THE BLUE SEASON: Secede

Werft mir ruhig Lokalpatriotismus vor, aber die sechs Schwaben von THE BLUE SEASON stellen für mich nach wie vor DIE Hoffnung in punkto Gothic Metal hier in Deutschland dar.

Werft mir ruhig Lokalpatriotismus vor, aber die sechs Schwaben von THE BLUE SEASON stellen für mich nach wie vor DIE Hoffnung in punkto Gothic Metal hier in Deutschland dar, wobei sie die Grenzen dieses Genres zugleich sprengen und sich in neue, unerforschte Gefilde aufmachen. Denn für Gothic ist die Musik trotz wechselnd weiblichen und männlichen Vocals sowie düsterer Atmosphäre zu warm in ihrer Ausstrahlung, und der Metal-Anteil beschränkt sich auf einige verzerrte Gitarrenparts. Die Musik von THE BLUE SEASON hat jedoch auf Secede wie schon auf ihrem unbetitelten, in Eigenregie veröffentlichten Debüt weitaus mehr Facetten zu bieten. Das fängt beim Gesang an: Keyboarder Oliver Zillich, dessen Stimme sich enorm weiterentwickelt hat, und Frontfrau Natalie Pereira liefern sich nicht die üblichen Die Schöne und das Biest-Duette mit dem Tiefgang des dazugehörigen Disneyfilms, sondern ergänzen sich wunderbar in ihrer Emotionalität. Hier wirkt nichts gekünstelt oder aufgesetzt, sondern stets ehrlich und direkt. Dadurch fehlt das überaus dramatische Geschmettere, an seine Stelle treten unprätentiöse Melodielinien, die sich nicht aufdrängen, sondern in ihrer Schönheit behutsam entdeckt werden wollen. Gitarrist Jochen Laser liefert dazu mit seiner eigenständigen Gitarrenarbeit das passende Fundament. Zwar greift er nach wie vor gerne mal in die Effekt-Trickkiste, hat seinen Delayfestischismus jedoch zugunsten vielschichtiger Riffs, Leads und Soli zurückgenommen. So manch eine wundervolle Steigerung und Melodielinie geht auf sein Konto, wobei er sich allerdings nie aufdrängt, sondern stets Songdienlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Und auch die Rhythmusfraktion trägt alles dazu bei, daß die sieben Songs auf Secede zu abwechslungsreichen emotionalen Achterbahnfahrten werden. Besonders zu nennen ist hierbei Percussionist Oliver Waibel, dessen Congaspiel die Musik zusätzlich mit unaufdringlichen Grooves bereichert, so zum Beispiel beim verhältnismäßig treibenden Away From You.

Das Sextett setzt die schwäbische Tugend der Sparsamkeit ein, um sein Songmaterial vor Überladenheit zu schützen, was auf Secede besser denn je funktioniert. Ähnlich wie ihre Kollegen von FLOWING TEARS entfernen sie Samtröckchen, Nietenarmband und Kajalstift aus ihren Songs und präsentieren ihre Tracks frei von jeglichem überflüssigen Bombast und bestechen in ihrer Direktheit, was sie weg von all den Protagonisten im Gothicbereich lotst – und sie dafür in die Nähe von Bands wie THE GATHERING und PINK FLOYD führt. Was THE BLUE SEASON jedoch ganz für sich alleine haben, ist das meditative, ruhige Element in ihrer Musik, das zum Nachdenken und Sinnieren verleitet. Damit werden sie es in diesen plakativen Zeiten zwar schwer haben, ich wünsche der Band jedoch, daß sich die blaue Jahreszeit baldmöglichst in goldene Zeiten verwandelt.

Spielzeit: 37:59 Min.

Line-Up:
Oliver Zillich – Gesang, Keyboards

Jochen Laser – Gitarre

Bernd König – Bass

Natalie Pereira – Gesang

Christoph Semmelroth – Schlagzeug

Oliver Waibel – Congas, Percussion

Produziert von Roman Schönsee
Label: Greyfall

Homepage: http://www.theblueseason.com

Email: the_blue_season@hotmail.com

Tracklist:
D.A.

Deeper Inside

Dreamdancer

You

Reality

Away From You

Darkness