LETZE INSTANZ: Der Einzelne ist nichts!

Gerade veröffentlichte die LETZTE INSTANZ "Ins Licht", ihr mittlerweile fünftes Studioalbum. Dieses steht ganz im Zeichen der Veränderung. Die Band hat nicht nur einen neuen Sänger und einen neuen Bassisten in ihren Reihen. Mit Drakkar Records hat die zum Septett geschrumpfte Band auch ein neues Label im Rücken, und bei den Aufnahmen zum neuen Album arbeitete man erstmals mit Siggi Bemm zusammen, der "Ins Licht" in den Hagener Woodhouse Studios produzierte. Zu guter letzt hat man sich auch musikalisch verändert: "Ins Licht" ist wieder folkiger ausgefallen als der düstere Vorgänger, wirre Stilmixturen sind einem homogenen Ganzen gewichen, welches die Band deutlich erwachsener klingen lässt. Bereits vor dem Konzert in Krefeld Ende Dezember sprachen wir Holly D., der eine Menge zu berichten hatte.

Gerade veröffentlichte die LETZTE INSTANZ Ins Licht, ihr mittlerweile fünftes Studioalbum. Dieses steht ganz im Zeichen der Veränderung. Die Band hat nicht nur einen neuen Sänger und einen neuen Bassisten in ihren Reihen. Mit Drakkar Records hat die zum Septett geschrumpfte Band auch ein neues Label im Rücken, und bei den Aufnahmen zum neuen Album arbeitete man erstmals mit Siggi Bemm zusammen, der Ins Licht in den Hagener Woodhouse Studios produzierte. Zu guter letzt hat man sich auch musikalisch verändert: Ins Licht ist wieder folkiger ausgefallen als der düstere Vorgänger, wirre Stilmixturen sind einem homogenen Ganzen gewichen, welches die Band deutlich erwachsener klingen lässt. Bereits vor dem Konzert in Krefeld Ende Dezember sprachen wir Holly D., der eine Menge zu berichten hatte, beginnend mit den Umständen, die dazu geführt haben, dass die LETZTE INSTANZ nun bei Drakkar unter Vertrag steht:

Vielklang, die ja das Mutterhaus von Andromeda waren, haben im September 2004 Insolvenz angemeldet. Ich muss zugeben, dass wir froh waren, dass wir aus dem Laden heraus gekommen sind und frei waren, um uns etwas Neues suchen zu können. Da ist einfach relativ viel Scheiße gelaufen. Ein Jahr vorher, im Herbst 2003, ist EFA pleite gegangen, das war der größte Indie-Vertrieb in Deutschland. Sie haben einen Haufen Plattenfirmen, die über EFA vertrieben haben, gnadenlos ins Aus gezogen – wie eben auch Vielklang. Das war für uns natürlich sehr ärgerlich, denn es sind dann auch einige Zahlungen weggebrochen, die eigentlich hätten kommen müssen. Wir haben uns ein Vierteljahr mit dem Insolvenzverwalter über die alten Platten gestritten. Jetzt ist aber zum Glück alles ausgestanden und durch. Das mit Drakkar ging dann eigentlich ziemlich easy. Ich kannte Marius von Drakkar schon relativ lange. Wir waren frei und hatten das erste neue Material zum Anhören fertig. Er wusste, dass wir einen neuen Sänger haben, hat es sich angehört, fand es großartig und binnen einer Woche stand der Plattenvertrag.

War denn die Insolvenz von Vielklang auch der Grund dafür, dass das Live-Album nicht so sehr in die Öffentlichkeit gebracht wurde und kaum Promotion dafür gemacht wurde?

