METALLICA: Beyond Magnetic [EP]

METALLICA: Beyond Magnetic [EP]

Es gibt sie, diese Tage. Tage an denen man, kaum aufgestanden, am liebsten gleich wieder zurück ins Bett will. In den wenigen Minuten, die man außerhalb des wohlig-warmen Lakenparadieses verbracht hat, musste man schon so einiges einstecken: Frühstücksflocken, die dem frisch gebohnerten Küchenboden eine mehr oder weniger gesunde Farbe verleihen, einen morschen Tisch, der sich gierig an der teuren Sojamilch labt und ein Urinal, das redlich von der neu gewonnenen Liebe zum Porzellan profitiert hat. Heute ist aber einer dieser, zugegebenerweise eher seltenen, anderen Tage. Von der Sonne sanft wachgeküsst, steht schon mit dem ersten Blinzeln fest, dass heute alles gut wird.

Die sichere Erwartung eines Kuverts aus dem Vampster-Headquarter spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle, handelt es sich bei dem Inhalt doch um den neuesten Output aus dem Hause METALLICA: „Beyond Magnetic“. Vier Songs, die es auf knapp 30 Minuten Spielzeit bringen, vereinen sich hier im wiedererstarkten EP-Format und bieten trotz gewisser Abstriche (mehr dazu später) ordentlich value for money. Na gut, einen Kritikpunkt gibt es gleich. Ich stelle jedenfalls die These auf, dass man der zunächst ausschließlich in digitaler Form erhältlichen EP (VÖ: 13.12.2011) nicht nur aus inniger Liebe zur guten alten CD, im Jahre 2012 ein Brüderchen in physischer Form spendiert hat: „DISS“ (Double Income Same Shit)?

Zumindest die Mitglieder des offiziellen METALLICA-Fanclubs (Metclub) konnte das „DISS“-Schicksal nicht ereilen. Diese bekamen das vorliegende Songmaterial bereits exklusiv zur jeweiligen Weltpremiere (05./ 07./ 09./ 10.12.2011) in digitaler Form via E-Mail spendiert. Die original Four Horsemen waren aus guten Grund in Geberlaune: METALLICA zelebrierten ihren 30. Bandgeburtstag. Das Zentrum der Feierlichkeiten bildeten vier außergewöhnliche, nur für Metclub-Mitglieder zugängliche, Jubiläumskonzerte im Fillmore (San Francisco). Dort trumpfte man nicht nur mit zahlreichen Special Guests (u.a. Jason Newsted, Dave Mustaine, Mr. HALFORD, OZZY OSBORNE, GEEZER BUTLER, Marianne Faithfull) und grandiosen Setlists auf, sondern präsentierte jeden Abend auch einen der „Beyond Magnetic“-Songs (recorded April 2007 – March 2008).

Wer nach „Lulu“ wieder gewohntes METALLICA-Terrain betreten möchte ist hier goldrichtig. Der Titel der EP ist Programm, handelt es sich bei den „Beyond Magnetic“-Songs doch um „Überbleibsel“ aus den Aufnahmesessions zum letzten Longplayer „Death Magnetic„. Es überrascht also nicht, dass sämtliche „Beyond Magnetic“-Babys ihren zehn Geschwistern recht ähnlich sehen.

Die neuen-alten Nummern passen so gut in den großen, weißen „Death Magnetic„-Familiensarg-Haushalt, dass man aus dem insgesamt, beinahe 105 Minuten umfassenden Songmaterial ebenso gut ein leckeres Doppellaibchen hätte backen können, aber das wollte man bei „Load“ / „Reload“ ja auch schon nicht. Damals wie heute empfinde ich diese Entscheidung als Fehler, weil man zusammen nicht nur weniger alleine, sondern auch stärker gewesen wäre. Mehr Facetten, mehr Dynamik….mehr METALLICA. Mal sehen, ob das noch was wird mit dem Doppelalbum, wobei „Lulu“ ja eines ist. Allerding gehört ihnen das nur zur Hälfte. Wie auch immer. Beim „Todesmagneten“ wurde aussortiert. Ergebnis: „Hate Train“ und Co. mussten erstmal draußen bleiben.

