KREATOR: Das Image einer Band – oder: "Keine Schlacht im Teutoburger Wald!"

KREATOR: Das Image einer Band – oder: "Keine Schlacht im Teutoburger Wald!"

Ende der Achtziger: Andrea ersteht die ersten KREATOR LPs, näht die ersten Aufnäher auf die Jacke und macht erste Luftgitarrenversuche vor dem Spiegel. Der Gedanke, jemals mit den Typen, deren Poster das eigene Zimmer zieren, ein Interview zu führen, verbietet sich von selbst – eine völlig abgefahrene Idee.

2001: Die Jacke mit dem Aufnäher gibt es immer noch, KREATOR CDs kaufe ich auch immer noch… nur die Sache mit dem Luftgitarrespielen vor dem Spiegel – nun ja. Auch die Poster wurden aus dem ehemaligen Kinderzimmer entfernt. Was geblieben ist, ist die Faszination für die Band KREATOR, die mit dem aktuellen Album „Violent Revolution“ neu auflebte. Mittlerweile erscheint die Idee, Mille ein paar Fragen zu stellen auch nicht mehr ganz so weit hergeholt. So kam es dann also auch wirklich zu einem Gespräch, während dem sich der Sänger/Songwriter und Gitarrist als ein unglaublich netter und ehrlicher Mensch entpuppte, der sich sehr viel Zeit genommen hat, auf Standardantworten verzichtete und stattdessen interessante Dinge erzählte. Und da wir ja hier Platz haben, gibt es eine nahezu ungekürzte Version….

Wie fühlt man sich denn, wenn man seine Band in den Top 40 sieht?

Gut. Wir waren ehrlich gesagt etwas überrascht. Aber die Charts sind auch nicht wichtig. Wichtig ist, das die Fans die Platte gut finden. Der Charteinstieg zeigt, dass die Platte sehr gut lief und dass die Fans alle zugeschlagen und sich das Album gleich geholt haben. Darüber freue ich mich natürlich. Es tut gut zu sehen, dass viele Leute das Album gekauft haben, dass sie uns sozusagen vertraut haben.

Ihr habt ein Video zu „Violent Revolution“ gedreht und ihr verkauft viele Alben – dennoch sind die Chancen, dass der Clip hier in Deutschland irgendwo gezeigt wird, eher gering.

Ja, das dachte ich auch. Aber ich habe gerade zufällig 2Rock auf Viva Zwei gesehen. Da lief Entombed, At The Gates, Dimmu Borgir. War der Hammer – ich habe aber keine Ahnung, warum diese Clips liefen. Unser Video ist eigentlich in erster Linie auch für das Ausland gedacht, ich denke nicht, dass er hier großartiges Airplay bekommt. Es gibt schließlich kaum noch Formate. Vielleicht läuft er irgendwann irgendwo, wenn nicht, dann ist es auch nicht so schlimm. Es gibt im Ausland Formate, in denen Metal Clips laufen, in Griechenland, England oder in Brasilien gibt es Metal Sendungen.

Wir können keine Rücksicht darauf nehmen, dass die deutschen Musik-Sender sich dazu entschlossen haben, keine Metal Clips zu spielen. Es wäre dem Rest der Welt gegenüber ziemlich ignorant. Für Deutschland gibt es ja auch noch die Möglichkeit, das ganze auf unsere Homepage zu laden.

Fühlt man sich als Musiker durch diese Situation benachteiligt? Das Interesse an einer Band ist da, das zeigen die Verkaufszahlen und gefüllte Konzerthallen, allerdings wird das von Sendern wie Viva ziemlich ignoriert.

Das ist mit dem gesamten Stil „Heavy Metal“ so. Es wird so getan, als ob diese Musik gar nicht existiert. Jede Untergrund HipHop Richtung wird gefeatured, während im härteren Musikbereich nur irgendwelche Alternative Acts wie Marilyn Manson oder Slipknot berücksichtig werden. Ich verstehe das nicht, denn das ist nicht die Realität. Ich weiß nicht, woran das liegt, ob sie Angst haben, dass dann weniger Leute den Sender schauen. Ich habe keine Ahnung, was das soll, ob es uncool ist, Metal Videos zu zeigen. Letztens habe ich eine MTV Chartshow gesehen; in der Woche, als wir in den Charts eingestiegen sind, meinte die Moderatorin, dass sie Kreator gerne spielen würde, allerdings hätte ihre Chefin etwas dagegen. Es gibt einfach so eine generelle Abneigung gegen Metal. Und diese Abneigung wird dann auch noch von manchen zur Schau getragen – die sagen dann: „Wir spielen kein Metal“. Ich denke, irgendwann müssen sich die Verantwortlich aber doch beugen, denn es laufen die Zuschauer davon. Obwohl, wahrscheinlich schauen trotzdem noch viele MTV und Viva.

Man kann als Band aber auch nicht einfach „nichts“ anbieten – jetzt können wir immer noch sagen, dass wir einen Clip angeboten haben, der eben nicht gespielt wurde. Das Video ist qualitativ gut. Wenn es abgelehnt wird, dann kann das nicht am Video liegen, sondern der Grund dürfte dann sein, dass die Musik zu hart ist. Das Argument, der Clip sei von der Qualität her minderwertig, zählt nicht, denn mit dem, was sonst läuft, können wir mithalten. Naja, aber ich mache mir da auch nicht so viele Gedanken drüber. Wir können das Video auch für Tourankündigungen im Ausland verwenden oder in Deutschland eine Special Edition mit allen Videos rausbringen.

Ich freue mich immer über Video Clips auf CDs – eben weil es noch etwas besonderes ist, da man Clips von Bands wie Kreator nicht in der Glotze serviert bekommt.

Leider hat es nicht mehr geklappt, das Video auf die limitierte Version des Albums zu packen, da erst in letzter Sekunde darüber entschieden wurde. Es wäre super gewesen, den Clip darauf zu machen, das wollten wir – aber es ist halt dumm gelaufen.

Wobei ich ja schon ziemlich neugierig bin, denn ihr habt mit der Firma gearbeitet, die auch die Ramstein-Clips gemacht hat.

Der Clip ist ein wenig an „Planet der Affen“ angelehnt. Die Band wird zu „Fleisch“ verarbeitet, wir werden in Zellophan verpackt, das sieht dann aus wie Fleisch im Supermarkt, und kommen dann in ein Kühlregal. Es ist ein sehr dunkler und ziemlich wirrer Clip – also auf keinen Fall sieht man nur eine Band, die rumsteht und spielt. Von der Qualität und vom künstlerischen Anspruch her kann ich hundertprozentig hinter dem Clip stehen. Jetzt muss man halt abwarten.

