AMORPHIS: Under The Red Cloud - CD-Kritik

AMORPHIS: Under The Red Cloud

Was AMORPHIS auf „Under The Red Cloud“ abliefern, ist wirklich schwer zu fassen. Perfekte Songs einer Band, die sich offenbar immer noch etwas zu sagen hat und vor Inspiration fast zu platzen scheint. Und die zudem gute Handwerker sind, die genau wissen, wie sie ihre gewohnten und erwarteten Trademarks perfekt in Szene setzen können. Ein Hammer-Album.

AMORPHIS sind ein Phänomen. Kaum eine Band ist so beständig, so verlässlich, auf Dauer so gut. So war meine Erwartungshaltung an „Under The Red Cloud“ auch entsprechend hoch. Wie auch die Angst, dass die Ära dieser begnadeten Band eines Tages zu Ende geht und die Finnen irgendwann doch ein halbgares und womöglich uninspiriertes Album abliefern. Aber auf „Under The Red Cloud“ zeigen Sie wieder einmal ihre ganze Klasse. Noch besser, noch vielschichtiger, noch experimenteller, noch mehr auf den Punkt.

Gerade im Moment höre ich zum x-ten Mal „The Four Wise Ones“, dieses fantastische Stück Musik. Melodien, Rhythmen, Härte, in einer atemberaubenden Mischung, fast schon blackmetallisches Feeling kommt hierbei auf, abgelöst durch verträumte Melodien im Wechsel mit klarem, teils verfremdeten Gesang. Mündend in einem gigantischen Refrain. Ganz großes Kino. Bezaubernd. Zum Schreien schön.

Dabei war der Anfang etwas ernüchternd. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit „Under The Red Cloud“, an die ersten Töne vom Opener und Titelsong. Bei aller Liebe zu dieser fantastischen Band, die mich als eine der ganz wenigen in den letzten knapp zwanzig Jahren nie enttäuschte, blieb die erhoffte Begeisterung erstmal aus. Zu brav kam der Song aus den Boxen, zu gewöhnlich. Zu gefällig. Auch wenn ich inzwischen im Kontext des restlichen Albums versöhnt bin und die Melodien gefallen, für mich nach wie vor der schwächste Song auf dem Album.

Nach dem Opener folgt aber ein Kracher dem anderen. „The Four Wise Ones“ leitet wie oben schon beschrieben den Reigen ein, gefolgt von „Bad Blood“ – ein straightes Brett mit massiven Gitarren, Growls, Melodien – und Gänsehautgarantie. Puh, durchatmen, sie haben mich! Das folgende „The Skull“ ist ebenfalls eine erfreulich harte, vertrackte Nummer, selbstverständlich ebenfalls mit AMORPHIS-Trademarks: Härte, Melodien, Growls, melodischem Gesang. Boah, doch keine Zeit durchzuatmen, „Death Of A King“ beginnt mit altbekannten Kebap-Elementen (Siehe unser AMORPHIS-Interview von 1999), steigert sich in einen ebenfalls rhythmusstarken Orkan, aus dem sich dann doch schöne Melodien wie in einen beruhigender Sommerregen lösen.

Sagte ich schon, dass AMORPHIS… Ahh, keine Zeit, „Sacrifice“ steht an und drängt aus den Boxen. Und der Anfang von Tomis klarem, kräftigen Gesang jagt mir gerade die nächste Gänsehaut über den Rücken. „Sacrifice“ ist vielleicht der eigentliche Hit des Albums. Reduziert. Fokusiert. Schnörkelos. Auf den Punkt. Aber auch hier wieder voller Schönheit, voller Melodien.