Erstmal. Jetzt heißt es: Hurra, hurra der kleine Sarg ist endlich da…ein kurzer Blick unter den Deckel:

Mit „Hate Train“ und „Just A Bullet Away“ bekommt man zur Begrüßung gleich zwei scharfe Jokey Schlumpf-Päckchen überreicht, vollgepackt mit vielschichtigen Arrangements, packenden Hetfield-Riffs/Gesang, wunderschönen Twin-Lead-Gitarren und vielen, feinen Hammett-Soli. Diese Nachzügler sind wahrlich verdammt proper geraten.
Der große Knall fällt beim nachfolgenden „Hell And Back“ einige db leiser aus. Song Nummer drei hat zweifellos seine Momente, zieht aber nicht nur im Vergleich zum starken Eröffungsdoppel eindeutig den Kürzeren. Zumindest in meiner Gesamtschau erweist sich der Song eindeutig als die schwächste Komposition der „Death Magnetic„-Sessions. Die einzelnen Songparts wollen hier einfach nicht so richtig ineinander greifen. Der Ausflug in etwas düstere Soundgefilde wirkt irgendwie bemüht. Zu sehr stützt man sich auf das stark an „Cyanide“ (überhaupt der Referenzsong dieser EP) erinnernde Main-Riff und kurz vor der Vier-Minuten-Grenze scheinen sich immer mehr Teile eines ganz anderen Puzzles in die etwas identitätslose „Hell And Back“-Landschaft zu verirren. Die erschreckend uninspiriert daherkommenden Gitarrensoli von Kirk Hammett komplettieren diese zwiespältige Angelegenheit hervorragend. Hier wäre wesentlich mehr drin gewesen.   
„Rebel Of Babylon“ bläst abschließend wieder mit gewohnter Souveränität zum Riff-Gewitter und beschert den Fans zur zweiten Beerdigung eine der straightesten, groovigsten und schnellsten….kurzum eine der besten „Death Magnetic„-Nummern überhaupt. Ein toller Rauswerfer. 

Schade, dass „The New Song“ (enthält Parts von „The End Of The Line“ und „All Nightmare Long“) und der an MOTÖRHEAD erinnernde „The Other New Song“  nicht auch noch gleich mit auf die EP gepackt wurden. Wer wirklich alle Kompositionen der „Death Magnetic„-Sessions sein eigen nennen möchte, muss also nach wie vor auf die entsprechenden Live-Mitschnitte der Escape From The Studio ´06-Tour (zu finden unter Concert Year 2006) zurückgreifen – die Tour auf der das „Master Of Puppets“-Album in voller Länge gespielt wurde.
Aber auch das war noch nicht alles. Der letzte Metalsplitter hat sich in METALLICAs hauseigener Live-Oase unter der Rubrik Free Downloads versteckt: Das während der „Death Magnetic„-Tour von James Hetfield geschriebene Intro zu „My Apocalypse“. Bei der Gelegenheit sollte man sich noch einen oder am besten gleich alle der zahlreichen, freien Konzertmitschnitte (aktuell 23 Shows) einverleiben.

Die viel zitierten Rough-Mix-Studio-Versionen, in denen alle „Beyond Magnetic“-Nummern belassen wurden, präsentieren sich übrigens leider genauso mies aufgenommen/produziert wie das schon beim großen Bruder der Fall war. Das „Loudness War“-Kriegsbeil schneidet hier zwar glücklicherweise nicht ganz so scharf wie noch auf „Death Magnetic„, lässt die Songs aber wiederum nicht annähernd so gut klingen, wie sie es verdient hätten. Ein Missstand der gerade in Anbetracht der reichlich vorhandenen Mittel umso unnötiger erscheint. Aber welche Hollywoodschönheit hätte schon Botox gebraucht? Hoffentlich verschwindet dieser Loudness-War-Mist, schleunigst wieder in den unendlichen Tiefen der Soundgründe. Wenigstens im METALLICA-Land. Der König reitet schließlich voran, nicht hinterher. 

Fazit: Für METALLICA-Fans unverzichtbar.

Auf die nächsten 30 Jahre…ich nehm Euch beim Wort:

„WE WILL NEVER STOP / WE WILL NEVER QUIT /  CAUSE WE ARE METALLICA“                                                              („Whiplash“-„Kill ´Em All„)

Veröffentlichungstermin: 27.01.2012

Spielzeit: 29:12 Min.

Line-Up:

James Hetfield – Guitars, Vocals
Lars Ulrich – Drums
Kirk Hammett – Guitars
Robert Trujillo – Bass

Produziert von Rick Rubin
Label: Vertigo

Homepage: http://www.metallica.com

Mehr im Netz: http://www.facebook.com/Metallica

Tracklist:

1. Hate Train
2. Just A Bullet Away
3. Hell And Back
4. Rebel Of Babylon

Gast
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