THE BLACK DAHLIA MURDER, CEPHALIC CARNAGE, PSYCROPTIC, SYLOSIS: Transilvania, CH-Erstfeld, 07.02.2009

Melodic Death Metal trifft auf wirren Wahnsinn…
 

Dass sich der Transilvania Club langsam aber sicher zum südöstlichen Gegenstück des Z7 gemausert hat, ist ein offenes Geheimnis. Am Nordportal des Gotthardtunnels gelegen, ist der Erstfelder Club das Metallerzentrum der Innerschweiz und viele Tessiner finden ebenfalls regelmäßig den Weg in den nahen Schweizerdeutsch sprechenden Norden. Auch an diesem verregneten Samstagabend verhält sich das nicht anders und eine veritable Meute aus Melodic Death Metal-Anhängern, Metalcore-Fans und Technikgeballer-Brüdern hat sich im ansprechend eingerichteten Club eingefunden.

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 Viel positive Energie: Jamie (SYLOSIS)

Pünktlich um Viertel nach acht betreten die Briten SYLOSIS die Bühne. Das Quintett wirkt zwar noch jung, macht aber einen sehr routinierten und motivierten Eindruck. Mit positiver Energie genährt beginnen sie ihr Set und lassen sich von den anfangs sehr verhaltenen Reaktionen nicht beirren. Sänger Jamie grinst und hat sichtlich Spaß, egal ob er shoutet oder in etwas höhere Gefilde wechselt. Spätestens beim zweiten Song haben die Briten einen beachtlichen Anteil Leute im Publikum, die im Takt mitwippen und das vordere Drittel schüttelt schon mal die Matten. Wirklich komplex ist die melodische Death Metal Mucke der Briten nicht – aber die Gitarrenlines sitzen. Josh und Bailey harmonieren sehr gut miteinander, egal ob gerades Riffing oder perlende Läufe.

Musikalisch lassen sich Parallelen zu den neueren AT THE GATES-Zeiten sowie KILLSWITCH ENGAGE nicht von der Hand weisen und es überrascht nicht, dass SYLOSIS von einigen THE BLACK DAHLIA MURDER-Fans sogleich ins Herz geschlossen werden. Das Quintett berücksichtigt im Set vor allem Songs des aktuellen Albums Conclusion of an age, welches mit dem Titeltrack, Stained Humanity und Withered ausgiebig präsentiert wird. Das Transilvania füllt sich inzwischen immer mehr, und SYLOSIS mausern sich vom wohlwollenden Beifall zur Hey – hey – hey-mitschreienden Meutenmotivation. Ihre Anheizermission kann nach dem abschließenden Song Teras somit eindeutig als geglückt bezeichnet werden.

Um 21 Uhr ertönt das PSYCROPTIC-Intro und die Tasmanen stellen sich in blaues Licht getaucht auf die Bühne. Mit Lacertine Forest vom The Scepter Of The Ancients-Album beginnt das Quartett sein Set. Aggressiv und brachial wie immer liefert die Band eine ansprechende Mischung aus Gebretter und technischen Spielereien. Sänger Jason lässt sein tiefes Grunzorgan erschallen und gibt sich seiner Performance hin. Die Ansagen beschränken sich auf ein absolutes Minimum, dafür schüttelt Basser Cameron tüchtig die Matte.

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Starker Sänger, aber wenig Publikumsinteraktion: Jason (PSYCROPTIC)

Mit A calculated effort, (Ob)Servant, Horde of devolution und Immortal Army Of One nimmt die Präsentation des neuen Albums (Ob)Servant dann den Großteil der Setliste ein. Gleich merkt man, dass das neuere Material technischer daherkommt. Zu großer Bewegung im Publikum führen die Songs indes nicht – viele ziehen es vor, mit Minimalnickbewegungen die spielerisch anspruchsvolle Darbietung genau zu verfolgen. Dies deckt sich auch mit dem geringen Bewegungsdrang von Gitarrist Joe, der sich lieber auf sein Riffing und seine Soli konzentriert. Noch immer hat man bei den Tasmanen nicht das Gefühl, dass einen zweite Gitarre fehle, da Joe spielerisch alles kompensiert.

