EXARSIS: “Wir würden gar nichts anders machen!”

Mit “Sentenced to Life” haben EXARSIS ein unterhaltsames Up-Tempo-Thrash Metal-Album mit herausstechender Gitarren-Arbeit abgeliefert. Grund genug, um mit Schreiber-Kollegen und Sänger Nick Tragakis ein paar Worte zu wechseln.

Zuerst einmal Gratulation zum neuen Album “Sentenced to Life“. Der Up-Tempo-Thrash Metal hat mich ziemlich mitgenommen. Wie beurteilt ihr selbst das Album?

Vielen Dank für die netten Worte. Wir schätzen das Album als das bislang vielfältigste und melodischste ein und als eine kleine Mixtur von Geschmacksrichtungen (abseits des Thrash Metals) zum ersten Mal in unserer Diskographie. Es ist aber auch ein Triumph für uns als Band nach einem zweieinhalb Jahre andauernden Kampf aufgrund von personellen Veränderungen, die uns als EXARSIS einem Test unterzogen haben. Wir sind stolz, dass wir schlussendlich so stark wie nie zuvor zurückgekommen sind – mit einem neuen Line-Up und frischer Killer-Musik „to melt your face“.

In vielen Reaktionen wird die Rückkehr von Gitarrist Christos Tsitsis als besonders prägend für die neuen Songs empfunden. Wie steht ihr selber dazu?

Naja, die Beteiligung von Christos auf dem neuen Album hat wenig mit der Art und Weise der Tracks an sich zu tun, als dass er einzig den Großteil der Lead Gitarren komponiert und eingespielt hat. Versteh mich nicht falsch, das ist schon auch sehr wichtig, aber er hat keinen Riff komponiert oder mit uns das Songmaterial strukturiert. Auch war er nicht in die Entscheidung involviert, in welche Richtung das Album gehen soll. Christos bekam die Aufnahmen und fügte seine Magie in Sachen Gitarren-Soli hinzu – und das war wie gewohnt ein Killer-Job. Und, er ist kein permanentes Mitglied der Band.

Wie fühlt sich der Rest der Band, wenn so viel Augenmerk auf den neuen, alten Gitarristen gelegt wird?

Es ist großartig, weil er einfach ein unvergleichliches Talent hat. Er bekommt die Aufmerksamkeit, die er verdient. Aber, wie schon gesagt, er ist nicht zurück in der Band, sondern hat seine Soli für das Album beigesteuert. Er ist mit seinen zwei Haupt-Bands (BONDED und DESTROY THEM) ausgelastet. Wir haben aber mit George Karvouniaris einen neuen fixen Gitarristen, der ebenfalls ein paar Leads fürs Album eingespielt hat.

Wie kam es dennoch dazu, dass EXARSIS und Christos wieder zueinander gefunden haben?

2018 und nach der bis dahin besten Ära von EXARSIS, standen Chris (Bass) und ich ohne Line-Up da – nur wir zwei, aber mit einem Album würdigen Material, das bereit war, aufgenommen zu werden. Wir haben dann nach passenden Leuten gesucht, die mit uns zusammenarbeiten könnten, und haben Panagiotis Meletis für das Schlagzeug gefunden. Gitarrist war jedoch keine in Sicht. Wir hatten die Rhythmus-Gitarren-Passagen bereits durch unseren ehemaligen Gitarristen eingespielt bekommen, daher baten wir Christos Tsitsis, um uns auszuhelfen. Als dann das Album zu den letzten Aufnahme-Session gelangte, haben wir George gefunden, der dann noch ein paar fehlende Puzzleteile zum Ganzen beigesteuert hat.

Du schreibt ja für den griechischen Metal Hammer: wie bewertest du als objektiver Redakteur den Gesang von Nick Tragakis – also dir?

“Als ein objektiver Hörer würde ich meine Vocals als Over-The-Top-Performance für schnelle Metal-Musik einstufen.”

Das ist eine gute Frage. Ich schreibe für den Metal Hammer seit zehn Jahren und es ist ziemlich herausfordernd, diese „duale“ Rolle auszufüllen. Gleichzeitig versuche ich – aus ganz offensichtlichen Gründen – den größtmöglichen Abstand zwischen diesen Rollen zu halten. Als ein objektiver Hörer würde ich meine Vocals als Over-The-Top-Performance für schnelle Metal-Musik einstufen, die der Aggressivität der Musik und der Lyrics zu folgen und auszudrücken versuchen. Diese Mal haben wir auf einen melodischeren Zugang für unseren Thrash Metal abgezielt – so wie es unsere Thrash Metal-Helden der 80er gemacht haben, als sie zur Inspiration zu deren traditionellen Heavy Metal-Einflüssen aufgeschaut haben. Somit habe ich mit meiner jüngsten Gesangsperformance meinem Heavy Metal-Background nachzueifern versucht. Sei es JUDAS PRIEST, SATAN, MERCYFUL FATE, RIOT und IRON MAIDEN, aber sogar auch einige Sänger aus dem Hard Rock und Glam Metal.

