FEAR FACTORY: Mensch gegen Maschine ODER Alle gegen die Industrie!

FEAR FACTORY: Mensch gegen Maschine ODER Alle gegen die Industrie!

Mr. William Gibson hätte seine wahre Freude daran gehabt…Der Kampf Mann vs. Machine findet nämlich in Köln statt. In einem kleinen Hotel, hinter dem Bahnhof, auf einem neonbeleuchteten, weissen Flur in einer der oberen Etagen. Burton C. Bell, seines Zeichens Sänger der Band FEAR FACTORY und Vorkämpfer der humanen Revolution, versucht mittels einer kleinen, verdreckten Chipkarte die Tür aus weissem Holzimitat zum Öffnen zu bewegen. Er führt die Karte immer wieder in den kleinen, schwarzen Eingabeschlitz, doch es ertönt nur ein schwaches, digitales Gurren und eine rote LED leuchtet matt. Der Edgecrusher fährt herum, und springt mit der ganzen Kraft seiner tätowierten Muskeln durch die sich langsam schliessenden, glatten Metalltüren des Personenaufzugs, ein leiser Fluch auf seinen Lippen.
Mein Schatten liest sich an der weissen Wand wie Warten, die elektronischen Geräte, erstklassige Schwarzmarktware aus Japan, zeigen sich in seiner Nutzlosigkeit immer schwerer und klobiger in meinen Händen. In meinem Kopf hallt es leise: Momente in der Zeit, verloren wie Tränen im Regen… Dann rumpelt es allzu menschlich auf der staubigen, lange nicht mehr benutzten Treppe. Der Edgecrusher erscheint in der Tür, winkt triumphierend mit einer etwas saubereren Chipkarte und öffnet mit einem breiten Grinsen die Tür, indem er beim Einschieben dieser Karte das grüne LED erstrahlen, und das Holzimitat mit einem leichten, organischen Knarren, bereitwillig in den Raum gleiten lässt. Das digitale Gurren bleibt dagegen aus.



Naja, so ähnlich jedenfalls. Diese Aktion kostete allerdings einiges der wertvollen, da knapp bemessenen Interviewzeit des starren Roadrunner-Terminplanes, und auch ansonsten war das Interview eher von irgendwelchen Typen geprägt, die in den Raum platzten, Gerätschaften aufstellten, wieder verschwanden, mit anderen zurückkehrten, und wie sich herausstellte eine ganz wichtige Fotosession vorbereiteten, die natürlich auf keinen Fall verschoben werden konnte. Das Interview selber blieb also daher etwas knapp und hektisch, aber die Jungs kommen ja noch auf Tour und da werde ich mich bitterlich rächen und bei der Fortsetzung überziehen, was das Zeug hält.

Trotzdem konnten wir über das neue Album Archetype sprechen, über Knochen, Musik und die neue Selbstdefinition der Band…

Ich denke, dass FEAR FACTORY sehr viel experimentiert haben in der letzen Zeit, sowohl was Songs, als auch was Sounds angeht. Und wie der Titel diese Albums schon sagt, ist es der klassische Urtyp, aus dem alles andere entstanden ist. Es ist pure, klassische FF. Alles was zu hören ist, ist das, um das es uns geht. Massive, perkussive Songs und Soundscapes. Es ist alles viel fokussierter, purer und reifer. Nach so vielen Experimenten haben wir uns letztendlich selbst gefunden. Es ist das klassische Modell, auf dem alles basiert. Alles was wir jemals getan haben. Es ist das reifste Album, das wir bisher gemacht haben.

Trotz allem hört sich das Album nicht nach Demanufacture II an. Es klingt eher wie eine Selbstfindung, um dann in eine andere Richtung erneut zu experimentieren…

Es ist wie eine Wiedergeburt und gleichzeitig ein frischer Wind in der Band. Wir wollen uns nicht von dem entfernen was FF ist, denn es entspricht uns voll und ganz. Wir wollen uns nicht von FF entfernen, denn wir können nicht etwas sein, das wir nicht sind. Aber wir können wachsen. Jetzt haben wir unseren Archetyp geschaffen. Vielleicht wird die nächste Platte noch brutaler oder eben melodischer. Das kann ich noch nicht sagen.

Der Prozess wird meiner Meinung nach durch das Cover sehr gut dargestellt, die ausgeblichenen Cyborg-Knochen sehen aus wie frisch an einer Ausgrabungsstättte entdeckt…

Genau. Es ist das FF Logo aus Knochen, man sieht sozusagen die Knochen der Band. Es repräsentiert alles was wir sind. Die organische Seite und die maschinelle. Es repräsentiert die mechanische, die Cyber-Seite der Band und die menschliche. Es wurde von einem deutschen Designer entworfen, Thorsten Gerbhardt. Wir haben ihn angerufen, was etwas schwierig war, denn er spricht kein Englisch und er musste sich erst mal einen Übersetzter besorgen, aber am Ende waren wir sehr glücklich mit der Zusammenarbeit. Es sollte auch so aussehen, als wäre es ein archäologisches Relikt von einer Ausgrabungsstätte. Wir mussten auch sehr tief in uns graben, um soweit zu kommen, um zur Basis zu kommen.