Allerdings entsteht manchmal der Eindruck, dass der talentierte Gitarrist noch Raffinierteres bieten könnte, wenn Drummer David das mit entsprechenden Drumlines mittragen würde. Da er dies jedoch nicht zu tun scheint, kommt der Gedanke auf, dass bei PSYCROPTIC durchaus noch Raum nach oben frei ist. Mit dem letzten (Ob)Servant-Song, Initiate, findet der Gig der Tasmanen dann ein abruptes Ende und die Band verlässt ohne große Abschiedsszene die Bühne. Während dies durchaus normal ist für PSYCROPTIC, bleibt unter dem Strich lediglich ein ordentlicher Gig zu verzeichnen. Spielerisch ist zwar alles in Ordnung – wie immer. Aber damals im Vorprogramm von DISMEMBER wirkten die Tasmanen irgendwie weniger verkrampft und wussten eher zu begeistern.

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Voller Körpereinsatz bei CEPHALIC CARNAGE

Danach bleibt für einen Trip zum Merch-Stand nur wenig Zeit. Die Preise sind mit 15 Euro für Shirts allerdings sehr fair und sowohl die großflächigen THE BLACK DAHLIA MURDER-Designs, wie auch die abgefahrenen CEPHALIC CARNAGE-Zeichnungen und das old schoolige Schwarz/Weiß Shirt von PSYCROPTIC wecken das visuelle Interesse. Doch solche ruhigen Betrachtungen gehören flugs der Vergangenheit an. So unmittelbar wie PSYCROPTIC ihr Set beendet haben, so plötzlich stehen CEPHALIC CARNAGE auf der Bühne und geben von der ersten Sekunde an alles.

Alle fünf Amis sind mit vollem Körpereinsatz dabei. Im zweiten Song bedeutet dies, dass sich die Saitenfraktion simultan auf den Rücken rollt und einen Teil des Songs liegend runterbrettert. Eine versteckte Hommage an Cheerleader-Routinen? Man weiß es nicht genau, denn im bizarr-chaotischen Frickeluniversum von CEPHALIC CARNAGE scheint sogar dies möglich.

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In the name of the Unholy – Black Metal Sabbath

In den vordersten Reihen halten die abgefahrenen Riffs die Meute nicht davon ab, fleißig die Matten kreisen zu lassen – man merkt, dass das Quintett aus Denver von der ersten Sekunde an alle mit seiner Energie ansteckt. Egal ob Lenzig über die Zukunft singt und dafür mittels Hybrid in die Vergangenheit zum 2000er Album Exploiting Dysfuncion reist oder das aus dem Jahr 1998 ausgegrabene Analytical den Schweizer Kumpels von der METAL DIE HARD FRONT, CREMATION und Pascal (ANALGORTIS) widmet – altes und neues Material werden begeistert aufgenommen.

Cleane, akustische Parts treffen auf Brachialität und Abgefahrenheit, ein vielschichtiges Gebräu fräst sich in die Gehörgänge – wie man es sich auch von Anomalies und Xenosapien gewohnt ist. Kultige Ansagen à la Afterwards you go home, and masturbate, and have a very Lucid Interval begeisternt ebenso wie Snicks fulminant-imponierendes Bass-Spiel auf dem fetten Sechssaiter. CEPHALIC CARNAGE sind routiniert, aber immer top motiviert und wirken nie abgelöscht. Der Aufforderung zum Circlepit wird dann auch Folge geleistet. Zwar nicht von den üblichen gefühlten 90%, wie dies bei MOUNTAINS OF DEATH-Auftritten der Fall ist, aber doch von einigen aus der Meute.