Auf der anderen Seite wäre aber auch der Kult um Metal Videos weg, wenn sie plötzlich in bestimmten Formaten regelmäßig gezeigt würden.

Ja klar, aber es ist auch schade, dass den Metal Bands eine Art sich kreativ auszuleben, genommen wird. Die meisten Plattenfirmen sagen eben, wir machen kein Video, denn es würde sowieso nicht gezeigt werden, womit sie auch Recht haben. Wenn man viel Geld für ein Video ausgibt, dass dann doch nicht gezeigt wird, bringt da ja auch nichts.

KREATOR sind für mich eine Band, die auch den visuellen Aspekt der Musik berücksichtigt. Seit „Renewal“ haben eure Booklets einen sehr eigenen Stil, und ich kann mir schon vorstellen, dass es sehr ärgerlich ist, wenn einem diese visuelle Form des Ausdruckes abgesprochen wird.

Ja, schon. Aber solange wir die Möglichkeiten haben, Videos zu machen, machen wir auch welche. Wir haben da auch Spaß dran. 1987 gab es schon Clips von KREATOR, eigentlich zu jeder Platte. Zu „Endorama“ haben wir sogar zwei Clips gedreht, die dann aber nicht gezeigt wurden – abgesehen von Metalla, damals gab es die Sendung ja noch.

Manchmal kommt es mir aber auch so vor, als ob sich die Musiksender nur auf amerikanische Bands stürzt und der Prophet im eigenen Land nichts gilt…

Nun, es gab halt auch viele Videos mit Bands, die halt nur mit Schwertern rumgefuchtelt haben. Darüber kann man sich natürlich totlachen, denn da kommt manchmal schon eine gewisse ungewollte Komik durch…

Wir leben eben in einer Gesellschaft, in der gleich alles pauschalisiert wird. Ich ertappe mich da auch selbst, zum Beispiel bin ich kein Freund von HipHop. Ich sage dann eben auch, HipHop finde ich scheiße, doch manchmal höre ich dann doch einen Song, der einen ganz guten Text hat. Ähnlich ist es auch beim Metal, da wird genauso pauschalisiert, es wird gesagt, dass das eh alles künstlerisch nicht wertvoll ist und so weiter. Und wenn man einmal ein doofes Video einer Metal Band gesehen hat… nun ja. Andererseits ist man manchmal auch einfach zu intolerant und verpasst deshalb gute Bands – so geht es mir zumindest.

Zurück zu „Violent Revolution“. Es gibt sicher viele Leute, die sagen „Extreme Aggression“ war DAS Album von Kreator, und die mit „Endorama“ nicht besonders glücklich waren – ich schließ mich da auf jeden Fall mit ein. Was ist es für ein Gefühl, wenn plötzlich die ganzen alten Fans wieder ankommen und begeistert sind?

Das ist doch gut! Es zeigt, dass diese Leute nie weg waren. „Endorama“ hat ihnen nicht gefallen und so haben sei eben gewartet, bis wieder ein Album kam, das ihnen gefällt. Als Band experimentiert man natürlich gerne, darf sich dann aber auch nicht wundern, wenn Fans sagen, dass ihnen das neue Material nicht gefällt. Als damals in den Siebzigern Bands ihre experimentellen Phasen hatten, haben die Fans alles mitgemacht, denn die Auswahl an Bands war einfach nicht so groß. Es gab nicht Black Sabbath und fünfhundert andere Bands, es gab eben Black Sabbath und Deep Purple. Heute gibt es nicht nur Kreator. Wenn man aggressive Musik hören will und feststellt, dass Kreator mit „Endorama“ nicht mehr so aggressiv klingen, dann sucht man sich eine andere Band.

Das Problem an „Endorama“ war für mich, dass ich ein Kreator Album erwartet habe. Man neigt dazu, eine Band auf einem bestimmten Stil zu limitieren. Und wenn diese Erwartung dann nicht erfüllt wird, dann ist man enttäuscht. Im Nachhinein denke ich, dass ich – eben weil ich einen ganz bestimmten Anspruch an Kreator habe – diese Platte auf eine Art und Weise wahrgenommen habe, die nicht der Wirklichkeit entspricht.

Ja, es ist eine Platte, mit der man sich beschäftigen muss und für die man auch in einer bestimmten Stimmung sein muss. Die anderen Kreator Platten konntest du hören, wenn du schlechte Laune hattest, die Musik war immer sehr hart und direkt. Das geht bei „Endorama“ wohl nicht. Ich selbst habe sie mir schon lange nicht mehr angehört – es sind einfach ein paar komische Erinnerungen damit verbunden, deshalb kann ich mir das Album auch nicht mehr unvoreingenommen anhören.

Ich gehe davon aus, dass jedes Album gleich wichtig ist für eine Band. Wie ist es, wenn man so unterschiedliche Reaktionen auf zwei aufeinander folgende Alben wie „Endorama“ und „Violent Revolution“ bekommt?

Nun, an den Reaktionen kann man sehen, wie die Band wahrgenommen wird. Man sagt ja, eine Band kommt von einem Image, das irgendwann festgelegt wird, nicht mehr weg. Das stimmt auch. Stell dir vor, John Bon Jovi macht plötzlich ein Grindcore Album. Das nimmt ihm doch keiner ab. Es könnte das beste Grindcore Album sein, das du jemals gehört hast, und trotzdem werden alle sagen, es sei Schrott. Es geht halt nicht – man hat diesen Typen im Kopf und es würde einfach nicht zusammenpassen. Vielleicht war es bei Kreator ähnlich. Kreator müssen aggressiv sein, hart sein. „Violent Revolution“ ist wohl genau das Album, das erwartet wird. Damit kann ich gut leben, ich habe viele Aggressionen in mir und lebe die auch gern in der Musik aus. Zu Zeiten von „Endorama“ ging es aber nicht, es wäre nicht ehrlich gewesen, wenn ich ein solches Album gemacht hätte.

Aber ist es nicht schwierig, mit einer solchen Limitierung umzugehen?

