BONECRUSHER FEST 2010: THE BLACK DAHLIA MURDER, 3 INCHES OF BLOOD, NECROPHOBIC, OBSCURA, THE FACELESS, CARNIFEX, INGESTED – Tourbericht über die Gigs in Hamburg, Markthalle (10.01.2010AS) und Malmö, KB (11.01.2010AS)

Beim BONECRUSHER FEST geben THE BLACK DAHLIA MURDER, 3 INCHES OF BLOOD, NECROPHOBIC, OBSCURA, THE FACELESS, CARNIFEX und INGESTED alles. Und darum macht es auch Sinn, sich das Package drei Mal hintereinander reinzuziehen – eine kleine laute Reise von Hamburg nach Malmö…
 

Der Wetterbericht verspricht nichts Gutes. Die Flughäfen klagen über Verspätungen, auf die Bahn ist irgendwie auch kein Verlass und mit dem Auto über die Autobahn zu schlittern verspricht ebenfalls keine vergnügliche Sache zu sein. Doch bereits der Gig in Oberhausen zeigte, dass das BONECRUSHER FEST einfach ein Hammerpackage mit sieben Bands bietet – und man sich als Bass-affines Wesen schon nur OBSCURA nicht entgehen lassen darf. Von sämtlichen Gitarristenargumenten mal ganz abgesehen – also flugs die Flüge gebucht, die dann prompt mit maximal einer Stunde Verspätung den Metalfan nicht ganz im Stich lassen.

Die Route ist klar – von Düsseldorf gehts nach Hamburg, um den Gig in der Markthalle zu genießen. Am nächsten Morgen dann ab mit dem Flieger nach Kopenhagen und von dort aus bequem mit dem Zug ins schwedische Malmö, das einen – wie alle Städte an diesem Wochenende – mit frostigen Temperaturen, Eis und Wind willkommen heisst. Immerhin sind die Clubs entweder so nahe am Bahnhof gelegen, dass man mit sämtlichen Fingern ankommt (Beweisstück 1: Markthalle Hamburg), oder aber das Wetter kommt als klar-kalte Winterspaziergangsmotivation daher (Beweisstück 2: KB Malmö).

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 Gitarrespielen, Singen, Merch verkaufen – Steffen (OBSCURA)

Ein weiterer Pluspunkt des BONECRUSHER FESTs ist die straffe Organisation: Wenn auf dem Ticket steht, dass INGESTED um 18:30 Uhr beginnen, dann fangen sie auch dann an. Und gegen Mitternacht ist das Programm beendet – kein endloses Rumwarten bis in die frühen Morgenstunden. Von Rockstar-Attitüde à la Ich lasse das Publikum lange warten, bis mindestens 30% ganz dringend aufs Klo müssen nach drei Songs des Headliners also keine Spur – weder bei den Headlinern THE BLACK DAHLIA MURDER noch bei den Supportbands 3 INCHES OF BLOOD, NECROPHOBIC, OBSCURA, THE FACELESS, CARNIFEX oder INGESTED.

Ebenfalls cool ist das Merchandise-Angebot. Alle Bands haben äußerst reizvolle Preise: Bei OBSCURA gibts das wunderschöne Cosmogenesis-Zipperhoodie für 25 Euro, die Girlies, die lang genug sind, dass die Hüfthosenfrau kein Opfer der Roadieritze wird, kosten 10 Euro. NECROPHOBIC haben Shirts mit dem düsteren Death To All-Cover à 13 Euro dabei und THE BLACK DAHLIA MURDER fahren farblich, graphisch und angebotstechnisch (DVD, CD, Bekleidung) grad die großen Geschütze auf. Auch THE FACELESS, CARNIFEX, 3 INCHES OF BLOOD und INGESTED haben ihre eigenen Merch-Stände dabei und nicht selten sind es Jungs von den Bands höchst selbst, die den Verkauf schmeissen und den Kontakt zu den Fans nicht scheuen – eine sehr sympathische Einstellung zum Ganzen.

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Einzählen zum Brutal Death-Auftakt: Lyn (INGESTED)

INGESTED

Sowohl in Hamburg wie auch in Malmö verzichtet man auf einen lokalen Opener und kommt so wirklich in den puren Genuss des BONECRUSHER FEST-Billings. Das bedeutet, dass INGESTED den Opener des Abends geben und wohl die brutalsten Death Metal-Klänge der Auftretenden zum Besten geben. Vielen Fans sind die Briten dann auch prompt zu hart. In der Hamburger Markthalle tut sich eine rechte Lücke zwischen Bühne und Publikum auf, lediglich vereinzelte Sickfucks tummeln sich im Pit. In Malmö verfallen die INGESTED-Anhänger stattdessen in eine Art wilden Ausdruckstanz und veranlassen die Emo-haft aussehenden Metalcorekiddies zum fluchtartigen Rückzug in Bühnenferne.

