MERCYFUL FATE: Come to Hawaii!!

MERCYFUL FATE: Come to Hawaii!!

Interviews die wir euch nicht vorenthalten wollen – ein bislang unveröffentlichtes Gespräch mit Hank Shermann und Sharlee D´Angelo zum Release von 9

Bisher ist dieser Kelch meistens an mir vorübergegangen – der Ausfall eines Konzertes, das ich nicht nur besuchen wollte, sondern bei dem ich mich bereits vor Ort befand. Doch alle Jahre wieder scheint dieses Schicksal auch mich zu treffen. Nach 1997 (DIETER THOMAS KUHN wegen Krankheit), 1998 (VAN HALEN wegen Einsturzgefahr des Venues) hieß mein 99er-Erlebnis dieser Art MERCYFUL FATE. Diese sollten am 13.06.99 in der Hamburger Markthalle spielen, mussten den Gig aber leider absagen. Nicht Krankheit oder Einsturzgefahr waren der Grund für die Absage. Das Konzert wurde gecancelt, weil im Vorverkauf ganze zweiundzwanzig Karten abgesetzt wurden. Kann ich gar nicht glauben, zumal mich die Band im März ´97 an gleicher Stelle vor mindestens 400 Leuten begeistern konnte. Ob das der wahre Grund war oder was wirklich hinter der Absage steckte, erzählten mir meine Gesprächspartner Ur-Gitarrist Hank Shermann und Basser Sharlee D´Angelo, der nebenbei u.a. noch bei WITCHERY und ARCH ENEMY spielt…

Was war der Grund für die heutige Konzertabsage. Ich kann gar nicht glauben, dass lediglich zweiundzwanzig (!!!!) Karten im Vorverkauf abgesetzt wurden…

… doch, das ist schon richtig. Wir hatten auch technische Probleme, denn der Veranstalter wollte unser Konzert dann in die kleine Halle (das MarX – der Verf.) verlegen, nur ist die Bühne dort so klein, dass wir Equipment und Band nie darauf hätten unterbringen können. Deshalb blieb uns nichts anderes übrig, als den Gig zu canceln… (Sharlee)

Tja, und nun sitzen wir hier im Bus und tun nichts – außer Interviews zu geben. (Hank)

Pfingsten habt ihr auf dem Dynamo-Festival vor über 40.000 Leuten spielen und nur drei Wochen später muss man einen Gig canceln, weil sich nur knapp zwanzig Leute für einen zu interessieren scheinen. Kommt da vielleicht ein bisschen Frust auf?

No, that´s the Game, das wir alle spielen. Nein, denn der Gig war nicht gerade lange als solcher bestätigt und wurde dementsprechend kaum beworben (Naja, einen Monat zuvor stand der Termin schon im Rock Hard – der Verf.), außerdem sind wir mitten in der Festivalsaison, so dass die Leute extrem wenig Geld haben, um sich auch noch Einzelgigs anzuschauen… (Sharlee)

Könnte sein, da die Band ja auch in Wacken spielt, was ja wirklich nur einen Katzensprung von Hamburg entfernt ist. Möglich, dass sich viele Leute gesagt haben Okay, ich scheiß´ auf den Markthalle-Gig – ich seh´ die Band eh in Wacken. Allerdings würde ich Headlinder-Shows irgendwelchen Festivalauftritten vorziehen, ist doch bei eigenen Shows die Spieldauer länger, der Sound besser usw.. Doch kommen wir jetzt zu einem erfreulicheren Thema – dem neuen Album. Warum heißt die Scheibe 9. Es ist weder das neunte Album, noch sind neun Songs zu hören. Ihr seit auch länger als neun Jahre zusammen. Warum also heißt das Album 9?