Klar werden die Ansagen mit Hinweisen aufs Grasrauchen angereichert und es erstaunt wenig, dass die Amis das Grasrauchen als Alternative zum Kämpfen propagieren. Den letzten Song widmen CEPHALIC CARNAGE den Transilvania-Mitarbeitern und der Hinweis We gotta put on our corpsepaint, so give us a fucking second… lässt die Vorfreude auf Black Metal Sabbath in die Höhe schnellen. Dieser wird mit den Worten In the name of the unholy, we come to bring you a message, a black metal sabbath! würdevoll eröffnet und die geographisch verwirrte Ansage Okay, we wanna see one last circle pit – Swedish fucking Switzerland style führt zur gewünschten physischen Kreisbegeisterung. Mit einem Hinweis auf ihren Merchandise und der Verabschiedung If you have any weed, let`s fucking get stoned beschließen CEPHALIC CARNAGE ihren Gig. Und wiederum kann man das Fazit des letztjährigen MOUNTAINS OF DEATH-Auftritts anbringen: Klasse Sound, klasse Musiker, klasse Gig!

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Hat trotz Neigung zum Sodbrennen genug Live-Energie: Trevor

Kurz nach halb elf betreten dann die Headliner des heutigen Abends die Bühne. Sänger Trevor, der irgendwie an Jack Black erinnert, hat sich schon vor dem Gig seiner Brille entledigt, was wohl jeden Auftritt mit einer Prise prickelndem Risiko versieht für ihn. Später wird der THE BLACK DAHLIA MURDER-Fronter dann auch noch sein Tales of the thousand lakes-AMORPHIS-Shirt los, um sich oben ohne seinem schweißtreibenden Workout zu widmen. Doch auch seine vier Mitstreiter scheuen das Fitnessprogramm nicht und legen sogleich mit dem entsprechenden Körpereinsatz los.

Musikalisch lässt sich die Gretchenfrage – Sind THE BLACK DAHLIA MURDER Metalcore oder nicht – doch relativ eindeutig beantworten. Abgesehen von einigen Handzeichen, die als Aufforderung zur Publikumsbewegung interpretiert werden können, kann man das Quintett aus Michigan getrost als moderne Melodic Death Metal-Band schubladisieren, wenn es denn sein muss. Erinnerungen an die neueren Zeiten von AT THE GATES und auch CARCASS sind offensichtlich, THE BLACK DAHLIA MURDER reichern ihre Melo-Death-Göteborg-Kreationen einfach noch mit einer gewissen amerikanischen Note an. Der Großteil des Publikums goutiert das Gebotene mit sportlicher Fanaktivität und man merkt, dass viele an diesem Abend vor allem wegen THE BLACK DAHLIA MURDER gekommen sind.

Die Setliste lässt dann auch keine Fanbegierden außer Acht und berücksichtigt alle drei Full Length-Alben der Band. Elder Misanthropy führt zurück zum 2003er Output Unhallowed, Miscarriage (inklusive Aufforderung zum Schamhaar-Exhibitionismus in der Ansage) gibt unter anderem einen Einblick ins Miasma-Werk. Der Setlistenschwerpunkt liegt indes auf dem aktuellen Nocturnal-Werk (dessen Coverartwork von Kristian Wåhlin Trevors Liebe zum fantastischen Darkside-Album von NECROPHOBIC symbolisiert).

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Guter Sound – THE BLACK DAHLIA MURDER

Everything went black und Climactic Degradation werden positiv aufgenommen und Band und Meute geraten ins Schwitzen. Soundmäßig sind THE BLACK DAHLIA MURDER ebenfalls gut bedient – ein satter Bass-Sound entzückt, die rot fluoreszierende Gitarre tönt ebenfalls nach was und einzig die künstlichen Bassdrums müssen auf der Negativseite verbucht werden. Positiv hingegen macht sich der neue Gitarrist Ryan, der das erste Mal mit der Truppe unterwegs ist. THE BLACK DAHLIA MURDER liefern alles in allem eine saftige Show ab. Sie haben zwar nicht die songwriterische Genialität und Eigenständigkeit von AT THE GATES für sich gepachtet – aber mit ihrem Gig findet dieser interessante Extrem Metal-Abend ein flottes Ende.

Layout: Arlette Huguenin D.
Fotos und Titelgraphik: Andreas Szabó