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Röhren über Blut, Kremieren und Sperma: Jason (INGESTED) 

INGESTED lassen sich vom Verhalten jedoch nicht beirren. Klar hat das Brutal Death-Metal affine Publikum am MOUNTAINS OF DEATH 2007 positiver auf die Truppe reagiert. Doch immerhin – sowohl am Ende des Hamburger wie auch des Malmöer Gigs ist der Pit größer geworden und einige Metaller mehr haben sich in den brutalen Textsog aus Blut, Sperma und sexuellem Experimentiersadismus ziehen lassen. Spielerisch sind die Jungs aus Manchester auf jeden Fall auf Zack – die aggressiven schnellen Parts sitzen genauso wie die Slam-Parts, die die Meute sogleich zum Mitmachen animieren.

Die Setliste aus den fünf Songs Contorted perception, Cremated Existence, Inter-cranial Semen Injection, Skinned and fucked and Anal Evisceration stellt das aktuelle Debüt Surpassing The Boundaries Of Human Suffering angemessen vor und zeigt, dass sich INGESTED treu geblieben sind und Melodien einen schweren Stand bei ihnen haben. Das dürfte dann auch der Hauptgrund sein, weswegen sie leicht aus dem Rahmen des Billings fallen – den anwesenden Hartgesottenen gefällt´s jedoch an beiden Gigs.

 

 

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Mehr Breakdowns als Griffbrettakrobatik – Cory (CARNIFEX) 

CARNIFEX

Nach dem Opener INGESTED ist es Zeit für die drei Bands, die sich in der Reihenfolge gemäß eines Rotating Slot-Plans abwechseln. Will heissen: An einem Abend spielen OBSCURA als zweite Band, am anderen Abend sind sie an dritter Position, während THE FACELESS oder CARNIFEX als zweite Truppe auf der Bühne stehen. Die Spielzeit ist bei allen dreien auf 20 bis 25 Minuten beschränkt – etwas gar kurz ob der Qualität der genannten Bands, aber anders wären die sieben verschiedenen Auftritte zeitlich kaum in einen Abend zu quetschen.

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Spucken, keifen, brüllen für den Break fucking Down: Scott (CARNIFEX) 

So sind CARNIFEX in Hamburg als vierte Band des Abends dran, in Malmö erwischen sie den zweiten Platz auf dem Programm. Die Quintessenz der 2005 in Kalifornien gegründeten Band lässt sich mit einem magischen Wort zusammenfassen: Breakdown. Sänger Scott – so stelle ich mir einen Metalcore-Sänger vor, egal ob er ein neueres CRADLE OF FILTH-Shirt trägt oder nicht – brüllt zu Beginn schon Break fucking down in die Meute und man merkt sofort, dass der CARNIFEX-Auftritt für viele eine Teilmotivation des aktuellen Konzertbesuches darstellt.

CARNIFEX sind sich der Erwartungen bewusst – und geben sich entsprechend energiegeladen ihren Deathcore / Metalcore-Songs hin. Als Opener wählen die Amis den Titelsong ihres 2008er-Albums The Diseased And The Poisoned, vom gleichen Output lassen sie auch noch In Coalesce With Filth And Faith aufs Publikum los. Diese Songs kommen genauso gut an wie der Track der aktuellen Single Hell Chose Me. Zum Abschluss kehren CARNIFEX noch zu ihrem 2007er Debüt Dead In My Arms zurück und spielen Lie To My Face. Vom Aufbau her ähneln sich die Songs und ohne Breakdown läuft nix. Fans ziehen die Kalifornier aber auf jeden Fall in ihren Bann. Scott spuckt, keift und brüllt, bei der Saitenfraktion ist volle Bangpower angesagt und Drummer Shawn – inklusive Straight Edge-Tätowierungen an beiden Armen – lässt es sich nicht nehmen, die Sticks zirkusreif zusätzlich kreisen zu lassen und nach Herzenslust mitzubangen. Das Resultat bei CARNIFEX ist eine seriös aufgehetze, erhitzte Meute, die wild im Pit um sich schlägt, tanzt und feiert, dass es einem Angst und Bange wird. Live also definitiv ein passender Vorgeschmack auf THE BLACK DAHLIA MURDER und nächsten Monat kommt zudem das neue CARNIFEX-Album in die Läden.