Im Moment schreibe ich keine Songs, denn ich bin viel zu beschäftigt, das Album zu promoten und dann werden wir touren. Wenn das vorbei ist, kann es gut sein, dass ich wieder Songs schreibe, die eher in Richtung „Endorama“ gehen. Die würde ich dann aber eher für ein Projekt verwenden und ein neues Kreator Album auf Eis legen. An Kreator Songs werde ich erst wieder arbeiten, wenn ich in der richtigen Stimmung dazu bin. Das heißt jetzt nicht, dass ich mich limitieren lasse von irgendwelchen Fanerwartungen. Ich will einfach den richtigen Moment abwarten. Ich will mich mit einem Album auch gut fühlen. SPV drängten uns nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Studio zu gehen. Das wird auch so bleiben.

Ich finde, man kann an euren Alben erkennen, dass sie ehrlich sind. Wenn ich die Diskographie durchgehe, dann drücken die einzelnen Veröffentlichungen für mich verschiedene Stationen aus – ich erkenne in der Musik eine Art „Erwachsenwerden“, die ich gut nachvollziehen kann. Die ersten Alben sind wütend, aggressiv und rebellisch. Mit „Renewal“ beginnt dann eine Phase, in der man sich Neuem öffnet, andere Einflüsse auf sich wirken lässt und vielleicht auch aufnimmt. „Cause For Conflict“ ist für mich ein sehr kaltes Album, das sehr viel Hass ausdrückt. „Outcast“ ist eine Art Resultat aus diesen Erfahrungen, der Songtitel „Nonconformist“ drückt die Atmosphäre des Albums für mich am besten aus. „Enorama“ würde ich mit Resignation überschreiben und „Violent Revolution“ ist eine Zusammenfassung all dieser Erfahrungen und Atmosphären, wobei Aggression noch immer im Vordergrund steht.

Das hört sich doch gut, ich würde dem auch zustimmen. Wobei „Cause for Conflict“ für mich nicht kalt ist, sondern hektisch. Diese Platte hat für mich keine klare Linie, mir ist sie fast zu hektisch. Der Schlagzeuger hat aus musikalischer Sicht kein Timing – deshalb kann ich mir die Platte heute auch nicht mehr anhören.

Etwas erstaunt bin ich über Deine Einschätzung von „Coma Of Souls“ im Info des Labels und auf eurer Homepage. Du gibst dort zu jedem Album einen kurzen Kommentar ab, wobei „Coma Of Souls“ deiner Einschätzung nach zu sehr nach „Extreme Aggression“ klingt.

Ja, das war so: Wir kamen gerade von der Extreme Aggression Tour und wurden sofort ins Studio geschickt. Das war für uns nicht korrekt, wir waren auch noch gar nicht in der Stimmung für ein neues Album. Kommerziell gesehen war das Album sehr erfolgreich, aber meiner Meinung nach hatten wir zu der Zeit schon viele Dinge, die eher nach „Renewal“ klingen, im Kopf. Nur waren diese Ideen einfach noch nicht ausgereift. Wir haben praktisch im Kopf auf Stand By geschaltet. Deshalb wurden solche Ideen auf Renewal auch so extrem verarbeitet. Hätte man uns für „Coma Of Souls“ ein Jahr länger Zeit gegeben, dann wäre das „Coma Of Souls“ Album bereits eine Mischung aus „Coma Of Souls und „Renewal“ geworden. Die Entwicklung wäre vielleicht nachvollziehbarer gewesen. Be „Renewal“ haben ja viele Leute gesagt, dass sie diesen Sprung nicht verstehen können. Vom künstlerischen Standpunkt bin ich mit diesem Album nicht ganz so zufrieden, was aber nicht heißt, dass ich das Album nicht akzeptiere. Es war ein wichtiges Album, aber ich als Musiker habe mich damals so gefühlt, als ob ich eine Platte abliefern muss. Ich habe mir auch viel Mühe gegeben, aber ich hätten eben auch gerne mehr Zeit gehabt.

Das heißt, dass es einen bestimmten Rhythmus gibt, nach dem ihr arbeitet? Platte, Tour, Songwriting?

So war es damals. Heute lassen wir uns nicht mehr darauf ein. Jetzt sind wir allerdings wieder an einem Punkt, an dem es wieder anfängt. Ich habe meine restlichen Tourdaten bekommen und werde zweieinhalb Monate unterwegs sein. Du kannst Dir vorstellen, dass mich das ankotzt.

Ja, das sieht schon heftig aus… zwei Touren, direkt hintereinander…

Vor allem, weil ich in manchen Venues zweimal spiele, wahrscheinlich kommt mir der zweite Tag total sinnlos vor. Ich bin jetzt ganz ehrlich: Ich gehe schon gerne auf Tour, aber zweieinhalb Monate sind wirklich harte Kost. Anschließend sollen wir dann auf USA Tour. Das heißt, dass die Tour gut und gerne vier Monate dauern kann. Und das ist für mich eigentlich viel zu lange für mich… Du wartest den ganzen Tag, musst einen Dusche suchen, eine saubere Toilette, das Essen ist nicht gut, du hängst in einer komischen Gegend rum, in der es einfach nichts Interessantes gibt. Wenn du dann in die Stadt gehst und Museen besuchen willst, dann findest du nichts… diese ganze Tourerei ist unglaublich schrecklich für mich – diese Warterei, Zeit totschlagen. Du kannst diese Zeit auch nicht so nutzen, wie du dir das vorstellst. Ich nehme zwar einen ganzen Stapel Bücher mit und nehme mir vor, sie zu lesen. Das mache ich auch, aber du hast einfach nicht die Ruhe. Es latschen ständig Leute im Bus rum, nach ein paar Tagen geht man sich auf die Nerven. Ich bin dann immer sehr introvertiert und verziehe mich schnell…

Zurück zu Kreator und zum Image. Das Thema Limitierung durch Erwartung hatten wir ja schon, der zweite Punkt ist, dass Kreator irgendwie immer mit Destruction und Sodom verbunden werden. Das sind eben DIE drei deutschen Thrash Bands.

(lacht) Also ich muss dir ganz ehrlich sagen: Ich mag beide Bands sehr gerne. Aber rein musikalisch, vom textlichen Konzept und von der künstlerischen Ästhetik her haben Kreator weder mit Destuction noch mit Sodom viel zu tun.

Aber das Bild ist in den Köpfen und wird im Moment ja auch wieder sehr unterstützt: Es gibt eine Tour mit den drei Bands und andere Beispiele wie das RockHard Cover.