Gibt es in puncto Gesang bestimmte Vorbilder?

Den größten Einfluss auf mich haben ROB HALFORD und KING DIAMOND sowie die beiden WATCHTOWER Sänger (Alan Tecchio und Jason McMaster), Russ Anderson von FORBIDDEN, aber auch mit Abstrichen der Gesang von VIO-LENCE und NUCLEAR ASSAULT. Aber ich muss zugeben, dass ich – infolge von unseren neueren Riffs – auch ein wenig bei meinen Hard Rock-Einflüssen gekramt habe. Da wären dann noch IAN GILLAN, ROBERT PLANT oder sogar Stephen Peacy (RATT) und Miljenko Matijevic (STEELHEART) für die idealen Vocal-Lines – und das klappte.

Man sieht es dem Cover-Artwork gar nicht so an, aber ihr habt nach vier Alben mit Andrei Bouzikov nun erstmals mit Dan Goldsworthy zusammen gearbeitet. Was gab den Ausschlag dazu?

Andrei will mit uns nicht mehr zusammenarbeiten nach den negativen Schlagzeilen, welche das Cover von unserem vorherigen Album verursachte. Somit hat er sich zurückgezogen. Wir haben dann nach dem richtigen Mann gesucht und wurden in Dan fündig, dessen hauptsächlicher Stil zwar etwas anders ist, aber hey: dieser Typ weiß, wie man ein Cover im Stile der klassischen 80er-Jahre Thrash-Kunstwerke kreiert! Man kann seine exzellente Arbeit auch auf dem jüngsten XENTRIX Album finden. Jedenfalls hat er einen großartigen Job erledigt und ich wünschte, er hätte schon früher mit uns gearbeitet.

Mit eurem Albumtitel zeichnet ihr kein blumiges Bild vom Leben. Was sind die Ursachen für eure pessimistische Sicht auf das Leben und die Gesellschaft?

Man muss in diesen Tagen nicht pessimistisch sein, um festzustellen, dass das Leben beschissen und die Gesellschaft am Ende ist. Die Welt ist heutzutage unter der Kontrolle und dem Auge vom Big Brother: teilweise mit einer Macht, die unser tägliches Leben zu kontrollieren versucht – und sei es mit einem Virus als Waffe. Der Albumtitel „Sentenced to Life“ wurde von Gerichtsverfahren und dem korrupten Justizsystem inspiriert. Aber seine Bedeutung ist etwas weiter gefasst, die das moderne Leben mit seinen täglichen Routinen verurteilt. Denn diese führen zu einem deprimierenden Lebenswandel, der von inneren Dämonen und hinterhältigen sowie selbstmörderischen Gedanken durchzogen ist. Und dies sind die Themen, die wir bei einigen unserer neuen Songs ansprechen.

“Man muss in diesen Tagen nicht pessimistisch sein, um festzustellen, dass das Leben beschissen und die Gesellschaft am Ende ist.”

Welche Probleme sollten von der Politik am dringendsten angegangen werden?

Freiheit und Rassismus. Beide Themen erwiesen sich im Verlauf des Jahres 2020 als sehr wichtig, mit all dem Corona-Virus-Drama und der „Black Live Matters“-Bewegung in Amerika sowie dem Golden Dawn-Prozessen hier in Griechenland (die griechische Neo-Nazi-Partei wurde vor einigen Monaten schlussendlich ins Gefängnis gesteckt). Wir haben diese Themen in unseren Lyrics schon all die Jahre zuvor angesprochen und werden es auch weiterhin tun. Die Politiker haben sich einmal mehr als nutzlos erwiesen und das macht auch Sinn, weil auch sie nicht diejenigen sind, die Entscheidungen treffen. Ich meine, es spielt keine Rolle, wer der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein wird. Wer auch immer es ist, er folgt nur der Agenda der wirklich großen Akteure, die sich im Schatten verstecken, aber das Justizsystem, das Gesundheitssystem, die Banken, die Armeen und alles kontrollieren. Alle anderen sind bloß Marionetten.

Welche Auswirkungen hat die COVID 19-Pandemie für euch als Band?