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Nimmt die Hände kaum vom Griffbrett: Steve (THE FACELESS) 

THE FACELESS

Während die Reize von CARNIFEX mit dem puren Bauchgefühl nachvollziehbar und in bewegliche Beinarbeit umsetzbar sind, sind THE FACELESS sozusagen die Antipode zu ihren Landsleuten. In Hamburg sind die Kalifornier gleich nach INGESTED dran, in Malmö sind sie die dritte Band des Abends und spielen nach CARNIFEX und der Umbaumusik aus dem Hause DISSECTION (irgendwie erwartet man in Schweden schließlich schwedische Mucke in der Umbaupause). In beiden Positionen zeigt sich die Gegensätzlichkeit, sowohl musikalisch als auch auf die Performance bezogen.

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Hat als einziger Publikumskontakt: Derek (THE FACELESS) 

THE FACELESS spielen kopflastige Gitarrenmusik für kompliziert denkende Menschen, die Ausschläge von 4/4-Takten bekommen und Bewegungen außerhalb des Handradius scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Die Gitarristenfraktion aus Michael und Steve sind das Herzstück der Band. Frickelige Soli, verknotete Fingerstellungen, die schon nur beim Hinschauen wehtun und rhythmisches Riffing mit Herzinfarktgarantie. Die Rhythm- und Basssektion aus Brandon und Lyle setzt ein knallhartes Fundament aus Präzision. Einzig Sänger Derek bricht aus dem steifen Schema etwas aus und so scheint auf ihm die gesamte Verantwortung für eine spannende Performance und die Publikumsinteraktion zu liegen.

Denn so geniale Instrumentalisten THE FACELESS auch sein mögen – ihre Performance birgt keinerlei Spannungsmomente oder Atmosphäre. Steif und konzentriert stehen sie da, frickeln sich einen Wolf ab und erweisen sich als Inbegriff der Tech Death-Metal Truppe. Während die Scheibe Planetary Duality zu von Erstaunen ergriffenem Kinnladenrunterfallen führt, ist die Performance von THE FACELESS erschreckend klinisch und fad. Klar sind alle Songs der Setliste – Coldly Calculated Design, Ancient Covenant, Zenochrist und An Autopsy – komplex, unspielbar, CYNICNECROPHAGIST-rivalisierend. Aber irgendwie fehlt das Live-Flash, das man analog zum CD-Flash bei THE FACELESS erwartet hätte.

Dem Großteil der Anwesenden sind THE FACELESS denn auch zu kompliziert – diejenigen, die die Songs nachvollziehen können, kann man sowohl in Schweden wie auch in Deutschland an zwei Händen abzählen. Immerhin scheinen die Amerikaner in Malmö schon etwas Performance-freudiger geworden zu sein und die Gitarristen blicken auch mal auf, strecken die Arme in die Höhe und geben sich als menschliche Wesen zu erkennen. Technik bis zum Tod – THE FACELESS. Es wird spannend zu sehen, inwiefern sie ihre Performance im Laufe der BONECRUSHER FEST-Tour zu vermenschlichen wissen.

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Superbe Gitarrenarbeit: Christian (OBSCURA) 

OBSCURA

Wenn es 2009 eine Band gab, die mit der Überzeugungskraft einer alttestamentarischen Plage den Status Newcomer des Jahres für sich beanspruchen konnte, dann sind es OBSCURA aus München. Dem Meisterwerk Cosmogenesis bleiben kaum irgendwelche Top10-Albenlisten verschlossen, das Coverartwork macht die Shirts der Band zu beliebter Stagewear (etwa bei ATHEIST, wie man am JALOMETALLI-Festival beobachten konnte) und musikalisch bietet das Quartett eine wahre Ohrenweide des melodiös-progressiven Death Metals.

In Hamburg betreten OBSCURA als zweite kurz nach halb acht die Bühne, in Malmö sind sie als vierte nach 20 Uhr an der Reihe (und man darf sich zur Einstimmung neuere ENSLAVED-Umbaumucke anhören). Bezüglich Sound erwischt das Quartett beide Male keine Niete, man hört die einzelnen Instrumente gut raus und alles ist sauber abgemischt. Dunkelheit, ein bombastisches, kurzes Intro, die Band steht mit dem Rücken zum Publikum – OBSCURA liefern hier also nicht nur Technik, sondern auch ein Maß an Dramatik, das einfach zu einem Konzert gehört.

