und motivierte
uns nur noch dazu, weiter zu gehen und noch mehr zu experimentieren.

Eddie: Wir haben mit Jimbo schon auf den letzten beiden Alben zusammengearbeitet,
und jede Seite arbeitet gerne mit der anderen zusammen, so dass eigentlich eine
sehr familiäre Situation entstand. Ich denke nicht, dass es eine falsche
Entscheidung ist, die eigenen Sachen zu produzieren. Man weiß selbst am
besten, wie die Stücke klingen sollen.

Scott: Wahrscheinlich ist es für einige Bands sehr gut, einen Produzenten
einzubeziehen, um eine objektive Meinung zu haben oder ein passendes Riff zu
finden. Aber das ist eher bei neuen Bands der Fall, die damit auch noch keine
Erfahrungen gemacht haben. Nun, wir sind jetzt schon einige Zeit dabei und wussten
ganz genau, was wir haben wollten.

Auf dem Album habt Ihr weitaus mehr Sound-Effekte benutzt, als jemals zuvor.
Es macht auf mich den Eindruck, als hättet Ihr sogar die einzelnen Instrumente
zugunsten der Atmosphäre in den Hintergrund gestellt. Es existiert mehr
als nur die Melodie, es wird bei jedem Stück ein gewisses Feeling vermittelt…

Geoff: Das ist es, was wir seit Jahren versuchen zu tun – eine Atmosphäre
für einen Song zu kreieren und es so explizit wie möglich zu machen.
Sozusagen ein Bild zwischen den Lyrics, den Sound-Effekten und der eigentlichen
Instrumentierung zu finden. Weißt du, als ob du ein Bild malst.

Ich habe eher den Eindruck, dass “Promised Land“ wie ein Essay
aufgebaut ist – es gibt eine Einleitung, dann einen Hauptteil, in dem Einflüsse,
Erfahrungen, Argumentation, etc. verarbeitet wurden, und das letzte Stück
ist in etwa die Schlussfolgerung des Ganzen.

Scott: Das ist eine coole Art, die Platte zu sehen. Klingt wie ein Buch.

Ja, oder eine Kurzgeschichte.

Geoff: Das ist auch die Art und Weise, wie wir es gemacht haben, aus meiner
Perspektive zumindest.

In den obligatorischen Infos der Plattenfirmen steht geschrieben, dass die
‘ultimative Inspirationsquelle’ für “Promised Land“
die ‘Selbsterforschung Eurer Karriere und Eures Privatlebens’ war?

Geoff: Stimmt ziemlich genau. Vielleicht hast Du bemerkt, dass auf der Innenhülle
unsere einzelnen Namen nicht erwähnt werden, es gibt keine Fotos von uns,
und es wird auch nicht erwähnt, dass ich singe, Scott Drums spielt, etc.
Wir wollten uns selbst nicht in einen Kasten stecken, ‘das sind wir, und
das ist was wir tun, oder wie wir es tun.’

Scott: Ja, die einzige Information, die gegeben wird, ist, dass wir alles selbst
eingespielt haben – das sind wir. Das ist etwas, was wir schon seit langer Zeit
tun wollten – die Gesamtheit der Band als wichtiger zu bewerten als die Individualität
oder die Individuen, damit die Leute unsere Produktion als gesamtes Bild sehen.

Auffallend ist zudem, dass Ihr wohl einen ziemlich großen psychoanalytischen
Anspruch habt, z.B. die drei Instanzen ‘Ich’, ‘Es’ und ‘Über-Ich’
werden sehr explizit dargestellt. Das ‘Über-Ich’ stellt die äußeren
Einflüsse dar (Gesellschaft/Eltern, etc.), ‘Es’ bezieht sich
auf die innersten Bedürfnisse, auf Sehnsüchte, und im ‘Ich’
sind diese Dinge vereinigt.