Weil es das neunte Album ist (lacht). Du musst nur richtig zählen und wenn Du In the Beginning und Return of the Vampire mitzählst, dann ist es unser neuntes full length-Album. (Okay, okay!! – der Verf.) Außerdem ist die Neun a powerful Number (Sharlee)

Ja, total powervoll. Viel powervoller als 4, 63 oder 85463 – doch, muss ich Sharlee Rechtgeben. Ihr deckt wiedereinmal die gesamte Bandbreite des Metals ab. Von schellen Stücken wie Insane, über eher langsamere Songs wie den Titeltrack geht´s zu verschachtelt-komplexen Titeln wie Burn in Hell…

Richtig, dieses Mal war das Songwriting eine echte Herausforderung für mich, denn bei meinen Stücken auf 9 war es so, dass ich tatsächlich versucht habe, erst einen Heavy, dann einen doomy Song usw. zu schreiben. Der Rest der Band kam dann mit seinem Material, wodurch wir halt diese Mischung auf der Platte haben. (Hank)

Zu den Textinhalten konnten mir die beiden natürlich nicht viel sagen, außer daß es sich nicht, wie bei KING DIAMOND, um ein Konzeptalbum handelt. Tja, mit der Aussage mußte ich mich zufrieden geben schreibt King Diamond doch alle Texte, doch MERCYFUL FATE waren und sind eine Band, die auch musikalisch erstklassige Arbeit abgeliefert hat. Die meisten Pressevertreter – mich eingeschlossen – halten das neue, für das beste Album seit der Reunion…

Das denke ich auch, zumindest was das Songwriting angeht, zusammen mit In the Shadows. Doch auf eine andere Art mag ich ein Album wie Into the Unknown auch sehr, sehr gerne… (Hank).

Das neue Album ist als Ganzes zu sehen. Du kannst es von Anfang bis Ende durchhören, ohne dass dir langweilig wird. Das war bei Dead Again nicht unbedingt der Fall, da das Album ganz einfach zu lang war (fast eine Stunde – der Verf.). Auf dem neuen Album haben wir darauf geachtet, dass die Songs kürzer sind… (Sharlee)

… es ist auch das kürzeste Album seit der Reunion und nur unser Debüt Melissa ist noch kürzer als 9 (Hank)

Habt Ihr Euch jemals als Gefangene vom Kultstatus, den die ersten beiden Scheiben innehaben, gefühlt? Alle neuen Alben werden mit Melissa oder Don´t break the Oath verglichen…

Das hat doch jede Band. Bei IRON MAIDEN ist es so, dass viele ihre ersten beiden Alben für die besten halten. Bei BLACK SABBATH werden alle neuen Scheiben mit der Ozzy-Phase verglichen, bei VAN HALEN zieht man auch immer Vergleiche zum Debüt. Wer weiß, vielleicht sagen die Leute in zehn Jahren, dass 9 das beste MERCYFUL FATE-Album unserer Karriere ist…

Ich würde gerne so´n bisschen über die bisherigen MERCYFUL FATE-Release sprechen und beginne geschickterweise mit der Debüt-EP aus dem Jahre 1982…

… die schlicht Mercyful Fate heißt, obwohl viele sagen, sie heißt Nuns have no Fun oder A Corpse without Soul. Das Album habe ich wirklich schon lange, lange nicht mehr gehört. Doch ich mag es natürlich immer noch, speziell A Corpse without Soul, was immer einer meiner Favoriten sein wird. Das Album, das Du hast ist übrigens die Zweitauflage der Originalpressung, was Du am schwarzen Rand um das Covermotiv erkennen kannst. Die allererste Auflage von zweitausend Stück hatte einen weißen Rand, was uns jedoch recht schnell nicht mehr gefiel. Ich erinnere mich an den Spaß, den wir bei den Aufnahmen hatten, denn wir fuhren nach Holland, nahmen die Songs im September 1982 in zwei Tagen auf und benötigten einen weiteren Tag, um das Album abzumischen. Auf jeden Fall war es ein wichtiger Schritt für die Band (Hank)

Es folgte Melissa…

… im Jahre 1983 und war unser erstes Album für Roadrunner. Zu hören ist darauf mit Into the Coven ein Stück, das wir in etwa zur selben Zeit wie die Stücke vom Debüt geschrieben hatten. Ebenso Desecration of Souls… (Hank)