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Flitzefinger-Fretless-Bass-Inspirationsquelle: Jeroen (OBSCURA)

Als Eröffnungssong wählen OBSCURA den süchtigmachenden Opener des Cosmogenesis-Albums: Anticosmic Overload. Leidenschaftlich und energiegeladen stürzt sich das Quartett in seinen Auftritt. Bassist Jeroen ist eine Attraktion für sich, seine sanft-gleitenden Fretless-Läufe eine wahre Offenbarung. Die Bassistenfraktion im Publikum bewegt sich entsprechend zur linken Seite der Bühne, um das Spektakel auch visuell genießen zu können – so fasziniert von einem Bassisten war ich wohl das letzte Mal bei Stefan Fimmers (NECROPHAGIST). Kaum verwunderlich kann sich der Rest der Rhythmusfraktion ebenfalls hören lassen: Drummer Hannes kann selber auf NECROPHAGIST-Erfahrung zurückblicken und harmoniert perfekt mit Jeroen. Das rhythmische Groove-Fundament überzeugt voll und ganz und lässt keinerlei Wünsche offen.

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Ein Statement gegen Fönfrisuren – Steffen und Christian (OBSCURA) 

Trotz der Rhythmusattraktivität sind die anwesenden Gitarristenwesen wohl primär an der Mitte und der rechten Seite der Bühne anzutreffen. Frontmann Steffen meistert die Doppelfunktion von Gitarrenspiel und Gesang souverän. Dazu hält er den Kontakt zum Publikum zwischen den Songs locker und gewinnend aufrecht. In Schweden führt das schon mal dazu, dass er die Meute auf Schwedisch begrüsst und die Skandinavier darauf hinweist, dass sie den Merchandise auch mit ihrer nach Fisch stinkenden Währung erwerben können. In Hamburg geht nach dem zweiten Track der Setliste – Choir Of Spirits – das Snare in die ewigen Jagdgründe ein, doch OBSCURA nehmens mit Humor, auch wenn die erste Reihe Life Is Life zu gröhlen beginnt und ein Langhaariger Setzt ein Statement gegen die Fönfrisuren da hinten brüllt.

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Glänzt mit Soli, die Seele haben: Christian (OBSCURA)

Das ändert jedoch nichts an der Klasse von Songs wie The Universe Momentum und Desolate Spheres, in denen OBSCURA zu jeder Minute ihre Qualitäten unter Beweis stellen und mit reichlich Headbanging ihre Songs präsentieren. Die Gitarrenarbeit ist superb und Saitenhexer Christian glänzt mit zackigem Riffing und perlenden Soli. Leider ist auch OBSCURAs Spielzeit nur kurz und die Münchner schließen sie mit Centric Flow ab – ausgerechnet mit dem Song, den man sich locker fünf Mal hintereinander anhören kann, ohne sich dabei zu langweilen. In Malmö brilliert Christian mit einem abschließenden Solo, das genau die Gratwanderung fern des Kitschabgrundes schafft und einfach nur in die Sparte zauberhaft eingestuft werden kann. Man vergisst kurz Zeit und Raum – ein Zen-Moment par excellence.

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Seit 1989 der Drumdämon bei NECROPHOBIC: Joakim Sterner 

NECROPHOBIC

NECROPHOBIC sind zum einen die dienstälteste Band an Bord der Tour, zum anderen sind sie derart fernab der Coretech-Bewegung, dass es wenig erstaunlich ist, dass sich vor ihrem Auftritt der Raum vor der Bühne beträchtlich leert. Diesen Effekt haben sie nicht nur in Oberhausen, sondern auch in Hamburg und Malmö. Im schwedischen KB-Club verziehen sich jedoch nur die eingefleischten Wollmützler weg von der Bühne und die Stockholmer können auf einen gewissen Heimvorteil setzen. Nun trauen sich die Langhaarigen, die Lederjacken- und Kuttenträger weiter nach vorn – selbst ein KISS-Shirt wird ohne Scham getragen – und halten gediegen ihr Bier. So stellt man sich angebracht darauf ein, sich schwedisch todesmetallisch die Kante zu geben.

Das letzte Mal waren NECROPHOBIC im Rahmen der Hrimthursum-Tour im November 2006 in Europa unterwegs, nun bestreiten sie also die Promotionsreise mit dem Missionstitel Death To All. Wie auch schon bei den Auftritten in Milano letzten November und am HELLS PLEASURE-Festival sind die Bühnenaufbauten mit dabei. Zweimal Grabesmauer mit Pentagramm, umkehrtem Kreuz und Schädel müssen schon sein und schaffen eine düstere Atmosphäre auf der Bühne.