Geoff: Ja, diese Richtung war sicherlich intendiert. Wenn wir mal auf die Inspiration
für das Album zurückkommen – da war das Ende unserer ‘Empire’-Tournee,
die sehr lang und extensiv war, und unsere letzten beiden Alben waren sehr erfolgreich.
Als wir dann nach Hause kamen, realisierten wir, dass wir eigentlich alle Ziele
erreicht hatten, die wir uns zum Zeitpunkt des Beginns unserer Laufbahn gesetzt
hatten. Es war, als würde man auf einen Berg klettern, die Spitze erreichen,
sich umsehen und sagen: ‘Was machen wir jetzt, was gibt es für uns
noch zu tun?’, so dass wir uns entschieden, einige Zeit nichts mehr mit
der Band zu machen, um über alles reflektieren zu können, wie wir
all das erreicht haben. Einfach zu schauen, wo wir waren, um erkennen zu können,
wohin wir als nächstes gehen konnten. Ich glaube, wenn du dir Zeit zum
Nachdenken nimmst, dann fängst du an, jede Menge über deine eigene
Persönlichkeit auszugraben, was dich so gemacht hat, wie du bist. Dieses
wurde dann auch die thematische Basis für die Songs, auf mich selbst zu
sehen und herauszufinden, wer ich war, welches meine Werte waren, was ich versuchte,
mit meinem Leben zu sagen, was ich zu erlangen versuchte. Und auch zu erkennen,
dass ich mir vor langer Zeit dieses Ziel gesetzt hatte, das besagte: „Das
ist das ‘Gelobte Land’, ich muss dorthin kommen“, und so setzte
ich diese Scheuklappen auf und konzentrierte mich nur noch darauf…

…und hast dadurch den Bezug zur Wirklichkeit verloren?

Geoff: Genau, alles andere in meinem Leben rückte in den Hintergrund, und
ich gelangte an im ‘Gelobten Land’, aber als ich dort angekommen war,
sagte ich mir: „Ich habe all das erreicht, was ich erreichen wollte. Ich
bekam das, wonach die Menschen in unserer Gesellschaft ihr ganzes Leben lang
streben, aber warum bin ich nicht glücklich?“, und der Grund dafür
war, dass ich dort ganz alleine war, ich hatte gar nichts. Ich hatte keine Freunde,
meine Familienangehörigen waren mir fremd geworden, ich hatte keine Leute,
die mich in irgendeiner Weise unterstützt hätten. Deshalb zog ich
mich ein Jahr von der Band zurück und versuchte, all diese Beziehungen
wiederherzustellen, und dadurch lernte ich, dass das, was im Leben wirklich
wichtig ist, Beziehungen sind, sie zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Natürlich
hatte ich sehr gute Freundschaften innerhalb der Band, denn wir haben unseren
Erfolg gemeinsam erarbeitet und im kreativen Sinne alles erlangt, was wir uns
vorgenommen hatten, aber mein ganzes restliches Leben war nur noch ein Trümmerfeld
– und das ist im Grunde genommen das, wovon “Promised Land“ handelt.

Es ist also nicht möglich,
seine Beziehungen weiterzuführen, obwohl man vielleicht so erfolgreich
ist, wie Ihr es nun mal seid?

Geoff: Ich denke schon, dass es möglich ist, aber man muss wissen, wie
man diese Beziehungen bilden und auch weiterführen kann, aber vor allem
das Gleichgewicht zwischen dem beruflichen und dem privaten Leben zu halten.
Ich habe das nie gelernt. Ich habe immer nur eine Sache zu einem Zeitpunkt gemacht,
und diese Sache dann auch gut absolviert, aber zwei Dinge gleichzeitig zu tun
– darin war ich nicht sehr gut.

Aber eigentlich geben Familie und Freunde jemandem doch den nötigen Rückhalt
etwas zu tun, besonders, wenn man so einen Job macht?

Geoff: Ich denke, das kommt auf jeden einzelnen an. Bei mir war es nicht so,
ich hatte keine Familie, die mich unterstützte. Scott hat da sehr viel
Glück, denn er hat eine Familie, die ihn wirklich großartig unterstützt,
die ihm sehr nahe steht, genau wie Eddie und Michael (Wilton – Gitarrist).
Scott: Ja, aber ich verliere teilweise immer noch den Kontakt zu ihnen (lacht),
denn ich hatte die gleiche Vision, die du hattest, ‘just go’! Ich
meine, für uns wurde die Band zu unserer Familie, insofern hatten wir schon
das, wovon Du sprichst, wir waren unsere Kinder. Ich war Geoffs Kind und umgekehrt,
wir waren für uns gegenseitig Eltern und Brüder, also hatten wir diesen
Hintergrund, da hast Du Recht. Es war sicherlich nicht der Fall, dass einer
ausschließlich sein Ding gemacht und dabei die anderen nicht berücksichtigt
hätte. Wir waren alle füreinander da, aber einige von uns hatten diesen
Rückhalt nicht außerhalb von QUEENSRYCHE.

Eddie: Wenn du 10 Jahre lang nur Songs schreibst und dann tourst, fängt
es irgendwann an dich zu programmieren. Es ist alles, woran du denkst und dabei
bist du weit entfernt von allem anderen.