Und sagte ich eben, „Sacrifice“ ist der eigentliche Hit des Albums? Wie im Wahn drängt sich nun „Dark Path“ an diese Stelle, verpasst „Sacrifice“ einen üblen Tritt in den Arsch und brüllt sich in derber, brachialer Gewalt an die bis eben vergebene Position. Ein übler Kerl. Ganz schlecht gelaunt. Vor Energie fast berstend. Woher nimmt Tomi nur diese Energie? Die ruhige Bridge macht fast Angst. Vor dem was gleich kommt. Doch „Dark Path“ scheint versöhnt, atmet durch, und behauptet seine Position.

So, nun aber. Durchatmen. Gedanken sammeln. Kamen mir beim vorigen Song die derben neueren Teile von MOONSPELL in den Sinn, denke ich beim Anfang von „Enemy At The Gates“ nun an die neuen, progressiven, vertrackteren IRON MAIDEN. Jepp, das tut gut. Die derb symphonischen Keyboardklänge im Wechsel mit den proggigen Gitarren und dem zurückgenommenen Gesang reinigen die Luft zwischendurch.

Hey, wer hat denn die Wichtel eingeladen?? Kaum hat sich das Gewitter verzogen, entwerfen Flötentöne eine bezaubernde Landschaft. Eine Wiese, Bäume, Schmetterlinge und ein flötender Zwerg, so präsentiert sich „Tree Of Ages“. Bevor es zu kitschig wird, growlt sich Tomi in den Song, begleitet durch getragene Gitarren, bevor es schon fast fröhlich beschwingt in diesen fantastischen, klar gesungenen Refrain geht. (Der Zwerg ist übrigens Chrigel Glanzmann von ELUVEITIE, der hier als Gastmusiker mitwirken durfte.)

Bevor das hier in eine reine Beschreibung der einzelnen Songs ausartet: AMORPHIS waren als Band schon lange nicht mehr so gut. Wirklich. Die ersten Alben, klar, kult. Tuonela? Unbestritten eine Offenbarung. Die letzten Alben, seit Tomi Pasi am Mikro ersetzte: Geil. Aber was auf „Under The Red Cloud“ abgeht, ist wirklich schwer zu fassen. Perfekte Songs einer Band, die sich offenbar immer noch etwas zu sagen hat und vor Inspiration fast zu platzen scheint. Und die zudem gute Handwerker sind, die genau wissen, wie sie ihre gewohnten und erwarteten Trademarks perfekt in Szene setzen können.

Der Abschied von „Under The Red Cloud“ naht mit „White Night“. Aber nicht, bevor dieser Traum zu Ende geträumt ist. Unverzerrte Gitarren und Streicher bilden die Wolken, durch die sich plötzlich eine sanftte, fremde Stimme in mein Bewusstsein ergießt. Aleah Stanbridge heißt die Person zur Stimme, sie ist die Sängerin von TREES OF ETERNITY und sie bringt zum Abschluss des Albums eine völlig neue Facette in das Album. Im Wechsel mit Tomi gibt es hier die krassesten Gegensätze auf dem Album. Der schon fast elfenhafte, teils mehrstimmige Gesang sorgt für einen noch derberen Kontrast zu Tomis folgenden Growls, die sich im Refrain in reiner Schönheit auflösen.

Schön war diese Reise durch „Under The Red Cloud“. Aber sie ist nun vorbei. Ich freue mich auf die nächste Gänsehaut. Entweder beim nächsten Album. Oder dem nächsten Druck auf die Play-Taste.

Zwölf von zehn Punkten.

Line-Up:
Tomi Joutsen – vocals
Esa Holopainen – guitar
Tomi Koivusaari – guitar
Niclas Etelävuori – bass
Jan Rechberger – drums
Santeri Kallio – keyboards

Produziert von Jens Bogren
Label: Nuclear Blast

Tracklist:
01. Under The Red Cloud
02. The Four Wise Ones
03. Bad Blood
04. The Skull
05. Death Of A King
06. Sacrifice
07. Dark Path
08. Enemy At The Gates
09. Tree Of Ages
10. White Night

Bonus-Tracks (Digipak & 2LP):
11. Come The Spring
12. Winter’s Sleep