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Magisch und besessen – Frontmann Tobias (NECROPHOBIC)

Zu ihrem Intro mit Orff-Bombast-Touch betreten NECROPHOBIC um 21 Uhr ernst, inklusive dezentem Corpsepaint, die Bühne. Anders als in Oberhausen spielen sie sowohl in Hamburg wie auch in Malmö bei angemessenen Lichtverhältnissen statt praktisch im Dunkeln. So stimmt an diesen beiden Gigs sowohl die soundtechnische wie auch die visuelle Szenerei des Auftritts der Schweden, die jeweils eine gut 45minütige Performance hinlegen.

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Satans Saitenschinder: Sebastian 

Und man merkt, dass NECROPHOBIC auch nach 20 Jahren im Dienste des satanischen Schweden Death Metals noch immer den nötigen Live-Hunger für sich gepachtet haben. Frontmann Tobias – befreit von seinen früheren zusätzlichen Bass-Pflichten – blüht in seiner Rolle als Sänger voll und ganz auf. Beschwörerisch, magisch, manisch, besessen – und voll bei der Sache führt er durch die dunklen lyrischen Welten NECROPHOBICs. Klar war er schon immer charismatisch, aber an diesen Gigs versprüht er so viel Hingabe und Begeisterung für seine Aufgabe, dass man sich einfach von ihm in seinen Bann ziehen lässt. Fit und motiviert führt er durch die Songs, schwingt während Revelation 666 vom Death To All-Werk die NECROPHOBIC-Flagge als wäre er der letzte Krieger auf dem Schlachtfeld. In Malmö steigert sich Tobias im direkten Vergleich zum sehr guten Hamburger Gig noch, da er schlagfertig und mit unvergleichbaren Södermalmer Schwedischakzent aufs Publikumsfeedback reagiert. Dieses besteht zum großen Teil aus nicht jugendfreien Phrasen, denn die Malmöer sind sich nicht zu schade, ihre Freude mit dem entsprechenden Schimpfwortvokabular auszudrücken.

Für Freude sorgt nicht nur die Performance der Bandmitglieder, sondern auch die abwechslungsreiche Setliste. NECROPHOBIC machen nicht den Fehler, nur Songs von ihrem neuen Album zu spielen, sondern decken alle ihre Schaffensphasen ab. Den Auftakt bildet das wuchtige Dreams Shall Flesh (vom Bloodhymns-Album), danach gibts gleich noch das Brett Into Armageddon (vom The Third Antichrist-Output) vor den Latz geknallt. Revelation 666 ist dann ganz im Sinne von Death To All und das darauf folgende For Those Who Stayed Satanic zeigt, dass NECROPHOBIC eine neue Hymne in Petto haben, die sämtlichen alteingesessenen Satanisten direkt an die Seele geht – beziehungsweise ein luziferisches Liebespärchen in Malmö zum Rumknutschen zu motivieren gegen Ende des Songs. Ansonsten ist es unmöglich, hier nicht mit Herzblut mitzusingen und die schwarze Flamme in den eigenen Augen lodern zu spüren!

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Riffen für Luzifer: Johan (NECROPHOBIC) 

NECROPHOBIC haben genau dieses Satansfeuer im Herzen, in den Fingern, in der Stimme und in der Performance. Furchterregend und gleichzeitig faszinierend schreddert sich Hüne Johan durch seine Riffs. Das jüngste Mitglied Alex steht ihm in nichts nach und liefert seine Basslines ab, als gäbe es kein Morgen – Headbanging selbstverständlich inbegriffen. Joakim rundet die Rhythmusfraktion ab und trommelt sich unerbittlich durch die einzelnen Tracks. Leadgitarrist Sebastian manifestiert sich trotz heller Gibson Flying-V als tonangebender Todesengel und übernimmt hier und da auch einige Backing Vocals, wenn er nicht gerade rituell die Fans seiner Gitarre huldigen lässt.