Geoff: Ja, alles, was du tust, dreht sich nur noch um die Band, du musst dieses
und jenes machen, all deine Ziele, die du vor Augen hast – darauf konzentriert
sich dein ganzes Leben.

Also ist das eigentlich gar kein Klischee – dass man mit seiner Band verheiratet
ist?

Geoff und Scott: Nein, auf keinen Fall, das ist absolute Realität.

Eddie: Klar, deshalb wollten wir ja auch ein Jahr nichts mehr mit der Band zu
tun haben. Wir wollten einfach nur noch in die Wirklichkeit zurückkehren,
erst dann haben wir uns wieder auf das Songwriting konzentriert, und es war
wirklich sehr erfrischend.

Geoff: Ja, ich glaube, wir sind eine stärkere Band dadurch geworden sind,
und auch stärkere Individuen.

Das Tournee-Leben ist sicherlich ganz anders als das, was man als Realität
bezeichnen kann, denn Realität ist Gesellschaft, und auf euren Tourneen
habt ihr Eure Gigs und irgendwelche Journalisten, die Euch permanent nerven.
Ich meine, “Operation
Mindcrime
“ war eine sehr politisch orientierte Platte, und auch einige
Songs auf Empire hatten einen sozialen Bezug. Dieses Album ist sicherlich weitaus
persönlicher als seine Vorgänger, trotzdem stellen Songs wie “Out
Of Mind“ eine sehr harte Kritik an der Gesellschaft dar, und das wohl auch
auf die amerikanische bezogen, in der nun auf keinen Fall alles perfekt ist.

Geoff: Es ist ganz definitiv eine große Inspiration, sich seine Kultur
einmal näher anzuschauen und herauszufinden, was gut oder schlecht an ihr
ist. Die amerikanische Kultur – obwohl sie eine Mischung aus vielen Dingen ist
– ist vorherrschend von der europäischen beeinflusst. Sie ist nicht sehr
viel anders, nur haben wir eine sehr fragmentarische Familienstruktur, anders
als hier in Europa, wo stärkere Familienbande bestehen, wo es eine größere
Tradition gibt. In Amerika wurde dies schon vor einiger Zeit auseinandergebrochen.
Nach dem Krieg fielen die Familien auseinander und isolierten sich in kleinere
Einheiten. Es gibt einige sehr interessante Bücher zu diesem Thema, wo
man die These erläutert, dass dieser Bruch durch die Wirtschaft verursacht
worden ist, und zwar in dem Sinne, dass vor dem Krieg Familien alle in einem
Haus zusammen lebten, nicht nur Vater, Mutter, Tochter und Sohn, sondern auch
Tanten, Onkel und Cousins, so dass diese Gruppe z.B. nur einen Toaster brauchte.
Geschäftsleute überlegten sich dann, wie sie mehr Toaster verkaufen
könnten, und schlussfolgerten, dass man die Familien auseinanderreißen
könnte. Also hatten sie jetzt drei Familien, die somit zwei Toaster mehr
brauchten. Wenn du also diese Formel nimmst und sie auf alle Produkte anwendest:
Es wirkt sich auch da aus und hilft, die Ökonomie anzutreiben, es verursacht
mehr Bedürfnisse und die Leute kauften verstärkt. Und das war der
Anfang des Konsums in den Vereinigten Staaten. Es eskalierte dazu, dass sich
unsere ganzen Leben ausschließlich darum drehen, Dinge und materielle
Objekte zu erwerben. Es ist das Ziel vieler Leute geworden, ein neues Auto zu
bekommen, oder ein schönes Haus, weißt Du, alle Statussymbole, die
existieren und die darstellen: „Seht her, ich bin im ‘Gelobten Land’
angekommen“.

Also der sogenannte ‘Amerikanische Traum’?

Geoff: Ja, genau.

Aber Ihr habt anscheinend einige Zeit nach diesem Schema gelebt?

Scott: Ja, wir haben immer Songs geschrieben über Dinge, die wir selbst
erlebt haben, oder wie wir als Menschen sind, über alles, was uns beeinflusst
hat. Das ist immens wichtig, denn es hat schließlich große Auswirkung
auf unser Leben, es verändert es jeden Tag.

Geoff: Sich einfach umzusehen, was um dich herum geschieht. Wenn du dich mit
Ignoranz umgibst, dann wirst oder bleibst du ignorant, wenn du dich mit Ideen
und kreativen Leuten umgibst, wirst du selbst auch kreativ.

