Avatar live in München 2026

AVATAR, ALIEN WEAPONRY, WITCH CLUB SATAN: Konzertbericht – TonHalle, München – 05.03.2026

Eine ausverkaufte Show in der bandeigenen „Arena“: Dass AVATAR ihre Münchner Shows in bester Erinnerung halten, dürfte sich auch 2026 nicht ändern.

Dass die aktuelle Show stets die beste der Tour ist, gehört für die meisten Bands wohl zum Rock’n’Roll-Alltag. Leichter kann man schließlich nicht an den Lokalpatriotismus und somit den Enthusiasmus der anwesenden Fans appellieren. Und trotzdem wollen wir AVATAR-Frontmann Johannes Eckerström glauben, als er uns in nahezu akzentfreiem Deutsch von der besonderen Rolle Münchens in der Bandgeschichte erzählt. Die Millionenstadt sei für die Schweden immer so etwas wie ihre „Arena“ gewesen, wo die Resonanz im Land besonders hoch und die Besucherzahlen immer überdurchschnittlich waren.

Der Beleg steht schließlich gerade vor ihm: Etwas mehr als 2.000 Personen fasst die ausverkaufte TonHalle im Werksviertel nahe des Ostbahnhofs. Das entspricht einer Steigerung von knapp 50% im Vergleich zum letzten Gastspiel 2023 und dürfte auch mit dem Ruf der Skandinavier als exzellente Live-Band zusammenhängen. Einen solchen bekommt man freilich nicht geschenkt, weshalb es umso erfreulicher ist, dass sich AVATAR selbst im Jahr 2026 ihrer Risikoaffinität nicht gänzlich entledigt haben. Anders können wir uns das auf dem Papier skurril anmutende Vorprogramm nicht erklären: ALIEN WEAPONRY und WITCH CLUB SATAN stehen auf dem Billing. Groovender Maori-Thrash und exzentrisch-provokant dargebotener Black Metal.


WITCH CLUB SATAN

Witch Club Satan live in München 2026

Dass letztgenanntes Konzept nicht jedermanns Sache sein dürfte, können wir heute durchaus an mehreren Faktoren festmachen. So ist die TonHalle zu Showbeginn zwar ordentlich gefüllt, für eine ausverkaufte Spielstätte sind die Lücken aber tatsächlich größer als sonst üblich. Den interessierten Zuschauer:innen entfaltet sich derweil ein theatralisches Schauspiel: Zu okkulter Soundkulisse und mit Räucherstäbchen in den gefalteten Händen schreitet das Trio auf die Bühne, um sodann eine makabre Kakofonie zu entfesseln.

Den schrammeligen, rohen Black Metal von „Fresh Blood, Fresh Pussy“ begleitet schrilles Kreischen genauso wie garstige Screams, die sich WITCH CLUB SATAN in unterschiedlicher Gewichtung teilen. Immer Teil der Performance sind dabei bedrohliche Gestik und verzerrte Mimik, die gemeinsam mit dem schaurigen Corpse-Paint ein groteskes Bild zeichnen.

WITCH CLUB SATAN legen großen Wert auf das Gesamtpaket

Witch Club Satan live in München 2026

So traditionell die drei Musikerinnen ihre Songs im Stile der 90er präsentieren, so durchdacht ist die begleitende Bildsprache. Ob nun die Saiten der Bassgitarre in „Salvation“ mit einem Cello-Bogen bedient werden oder atmosphärischer Nebel die Kulisse verschluckt: Den Norwegerinnen geht es offenbar um mehr als eine Hommage an die Anfangstage des Genres.

Bestärkt wird dieser Eindruck durch das zurückgenommene „Mothers Sea“, dessen Spoken-Word-Auftakt durch sakrale Untermalung begleitet wird und in seiner Zerbrechlichkeit durch das lautstarke Gemurmel aus dem hinteren Hallenbereich gestört wird. Dass WITCH CLUB SATAN nicht den leichtesten Stand haben, mag in ihrer extremen, bewusst hässlichen Interpretation des Black Metal liegen, die natürlich in einem vergleichsweise weitläufigem Club wie der TonHalle bei weitem nicht so intensiv wirken kann wie in einem ranzigen, verschwitzten Kellerloch.