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Tieftongrollen zum Fürchten: Alex 

Mit Isaz (vom The Third Antichrist-Werk) ist dann gleich eine Live-Première zu hören, die zu überzeugen weiß. Der Hrimthursum-Hit Blinded By Light, Enlightened By Darkness ist dann wiederum ein sicherer Wert, der seine positive Wirkung auf die Meute nicht verfehlt. Dasselbe gilt für den Klassiker The Nocturnal Silence, der in der Vergangenheit oftmals den Abschluss eines NECROPHOBIC-Auftritts markierte. Nicht so auf dieser Tour – denn hier ist erst nach dem deftigen Nailing The Holy One Schluss. Leider ist das Fuck You Christ-Mitsingspielchen noch immer in der Schublade verschwunden und man kann seiner Überzeugung nicht ganz so ausgedehnt wie früher Luft machen. Trotzdem dürfte der abschließende Track wohl nicht nur zu Freude beim Publikum, sondern auch bei THE BLACK DAHLIA MURDER-Trevor sorgen, der das dazugehörige Darkside-Album zu seinen absoluten Favoriten zählt.

Wie auch immer – NECROPHOBIC machen aus ihrer stilistischen Außenseiterposition das Beste und legen sowohl in Hamburg wie auch in Malmö zwei phantastische Auftritte hin. Einfach nur sensationell!

 

 

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Hohe Töne und Metal as fuck: Cam (3 INCHES OF BLOOD) 

3 INCHES OF BLOOD

3 INCHES OF BLOOD haben ebenfalls eine gewisse Außenseiterposition, sowohl stilistisch wie auch visuell. Die sich bei NECROPHOBIC nach vorn getraute Metallerbevölkerung bleibt bei den Kanadiern in Bühnennähe und hier und da lassen sich vereinzelte eher Core-affine Fans in den vorderen Reihen ausmachen. 3 INCHES OF BLOOD sind mit ihrem straighten, schnörkellosen Heavy Metal diametral entgegengesetzt zu den zuvor auftretenden THE FACELESS und sowohl der Gig in Hamburg als auch der in Malmö untermauern diesen Fakt.

Sympathisch prollig kommen die Kanadier an beiden Abenden rüber. Irgendwie denkt man bei Heavy Metal und Kanada unweigerlich an ANVIL, doch 3 INCHES OF BLOOD bedienen sich auch gerne bei Bands wie ACCEPT oder JUDAS PRIEST. Obwohl der Bandname eher auf eine Metalcore-Truppe schliessen liesse, gibt es bei 3 INCHES OF BLOOD keinerlei Motivation, sich hüpfend dem Konzert zu widmen. Mit überzeugter Abwechslungsfeindlichkeit prollen sich die Kanadier durch ihr Set – inklusive doppelläufiger Gitarrenspielereien à la IRON MAIDEN, hoher langgezogener Schreie à la ROB HALFORD zu Painkiller-Zeiten und reichlich Testosteron-schwangerer Attitüde. Irgendwie vergisst man während des 3 INCHES OF BLOOD-Gigs geradezu, dass es auch Frauen im Metalbereich gibt (NIGHTWISH? Hä? Nie gehört) und man kann die Truppe geradezu als Personifizierung heterosexueller Metallermännlichkeit sehen.

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Mit Bass und Groove – Steve (3 INCHES OF BLOOD)

Unsympathisch sind 3 INCHES OF BLOOD dennoch nicht. Klar schlafen dem nerdigen THE FACELESS-Fan bei den Drumlines der Kanadier wohl das Gesicht ein – aber Schlagzeuger Ash spielt tight und geradeaus durch das Set und ist mit Freude bei der Sache, was sich positiv auf die partytaugliche Mucke auswirkt. Dem Publikum gefällts – man merkt, dass selbst diejenigen, die keine Platte von 3 INCHES OF BLOOD zuhause im Regal stehen haben, die Live-Qualitäten der Band nicht bestreiten würden. In Malmö reagiert die Meute noch einen Tick positiver auf die Kanadier – kein Wunder bei der hohen Dichte von Old School-Metalfanatikern in Schweden. Auch kein Wunder, dass die mittourenden NECROPHOBIC-Männer sich den 3 INCHES OF BLOOD-Gig gerne selber vom Publikumsraum aus reinziehen.

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Dynamischer Drummer: Ash

Setlistentechnisch berücksichtigen die Kanadier alle ihre vier Alben. Egal ob man zu Swordmaster (vom Advance And Vanquish-Album) die Matte kreisen lässt, Demon´s Play von Fire Up The Blades geil findet oder dem Call Of The Hammer vom aktuellen Output Here Waits Thy Doom folgt – selbst das Debüt Battlecry Under A Wintersun kommt zum Zug und damit alle Metaller im Publikum auf ihre Kosten. Simpel, aber voller Energie reißen 3 INCHES OF BLOOD ihre Zielgruppe mit – ohne Wenn und Aber. Sänger Cam hält die hohen Töne ohne mit der Wimper zu zucken und nicht selten sieht man in der Menge ein strahlendes Gesicht eines älteren Fans, der sich wohl an seine Jugend zurückerinnert, als Spandex, weiße Turnschuhe und Demotapes noch zum metallischen Tagesgeschäft gehörten.