‘Kindheit’ scheint auch ein sehr wichtiges Thema für Euch
zu sein (z.B. in “Bridge“). Normalerweise wird Kindheit sehr oft metaphorisiert
als etwas Positives, als Neuanfang, es stellt immer Hoffnung dar. Die positivste
Sache, die es auf dieser Welt gibt, ist wahrscheinlich ein neugeborenes Baby,
aber Ihr habt dieses Bild absolut umgedreht, zum Beispiel bei “Lady Jane“?

Geoff: Nun, die Idee hinter der ganzen Sache war, sich absoluten Druck, der
auf jemanden ausgeübt werden kann, einmal genauer zu betrachten, wie er
Menschen beeinflusst und ihre Persönlichkeiten formt. Die Idee, die sich
hinter dem neuen Album verbirgt, war herauszufinden, was den Charakter einer
Person so werden lässt, wie er ist, und das ist anscheinend primär
die Familie, die Schule, auch die Medien, und ultimativ die Gesellschaft. Nimm
zum Beispiel eine Person und setze sie im Wald aus, wo sie dann aufwächst.
Sie ist dann nicht von Menschen umgeben, diese Person wird geformt durch ihre
Umwelt, sie wird das Verhalten der Tiere annehmen, denn Menschen nehmen das
Verhalten ihrer Umgebung an. Wenn du dann diese Person nimmst, mitten in Köln
aussetzt und sagst: „Okay, hier wirst du jetzt leben“, dann wird sie
hier nicht hineinpassen. Sie wird in eine Institution gesteckt werden, damit
man sie sozialisieren und verändern kann, sie wird zu einer Person geformt
werden, die in unserer sogenannten ‘Normalität’ funktioniert.
Und diese Normalität ist das, was wir als gut bezeichnen, wir erschaffen
diese Realität, wir entscheiden gemeinsam, dass es das ist, was wir akzeptieren.
Alles, was wir um uns herum sehen, existiert, weil wir es gewollt und erzwungen
haben. Es bedeutet nicht unbedingt, dass es wirklich gut ist, auch nicht, dass
es richtig ist, es sind nur die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Also reiner
Druck – du gehst zur Schule, und all deine Freunde formen dich, oder versuchen
es zumindest, und im Bezug auf “Lady Jane“ – sie sagt: „Nein,
ich will das nicht. Ich bin lieber alleine und spiele mit mir selbst, und umgebe
mich mit mir selbst, denn ich komme mit den anderen Kindern nicht klar“,
also folglich isoliert sie sich selbst. Und “Bridge“ – das ist ein
Song über die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn, und das Fehlen
einer wirklichen Beziehung zueinander.

Es geht auch darum, was mit Leuten passiert, wenn sie diesen Ausgleich nicht
haben, wenn sie nicht ein positives Beispiel einer Beziehung zwischen Mann und
Frau hatten, was dich ganz definitiv als Erwachsener beeinflusst, wie du dich
deinem Partner gegenüber verhältst oder in anderen Beziehungen zum
anderen Geschlecht. Wenn du als Kind nicht eine gute Beziehung zwischen deiner
Mutter und deinem Vater erlebt hast, wird diese Art der Partnerschaft normal
für dich. Du suchst dir einen Partner, der in dieses Schema passt, wenn
du einen Ehemann oder eine Ehefrau hast.

Also geht irgendwie eins ins andere
über, alle Traumata werden immer weitergegeben, nur an verschiedene Personen
unter verschiedenen Umständen, aber das gleiche Problem existiert weiter,
bis jemand es stoppt und sagt: „Warte ‘mal, was ist eigentlich los?
Warum geschieht das, ich muss das jetzt herausfinden.“, und eine ganz bewusste
Entscheidung trifft, um diese Kette zu unterbrechen. Was mich betrifft – das
mache ich gerade, ich stoppe es und sage mir, dass ich diese Person einfach
nicht mehr sein will, ich habe dieses Ideal, das ich erreichen möchte.

Seid Ihr selbst mit dieser Art von zerstörten Beziehungen in Eurem Umfeld
aufgewachsen?

Geoff: Ja, ich schon. In den ersten neun Jahren meines Lebens bin ich ohne Vater
aufgewachsen.

Eddie: Wenn du dir ein Foto deiner Familie ansiehst, dann heißt das nicht
unbedingt, dass alles in Ordnung ist. Ich meine, wer hat nicht irgendein traumatisches
Erlebnis in seiner Familie gehabt, ich habe Derartiges auch erlebt, wenn auch
nicht so wie Geoff. Er hatte schon eine ganz bestimmte Vorstellung, worüber
er schreiben wollte, und es sind Dinge, die ich bis zu einem gewissen Maß
auch nachvollziehen kann.