Auf jeden Fall. Das Live-Album ist an dem Tag in die Läden gekommen, als Vielklang Insolvenz angemeldet hat. Das hat auch sehr gut gepasst. Da ist überhaupt keine Promotion dafür gelaufen. Gar nichts. Die Band war zu dem Zeitpunkt auch gar nicht existent. Wir hatten uns ein Dreivierteljahr vorher aufgelöst, und in dem Moment war mitnichten klar, ob wir jemals wieder weitermachen würden. Insofern war das Live-Album dann schon irgendwo unter ferner liefen. Es hat sich trotzdem noch einigermaßen verkauft, auch wenn wir nie Kohle dafür gesehen haben. Aber die Zahlen kennen wir zumindest, das war schon okay. Ich denke, für die Fans war es einfach gut als Schlussstrich über die Jahre bis dahin. Das ist eigentlich ganz schön, denn jetzt können wir auch ein Stück weit wieder von vorne anfangen. Es gibt ein Dokument, das zeigt, was wir bis dahin gemacht haben – und ich finde, dafür ist die DVD auch ganz gut geworden – und jetzt können wir ein Stück weit von vorne anfangen: mit neuem Sänger, mit neuen Leuten, mit einer neuen Plattenfirma und natürlich mit eineinhalb Jahren Ruhe. Das ist auch ganz wichtig, dass man mal ein bisschen herunterkommt.

Und der Wechsel des Produzententeams? Seid ihr nach dem Motto verfahren: Wenn schon Veränderung, dann in jeder Hinsicht?

Nein, mit dem alten Produzententeam hätten wir sowieso nicht wieder zusammenarbeiten können, weil Ekki Strauß, der das damals gemacht hat, gar nicht mehr als Mischer und Produzent arbeitet, er hat sich da komplett zurückgezogen. Wir waren seine letzte Produktion. Wir waren da auch nicht ganz unentscheidend dabei, dass er aufgehört hat. Wir haben dann jemand Neues gesucht und sind dann in Hagen bei Siggi Bemm gelandet. Er hat allerdings nicht alles gemacht. Die Streicher und die Gesänge wurden in Berlin aufgenommen. Was wir beim nächsten Mal machen, müssen wir schauen. Jetzt warten wir erst einmal ab, was mit dem neuen Album wird, und das nächste Album versuchen wir wahrscheinlich eher bei uns in der Ecke zu machen, weil das Hin- und Hergefahre einfach nervt.

Bislang klang keines eurer Alben wie eines seiner Vorgänger. Würdest du sagen, dass musikalische Veränderung ein elementarer Bestandteil dessen ist, was die LETZTE INSTANZ ausmacht?

Nein. Die letzten Jahre schon, aber wir wollen das gerne ein bisschen ändern. Wir haben uns vorgenommen, nun etwas mehr Konstanz zu zeigen. Das fängt schon beim neuen Album an. Es ist viel geschlossener und kompakter als unsere anderen Sachen. Unsere Platten waren immer ein Ritt durch den Gemüsegarten, dieses Album aber keineswegs. Dort passen alle Songs zueinander, und wir haben extra alle Nummern, die auf irgendeine Art hinaus stachen, vom Album gestrichen. Wir haben noch ein paar mehr Stücke aufgenommen, diese sind aber nicht auf das Album gekommen. Außerdem hoffe ich natürlich, dass wir es mal schaffen, zwei Platten im selben Line-up einzuspielen. Aber das sieht im Moment ganz gut aus.

Hängen nicht die bisherigen musikalischen Veränderungen auch mit den ständigen Besetzungswechseln zusammen?

Holly
Da kann er sich gerne mit einem Klavier oder einem Kontrabass auf die Bühne stellen und Texte rezitieren, aber nicht, wenn hinter ihm der Alarm abgeht. – Holly D. (Foto) über den Sprechgesang von Ex-Sänger Robin.