Auf der Rückseite sieht man ein Pentagramm aus diesen Knochen…(auf der Promoversion noch deutlicher, als auf der veröffentlichten – der Verf.)

Ja, das war die erste Arbeit, die ich von ihm sah, und sie hat mich umgehauen. Er hat das komplette Artwork für das Album entworfen und es ist wirklich fantastisch.

Es wunderte mich etwas, dass FF auf so ein klassisches, oft in den unterschiedlichsten Zusammenhängen gebrauchtes Metal-Symbol zurückgreifen, dass auch bei euch bisher nie auftauchte…

Es ist schon klassisch, aber mit den skelettierten Händen, die es formen, verschiebt sich der Aspekt ein wenig. Wir sehen es in der Bedeutung Mensch, die fünf Eckpunkte des Körpers, in der es ursprünglich auch gebraucht wurde. Es hat für uns keine satanistische Bedeutung, eher eine alchemistische. Ich hatte auch zuerst die Bedenken, dass es zu sehr Metal und zu abgegriffen sein könnte, aber die Gestaltung an sich ist sehr neu, obwohl das Motiv es sicher nicht ist. Es wäre aber trotzdem fast das Cover geworden.

BURTON:
BURTON: Aber dann habe ich gemerkt, dass die FF Story genauso eine Geschichte eines Kampfes ist!

Hinter den Texten steht ja dieses Mal kein ausgearbeitetes Konzept wie die letzen Male. Gibt es trotzdem Zusammenhänge?

Die Texte erzählen schon so etwas wie eine Geschichte, und zwar das, was wir in den letzten Jahren erlebt haben. Als ich anfing die Texte zu schreiben, wollte ich kein eigentliches Konzept, und auch das bisherige Konzept Man vs. Machine nicht weiterführen. Aber dann habe ich gemerkt, dass die FF Story genauso eine Geschichte eines Kampfes ist, von Individuen gegen andere, vom Mensch gegen eine Industrie, gegen die Gesellschaft. Es ist eine wahre Geschichte und sie zieht sich durch alle Texte. Und daher ist es eine bessere Geschichte, als eine erfundene Geschichte in der Zukunft. Es ist besser, als alles, was man sich ausdenken könnte.

Das Album hat einen sehr aggressiven Ton, auch textlich. Vor allem Slavelabor, das sich ja direkt mit der Musikindustrie auseinandersetzt.

Es beschreibt, wie ich fühlte, als ich einen Vertrag mit Roadrunner hatte.

In Europa habt ihr in gewisser Weise immer noch…

Es sind aber nur die Lizenzen für Europa und Australien, die an Roadrunner vergeben wurden. Es ist anders als einen Vertrag mit ihnen zu haben. Andere Musiker, die es hören, werden es verstehen, denn ich war nicht der einzige mit einem derartigen Vertrag. Es gibt so viele, die so gebunden sind. Es ist wirklich Sklavenarbeit.

In den USA sind wir nun bei Liquid 8, einem sehr unabhängigen Label. Wir sind die einzige wirkliche Metalband dort, und sie sind sehr heiss drauf, mit uns zu arbeiten. Aber sie haben keinen Vertrieb in Europa, und deswegen übernimmt das Roadrunner.

Was denkt denn das neue Label, wenn es Slavelabor hört?

Sie lieben es! Denn sie wissen, dass sie nicht gemeint sind. Als wir den Vertrag mit Liquid 8 unterschrieben, haben wir versucht, so viel von unseren Vorstellungen zu verwirklichen, wie möglich. Sie waren die einzigen, die fast alles erfüllt haben. Wir mussten nur wenig Kompromisse machen und konnten einen Vertrag unterschreiben, von dem wir überzeugt sind.

Habt ihr nicht daran gedacht, euer eigenes Label zu gründen?

Haben wir. Raymond (Herrera – Drummer von FF – der Verf.) hat sein eigenes Label mit BILLY GOULD. Aber es würde zuviel Arbeit der Sorte bedeuten, die ich nicht machen möchte. Ausserdem brauchst du dafür Geld, etwas dass wir nicht hatten. Vielleicht machen wir das irgendwann mal. Erst mal starten wir unsere eigene Merchandise Company und verkaufen unsere T-Shirts selber. Das ist schon mal ein Anfang. Ich plane auch selber zu designen und werde mir jetzt erst mal einen Mac kaufen, denn mit dem PC ist das nicht zu bewerkstelligen. Es ist allerdings teuer, ich spare noch.

Wer will sich schon immer mit Windows herumschlagen…

Stimmt. Die Leute sind wirklich genervt. Nicht nur von dem Programm, auch von dem Unternehmen und seiner Politik. Die Verbreitung beider Systeme in den USA ist im Moment ausgeglichen, aber immer mehr Leute wenden sich vom PC ab.

Ein anderer Song, Cyberwaste handelt von Internetforen und Chatrooms.