Ich verstehe, was du meinst. Ich habe letztens mit jemandem gesprochen, der mich gefragt hatte, warum ich mich denn so gegen diese Tour gesträubt habe, er hatte das in irgendwelchen Interviews gelesen. Es liegt nicht an Sodom oder Destruction – aber keine Band sieht es gerne, wenn sie ständig im Kontext mit anderen Bands, die zwar etwas ähnliches aber nicht dasselbe machen, erwähnt werden. Auf dem Summerbreeze habe ich mich mit einem Typen von IN EXTREMO unterhalten, und er kannte Kreator nicht so genau und meinte, dass wir ja auch so ultraschnell seien. Ich sagte dann zu ihm: „Und ihr seid doch so ähnlich wie Subway To Sally“ – das fand er auch nicht so gut. Ich meinte es ja nicht böse. Aber es ist halt so: Keine Band sieht sich gerne im Vergleich mit anderen. Wir arbeiten lange genug an unserer Musik, um etwas eigenes zu machen. Ich mag Destruction, ich mag Sodom, ich bin auch sicher, dass die Tour gut wird. Aber es nicht so, dass wir Brüder oder etwas vergleichbares sind. Ich werde nicht bei Thomas anrufen, um mir Tipps zu holen – dieses Bild entspricht einfach nicht der Realität.

Ich denke, dass die Tour ja auch in erster Linie für bestimmte Fans gedacht ist. Ich war damals zu den Hochzeiten dieser Bands einfach zu jung…

Ja, das ist auch der Grund, warum wir die Tour machen. Das hat weniger etwas mit Nostalgie zu tun. Ich war immer noch etwas skeptisch, aber alle drei Band haben gute Alben abgeliefert und deshalb gibt es jetzt die Tour.

Das dritte, was mir sofort zu Kreator einfällt, ist der Begriff „Ruhrpott-Metal“. Dazu kommt, dass „Violent Revolution“ ein Textkonzept hat, das stark mit dem Thema Großstadt verbunden ist. Man kann dieses Klischee jetzt wieder wunderbar aufleben lassen.

(lacht). Ja, Ruhrpott Metal – ich frage mich immer, was das eigentlich sein soll. Ich kenne im Ruhrpott nicht so viele Bands. Klar, es gibt Sodom – doch die zähle ich erst mal nicht dazu, denn sie stehen für sich selbst. Im Untergrund gibt es sehr viele Bands, manchmal gut, manchmal schlecht, aber ansonsten ist da nicht viel los. Rage und Axel Rudi Pell machen schließlich etwas anderes.

Wenn man drüber nachdenkt, dann ist dieses Etikett wirklich seltsam. Zu Sacred Steel sagt ja auch keiner Schwaben Metal.

(lacht) Genau das ist es. Ich bringe eine Band wie Sacred Steel ja auch nicht mit dem Schwabenland in Verbindung, man weiß dass sei aus Süddeutschland sind, aber das war es dann auch. Ich lasse mir das Etikett „Ruhrpott-Metal“ schon gefallen. Wir drücken das ja auch mit unserer Bildästhetik aus, wir machen gerne Fotos auf Industriegeländen, diese Industrieästhetik ist schon Teil des Konzepts – insofern kann man schon von Ruhrpott Metal sprechen. Wir stehen natürlich zu dieser Gegend. Unsere Texte sind von diesen tristen Industrielandschaften geprägt. David Lynch hat mal gesagt, für ihn sei Natur nur in Verbindung mit einer Fabrik schön. Das kann ich sehr gut nachvollziehen – hier hast du auch eine sehr schöne Wiese, und im Hintergrund steht ein Förderturm. Das prägt schon, aber nicht in diesem Sinne, dass wir den ganzen Tag schlechte Laune haben, weil wir aus dem Ruhrpott kommen.

Ist halt auch eines dieser Klischees, das man so mit sich rumschleppt und auf das man reinfällt, wenn man nicht nachdenkt. Ruhrpott = Schimanski.

Hehehe. Jaja, wie heißt doch gleich der Stuttgarter Kommissar?

Bienzle – aber der ist auch ein wandelndes Klischee..

Ja, klar. Es hat sich hier auch viel verändert. Klar früher war das Ruhrgebiet eine Malochergegend. Bergbau, Fabriken – was weiß ich. Diese ganzen Anlagen existieren gar nicht mehr in dieser Form, sondern wurden zu Kulturzentren umgebaut. Im Jahr 2001 hast du hier Kultur statt Kohleförderung. Durch das Massensterben der Zechen und die Umgestaltung ist hier alles sehr vielseitig geworden. Ich war letztens in einem ehemaligen Gasometer, in dem heute Ausstellungen stattfinden – das ist superinteressant. Dadurch, dass die ganzen Gebäude hier noch rumstehen, haben wir hier viel Raum für Kultur. Die Zeche Carl war früher ja wirklich eine Zeche. Da, wo sich die Leute früher gewaschen haben, sind jetzt Konzerte; im Keller, wo früher Maschinen und Lager waren, proben heute Bands.

Es sind halt einfach diese komischen Ideen, die man im Kopf hat, wenn man bestimmte Dinge hört.

Ja, über die Schwaben sagt man ja auch, dass sei geschäftstüchtig und geizig sind..

Jepp, stimmt aber auch nur bedingt…Dieses Denken in bestimmten Mustern ist wohl auch nicht immer leicht aufzugeben. Hast du in diesem Zusammenhang eigentlich einen Kommentar zu dem Film „Thrash Altenessen“?

Mhm…Ja. Irgendjemand wollte den letztes sehen und so habe ich mir diesen Film nach all den Jahren noch mal angeschaut, ich musste ihn aber ganz schnell wieder ausmachen. Die ganzen Leute in dem Film – zum Teil sind sie tot und ich habe daran auch ganz komische Erinnerungen. Thrash Altenessen ist auch zu einer Zeit entstanden, als das ganze Ruhrgebiet noch im Aufbau war, 1989 war das wohl. Es gab jemand aus Süddeutschland, der eben auch dieses Klischeebild verinnerlicht hatte, und er hat auch nur die Ecken gefilmt, die er sehen wollte: ein trostloses Ruhrgebiet ohne Zukunft, mit Leuten, die nur rumhängen und keinen Spaß am Leben haben, Perspektivlosigkeit… und so weiter. Was der Typ mir vorher gesagt hatte, hat mit dem Film, wie er dann eben war, nicht viel zu tun. Er hast sich mehr daran aufgehalten, wie viel in den Schrebergärten gesoffen wird. Im Ruhrgebiet gibt es nicht nur Alkoholiker und eben eine Bands, die sich da rausholt, indem sei Musik macht, sondern noch eine ganze Menge anderer Kulturen. Das hätte man sicher anders darstellen können. Ich kann mich aber auch nicht dagegen wehren, dass viele Leute diesen Film als „Kult“ empfinden.