Würde ich allgemein nicht so sagen. Für das neue Album gilt das auf jeden Fall. Robin hat sich von der Band getrennt, und die Band genauso von ihm. Das hatte schon seine Gründe, und das hatte vor allem musikalische Gründe, weil Robin auf Götter auf Abruf größtenteils nicht gesungen, sondern nur noch gesprochen hat. Dazu brauche ich keine Rockkapelle. Da kann er sich gerne mit einem Klavier oder einem Kontrabass auf die Bühne stellen und Texte rezitieren, aber nicht, wenn hinter ihm der Alarm abgeht. Insofern hat in diesem Fall der Wechsel natürlich schon klare Auswirkungen, indem Gesang, Harmonien und Melodien wieder weiter in den Vordergrund gerückt sind. Auch die Streicher sind wieder weiter nach vorne gerückt. Wir haben ja auch eine Gitarre herausgenommen. Bei Götter auf Abruf hatten wir live und auch im Studio noch zwei E-Gitarren. Da war einfach das Problem, dass nicht mehr genug Platz für die Streicher vorhanden war. Das haben wir gelernt, und daraus haben wir die Konsequenzen gezogen.

Es war also eine ganz bewusste Entscheidung, die Position des zweiten Gitarristen nicht neu zu besetzen.

Das war eine ganz bewusste Entscheidung, weil es einfach nicht funktioniert. Die Streicher spielen größtenteils Sololinien. Es ist so schon live, gerade in einem Club wie heute, wahnsinnig schwer, die Streicher überhaupt noch durchzubringen durch den Krach. Und wenn man dann noch zwei E-Gitarren hat, dann ist das Frequenz-Spektrum dermaßen dicht, dass man die Jungs gleich wieder in den Bus schicken kann.

So wie ich das gehört habe, habt ihr die Möglichkeiten, die sich mit zwei E-Gitarren bieten, sowieso nicht ausgenutzt. Ich hatte den Eindruck, dass der einzige Zweck der war, mehr Druck zu machen.

Ja… das war damals nicht meine Idee, deswegen kann ich da auch nicht so viel zu sagen.

Vor allem bei dem Live-Album merkt man kaum, dass ihr zwei Gitarren dabei hattet.

Das Live-Album ist auch ein bisschen anders gemischt, als es live klang. Bei den beiden Gigs, die auf dem Live-Album zu hören sind, haben wir schon darauf geachtet, dass die Streicher gut zu hören sind. Das kann man im Mix machen, dann hört man die Gitarren vielleicht nicht mehr so fett und hört vielleicht auch nicht mehr, dass es zwei sind, aber man hört die Streicher wieder. Ob die beiden Gitarren viele unterschiedliche Sachen gespielt haben, habe ich mich noch nie gefragt. Die Songs funktionieren aber auch alle mit nur einer Gitarre. Es gibt ein paar Stellen, an denen es nun ein bisschen anders klingt, dadurch, dass es nur noch von einer Gitarre gespielt wird, aber das geht alles.

Du hast ja eben schon mal Robins verstärkt eingesetzten Sprechgesang erwähnt. War Götter auf Abruf dann schon ein Kompromiss, mit dem ihr nicht durchweg zufrieden seid?

Es war ja kein Kompromiss, deswegen sind wir auch auseinander gegangen – weil wir eben keinen Kompromiss mehr in unserer Zusammenarbeit gefunden haben. Mit einigen Dingen, die musikalisch und textlich auf dem Album drauf sind, waren wir einfach nicht so glücklich.

Wenn man sich die Entwicklung von Robins Texten anschaut, dann stellt man fest, dass sie im Laufe der Jahre immer negativer geworden sind…