Ja, und von den Leuten, die dort Lügen und Gerüchte verbreiten. Es ist sehr einfach von zuhause aus, unter einem falschen Namen, Leute zu attackieren. Ich lese so was nicht und trotzdem kommen mir diese Sachen immer zu Ohren. Es ist nur Bullshit, den Leute erfinden. Der Song ist ein Fuck You! für diese Leute. Ihr macht es euch so einfach. Wenn ich diese Leute treffen würde, könnten sie mir wahrscheinlich nicht mal ins Gesicht sehen. Sie verbringen wahrscheinlich zu viel Zeit alleine zu Hause. Besorgt euch ein Leben! Aber ich lese noch nicht mal unsere Presse, gute wie schlechte. Ein Freund hat mir mal geraten, sie nicht zu lesen und ich habe es immer beherzigt. Wenn es zu gut ist, steigt es dir zu Kopf und wenn es zu schlecht ist, frustriert es dich. Ich möchte nicht, dass mich so etwas so stark beeinflusst. Es beeinflussen einen schon genug Sachen, die man nicht möchte. Ich bin jetzt von Los Angeles nach New York gezogen, und für die Aufnahmen zu dieser Platte musste ich für einige Monate zurück. Und das Leben dort konnte mir nichts mehr bieten, meine Perspektive hatte sich geändert. Darum geht es in Drones. Vieles auf der Platte dreht sich um Sachen, die passieren, in der Gesellschaft oder in den Medien und die einen Einfluss darstellen. Corporate Cloning handelt von dieser American Idol-Sache (Amerikanische Urform von DSDS aka Deutschland streicht die Segel (vor Dieter Bohlen) – der Verf.). Die Musikindustrie schafft die Trends selber und verdient so viel wie möglich. Ein gutes Beispiel dafür ist immer noch NIRVANA. Alle Labels schufen NIRVANA-Clones und versuchten mitzuverdienen.

Deswegen das NIRVANA Cover Schools?

Nein, das war jetzt nur ein Beispiel. Damit wollten wir nur unseren Respekt für diese Band ausdrücken. Ich war sehr grosser NIRVANA-Fan vor FF. Ich bin es immer noch. Die Bleach-Platte haut mich immer noch um. Diese Platte hat eine ganze Periode meines Lebens bestimmt. Es gibt sicher viele Leute, die eine solche, prägende Platte haben. Eine Platte, die dein Leben bestimmt, oder sogar rettet.

Ich bin Nirvana hinterhergefahren und ich bin im Smells like Teenspirit-Video. Man sieht mich vier mal. Wir waren alle grosse Fans damals.

Muss ich mir wohl noch mal angucken. Es gibt aber noch weitere interessante Veränderungen, denn es hat sogar Tagespolitik Einzug gehalten bei euch, im Song Human Shield…

BURTON:
BURTON: Wir sind benutzbar und Politik benutzt uns.

Ja, es ist so auffällig, wie Regierungen in der ganzen Welt sich hinter ihrer Bevölkerung verstecken. Wir sind benutzbar und Politik benutzt uns. Aber auch in persönlichen Beziehungen gibt es so was. Leute werden unfreiwillig als Schutz und Bodyguard benutzt. Im ganzen ist der Song aber eher ein soziales Statement.

Bisher hattet ihr ja solche Botschaften eher verschleiert in Utopien zum Ausdruck gebracht…

Ja, meistens. Der Song Crash Test von Soul of a new Machine handelt von Tierversuchen. Ansonsten habe ich solche Punkte eher anders berührt. Auf Obsolete gibt es Hi-Tech Hate, das von Massenvernichtungswaffen handelt, bevor das so ein grosses Thema wurde. Human Shield ist aber auch so ein Wort, das man immer wieder gehört hat in letzter Zeit.

Es gehört zu der Gruppe von Wörtern, die schreckliche Sachverhalte nüchtern und ohne Schockwirkung ausdrucken sollen.

Genau. Man muss sich erst klarmachen, was wirklich dahinter steckt, um sie zu verstehen. Genau so wie Default Judgement. Ich wusste zuerst nicht, was das heissen sollte.

Ist es auch Teil der Selbstfindung der Band, sich textlich auf das zu konzentrieren, was sie umgibt?

Eigentlich ging es von Anfang an immer um meine persönlichen Erfahrungen. Ich habe dieses Mal lediglich entschieden, mich nicht durch Flucht, durch Eskapismus in ein Zukunftsszenario davon abzuspalten. Mittlerweile fühle ich mich gut genug, um direkt darüber reden zu können. Wenn die Leute die neue Platte hören, ist es sehr direkt und sehr ehrlich.

Welche Reaktionen würdest du dir wünschen?

Ebenso ehrliche. Wir sind auf dieser Platte absolut ehrlich, und ich wünsche mir, dass die Leute es auch sind. Natürlich möchte ich, dass die Platte den Leuten gefällt und dass sie ihnen etwas bedeutet.

In diesem Moment betritt Dero von OOMPH und ungefähr zwanzig andere Leute das Zimmer, um aus irgendwelchen Gründen mit Burton eine Fotosession zu machen und wir beenden das Interview. Aber wie gesagt, ich räche mich auf Tour…

Layout: Uwe