Nicht nur das Ruhrgebiet hat sich verändert, sondern auch die Band Kreator. Wie groß war denn der Einfluß der Arbeiten am Best Of Album „Past Life Trauma“ auf „Violent Revolution“?

Past Life Trauma“ war eine Sache, die ich innerhalb von zwei, drei Wochen gemacht habe. Ich musste da ein bisschen recherchieren, ein bisschen altes Material zusammentragen und mir das Ganze tausendmal anhören, da wir die Tracks ja remastert haben. Es war schon eine Art Einfluß, weil ich mir die alten Songs mal wieder richtig intensiv angehört habe. Dabei habe ich die Qualitäten neu entdeckt, dieses schnelle, harte Riffing – was wir auf Alben wie „Endorama“ und „Outcast“ etwas vernachlässigt haben, da wir mehr Raum für Melodien und Spielereinen lassen wollten. Insofern hat sich die Arbeit an „Past Live Trauma“ schon auf „Violent Revolution“ ausgewirkt.

Welche Rolle spielt denn die Studiotechnik, die sich ja auch verbessert hat?

Dass sich die Studiotechnik verbessert hat, heißt nicht, dass die Bands weniger arbeiten müssen. Das ist genau das gleiche, wie wenn du deinen Computer als Schreibmaschine benutzt. Dadurch, dass du einfacher korrigieren kannst, gibt’s du dir ja auch nicht weniger Mühe für den eigentlichen Text. Du hältst Dich an bestimmten Dingen weniger auf, aber gut muss es trotzdem werden. Die Technik, auch die Studiotechnik, kann keine Wunder vollbringen. Si eist einfach nur ein nettes Hilfsmittel. Wir spielen ja eigentlich alles in den Computer, außer Schlagzeug und Bass geht alles direkt in den Rechner – dort kann man natürlich editieren, verschieben, oder bestimmte Dinge modifizieren. Die Performance muss aber dennoch da sein. Es ist genauso viel Arbeit wie vorher, nur kannst du dadurch, dass du diese technische Stütze hast, anders arbeiten.

Das Songwriting von „Violent Revolution“ erscheint mir detailverliebter, es gibt eine ganze Reihe an schönen, zweistimmigen Gitarrenmelodien. Das hört sich nach verdammt viel Arbeit an.

Ja, war es auch. Das ist Arbeit, die wir auch in „Endorama“ gesteckt haben. Nur waren bei diesem Album einfach subtilere Dinge, die nicht so direkt und offensichtlich waren und eher im Hintergrund abliefen. Wir haben nun den Focus verlagert und uns auf andere Dinge konzentriert. Wir haben teilweise schon stundenlang an einer Gitarrenharmonie gehangen – aber das sorgt für Abwechslung. Die Songs sind abwechslungsreich und dennoch nachvollziehbar, weil sie aus Schlagzeug, Bass und Gitarren bestehen.

Gerade den Anfangspart von „Servant in Heaven, King In hell kann ich mir ohne Probleme x-mal hintereinander anhören – die Melodien auf dem Album kontrastieren ziemlich mit dem normalen Riffing.

Ja, eben. Alles, was du da hörst, klingt vielleicht ein bisschen wie Keyboards – es sind aber nur Gitarren, über- und nebeneinandergelegte Harmonien. Ist gut gelungen.

Diese Sache gibt dem Album auch einiges an Tiefe, denn beim ersten Hören erschließen sich gar nicht alle Melodien.

Genau – wir konnten weil wir auf diese ganzen technischen Hilfsmittel wie Loops und Samples, verzichtet haben, die wir bei „Endorama“ verwendet hatten, uns auf ganz andere Dinge konzentrieren.

In dem Zusammenhang frage ich mich, wie du denn mit dem neuen Gitarristen Sami zusammenarbeitest. Durch die räumliche Distanz könnt ihr euch ja nicht eben kurz verabreden.

KREATORDu kennst doch den Bonustrack auf dem Digipack – das ist eine Demoversion. Diese Rohversion geht dann an den Gitarristen und dann machen wir die Songs gemeinsam fertig. Auf unserer Homepage war ein Kommentar, dass es ja kaum einen Unterschied gäbe – ich finde aber schon, dass da ein Unterschied ist. Der Weg zu dieser 30 %igen Steigerung der Klangqualität, Sound und Intensität ist sehr schwer zu erreichen. Vielleicht hören auch nicht alle diesen Unterschied, ich finde ihn aber sehr wichtig – ansonsten könnten wir ja gleich die Demos rausbringen. Das wäre aber nicht dasselbe, sondern einfach nur hingeklatscht.

Wenn man den Hintergrund kennt, dann ist es sicher eine interessante Sache, die Entstehung eines Songs auf diese Weise zu verfolgen.

Vielleicht hätten andere Songs den Unterschied noch mehr verdeutlicht. Du musst dir das so vorstellen: Dieser Song ist in einer halben Stunde aufgenommen worden. Die Albumversion hingegen sind drei Tage intensive Arbeit, 12 Stunden pro Tag. Dadurch entsteht eben auch eine intensivere Performance.

Was diesen Digipack angeht: Wie fühlt man sich als Band, wenn einem vorgehalten wird, dass die Limitierte Version fünf bis acht Mark teurer ist als die normale? Ich gehe mal davon aus, dass es eine Business Entscheidung war – dennoch muss die Band mit den Beschwerden leben.

Soll ich dir mal was sagen? In Wirklichkeit könnten CDs 20 DM kosten, da würden noch alle dran verdienen. Eine CD kostet in der Herstellung, lass mich nicht lügen, ungefähr fünf Mark. Der Rest ist Gewinn. Und es ist nicht so, dass die Bands 20 DM einsteckt – da bekommt man vielleicht 2, 3 Mark, der Rest geht an Läden, Vertrieb, Handel. Wenn die CD 35 Mark anstatt 30 kostet, gehen diese 5 Mark an Laden XY. Das schlimme ist, dass das heutzutage einfach so hingenommen wird. Einerseits würde ich mir wünschen, dass die Leute hergehen und einfach die CD als solche boykottieren – andererseits kann ich mir das nicht wünschen…

Ist klar..