Schön! Endlich ist das mal jemandem aufgefallen. Dann wird euch sicher auch auffallen, dass die Texte auf dem neuen Album wieder deutlich positiver sind. Robin hat so eine verbitterte Art gekriegt, er hat sich über alles nur noch aufgeregt. Das ist das alte biblische Motiv: Wer frei von Sünden ist, der werfe den ersten Stein. Es kommt immer darauf an, was man macht. Man kann sicher auch politische Pop- und Rockmusik machen und es gibt auch geile politische Comedy, aber einer Rockband steht es meiner Meinung nach nicht zu, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Das ist auch nicht unser Stil. Unser Stil war schon immer schöne Bilder zu verwenden, welche die Leute emotional ansprechen. Das kann auch hin und wieder politisch sein, allerdings auf einer ganz anderen Ebene, auf einer viel indirekteren und emotionaleren Ebene. Und diese Ebene hat Robin auf Götter auf Abruf total durchbrochen. Ich persönlich bin damit gar nicht klargekommen. Nun schreibt Holly, der neue Sänger, die Texte, und ich finde, er macht es richtig gut. Ich mag jeden einzelnen Text auf dem neuen Album.

Im Presse-Info wird Ins Licht als euer vielseitigstes Album bezeichnet. Nun sind mir nur die drei Songs Sonne, Das Stimmlein und Womit die Welt begann bekannt und ich kann daher nicht auf das komplette Album schließen. Die drei Stücke klingen aber für mich insgesamt nicht so vielseitig und experimentierfreudig wie früher, dafür aber weitaus homogener, wie du ja eben auch schon gesagt hast. Wie also ist das mit der Vielseitigkeit zu verstehen?

Ich denke, für alle Leute, die sich seit Jahren fragen, was für eine Musik wir überhaupt machen, ist Ins Licht die Antwort. Das Album geht eben nicht mehr quer durch alles durch, sondern hat eine sehr klare Linie. Es ist musikalisch schon vielseitig. Von Balladen, die Holly in Kopfstimme singt, bis zu relativ brachialen Metal-Stücken ist alles vertreten. Trotzdem klingt es nicht mehr so weit gestreut, denn die Sachen sind dennoch sehr eng beieinander – einfach durch seine Stimme, weil er überall singt und nichts spricht. Das ist eine ganz andere emotionale Nähe. Die Streicher sind weiter vorne – der Grundsound ist einfach ähnlich, insofern ist es schon kompakter. Aber was heißt vielseitig? Live ist eine gewisse Vielseitigkeit natürlich immer schön. Die ist auch da, weil wir viele Leute sind, ein sehr breites Instrumentarium haben und damit eine ganze Menge darstellen können. Wenn Vielseitigkeit Kurzweiligkeit ist, dann gerne. Wenn Vielseitigkeit heißt, dass ich in jedem Song etwas komplett anderes mache und der Konzertbesucher gar nicht richtig versteht, was da oben abgeht, dann muss ich das nicht mehr haben. Das fanden wir eine zeitlang witzig, um aufzufallen, aber das ist irgendwann durch. Wir wollen jetzt schon recht konstant Musik machen, die uns gefällt. Für mich ist deshalb das neue Album die Essenz aus dem, was wir aus den letzten Alben und den letzten Jahren gelernt haben. Es geht musikalisch wieder etwas zurück in die Richtung von Das Spiel oder Kalter Glanz, es ist folkiger, es ist viel straighter, und wir haben meiner Meinung nach viele Fehler, die wir früher gemacht haben, auf diesem Album nicht gemacht.

LETZTE
Wir sind die lachende Seite der düsteren Szene – obwohl sie sich selbst nicht als düstere Band sehen, kommen LETZTE INSTANZ in der schwarzen Szene sehr gut an.

Der Albumtitel spiegelt die Stimmung der Musik meiner Meinung nach sehr gut wider. Sie ist war melancholisch, aber nicht negativ. Man hat immer den Eindruck, dass es noch einen Hoffnungsschimmer gibt, ein Licht am Ende des Tunnels.

Genau. Das war uns auch ganz wichtig. Wenn man eine Platte Ins Licht nennt oder eine Platte über das Licht macht, dann heißt das ja nicht, dass man dieselbe Platte nicht auch über Dunkelheit macht, denn Licht und Schatten sind einfach zwei Seiten einer Medaille. Das kann man nicht voneinander lösen. Die Texte gehen zum Teil durch einige Untiefen des Lebens durch. Es ist aber nicht so wie bei Robins Texten, dass man da nie mehr herauskommt. Holly hat in seinen Texten hinten heraus immer noch eine Pointe oder einen Hoffnungsschimmer. Irgendwo kommt da immer noch ein Schlenker, der dem Ganzen etwas Hoffnungsvolles gibt, und das finde ich sehr wichtig.