Wie für jede andere Band auch: keine Konzerte und Tourneen derzeit. Wir haben jetzt schon seit zweieinhalb Jahren nicht mehr live gespielt und es ist wirklich eine Schande, zumal wir ein neues Line-Up haben und ein starkes neues Album, das promotet gehört. Aber es ist, wie es ist. Wir müssen abwarten, was passiert. Und, um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass wir in naher Zukunft wieder Konzerte haben werden. Es wird wohl zumindest zehn weitere Monate dauern…. Die Pandemie hat zuletzt auch unsere Aufnahmen fürs Album ein wenig beeinflusst, als dass der Lockdown die letzten Aufnahme-Sessions nach hinten verschoben hat. Aber schlussendlich konnten wir unser neues Album doch noch in diesem Jahr finalisieren.

In Athen gibt es ja jede Menge an Thrash Metal-Bands: angefangen bei SUICIDAL ANGELS, über BIO-CANCER bis hin zu CHRONOSPHERE. Könnt ihr uns mehr von der Athener Thrash-Szene erzählen? Und gibt es noch unbekannte Bands, die unsere Leser einmal antesten sollten?

SUICIDAL ANGELS ist die wichtigste Thrash Metal-Band in Griechenland, keine Frage. Sie haben den Thrash Metal zurück nach Griechenland gebracht Anfang der 00er-Jahre – gemeinsam mit Bands wie RELEASED ANGER und THE CRUCIFIER. SUICIDAL ANGELS haben dann einen Punkt erreicht, dass auch international das Interesse für die griechische Thrash Metal-Szene angewachsen ist. Dann brachten Anfang der 10er-Jahre Bands wie wir, CHRONOSPHERE und BIO-CANCER frischen Wind in die Szene und dann kamen noch neben anderen Bands wie TYPHUS (vorher NUCLEAR TERROR) und DOMINATION INC. hinzu. Zu beachten sind auch MENTALLY DEFILED und VIOLENT DEFINITION!

“Sentenced to Life” markiert auch euer 10-jähriges Jubiläum. Was waren die Ziele und Hoffnungen, als ihr EXARSIS gegründet habt?

EXARSIS debütierten vor zehn Jahren mit dem “Demo 2010”.

Christos Poulos gründete die Band 2009 und das erste Demo stammt von 2010. Ich stieß im Sommer 2013 zur Band, als sie bereits zwei full-length-Alben veröffentlicht hatten. Wow, wie die zeit vergeht! Nun, ich habe erst neulich mit Chris darüber gesprochen und er meinte, dass er es selbst zu den ganz frühen Zeiten der Band recht ernst nahm und ziemlich hohe Ziele mit EXARSIS verfolgte – und das vom ersten Tag an. Er legte großen Wert darauf, wer in die Band einstieg und mit wem man die Bühne teilte, aber auch was das Artwork, die Foto-Shootings und schlichtweg alles anbelangt. Er wollte eine mörderische Touring-Thrash-Metal-Kapelle kreieren und alles wurde diesem Ziel untergeordnet. Nicht viele Bands in Griechenland stecken sich derart hohe Ziele und noch weniger können diese auch erreichen, weil der Großteil der Szene hat andere Prioritäten und es wird dann oft auch zu wenig neue Musik veröffentlicht. Das ist auch der Grund, warum unsere Band seit dem zweiten Album ständig auf Tour ist und stetig an der Diskographie arbeitet.

Würdet ihr rückblickend etwas anders machen? Und auf was seid ihr in den letzten zehn Jahren besonders stolz gewesen?

Wir würden gar nichts anders machen, selbst wenn du freundlicherweise eine Zeitmaschine für uns erfinden würdest. Wir haben jede Herausforderung angenommen und packten jede uns bietende Chance am Schopf – und es hat funktioniert. Wir lernen von unseren Fehlern, wenngleich ich denke, dass wir keine schwerwiegenden oder kleineren Fehler gemacht haben. Wir sind stolz auf das, was wir bislang erreicht haben und das erste Jahrzehnt unserer Band ist bloß der Anfang von dem, was noch kommt.

Letze Worte?

Vielen Dank für die interessanten Fragen und das Interesse an unserer Band. Und für alle, die das lesen: Ich hoffe, ihr grabt unser neues Album aus. Und seid euch sicher, dass wir nach Deutschland zurückkehren, sobald es möglich ist. Wir haben schon mehrere Male in eurem Land gespielt. Und Deutschland hat uns wie niemand anderer sonst unterstützt. Bleibt gesund und wir sehen uns auf Tour.

Fotos: Giannis Nakos, MDD Records