Geoff: Ja, ich stelle es mir ziemlich schwer vor für die Jungs aus der
Band, die die Texte nicht schreiben. Sie liefern immerhin die Musik dazu, was
wirklich großartig ist, und ich bin ihnen sehr dankbar dafür, dass
sie mir die Freiheit geben, all meine Frustrationen und Probleme dort hineinzulegen.
Natürlich haben sie nicht unbedingt das erlebt, was ich durchgemacht habe.

Eddie: Wir liefern sozusagen eine andere Grundlage dafür.

Aber ich denke schon, dass man zwischen diversen Erfahrungen differenzieren
muss.

Scott: Es ist ein Teil davon, ein Mensch zu sein.

Sicher hat jeder schlechte Erfahrungen innerhalb seiner Familie gemacht,
denn man kann sich Freunde aussuchen, seine Familie aber nicht. Nur wenn dir
deine Kindheit auf eine Art und Weise genommen wurde, dann entwickelt man automatisch
einen Mechanismus, eine Energie, die dich immer weiter vorantreibt, da du ewig
auf der Suche nach etwas bist….

Eddie: Ja, ich bin damit aufgewachsen, dass man mir beigebracht hat, nicht zu
stehlen oder etwas zu tun, dass mich in große Schwierigkeiten bringen
würde, aber mit einem gewissen Alter, von meinem 15. bis zum 20. Lebensjahr,
hat mich außer mir selbst niemand interessiert, und ich geriet in Schwierigkeiten.

Geoff: Klar, du forderst alles heraus, was man dir beigebracht hat.

Eddie: Genau, aber als ich dann älter wurde, kam ich meiner Familie wieder
näher, und es tat mir dann sehr leid, wie ich mich verhalten habe, aber
ich kann es leider nicht mehr ändern.

Geoff: Das ist aber ein absolut typisches Verhalten für Kinder – das System
herauszufordern.

Eddie: Ja, ich bereute es auch, aber ich wollte diese Erfahrungen unter allen
Umständen machen. Glücklicherweise bin ich nicht in die Drogenszene
hineingeraten – vielleicht bis zu einem gewissen Grad, aber ich konnte aufhören,
bevor ich abhängig wurde. Aber wie schon gesagt – ich kann die Texte teilweise
nachvollziehen. Als Kind hatte ich nie das, was andere Kinder hatten, meine
Familie auch nicht. Jetzt, wo ich in einer sehr erfolgreichen Band bin, kann
ich mir natürlich all diese Dinge leisten. Es ist so, als würde man
ständig gegen eine Wand rennen, aber an der Sache ist wesentlich mehr als
nur das.

Geoff: Ja, wie viel brauche ich wirklich?

Scott: Brauche ich überhaupt irgend etwas? (Alle lachen)

Geoff: Was mich an dieser Sache wirklich aufregt ist, dass ich selbst in diesen
Mechanismen des Materialismus steckte, zumindest eine Zeit lang. Aber irgendwann
wurde mir bewusst, dass es mich kontrollierte und manipulierte – ich brauchte
diese Sachen überhaupt nicht. Und es machte mich wirklich ärgerlich.
Ein Trottel war ich (lacht)!

Eddie: Ich ging auch einfach los und kaufte irgendeinen Mist, gleich nachdem
wir von der Tournee zurückkamen. Ich dachte, von diesen Dingen könnte
ich lernen, z.B. einen Computer, das ist es ja heutzutage, und Equipment, um
damit aufzunehmen.

Geoff: Aber brauchst du einen vergoldeten Zahnstocher? – Wahrscheinlich nicht
(Allgemeines Gelächter)

Aber die meisten Leute erkennen nicht einmal die Mechanismen, in denen sie
stecken, vor allem in Amerika….

Geoff: Ja, was mich aufregt ist, dass Kommerz und Materialismus in Amerika so
wichtig geworden sind, dass die Leute dafür ihre Beziehungen opfern. „Heute
habe ich keine Zeit für die Kinder, da ich ja einen zweiten Job habe“,
nur, um sich dieses neue Auto zu kaufen – sie haben aber schon ein Auto vor
der Tür stehen. Das andere brauchen sie als Statussymbol, um anderen Leuten
zu zeigen, wie wichtig sie sind.