Musikalisch ist es ja ähnlich: zwar melancholisch, aber nicht wirklich düster.

Wir waren auch nie wirklich eine düstere Band. Ein bisschen schon, das macht ja auch Spaß. Aber wer sagt, dass man zum Beispiel auf einer Wave-Gothic-Party keinen Spaß haben soll? Wir kommen ja in der Szene erstaunlicherweise sehr gut an. Die Leute feiern auch ganz gerne und sind eigentlich total lustig. Wir sind halt die lachende Seite der düsteren Szene (lacht).

Die Texte wirken ebenso homogen wie die Musik. Die Semantik von Licht zieht sich durch fast alle mir bislang bekannten Texte, die Glut taucht immer wieder auf, und der Kontrast von Wärme und Kälte kommt häufig zur Sprache. War das von Anfang an geplant, oder hat sich das erst beim Schreiben ergeben, und danach kam der Titel Ins Licht?

Von Anfang an geplant war das nicht, der Titel Ins Licht kam erst gegen Ende. Es steht einfach ein bisschen für Hollys Naturell. Da ist sehr viel Persönliches von ihm drin, und er ist einfach so. Ein Stück weit steht es aber natürlich auch für das Bandgefüge. Es war ein völlig neues Arbeiten. Wir wollten eigentlich gar nicht weitermachen, wir hatten alle mehr oder weniger mit der Band abgeschlossen. Dann kam Holly auf den Plan und wir haben uns entschlossen, es noch einmal zu probieren und zu schauen, ob es mit ihm funktioniert. Wir haben ein Wochenende mit ihm im Proberaum verbracht und waren uns hinterher sicher, dass er der Richtige ist. Auf einmal hatten alle wieder Lust, haben alle ihre Zukunftspläne geändert. Da war einfach eine Euphorie da, und vielleicht ist die auch in den Songs mit drin.

Das
Die Vorab-Single Sonne ist nicht im regulären Handel erhältlich.

Einer der neuen Songs, deren Texte ihr veröffentlicht habt, ist Der Schein…

Der Song ist allerdings auf dem Album gar nicht drauf. Wir haben ihn live schon gespielt und er wird sicher irgendwo mal verwurstet. Das ist so eine Nummer, die hat zwar einen lustigen Text, sie war uns aber qualitativ nicht hochwertig genug für das Album.

Ein weiterer Song, der nicht auf dem Album zu hören ist, befindet sich auf der vorab veröffentlichten Single, die aber nicht im Laden zu kaufen ist. Was war der Grund dafür?

Der Single-Markt ist für Bands unseres Genres einfach völlig sinnlos. Die Single ist für DJ- und Radio-Promotion gepresst worden, und die übrigen Exemplare verkaufen wir nun auf Konzerten. Als Single gedacht ist es schon, damit die DJs damit bemustert werden. Deswegen sind dort auch ein paar Nummern drauf, die entsprechend geeignet sind.

In Das Stimmlein geht es unter anderem darum, dass man nur in der Gruppe stark ist. Gleichzeitig wird aber auch die Einzigartigkeit eines jeden Menschen betont. Ist das auch ein Appell, sich der Gleichschaltung durch die Massenmedien zu widersetzen?