… das sich auf meinem Favoriten Don´t break the Oath (1984) befindet…

…und unser erster richtiger Release auf einem größeren Label war. Wir waren unglaubliche dreizehn Tage im Studio, was für uns im Vergleich zu den drei Tagen für´s Debüt natürlich ein riesiger Schritt war. (Hank)

Dann kam der Bruch und es sollte satte neun Jahre dauern, bis es neues Material von Euch gab, doch dazu später mehr. War die Trennung besser als ein eher halbherziges Album zu veröffentlichen…

Möglicherweise war die Trennung hilfreich, doch darüber habe ich mir noch nie ernsthafte Gedanken gemacht. Wir hatten halt unterschiedliche Auffassungen darüber, wie es mit der Band weitergehen soll. King entschied sich halt, aus der Band auszusteigen und seine eigene Band zu formieren. Er wollte MERCYFUL FATE zu einer Band mit einem durchdachten, professionellem Image machen, was mir nicht gefiel. (Hank)

Andere Stimmen behaupteten damals, dass Du derjenige warst, der in eine eher melodische Richtung gehen wollte. War das der Grund für die Band FATE, die Du nach dem Split in´s Leben riefst?

Das war definitiv nie der Grund. Ich sah FATE eher als Herausforderung, dass ich auch solche Musik schreiben kann, an. (Hank)

Auch ohne neues Material veröffentlichte die Plattenfirma die eine oder andere Compilation, wobei man sagen muss, dass In the Beginning (1987) und Return of the Vampire (1992) durchaus lohnenswerte Anschaffungen waren…

Das sehe ich ähnlich, denn In the Beginning enthielt die Mini-LP, die damit erstmalig auf CD erschien. Des weiteren packten Roadrunner eine BBC-Session (für die Friday Rock Show auf BBC Radio 1 – der Verf.) aus dem Jahre 1983 mit auf die Scheibe. Allerdings mag ich das Cover des Albums absolut nicht. Return of Vampire enthielt viele alte Demoversion und ist ein Release, den ich okay finde. So können die Fans hören, wie wir ganz am Anfang unserer Karriere klangen. Allerdings war das Album mehr eine Sache, um den Plattenvertrag zu erfüllen. (Hank)

Das für mich bisher beste Coverartwork enthält das A Dangerous Meeting-Album. Eine weitere Compilation, allerdings mit bereits veröffentlichtem Material von MERCYFUL FATE und KING DIAMOND…

… und defintiv eine Scheibe, die keinen Sinn macht und ausschließlich aus Geldgründen vom Label veröffentlicht wurde. (Hank)

Dann endlich kam im Jahre 1993 mit In the Shadows das Comeback-Album, zugleich das erste Album für das neue Label Metal Blade…

Wir waren alle heiß, den Leuten zu zeigen, dass wir auch nach einer solch langen Pause in der Lage sind, gute Songs abzuliefern. Das Album ist unheimlich gut, das Songwriting ist auf einem sehr hohen Level und voller Energie…

Waren die Aufnahmen mit den Aufnahmen für das Debüt zu vergleichen?

Ja, in gewisser Weise schon, obwohl Michael Denner (der Gitarrist der ersten sieben MERCYFUL FATE und ersten beiden KING DIAMOND-Alben verließ die Band nach Into the Unknown – der Verf.) und ich in der Zwischenzeit eine Band am Laufen hatten (ZOSER MEZ – der Verf.), die ähnliche Musik machte…

Die Live-EP The Bell Witch ist das erste Album, auf dem Sharlee zu hören ist, trotzdem kann man es – glaube ich – überspringen, oder?

