LACRIMA MORTIS: Posthumous

Mit LACRIMA MORTIS präsentiert uns Talheim Records eine Death-Doom-Band aus dem Klischee-mäßg natürlich sonnigen Brasilien, was nur auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheint. Für mich persönlich bedeutet zu viel Sonne eindeutig Leiden und das Zurückziehen aus der Welt, so dass diese Art von Musik genau der richtige Soundtrack für die Copa Cabana ist. Außerdem stimmt einen die politische und wirtschaftliche Lage in Brasilien bereits seit geraumer Zeit ja auch nicht gerade fröhlich. Und weil das offenbar auch aggressiv macht, gibt es hier und da auch anständige Wutausbrüche auf „Posthumous“, etwa durch kurze Blast-Beat-Eruptionen.

Ansonsten gibt es viel Death-Doom britischer Prägung mit anständig leidenden Melodien, schweren Riffs, vielen und raumfüllenden Keyboards, sowie tiefen, leider recht eintönigen Growls. Das Ganze bewegt sich auf hohem Niveau, ist anständig produziert, auch wenn die Drums wieder mal recht künstlich daherkommen, kann aber dennoch nicht auf ganzer Linie überzeugen.

Die üblichen Verdächtigen der Überraschungslosigkeit

Die für das Genre üblichen Verdächtigen wie MY DYING BRIDE, frühe PARADISE LOST und hier und da sogar CANDLEMASS klingen dann stellenweise doch schon ziemlich deutlich durch. Das Songwriting ist zwar solide, aber eben auch wenig überraschend. Der textliche Ansatz beschäftigt sich mit „Leben und Tod“, was jetzt wirklich den Höhepunkt an Überraschungslosigkeit darstellt.

Das ist alles an sich ja nicht so schlimm, Doom ist ja nicht gerade bekannt für permanente Innovation und überbordende Lust an der Konfrontation des Hörers mit überraschenden Wendungen im Songwriting. Und in meinem Plattenschrank finden sich eine ganze Reihe von Bands, die ausschließlich dafür existieren, bestehende Standards neu zu interpretieren. Warum gefällt mir also diese Platte nicht?

Bei “Posthumous” es fehlt am Fuzz

Bei einem erneuten Durchlauf wird es mir bei „Words of Blood“ dann klar: Die Platte ist mir einfach zu kitschig. Zu viel Keyboards, zu viel Rotwein-Glas am Kaminfeuer. Mir fehlt einfach der Dreck, der Fuzz in den Gitarren, es ist alles einen Ticken zu kontrolliert, zu wenig manisch und vor allem auch zu wenig episch. Es fließt vor sich hin und an mir vorbei, die Melodien sind traurig, die Riffs heavy, aber reißen mich eben nicht mit.

Im Prinzip geht es mir aber bei den Genre-Vorreitern dieser Art von Death-Doom, also bei MY DYING BRINDE oder PARADISE LOST genau so. Das ist also nicht die Schuld von LACRIMA MORTIS. Aus dieser Sichtweise betrachtet,  ist die Platte dann nämlich wirklich gut gelungen. Nur ist sie eben nicht für mich gemacht.  Es gelingt den Brasilianern sehr gut und detailliert, die Stimmung der frühen Werke der englischen Death-Doom-Bands zu reproduzieren und eine ähnlich dichte Atmosphäre der dekadenten Rotwein-Depression zu schaffen, aber wie bei den Originalen ist das eben nicht so mein Ding.

Trotzdem mir die Platte nicht gefällt, muss ich hier eine klare Reinhör-Empfehlung für alle Fans der genannten Bands aussprechen, denn alles, was ich hier kritisiere, ist ein klarer Pluspunkt für die Platte aus deren Sicht.

Release-Date: 27.05.2020

Label: Talheim Records

Line Up:

Reverend Reaper – Bass
Scavenger – Drums
Baud – Guitars
Requiem – Guitars
Dread – Vocals

Full Album Stream auf YouTube

https://www.facebook.com/LacrimaMortisDoom/

LACRIMA MORTIS “Posthumous” Tracklist

1. Miserere
2. The Ruins of Desolation
3. Distress & Decadence
4. Words Of Blood
5. Saudade
6. Imprisoned in Death (Lyric-Video bei YouTube)
7. Optare Mortem
8. Shades of Destiny
9. Dereliquit deum (outro)