Diese Art von Kommerz ist in der Musikszene momentan auch sehr deutlich zu
erkennen, denn alle versuchen jetzt, so hart wie möglich zu spielen, und
nicht mehr so schnell wie es nur eben geht. Und das hat mich auch bei “Promised
Land“ überrascht – weil Ihr gar keiner kommerziellen Linie folgt.
Die meisten Bands sagen über ihr neues Album: „Das haben wir für
uns selbst geschrieben“ – aber bei Euch habe ich diesen Eindruck wirklich

Geoff: Ja, genauso war es auch…

Scott: So haben wir aber jedes Album gemacht.

Nun, über persönliche Dinge zu schreiben ist etwas anderes, als sich
über Politik auszulassen.

Scott: Stimmt auch, das ist sicherlich die Scheibe, die uns bei weitem am nächsten
kommt.

Geoff: Als wir politisch orientierte, soziale Sachen schrieben, hatte das damals
niemand gemacht, und alle fragten uns, was und warum wir es machen würden.

Scott: Und dass es niemand kaufen würde.

Geoff: Wir schienen immer einen Schritt voraus oder ganz woanders zu sein, verglichen
mit dem, was andere taten. Jetzt fragen uns die Leute, warum dieses kein schnelles
Album geworden ist, aber in diese Richtung sind wir vorher schon gegangen.

Auf der EP und den ersten beiden Alben, aber “Empire“ beinhaltete
z.B. einige Songs, die sich um das Thema ‘Liebe’ drehten. Das waren
sicherlich persönliche Dinge, aber die eigenen Kindheitserlebnisse greifen
da wohl schon etwas tiefer…

Geoff: Meiner Meinung nach handelte es sich bei “Empire“ um sehr eingängige
Sachen, die aber nicht unbedingt mit unserer persönlichen Realität
zu tun hatten. Sie waren sehr homogen, und musikalisch gesehen war dieses Album
eher ‘Main Stuff’.

Eddie: Auf einer gewissen Ebene ist es eine sehr positive Scheibe.

Geoff: Und zu dieser Zeit war es eine adäquate Momentaufnahme von uns.
Weißt Du, wir waren alle in glücklichen Beziehungen…

Scott: …und wir hatten so etwas auch noch nicht gemacht.

Geoff: Es glich vielleicht Dingen, die andere Bands schon gemacht hatten, für
uns war es aber etwas anderes, wir wollten es immer schon einmal getan haben.
Aber jetzt liegen die Dinge halt anders … (lacht)

Euer Song “Global Mind“ legt nun keine sehr positive Sichtweise
bezüglich Medien dar. Ich denke, dass ihr euch hier wohl auf Ted Turner
bezieht (Gründer des Nachrichtensenders CNN), der, als er die Welt mit
seinen Sendern überflutete, das ganze mit „I want to turn the world
into a global village“ begründete.

Geoff: Ja, in dem Sinne, dass dieses Thema für uns in das Konzept des Albums
passte. Die Medien formen den Charakter und die Werte einer Person, und wegen
dieser ‘Global Village’-Idee werden wir jetzt mit bildlichen Informationen
aus der ganzen Welt bombardiert. Jede Minute kannst du einschalten und dir ansehen,
was in Deutschland, Ruanda, Haiti oder Armenien passiert. Es wird sehr überwältigend,
wenn du all diese Schwierigkeiten in verschiedenen Kulturen in verschiedenen
Ländern siehst. Du fragst dich, was du als einzelne Person dagegen tun
kannst – gar nichts. ‘Ich fühle mich so hilflos’, nächster
Sender, ‘oh nein’, nächster Sender. Du suchst weiter und schaltest
nach einer Zeit selbst ab, weil du dich so machtlos fühlst.
Zudem ist es für mich sehr frustrierend, dass diese Verbindungen zur gesamten
Welt hergestellt werden, weil Produkte verkauft werden sollen. Meiner Meinung
nach ist das ein sehr scheinheiliger Grund, um dieses System aufzubauen. Kommunikation
ist für mich weitaus wichtiger, die Mentalität, die Kultur aus Haiti
zu verstehen, jemand, der seine persönliche Situation erläutert, seine
Ideale. Das ist viel wertvoller für mich, als ihnen meine Musik oder einen
Toaster zu verkaufen. Aber die Habgier und der Materialismus sind die ganze
Intention dahinter.


Aber auf dieser Oberflächlichkeit basiert unser gesamt-gesellschaftliches
System.