Man ist als Künstler in einer Zwickmühle. Ich kann ja nicht die Leute dazu aufrufen, CDs zu brennen. Das geht nicht, denn dann kann man keine neue Platte mehr produzieren, weil das Label sagt, wir verdienen nichts an der Band und können euch deshalb keine Aufnahme finanziere und so weiter und so weiter. Ich glaube, eine Art Preissturz wäre das beste für alle. So in der Art, dass ab Datum XY CDs nur noch 20 Mark kosten. Dann würde es den Plattenfirmen auch von heute auf morgen besser gehen – einfach weil man sich dann auch spontan eine CD kaufen kann. Stell dir vor, du kannst einfach CDs kaufen, ohne dass du dir überlegen musst, ob du dir es überhaupt leisten kannst. Ich lasse mir mache Sachen brennen lasse und höre mal rein. Wenn es mir gefällt, dann kaufe ich die CD natürlich – nur ich habe mich auch schon ein oder zweimal dabei ertappt, dass ich die CD dann eben doch nicht gekauft habe. Es ist halt auch so, dass man sich viele nicht alles leisten können – das war schon in den Achtzigern so. Da hat man sich die Scheiben eben ausgeliehen und eine Kassette gemacht. Heute ist es um einiges extremer. Ich wäre echt mal gespannt, was passieren würde, wenn die CDs billiger wären. Ich glaube, dann würden alle Bands – nicht nur Metal Bands – besser verkaufen. Im Moment machen die Leute eben einfach nicht mehr mit, weil das ganze viel zu teuer ist.

Sehe ich ähnlich – vor allem, weil die ganze Metal Szene doch recht unübersichtlich ist und die Möglichkeiten, sich über Neuerscheinungen zu informieren, doch begrenzt ist. Insofern überlegt man wirklich zweimal, ob man sich eine CD blind bzw. ohne reinhören kauft. Denn ehrlich gesagt, zweifle ich daran, dass man sich ausschließlich auf Kritiken verlassen kann.

Das geht absolut nicht, denn ich habe meinen eigenen Musikgeschmack. Ich lese mir die Kritiken schon durch – aber eine Kritik ist immer auch personenabhängig. Was Person A richtig gut findet, muss mir noch lange nicht gefallen und umgekehrt stehe ich vielleicht auf eine Platte, die ein Kritiker einfach nur belanglos findet.

Ja, es ist schon verdammt schwer, vollkommen objektiv zu sein, wenn nicht gar unmöglich.

Ist ja auch ganz normal. Musik ist ja auch eine emotionale Sache und das ist sehr schwer zu beschreiben. Man kann als Kritiker die Musik beschreiben und beschreiben, wie sie auf die eigene Person wirkt – ob das auf andere Personen dann übertragbar ist, ist fraglich. Selbst wenn du einen Lieblingsschreiber hast, muss sich sein Geschmack mit deinem nicht immer decken. Wenn ich Kritiken lese, dann denke ich mir, ok da hörst du mal rein.

Kommt mir bekannt vor – aber jetzt zu etwas anderem: Eine Zeile aus Servant In Heaven, King in Hell blieb bei mir hängen: Some born to win, some born to lose what fate may come only time can tell das ist jetzt zwar zugegebenermaßen etwas aus dem Zusammenhang gerissen, aber dieser Satz klingt sehr fatalistisch für mich…. und passt somit eigentlich nicht zu Kreator.

KREATOR,Ja. Aber es ist nur ein Text von vielen. Ähm… (überlegt) Nein, pass auf: Für mich hat es eine andere Bedeutung und keinen fatalistischen Charakter. Ich kenne total viele Leute, die nur jammern. „Ich kann nichts verändern, ich habe Angst vor dieser Entscheidung oder vor jener. und so weiter. Da denke ich mir manchmal, dass es eben zwei Möglichkeiten gibt: Entweder Du machst was, oder du machst nichts. Wenn du etwas unternimmst, dann wirst du schon sehen, was passiert. Machst du nichts, passiert auch nichts. Wenn Du morgen beschließt, dein Internet Magazin zuzumachen, dann ist es zu. Wenn du aber weiter machst, dann machst du weiter. So ist es auch mit meiner Band, mit allen Dingen im Leben. Es gibt natürlich Dinge, die du nicht ändern kannst. Du kannst dir vornehmen, dein Leben zu ändern und wirst am nächsten Tag von der Straßenbahn überfahren – daran kannst du nichts ändern. Ich finde dieses Satz nicht fatalistisch, sondern eher positiv – es hat für mich eher die Bedeutung, dass man sich keine Sorgen machen soll. Mach irgendetwas – Du wirst sehen, ob es klappt. Geht es daneben, musst du dir eben etwas neues überlegen. Ich mag diese Jammerlappen nicht -…

Mhm. Kann ich verstehen. Solche Menschen machen sich selbst das Leben schwer und ganz ehrlich – es ist auch nicht immer einfach, damit umzugehen.

Ja, denn man wird mit nach unten gezogen. Man kann einreden, soviel man will – aber solange es diejenigen nicht selbst erkennen, kann ihnen keiner helfen. Denn man muss sich selbst da raus holen. „Violent Revolution“ hat auch ein bisschen die Grundaussage, dass man sich selbst helfen muss. Es wird keiner kommen und dich aus deinen Loch holen. Man muss die Dinge selbst in die Hand nehmen. Die Grundaussage ist: Es ist zwar alles Scheiße, aber wenn man nichts tut, dann bleibt es auch so. Wenn man nichts unternimmt, dann bleibt alles schlecht – und wenn man etwas tut und es ändert sich trotzdem nichts, dann hat man wenigstens etwas getan.

Das lese ich aus vielen Texten von euch raus – dass man selbst etwas unternehmen kann.

Ja, der Text ist auf gar keinen Fall fatalistisch – eher im Gegenteil.

Wie ist es denn, wenn sich ständig Fremde Gedanken über deine Texte machen und versuchen, diese zu interpretieren – und dabei vielleicht nicht zwischen Person und Künstler trennen? Ich stelle mir das recht schwierig vor..