So weit würde ich gar nicht gehen. Das ist eher ein persönliches Ding. Man bewegt sich ja in einem sozialen Gefüge, ob es nun die Familie ist, die Studiengruppe, Freunde, eine Band oder eine ganze Gesellschaft, das ist ja völlig egal. Aber wir als Band haben inzwischen eine ganze Menge erlebt und durchgemacht und nicht umsonst einen Haufen Besetzungswechsel gehabt. Da ist einfach der Punkt, dass es wichtig ist, dass man sich den Respekt vor den anderen bewahrt. Es ist wichtig, in jedem Menschen die Individualität zu sehen, das Wertvolle in jedem zu sehen. Man kann Menschen nie über einen Kamm scheren, denn dann wird man nie erkennen, was an einem Menschen wertvoll ist. Darum geht es in dem Song: Das zu erkennen und zu respektieren, aber gleichzeitig auch zu wissen, dass der Einzelne alleine gar nichts ist – nur, wenn man zusammen arbeitet und gegenseitig die Individualität des anderen achtet und respektiert, ist man als Gruppe stark. Das haben wir als Band mehr als genug erlebt.

Passend zur Aussage des Textes sind bei diesem Song auch noch einige Gastsänger zu hören: Neben Sven Friedrich von ZERAPHINE, mit dem ihr nicht zum ersten Mal zusammen gearbeitet habt, haben auch Eric Fish (SUBWAY TO SALLY) und Thomas Lindner (SCHANDMAUL) dem Song ihre Stimme geliehen. War es schwierig, die beiden ins Studio zu bekommen?

Nein, das war ganz einfach. Wir kennen alle drei schon eine ganze Weile, das war also nicht das Problem. Wir haben am Anfang genau überlegt, wen wir denn nehmen für das Stück, haben auch lange hin und her überlegt und sind im Endeffekt bei den Dreien hängen geblieben – da ich der Meinung bin, dass ihre Bands welche sind, die sehr viel Respekt verdient haben, weil sie einfach individuell sind, weil sie ihr Ding machen, weil sie gut sind und weil sie meiner Meinung nach einfach ernsthafte Musik machen. Es gibt im deutschen Independent-, Metal-, Gruft-, Folk-Bereich unglaublich viel Schrott. Wir wollten aber gerne drei Leute von Bands nehmen, von denen wir alle sagen, dass sie für uns ein gewisses Qualitätsniveau besitzen. Für Leute, die nicht in der Szene drin stecken, sind alle Bands, die sich in diesem Sektor bewegen, eine Suppe. Denen ist es egal, ob es SUBWAY TO SALLY sind, die allesamt tierisch gute Musiker sind, eine geile Show machen und seit Jahren auf der Bühne stehen und Songs zu spielen haben, oder ob es irgendeine Kaspertruppe ist, die sich bunt anmalt und das Blut durch die Gegend spritzt – diese Leute sehen den Unterschied nicht. Für uns war es deshalb auch wichtig, zu zeigen, dass es auch eine erwachsene deutschsprachige Rockmusikszene abseits vom Mainstream gibt. Es gibt einen Haufen Musiker in diesem Land, die tolle Musik machen, die auch zum Teil sehr gut besuchte Konzerte haben – die einfach eine Fanbase haben. SUBWAY TO SALLY und SCHANDMAUL sind super Beispiele dafür. Sie sind mit ihren Alben in den Charts ganz weit oben, haben volle Hallen, kommen aber um Gottes Willen in keiner mainstreamigen Musikzeitung vor, geschweige denn in irgendwelchen anderen Medien. Insofern ist Das Stimmlein auch ein Statement.

Wollt ihr in Zukunft solche Kooperationen wiederholen oder noch ausbauen?

Kann man auf jeden Fall machen, es muss sich aber auch anbieten. In diesem Fall war es ursprünglich nicht so geplant. Der Song war da, wir fanden den Text zwar gut, aber irgendwie hatte er noch nicht das, was er brauchte, und das hatte er erst in dem Moment, wo vier Leute ihn zusammen gesungen haben. Es war also nicht am Reißbrett geplant, dass die drei dort mitsingen, sondern ist aus dem Song heraus entstanden. Zusammenarbeit muss es auf jeden Fall geben. SCHANDMAUL veranstalten jetzt schon die Funkenflug-Festivals, wir haben schon alle Kontakt miteinander. Da wird es auch in den nächsten Jahren viel mehr gemeinsame Aktionen geben, ob das nun gemeinsame Gigs sind oder dass man sich jemanden fürs Studio ausborgt.