Geoff: Was ich nicht verstehe ist, dass wir gravierende globale Entscheidungen
auf Ignoranz basierend treffen. Sieh’ dir diese Welt an – sie ist perfekt
in der Art, wie sie konstruiert ist, alles beeinflusst sich gegenseitig, hängt
voneinander ab, und wir Menschen mit unserer Ignoranz sagen: „Das können
wir besser machen“. Aber das tun wir nicht, wir verschlimmern es. Wir stellen
uns über die Dinge und wollen sie dominieren. Das grundsätzliche Problem
von uns Menschen ist, dass wir es immer so getan haben, wir stehen uns selbst
im Weg, weil wir einfach nicht das Wissen haben. Was den Kommerz betrifft –
in Amerika haben sie fast eine Wissenschaft daraus gemacht. Sie haben die Familien
getrennt, sie zielen auf die Kinder ab, denn es ist sehr einfach, ihnen etwas
zu verkaufen, weil sie keine Erfahrung haben. Sie verkaufen ihnen alles, was
sie können oder wollen. Alte Menschen – sie haben gelebt, sie haben die
Weisheit, aber sie sind von den Familien getrennt worden. Alte Menschen werden
in unserer Gesellschaft ausgeschlossen. Die Angst, alt zu werden, ist eine Art
Trauma für uns. Dahinter steckt ein psychologisches Programm, das uns immer
mehr den Bezug zu anderen verlieren lässt. Dadurch werden die Leute verunsichert,
frustriert und fühlen sich unbedeutend, weil sie keine Beziehung zu anderen
mehr haben. Das einzige, zu dem sie eine Beziehung herstellen können, ist
das neue Auto.

Aber seht ihr das nicht auch in politischen Entwicklungen? Ich meine, gerade
Amerika hat ja eine sehr starke Tendenz dazu. Nehmt z.B. die Sache mit Irak
– die USA haben im UN-Sicherheitsrat Veto-Recht, also absolute Kontrolle. Sie
stimmen also ab – und diese Entscheidung wird dann der gesamten Welt aufgedrückt.

Geoff: Ja, und es basiert alles auf Kaufen und Verkaufen. „Sieh her, du
musst deine Gesellschaft ändern, in der du lebst, wenn du global gesehen
Einfluss haben willst. Du musst unsere Mentalität, unsere Moralphilosophie
annehmen.“ Es zielt aber alles nur darauf ab, wie wir ihnen mehr verkaufen
können, mehr Geld verdienen können.

Eddie: Es ist alles Manipulation, Kontrolle über dein Leben.

Geoff: Und es passiert überall. Die Zensur z.B. ist unglaublich. Viele
Nachrichten werden nicht gesendet. Als wir außerhalb der Staaten tourten,
ist es uns das erste Mal so immens aufgefallen. Wir erhielten Informationen,
die den Menschen in den USA vorenthalten wurden, und ich bin mir sicher, dass
das überall passiert. Kontrollierte Informationen sind ein großer
Machtfaktor.

Und wie seht ihr Eure Position innerhalb dieses ‘Netzes’, ich meine,
die Stellung der gesamten Band?

Geoff: Ich erinnere mich daran, als “Operation: Mindcrime“ veröffentlicht
wurde, machte ich ein Interview mit einem jungen Mädel in Frankreich, die
sehr verärgert darüber war, dass wir ein Album auf den Markt brachten,
welches von Revolution und der Zerstörung des Systems handelte, und dieses
dann für Thorn EMI, einem der größten Konzerne überhaupt,
machten. Ich sagte ihr, dass sie schon Recht damit hatte, es ist nicht einfach,
damit zu leben. Aber es ist wie mit allen Dingen – du musst innerhalb deines
Systems arbeiten, um etwas ändern zu können. Wenn du absolut radikal
bist, dann hört dir keiner zu und es bringt dich keinen Schritt weiter.
Ich denke, es ist besser, innerhalb des dir gesetzten System zu arbeiten, es
zu kritisieren, wenn du denkst, du kannst oder möchtest es. Suche nach
Gründen, die dir wichtig sind und unterstütze sie.

Habt ihr denn für Euch selbst den Anspruch erhoben, die Menschen zu
verändern?

Scott (Grinsend) Du willst, dass wir sagen, wir versuchten, die Welt zu ändern?

Nicht unbedingt, aber Ihr habt immer einen großen Anspruch an Eure Texte
oder Aussagen gestellt.

Geoff: Was ich gerne erreichen würde ist, dass die Leute nachdenken und
Dinge hinterfragen, denn meiner Ansicht nach will unsere westliche Kultur, in
der wir leben, das auf alle Fälle verhindern. Sie will nicht, dass du überhaupt
irgendetwas hinterfragst.

Scott: Du sollst das machen, was dir gesagt wird.