Ja…also, wenn ich die Texte von irgendjemanden lese, dann denke ich manchmal, dass ich etwas über die Person erfahre. Aber das ist nicht so – denn die Person setzt sich hin und schreibt einen Text, aus dem sie sich aber auch nicht vollkommen rausnehmen kann. Wenn ich einen Text mache, dann ist das immer beeinflusst von dem, was ich erfahren habe, von meinem Leben, von dem was ich empfinde und durchmache.. Natürlich filtere ich da auch, so dass es meinen Ansprüchen genügt. Wenn dann Leute das Ganze interpretieren und auseinander nehmen, dann ist das gut. So erfahre ich selbst etwas darüber, wie die Texte auf andere wirken. Wenn ich mir die Texte durchlese, dann denke ich manchmal, da hätte es besser sein können oder da der Text sinnvoll. Komischerweise erscheinen mir Texte von mir immer erst nach einer gewissen Zeit sinnvoll. Schreiben ist für mich ein eher intuitiver Prozess. Manche Dinge erschließen sich mir erst nach einer bestimmten Zeit, wenn ich mir die Texte noch mal durchlese. Zum Beispiel, was du gesagt hat – ich rede dann mit dir darüber und dabei wird mir klar, was ich damit meinte. Es steckt vielleicht auch gar nicht so viel hinter den Texten, wie du dir jetzt vorstellst. Ich sitze da nicht 500 Jahre und überlege mir etwas, haha.

Es gäbe aber auch die andere Möglichkeit: Ich schreibe als Musiker nur noch über Ritter und Schlachten.

Ja, das ist suuuuper. Damit kann ich dir sofort 15 Texte schreiben, gar kein Problem.

Aber Du umgehst damit auch viele Fragen, die vielleicht zu persönlich sind.

Klar, Schon. Und du hast 100 Konzepte, du brauchst dir nur ein paar Geschichtsbücher zu holen. Album eins behandelt die Schlacht im Teutoburger Wald, das nächste was weiß ich was.. das ist doch albern – das ist nicht besonders schwierig.

Deshalb kann ich solche Bands auch nicht hören. Ich bin da recht kritisch, was das Gesamtkonzept angeht. Es gibt bestimmte Bands, da achtet man auch nicht auf die Texte. Aber man hört, dass da völlig dummes Zeug gesungen wird. Aber jeder sollte das so machen, wie er das für richtig eracht.

Musik sollte also über ein rein akustisches Erlebnis rausgehen?

Ja, unbedingt. Jeder denkt, Musik hätte nur eine akustische Wirkung – das ist aber total falsch. Musik ist ja eine Kombination aus Gefühl und Sound. Erst ist die oberflächige Wirkung da, etwas gefällt dir rein vom Klang her. Aber wenn die Musik dir auch noch ein Gefühl vermitteln kann, dann ist das viel wertvoller. Vielleicht kann man das mit Techno Freaks oder Goa Leuten vergleichen – wenn die in eine Disco gehen und ihre Musik hören, dann haben sie dabei auch ein gutes Gefühl, ein „mechanisches“, zu dieser Musik können sie sich gut bewegen. Wenn du eine Band hörst, die auch noch textlich was sagt, bei der viel rüberkommt, dann gibt es eine zusätzliche Verbindung. Das ist für mich nicht so oberflächlich. Deshalb bin ich wohl auch kein so großer Techno Fan…

Wenn ich die Kreator Texte so durchsehe, meine ich dass die Texte viel offener für Interpretationen sind. Bei einem Song wie Bringer of Torture gab und gibt es einfach nichts interpretieren.

Die Texte sind allgemeiner geworden. Bringer of Torture ist ein gutes Beispiel, der Song erzählt eine Geschichte, die man sich im Kopf zusammenstellen kann. Das ist bei den neuen Sachen nicht mehr so. das Album „Violent Revolution“ ist in dieser Beziehung sehr persönlich, ich spreche auch in der Ich-Form. Es geht nicht um irgendwelche Typen.. Texte wie Reconquering the throne bieten sehr viel Raum für eigene Interpretationen. Es gibt immer ein Oberthema, aber wenn ich ein Stück namens Violent Revolution schreibe, dann schreibe ich nicht über die Französische Revolution, sondern über meine Erfahrungen.

Auf eurer Homepage steht, dass ihr für die Tour Videosequenzen eingeplant habt – ich stelle mir da auch eine eher abstrakte Darstellung von Atmosphäre vor, sprich keine klaren Bilder, die eindeutig zuordenbar sind. Kannst du da schon was verraten?

Ja, wir arbeiten im Moment dran. Aber, ehrlich gesagt, sieht es im Moment so aus, als ob es einige Probleme geben wird. Um meine Vorstellungen zu verwirklichen, ist es fast schon zu spät. Man hätte sich im Vorfeld mehr Zeit nehmen müssen. Die technischen Möglichkeiten hätten wir, finanzielle Seite ist auch nicht so katastrophal – sprich wir können uns das leisten. Nur, es bringt absolut nichts, wenn wir die ganze Sache jetzt übers Knie brechen. Wir wissen noch nicht genau, was wir machen werden. Wir hatten vor, aus allen Videos von uns die Sequenzen rauszunehmen, in denen die Band nicht vorkommt und dann Bild-Collagen und Bild/Soundcollagen zu machen. Das ist eine ziemliche Fummelarbeit. Ich weiß nicht, ob wir es hinbekommen… Als ich mich mit den Leuten, die dafür dann zuständig wären, getroffen habe, wurde ich ziemlich ernüchtert. Mal sehen, was jetzt daraus wird.

Schade, denn ich habe mir das sehr spannend vorgestellt, zumal es auch zu der Band passt, weil der visuelle Aspekt noch deutlicher geworden wäre.

Ja, es gibt eine Alternative: wir wollen das Plattencover dreidimensional auf die Bühne bringen. Wenn diese Videoshow nicht klappen sollte, dann Lichtshow ganz groß.

Wie stehst du Dann zu Festivalshows, wo man nicht immer eine große Show auffahren kann – es sei denn man ist Headliner?

Tja, hehe – man fühlt sich ein wenig nackt. Man ist schon sehr ausgeliefert und muss sich viel, viel Mühe geben. Gerade, wenn es nachmittags ist und man einfach so dasteht… hehe. Man kann sich in einer Lichtshow nicht verstecken, aber das Licht an sich wirkt ja auch schon von sich aus und unterstützt die Musik.

Mhm, ich denke, ich weiß, was du meinst. Ich habe euch beim Bang Your Head gesehen und beim Summerbreeze – also einmal bei strahlendem Sonnenschein und einmal mit großer Lightshow.

Ja, was ein Unterschied, oder?