Diese Begeisterung schlägt dann teilweise auch schon in fast archaische Reaktionen um – etwa in Malmö, als ein begeisterter Anhänger plötzlich sein Hoodie auszieht, um es fahnenähnlich über seinen Kopf kreisen zu lassen. Aber eben, es ist unbestritten: 3 INCHES OF BLOOD machen einfach Laune, machen Spaß. Ernsthaftigkeit, Szenecredibility, technischer Abwechslungsreichtum – drauf geschissen. Hauptsache Metal as fuck.

 

 

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Souveräne Crowd-Control: Trevor (THE BLACK DAHLIA MURDER)

 THE BLACK DAHLIA MURDER

Gegen 23 Uhr ist es dann Zeit für die Headliner der BONECRUSHER FEST-Tour: THE BLACK DAHLIA MURDER. Vor der Bühne wird es gedrängt voll – denn irgendwie sind alle eben doch für die Truppe aus Michigan gekommen. Das nicht nur, weil die Amis mit Deflorate ein beachtliches aktuelles Album mit im Gepäck haben, sondern auch, weil sie auf eine gewisse Art und Weise das kleinste gemeinsame Vielfache der anderen Bands dieser Tour sind.

Mit anderen Worten: THE BLACK DAHLIA MURDER vereinen in ihrer Musik und in ihrer Performance Qualitäten und Elemente, die man von den anderen sechs Bands an diesem Abend kennt und drücken dieser Mischung am Ende noch mit viel Elan und Energie ihren eigenen Stempel auf. Einen Tick brutale Mitslammen-Motivation à la INGESTED, technische Finessen und ein präziser Drummer (damit dürften die OBSCURA und THE FACELESS-Technikfanatiker zufrieden sein), tüchtige Core-Parts (nach dem Aufwärmprogramm von CARNIFEX), einige straighte Mitbangparts (die selbst eingefleischte 3 INCHES OF BLOOD-Metaller gnädig stimmen dürften) und eine große Handvoll Fingerzeige in Richtung schwedischen Death Metal (zwar mehr Göteborg als NECROPHOBIC, aber auf jeden Fall Schweden). Dazu noch eine große Kelle AT THE GATES und CARCASS – und der THE BLACK DAHLIA MURDER-Klangkoch hat gesprochen.

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Präzises Drumming: Shannon (THE BLACK DAHLIA MURDER) 

Nach einem kurzen Intro legen THE BLACK DAHLIA MURDER gleich mit Funeral Thirst von ihrem 2003er-Debüt Unhallowed los. Dieses kommt später auch noch mit dem Song Closed Casket Requiem zum Zug, sodass eingefleischte Altfans ebenfalls auf ihre Kosten kommen. Das Hauptohren- und augenmerk legen die Amerikaner natürlich auf den aktuellen Deflorate-Output, der mit Necropolis, Black Valor, Christ Deformed, Denounced, Disgraced und dem abschließenden I Will Return (was darauf schliessen lässt, dass THE BLACK DAHLIA MURDER nicht nur mit dieser Tour noch lange nicht fertig haben) vertreten ist. Das neue Album ist bei den Fans definitiv schon in den Gehörgängen und Herzen angekommen – THE BLACK DAHLIA MURDER fahren nicht nur viel Applaus ein, sondern werden auch mittels Crowdsurfing, Mitbrüllen und einem hemmungslos um sich greifenden Moshpit inklusive Sogwirkung abgefeiert von den Anwesenden.

In die nicht-chronologische Setliste streuen THE BLACK DAHLIA MURDER auch Songs der Alben zwischen Unhallowed und Deflorate ein: A Vulgar Picture und Miasma nehmen die Anwesenden mit ins Jahr 2005 zu Miasma; Everything Went Black, What a Horrible Night to Have a Curse und Deathmask stimmen die Nocturnal-Zeiten der Band an. Ohne Zweifel eine gut gewählte Setliste, denn sowohl die deutschen wie auch die schwedischen Fans reagieren mehr als positiv auf die Songs von THE BLACK DAHLIA MURDER, egal von welchem Album sie stammen. Positiv aber auf jeden Fall, dass nicht nur einfach das Material einer Epoche abgefeiert wird, sondern alle vier Scheiben gleichermaßen für Freude sorgen.