Geoff: …und darauf wirst du schon sehr früh konditioniert. Wenn deine
Eltern dir verbieten, dieses oder jenes zu tun, und wenn du fragst, warum –
„frag nicht, mach es so, wie ich es dir gesagt habe“. Und das wird
von Generation zu Generation weitergegeben. In meiner Familie – ich wuchs in
einer Familie mit einem militärischen Background auf – sie hatten keine
eigene Meinung, oder warum wären sie sonst in diesen Positionen gewesen?
Mein Vater hat immer Befehle angenommen, er tat, was ihm befohlen wurde, er
hat es nie hinterfragt. Ich schätze Leute, die immer nach dem Warum fragen
und den Hintergrund wissen wollen. Für mich ist das die Art und Weise,
wie sich eine Gesellschaft weiterentwickeln kann.

Ich denke, ihr habt da auch eine gewisse Verantwortung, denn mindestens 3
Millionen Menschen lesen eure Texte.

Scott: Natürlich beeinflusst du eine Menge Leute.

Auf jeden Fall. Gerade vor einigen Tage wurde berichtet, dass sich wieder drei
junge Kids umgebracht haben, weil ihr sogenannter ‘Held’ Kurt Cobain
keinen Sinn zu leben mehr gefunden hat. Insofern kümmern sich die Leute
wohl doch sehr darum, was ihre musikalischen Vorbilder tun oder sagen. Ich sehe
da schon eine große Verantwortung…

Scott: Die hat sicherlich jeder in diesem Geschäft. Die hatte er auch,
er hat aber nicht weiter darüber nachgedacht.

Eddie: Ich denke, das zeigt auch sehr deutlich die Mentalität der Menschen.
Das sind eher psychologische Probleme, sie hatten keinen Willen mehr.

Geoff: Vielleicht hatten sie keinerlei Unterstützung, keine Band, die sagte:
„Hey, du hast ein Problem – lass uns darüber reden.“ Sie hatten
keine Familie, die ihnen in schwierigen Zeiten beistand, sie waren wohl ziemlich
isoliert von allen anderen.

Scott: Kurt Cobain hätte weiterleben und sagen können: „Fast
wäre es passiert, aber es ist nicht die Lösung des Problems, es gibt
einen besseren Weg.“ Er hätte anderen damit helfen können, aber
er hat es nicht.

Geoff: Es ist schwer, nicht über andere zu urteilen. Ein Teil von mir verurteilt
diese Handlungen, und ich schätze Menschen, die schwierige Zeiten überstehen
und ihre Geschichte mit anderen teilen. Dadurch lernen wir und entwickeln uns
weiter, er hat das aber nicht getan. Er gab auf und ist gegangen – und das ist
sehr einfach. Es ist viel schwieriger, weiter zu leben. Andererseits – ich möchte
mich nicht als sein Richter aufspielen, denn es steckt immer mehr dahinter.
Ich habe ihn nie kennen gelernt, ich kannte seine Vergangenheit nicht, ich kenne
die Umstände nicht – die kennen nur wenige. Es ist wie mit dem O.J. Simpson-Fall
(der des Mordes angeklagte ehemalige Football-Profi) – wie willst du wissen,
dass das, was du hörst, wirklich die Wahrheit ist? Wie kannst du wissen,
was passierte und dir ein Urteil erlauben? Was berechtigt dich überhaupt,
irgend ein Urteil im Bezug auf ihn zu fällen?

Anmerkung des Verfassers: Der O.J. Simpson-Prozeß lief zum Zeitpunkt
des Interviews bereits einige Monate und war zu ‚dem’ Medienspektakel
dieses Jahrzehnts eskaliert. Der Nachrichtensender CNN (zusammen mit zwei anderen
amerikanischen Sendern) berichtete jeden Tag live aus dem Gerichtssaal. Mit
diesen Übertragungen erreichten sie eine Verdreifachung ihrer normalen
Zuschauerzahlen (d.h. 180 Millionen Menschen verfolgten das Geschehen alleine
bei CNN). Die Geschworenenauswahl hatte sich um einige Monate verzögert,
da es für das Gericht sehr schwer war, unvoreingenommene Juroren zu finden,
die bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Berichterstattung bezüglich dieses
Falles verfolgt hatten, da sogar die Verfolgung und Festnahme Simpsons live
bei den größten Sendern zu sehen war. Nach den letzten Umfragen zum
Zeitpunkt des Gesprächs glaubte die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung,
dass der ehemalige Football-Spieler schuldig sei. O.J. Simpson wurde letztlich
trotz erdrückender Beweislage freigesprochen …