Ja, denn es gab zwei bekannte Studio-Tracks (The Bell Witch und Is that you, Melissa – der Verf.) und vier Livesongs, die wir in L.A. aufgenommen hatten. Beim Cover wollten wir übrigens sowas ähnliches wie DEEP PURPLE auf ihrem Made in Japan-Album haben, was uns – denke ich – auch ganz gut gelungen ist. Naja, auf jeden Fall die erste offizielle Veröffentlichung einer MERCYFUL FATE-Liveaufnahme… (Hank)

Das nächste Album hieß Time und wurde 1994 veröffentlicht…

Dieses Album was a little tougher, denn wir mussten das Comebackalbum toppen. Auf Time fingen wir an, ein paar musikalische Experimente auszuprobieren. Teilweise klangen die Stücke für meinen Geschmack etwas zu poppig. Es ist kein schlechtes Album, denn die meisten Songs kann man sich durchaus anhören. Es ist aber auch nicht das beste Album (Hank)

Das letzte Album mit Michael Denner hieß Into the Unknown und erschien 1996…

…und hat ein Coverfoto, das mich eher an einen Katalog aus einem Reisebüro erinnert. Come to Hawaii or Go to India. Wir hatten einfach keine vernünftige Idee für die Umsetzung des Covers. Deshalb haben wir uns für das Foto entschieden. (Hank)

Dead Again war das erste Album mit Neuzugang Mike Wead, brachte Euch aber nicht ganz so euphorische Kritiken seitens der Presse ein. Warum?

Kein Ahnung, denn ich finde Dead Again bedeutend besser als Time, da wir endlich wieder eine härtere Richtung einschlugen. Auf dem Cover sieht man auch wieder unser Maskottchen vom Don´t break the Oath-Album, das übrigens keinen Namen hat. Wenn wir über ihn reden, sagen wir halt Satan oder Devil. Wir wollten den Fans lediglich zeigen, dass es sich um ein MERCYFUL FATE-Album handelt. Ich weiß, dass viele Leute dieses Album nicht mögen, doch ebenso viele mögen dieses Album dafür umso mehr. Ich glaube nicht, dass die negativen Kritiken durch Mike zustande kamen. Ich glaube vielmehr, dass es an King´s Gesang lag dass die Leute Schwierigkeiten mit diesem Album hatten. (Hank)

Ich muß Hank da Rechtgeben. Die Vocals auf dem Album machen es wirklich sehr schwer, das Album von vorne bis hinten durchzuhören. King´s Gesang ist wirklich sehr, sehr extrem und ab der Hälfte des Albums sehr anstrengend zu konsumieren… (Sharlee)

Was man von King´s Gesangsleistung auf 9 nicht behaupten kann, singt er sich hier doch variabel wie selten zuvor durch die zehn Stücke. Langweilig oder gar anstrengend würde ich den Gesang nicht bezeichnen…

… richtig, denn auch ich finde, dass King auf dem neuen Album seine bisher beste Gesangsleistung abgeliefert hat… (Sharlee)

… und auch die Musik muss sich nicht hinter dem Gesang verstecken. Was würde denn passieren, wenn ihr wirklich mal das perfekte Album aufnehmen würdet. Das nächste Album könnte allerhöchstens genauso werden. Das wiederum würde Stagnation bedeuten, denn Du kannst nicht besser als perfekt sein? Ihr müsstet Euch konsequenterweise auflösen…

Du kannst nicht besser als perfekt sein ist ein sehr guter Albumtitel (lacht). Ein Album kann gar nicht perfekt sein, denn irgendwann langweilen einen die Songs, so dass man unbedingt neue Stücke schreiben möchte. Also kann ein Album, dessen Stücke einen langweilen, gar nicht perfekt sein. Außerdem sind es immer nur kleine bits and pieces, die einem nicht gefallen. Der eine mag vielleicht den Drumsound nicht, der andere aus der Band ist vielleicht mit einem Gitarrensolo nicht zufrieden. Das sieht sicherlich jeder aus der Band anders. (Sharlee)

Wie findet ihr eigentlich das MERCYFUL FATE-Medley auf dem aktuellen METALLICA-Album?

Großartig, denn ich finde, sie haben wirklich eine sehr energiegeladene Version unserer Songs eingespielt. Vor allen Dingen James´ Vocals sind klasse, da er nicht versucht wie King zu klingen, sondern seinen eigenen Stil durchzieht. Außerdem solltest Du den Promo-Effekt, den solche Aktion hat, nicht unterschätzen. Doch, ich mag das Medley, und ich mag die Jungs, die schon sehr, sehr lange Fans von uns sind. (Hank)