ULVER: Childhood´s End

Ein paar Blumen ins Haar gesteckt, und los geht die überraschend vergnügliche Zeitreise in die Sechziger.

Viel mehr eine Renaissance der Kindheit als das Ende der Kindheit ist es, was ULVER hier herauf beschwören. Wobei von Kindheit nicht wirklich die Rede sein kann, wenn sämtliche Songs auf diesem Album zuerst in den 1960ern veröffentlicht wurden, die Bandmitglieder von ULVER aber alle nach 1970 geschlüpft sind. Nun, dass ausgerechnet ULVER sich die bunten Stirnbänder umbinden und sich der Psychedelik der Hippiegeneration hingeben, war nicht gerade das Naheliegende. Kristoffer Rygg und Daniel O´Sullivan, die Hauptinitiatoren hinter diesem Coveralbum, haben wohl beide eine mehr oder weniger geheime Leidenschaft zur Musik dieser Zeit entwickelt, vielleicht auch schon immer. Also warum das ultrapathetische, fatalistische und ernste Medium ULVER nicht auch mal für ein wenig Spaß verwenden? Wenn dieser schwierige Spagat gelingt, haben wir nichts dagegen.

Childhood´s End, und das ist von immenser Wichtigkeit, kann im Vorfeld nicht mit ebensolcher Spannung, mit derart angehaltenem Atem erwartet werden, wie ein selbst komponiertes Studioalbum. Ganz einfach, weil die Polarisierung ganz und gar weg fällt. Also wird der Großteil dessen beiseite gelassen, das ULVER in den letzten zehn Jahren ausmachte. Es gibt einfach ein paar Rocksongs mit Gitarren, Schlagzeug, Bass, Gesang. Wäre nicht hier und da ein wenig Orgel zu hören, Tore Ylwitzaker wäre arbeitslos, Jørn H. Sværen ist es wahrscheinlich gänzlich auf diesem Album. Childhood´s End ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Alben wie Perdition City bis hin zu Wars Of The Roses: Es fehlt das große Drama, es wird sich auf das Wesentliche konzentriert. Würde Rygg seine charismatische Stimme nicht zu den Songs erheben, man würde nicht auf die Idee kommen, hier wären ULVER am Werk.

Sind die Grenzen klar abgesteckt, hat man sich im Vorfeld Gedanken zu dem gemacht, was einen auf Childhood´s End erwarten wird, man kann das Album durchaus genießen. Selbst wenn ich ehrlich gesagt nur wenige der gecoverten Stücke im Original kenne – und mir sicher bin, nachträglich nicht groß Recherche zu betreiben und auf Flohmärkten die Vorlagen zu suchen – die Musik ist locker, luftig und leicht, sexy und mit dem gewissen Etwas ausgestattet. Nicht alle Coverversionen hauen den Hörer um, aber einige sorgen für Aufhorchen und können sogar ein wenig Gänsehaut erzeugen. Everybody´s Been Burned von den BYRDS, das Proto-Shoegaze-Stück Living In The Past von CHOCOLATE WATCHBAND, Dark Is The Bark von LEFT BANKE, das BEAU BRUMMELS-Cover Magic Hollow und vor allem die gigantische ELECTRIC PRUNES-Nummer I Had Too Much To Dream Last Night machen enorm Spaß und zeigen, dass hier nicht nur akustischer Blümchensex, sondern auch eine gewisse Heaviness geboten werden kann.

Zwischendurch und vor allem gegen Ende wird es doch manchmal etwas belanglos, manchmal erscheint es so, als gäbe es zu viele zu kurze Songs, irgendwann ist es vorbei mit der Aufnahmefähigkeit. ULVER covern ganze sechzehn Songs in diesen dreiundfünfzig Minuten, und dass Schwachpunkte wie Street Song, Velvet Sunsets und Lament Of The Astral Cowboy auftauchen, war zu erwarten. Immerhin klingen sämtliche Nummern trotz der modernen Produktion recht authentisch, die Gitarren und Synthesizer sind nicht nur spielerisch sondern auch klanglich so nahe wie möglich am Original, auch das Schlagzeug wird mit der Leichtigkeit dieser Ära gespielt. Es passt alles auf Childhood´s End zusammen, selbst wenn es nicht zu ULVER passen mag. Immerhin: ULVER können solche Songs covern, ohne sich zu blamieren.

In diesen finsteren, präapokalyptischen Zeiten tut es gut, einfach ein bisschen retro zu sein. Den Fatalismus beiseite zu legen und ein wenig zu schwelgen in der drogengeschwängerten, wilden Zeit der Sechziger. Ist das vielleicht auch eine konzeptionelle Form des ULVERschen Pathos? Selbst wenn das eher nicht der Fall ist, und wenn ULVER sich hier einfach wie die kleinen Jungs ein wenig austoben möchten, die Fans können das genießen, sofern sie generell nicht von der Musik der 1960er abgeneigt sind. Die in überraschend hoher Menge enorm guten Songs reißen dieses Album aus der Belanglosigkeit, die ordentlichen Stücke und ereignisarmen Nummern können den guten Gesamteindruck nicht arg verwässern. Jetzt ist aber ULVERs Spielerei vorbei, hoffentlich werden sie bald wieder traurig, ernst und erwachsen und legen bald ein Album nach, das Blood Inside und Shadows Of The Sun standhalten kann.

Veröffentlichungstermin: 25. Mai 2012

Spielzeit: 53:44 Min.

Line-Up:
Kristoffer Garm Rygg
Jørn H. Sværen
Tore Ylwizaker
Daniel O´Sullivan

Label: Jester Records / Kscope Music

Homepage: http://www.jester-records.com/ulver

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/pages/Ulver/31166220421

Tracklist:
1. Bracelets Of Fingers (THE PRETTY THINGS)
2. Everybody´s Been Burned (BYRDS)
3. The Trap (BONNIWELL´S MUSIC MACHINE)
4. In The Past (CHOCOLATE WATCHBAND)
5. Today (JEFFERSON AIRPLANE)
6. Can You Travel In The Dark Alone (GANDALF)
7. I Had Too Much To Dream Last Night (ELECTRIC PRUNES)
8. Street Song (13TH FLOOR ELEVATORS)
9. 66-5-4-3-2-1 (TROGGS)
10. Dark Is The Bark (LEFT BANKE)
11. Magic Hollow (BEAU BRUMMELS)
12. Soon There Will Be Thunder (COMMON PEOPLE)
13. Velvet Sunsets (MUSIC EMPORIUM)
14. Lament Of The Astral Cowboy (CURT BOETTCHER)
15. I Can See The Light (LES FLEUR DE LYS)
16. Where Is Yesterday (UNITED STATES OF AMERICA)