Schon. Es beeinflusst vor allem die Erinnerung an einen Auftritt.

Ja – bestimmte Bands wirken auch nicht im Hellen. Kommt aber auch auf die Situation an. Wenn ich eine Band wirklich erleben will, dann ist es schon besser, wenn es dunkel ist. Wenn man aber nur einfach in der Menge stehen und den Kopf schütteln will, dann ist es egal.

Dann tippe ich mal, dass euch Clubshows mehr Spaß machen?

Ja, eher Clubshows, denn da kann man einfach mehr Kontakt zum Publikum herstellen. Und man kann sich die Bands aussuchen – beim Festival spielt man vielleicht vor einem größeren Publikum, aber es sind halt auch viele Fans anderer Bands dabei. Beim Bang Your Head zum Beispiel waren sicher auch viele dabei, die Stratovarios sehen wollten.

Wobei Kreator auf der anderen Seite auch schon mit Moonspell unterwegs waren – das war ja auch ein nicht unbedingt passendes Package? Ich denke, dass sich die Fans der beiden Bands im Grunde schon unterscheiden.

Ein solches Package ist auf jeden Fall interessanter. Allerdings habe ich Moonspell kürzlich mit einer Elektroband beim Sonic Seducer Festival gesehen und es war eine Katastrophe. Ich bin ja eigentlich immer dafür, dass man Bands mischt und dass Abwechslung geboten wird – nun bei dem Konzert sind nach dieser Elektroband die Hälfte der Leute nach Hause gegangen. Es muss dann doch auch immer passen – Moonspell und Kreator waren zwei Metalbands, bei Sonic Seducer Festival stand eben eine Elekrtoband und eine Metalband auf der Bühne. Es geht nicht immer gut, und man muss auch darauf achten, dass solche Packages im Rahmen bleiben, denn so tolerant ist das Publikum nun auch nicht.

Was glaubst du, wohin geht die Entwicklung – das Bang Your Head hatte mit Kreator und Six Feet Under zwei Bands auf dem Billing, die eher aus dem Rahmen fallen, was mich persönlich sehr gefreut hat – auf der anderen Seite ist eben die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, die Billings quer durch alle Genres zu buchen.

Ja.. ich war gerade auf dem BYH dann auch sehr tolerant, weil es dort so schön und nett ist. Verglichen mit Wacken ist es dort schöner und nicht so schlammig und schmierig.

Und nicht so voll…

Ja genau, nicht so voll. Da ist man dann auch schon mal toleranter gegenüber Bands, die man nicht so mag. Das BYH ist ein sehr nettes Metal Festival, ich war überrascht. Ich glaube, dass die Metal Festivals so strukturiert sind, dass viele Bands spielen – so wie beim Wacken, wo wir nächstes Jahr auch spielen werden. Das ist auch gut – andererseits muss man abwarten.

Es ist einfach auch so, dass immer bestimmte Richtungen populär sind. Black Metal, Power oder True Metal… wie auch immer. Ich habe im Moment den Eindruck, dass sich in der Thrash Szene was tut. Die Frage ist eben, wer welche Rolle dabei spielt – ob es von Fans oder von Medien ausgeht.

Wie soll ich sagen… anscheinend konzentrieren sich wohl auch die Fans plötzlich auf bestimmte Richtungen. Wir waren ja immer da, und machen auch nichts großartig anders als früher. Doch plötzlich sind die Fans wieder da. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Es sind wohl ein bisschen die Medien und es gibt innerhalb der Szene auch Wellen. Die Leute haben vielleicht auch einfach keinen Bock mehr.. Wie lange ging das jetzt mit dem Truemetal?

Viel zu lange..

Jaaaaa – aber keine Ahnung, woran das lag. Vielleicht gab es ja auch ein paar gute Bands, keine Ahnung, ich konnte da einfach daran nichts finden, ich habe mich wirklich nicht für diese Musik interessiert. Andererseits muss man auch sehen, dass es auch eine Menge Leute gibt, die diese erste Welle nicht miterlebt haben. Das hieß damals zwar anders, aber die heutigen Manowar/Accept Kopien sind vielleicht gerade für die jüngeren, die das ganze eben noch nicht erlebt haben, interessant.

Gibt es denn irgendwelche Bands, mit denen du gerne touren würdest – sämtlich finanziellen, terminliche und sonstige Probleme außer Acht gelassen?

Früher hätte ich wahrscheinlich zehn meiner Lieblingsbands gesagt, heutzutage weiß ich, dass das sehr desillusionierend sein kann. Wenn sich dann herausstellt, dass die Typen Arschlöcher sind, hehe… Aber ich würde gerne noch mal was mit Six Feet Under machen, ich mag die ganz gerne als Menschen und ich finde die Musik ganz gut.

Wie sieht es denn aus mit der geplanten Zusammenarbeit mit Carl McCoy? Da geistern ja schon seit einer ganze Weile Gerüchte umher..

Naja, ich hatte ihn per Mail kontaktiert, er hat dann auch geantwortet. Ich habe darauf hin gleich im Studio Bescheid gesagt, dass eventuell ein Gastsänger kommen wird, ihm eine Mail geschickt und geschrieben, wann ich in England bin – doch ich habe leider nichts mehr von ihm gehört. Er scheint sehr eigenartig zu sein… Ich würde nach wie vor sehr gerne etwas mit ihm machen, mal sehen, ob das noch klappt.

Zum Schluß möchte ich dir noch unsere drei Standardfragen stellen: Welche drei Alben hast du dir in den letzten 14 Tagen am häufigsten angehört?

System of a Down – Toxicity

The Cult – Beyond Good And Evil

The Mission – Aura

Wen würdest du gerne mal treffen?

Eigentlich niemanden… vielleicht jemanden von einem anderen Stern – falls es da jemanden geben sollte.

Gibt es ein Erlebnis bei einer Show, an das du dich besonders gut erinnerst?

Wenn ich eine solche Frage bekomme, dann sage ich meistens, dass es keine besonderen Momente gibt. Es ist mehr das Erlebnis, live zu spielen, etwas besonderes. Energie freizusetzen, die von Publikum wiedergegeben wird – dieser Austausch. Das Hört sich vielleicht blöd an, aber das ist schon so eine Art Magie. Es ist eine Kommunikation, die bei einem guten Live Konzert immer wieder erstaunlich ist!

Interview: vampiria

Layout & Live-Pics: boxhamster

KREATOR online: www.kreator-terrorzone.de


andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...