Du hast eben von Bands gesprochen, die sich ihre Gesichter anmalen. Was ist eigentlich der Grund dafür, dass ihr euch eure Gesichter nicht mehr schminkt, wie ihr es bei euren Auftritten bis vor ein paar Jahren noch gemacht habt?

Es passt einfach nicht mehr. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass es auch damals nicht gepasst hat, aber vom Gefühl her hat es damals für uns eben gepasst. Man wird ja auch älter, und irgendwann muss man dann entscheiden, ob man sich so noch auf die Bühne stellen will oder nicht. Man braucht mich auch gar nicht zu fragen, warum wir das damals gemacht haben, denn ich weiß es schlicht nicht mehr. Wir fanden es wohl irgendwie lustig – wirklich gepasst hat es nie.

Für euren neuen Sänger Holly ist es sicherlich eine Herausforderung, sich in die Texte von Robin hineinversetzen und diese Songs glaubwürdig zu interpretieren. Oder kommen die schon erwähnten neueren Stücke, in denen Robins Texte immer negativer wurden, live sowieso nicht mehr zum Einsatz?

Es ist ja nicht so, dass sich alle darüber einig sein müssen, ob sie einen Song schlecht finden oder nicht. Es sind viele gute Songs dabei, es geht also nur um einige wenige. Holly war natürlich klar, dass er auch alte Songs singen muss, allerdings durfte er sich diese aussuchen. Er konnte also sagen, welche Songs ihm gefallen, und solche, mit denen er nichts anfangen kann, die muss er auch gar nicht machen. Es ist ja auch so: Wenn du einen Song dann dreimal gesungen hat, ist er auch irgendwann deiner. Holly interpretiert die Stücke schon für sich mit seiner Stimme und seiner Persönlichkeit. Wenn er etwas damit anfangen und sich hineinversetzen kann, dann macht es auch irgendwann keinen Unterschied mehr, ob es ein Text von ihm ist oder ob ihn der alte Sänger geschrieben hat. Es gibt ja viele Bands, die sich ihre Texte schreiben lassen oder bei denen nicht der Sänger die Texte schreibt. Dort kommen die Sänger ja auch mit den Texten klar. Das ist schon eine gewisse Professionalität, und er muss natürlich die Texte überhaupt verstehen und verkaufen können. Natürlich weigert er sich, sich hinzustellen und einen Song zu singen, von dem er überhaupt nicht begreift, worum es eigentlich geht. Ich finde, dass er die alten Sachen, die er nun live singt, auch geil rüberbringt.

Holly
Er ist kein Rockstar-Typ, sondern ein sehr freundlicher und sensibler Mensch. – Holly D. über den neuen Sänger Holly (Foto).

Hat es eigentlich irgendeinen Grund, dass ihr die Texte von Das Spiel von der Website genommen habt?

Ich denke, das waren Platzgründe – die anderen fliegen jetzt auch bald runter. Ab Februar gibt es zunächst einmal nur noch die des neuen Albums. Auf einer Bandhomepage möchte ich schnell an aktuelle Informationen herankommen. Wenn man wirklich mehr wissen will, dann kann man sich ja im Internet versorgen bis der Arzt kommt. Ich habe keine Ahnung, wieviele Seiten es gibt, auf denen irgendeine Scheiße über uns drauf steht. Am lustigsten sind ja immer die privaten Fanpages. Ganz großes Kino! Das ist ja auch okay, da kann jeder machen, was er will.

Als ihr das letzte Mal hier gespielt habt vor zwei Jahren, haben wir das Publikum als ziemlich lahm empfunden. Kannst du dich noch daran erinnern und hast das ähnlich empfunden?

Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass wahnsinnig wenige Leute da waren, weswegen wir heute auch wieder im kleinen Saal spielen.

Habt ihr eigentlich generell ein überwiegend weibliches Publikum? Gerade auf der Live-CD hat man den Eindruck, dass aus dem Publikum fast ausschließlich Frauen zu hören sind.

Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Das kommt unter Umständen vor, zumindest in den ersten Reihen. Ansonsten ist es aber ungefähr gleichverteilt. Natürlich wird man nach einem Konzert eher mal von einer weiblichen Person angesprochen. Das liegt dann eher am Naturell (lacht).

Sucht ihr denn immer noch nach den Konzerten den Kontakt zu den Fans?

Das kommt auf die Fans an (lacht). Ewig will man sich das natürlich auch nicht anhören, denn meistens erzählen sie jeden Abend dasselbe. Aber im Moment ist uns das Feedback natürlich sehr wichtig. Wie kommt Holly an, wie kommen die neuen Songs an?

Ist genau das auch der Grund, jetzt diese Tour zu machen, bevor das neue Album überhaupt veröffentlicht ist?

Ja. Wir wollen auf der Tour im Frühjahr fit sein und uns deshalb jetzt ein paar Tage als Band auf der Bühne auch finden. Man muss ja auch sehen, dass Robin ein paar hundert Konzerte hatte, um so zu werden wie er ist. Das ist für Holly schon eine harte Herausforderung, auf die Bühne zu kommen und denselben Entertainment-Faktor zu bieten. Das ist nicht einfach. Das bekommt er mal mehr, mal weniger hin, aber es funktioniert meiner Meinung nach von Gig zu Gig besser. Wir hatten nun auch schon einige Konzerte, die richtig gut liefen. Komischerweise lief die Weihnachtstour bisher relativ öde. Im Herbst war es viel besser, aber das kommt vielleicht auch etwas auf die jeweiligen Gegenden an. Es waren auch ein paar Gigs dabei, da hatte er das Gefühl, als ob die Leute da unten ihn gar nicht mögen, was aber nicht der Fall war. Es kam bloß nicht solch ein Feedback zurück, wie er es schon von den anderen Gigs gewöhnt war. Da hat er sich dann vor seinem Mikro zusammengefaltet und hat sich bei jedem zweiten Text versungen, weil ihm einfach die Sicherheit gefehlt hat. Er ist kein Rockstar-Typ, sondern ein sehr freundlicher und sensibler Mensch. Wenn er gut drauf ist und das Selbstbewusstsein stimmt, dann ist er richtig klasse. Das ist auch so ein Ding: Erstens muss er es lernen – man wird nicht als Bühnensau geboren – und dann muss die Band auch hinter ihm stehen wie eine Eins. Wenn die Band steht, steht auch er vorne. Aber da arbeiten wir dran. Das war ein Grund für die Weihnachtstour, dass wir ihn mal sechs Tage am Stück ordentlich fordern wollten, um zu schauen, auf was wir achten müssen und was wir im Frühjahr anders machen müssen. Wir spielen auf dieser Tour allerdings nicht so lange – gute eineinhalb Stunden wahrscheinlich. Es gab ja mal Zeiten, da haben wir zweieinhalb Stunden gespielt. Aber der Trend geht ja eher dahin, unter einer Stunde zu spielen, habe ich mitbekommen. Das ist echt der Hammer! Die ganzen Ami- und Briten-Bands spielen alle nur noch 45 Minuten – SYSTEM OF A DOWN in Berlin zum Beispiel. Da hat die Vorband länger gespielt als die Hauptband (lacht). Wie krass ist das denn? Da lohnt sich der ganze Aufwand doch gar nicht, das Equipment aufzubauen.

Interview: doomster und Maria Wardenga
Fotos: Band und doomster (Live-Fotos)