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Gute Laune, gute Riffs: Brian (THE BLACK DAHLIA MURDER) 

Mit Freude dabei ist auch die Band, die ihrem Headlinerstatus zu jeder Minute gerecht wird. Drummer Shannon besticht durch kalte Präzision, Bassist Bart wirkt wohl eher wegen der tiefen Töne als wegen seines violetten Shirts einschüchternd und die Gitarrenfraktion aus Brian und Ryan ist ebenfalls mit vollem Einsatz bei der Sache. Herausstechend ist wie schon am damaligen Gig in der Schweiz Frontmann Trevor. Müsste man einen Kurs in Sachen Crowd Control mit einem fähigen Dozenten besetzen – Trevor hätte gute Chancen. Denn egal ob Hamburg oder Malmö, Trevor stachelt die Fans zum hemmungslosen Mitmachen an.

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Bewegung ist Pflicht – auf und vor der Bühne (Brian – THE BLACK DAHLIA MURDER)

Während 3 INCHES OF BLOOD sich nicht um irgendwelche Abwechslungsreichtumvorgaben scheren, zeigt Trevor mit seinem Verhalten gängien Schönheitsidealen den ausgestreckten Mittelfinger. Klar zieht sich der THE BLACK DAHLIA MURDER-Fronter das Shirt ab während des Gigs, entblößt sein Heartburn-Tattoo auf seiner Wampe – und geht voll ab. In Hamburg motiviert sein Strip andere Fans, es ihm gleichzutun – in der Hitze des Deathcore-Gefechts tummeln sich plötzlich mehr Halbnackte Männer im Publikum. Schließlich sind THE BLACK DAHLIA MURDER-Gigs eine schweißtreibende Sache und Trevors Unbekümmertheit steckt wohl auch die an, die sich ein ähnliches Verhalten sonst nicht getrauen würden. Witzig zudem, als einmal gleich zwei Halbnackte Crowdsurfer es auf die Bühne schaffen und der Performance so einen THE FULL MONTY-Anstrich verleihen.

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Harte Mucke, halbnackte Männer: THE BLACK DAHLIA MURDER 

In Malmö geht ein Fan gar noch einen Schritt weiter und schenkt Trevor kurzerhand sein NASUM-Shirt. Dieser trägt das gute Stück dann während dem restlichen Gig, während die Schenkfreude des Fans bei der schwedischen Ordningsvakt nicht auf Gegenliebe stößt – sie schmeißt den halbnackten Fan kurzerhand raus in die eiskalte Malmöer Nacht – die einzig unschöne Erinnerung, die sich mit diesem Gig verknüpfen lässt. Oder ist die Ordningsvakt der Grund, weswegen die Metaller im Norden einfach härter im Nehmen sind? Ansonsten reißt die Hemmungslosigkeit und die Hingabe von THE BLACK DAHLIA MURDER einfach mit – ohne Rücksicht auf Verluste und die Band versteht es, zu überzeugen, ohne unnahbar zu wirken.

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Killergrooves: Bart (THE BLACK DAHLIA MURDER) 

Kurz vor Mitternacht ist dann sowohl in Hamburg wie auch in Malmö Schluss. Rasch leeren sich die Markthalle und das KB, die Schlangen vor der Garderobe wachsen, denn nur im schweißnassen Shirt geht an beiden Orten niemand nach Hause. Zwei Schlüsse lassen sich auf jeden Fall ziehen nach den BONECRUSHER FEST-Gigs in Oberhausen, Hamburg und Malmö:

Erstens: Wenn AT THE GATES und CARCASS mit mehr zurückkommen als einigen Reunion-Shows, dann weht ihnen aus Michigan ein harter Wind entgegen.

Zweitens: Wie oft kommt es vor, dass ein Tourpackage absolut keine einzige schwache Band hat? Beim BONECRUSHER FEST gibt es sieben Mal überzeugende Kost (vorausgesetzt, man kann mit dem jeweiligen Genre was anfangen), keine blöden Rockstar-Spielchen, nicht zu teuren Merchandise und eine gute Stimmung. Und das gleiche Fazit lässt sich auch dann noch ziehen, wenn man sich das BONECRUSHER FEST drei Mal hintereinander reingezogen hat. Denn das einzige Problem, das man am Abend danach hat, sind diese beiden Fragen: Was höre ich mir heute an? Und wann kann ich mir die Gehörknochen nochmals gepflegt mahlen lassen?

Layout und Fotos: Arlette Huguenin D.