Trotz Traditionsliebe sind WITCH CLUB SATAN nah am Puls der Zeit

Witch Club Satan live in München 2026

Und doch kommen wir einer gewissen Faszination an dieser Performance nicht aus, als WITCH CLUB SATAN nach der etwas zu lang geratenen Zwischenpause die Daumenschrauben anziehen. Es war weniger ein Kostümwechsel als eine Entledigung von solchen, der die Absenz der Band begründete: Allein die langen Strähnen der pechschwarzen Perücken verdecken nun die intimeren Körperzonen, während die Musikerinnen klare Kante zeigen.

„Black Metal Is Krig“ und damit auch politisch, wie uns Gitarristin Nikoline Spjelkavik mit einem deutlichen Verweis in Richtung des israelischen Staatsoberhaupts wissen lässt. WITCH CLUB SATAN verschreiben sich althergebrachten Tugenden, doch meiden Scheuklappen und befördern damit ausgerechnet den klassischen norwegischen Black Metal an den Puls der Zeit – obschon dieser Auftritt heute in der TonHalle etwas deplatziert wirken mag.

WITCH CLUB SATAN Setlist – ca. 35 Min.

1. Fresh Blood, Fresh Pussy
2. Salvation
3. Mothers Sea
4. I Was Made By Fire
5. Black Metal is Krig
6. Solace Sisters

Fotogalerie: WITCH CLUB SATAN


ALIEN WEAPONRY

Alien Weaponry live in München 2026

Einer gänzlich anderen Form der Kulturverbundenheit dürfen wir knapp 20 Minuten später beiwohnen. Mit einer Interpretation des Haka, dem rituellen Tanz der Maori, heizt Schlagzeuger Henry de Jong die Münchner:innen an, die das nun folgende Kontrastprogramm sichtlich willkommen heißen. Dazu trägt natürlich auch die Präsenz der drei Musiker bei, wobei vor allem Bassist Tūranga Morgan-Edmonds‘ ausdrucksstarke Mimik und Gestik den Fixpunkt der Performance darstellen.

Für ALIEN WEAPONRY ist das selbstbewusste Auftreten nicht nur essentieller Bestandteil des Konzepts, Maori-Kultur mit modernem Thrash Metal zu verschmelzen, sondern zugleich die einzige Möglichkeit, die sonst verwaist wirkende Bühne mit Leben zu füllen. Gerade zwischen Morgan-Edmonds sowie Gitarrist und Sänger Lewis de Jong klafft im Zentrum eine riesige Lücke.

Die kleine Panne nutzen ALIEN WEAPONRY geschickt für sich

Alien Weaponry live in München 2026

Dass dadurch unweigerlich dem Drummer eine Schlüsselposition zukommt, wird noch dazu durch einen unglücklichen Zwischenfall begünstigt: Als nach dem flotten Thrasher „Te Riri o Tāwhirimātea“ auch die zweite Gitarre de Jongs ausfällt, überbrückt sein Bruder den erzwungenen Saitenwechsel mit einem spontanen Schlagzeugsolo, bevor ALIEN WEAPONRY den Fans ein traditionelles Lied aus der Heimat näherbringen.

Für die Band scheint diese Panne letztlich gar wie ein Glücksfall: Als das Programm mit „Mau Moko“ wieder an Fahrt aufnehmen kann, scheinen Musiker und Publikum plötzlich wie eine Einheit, das Eis gebrochen. Plötzlich wird in der TonHalle im Takt der groovenden Songs gesprungen und gefeiert, was das Zeug hält. Schade ist nur, dass im starken „Taniwha“ trotz dreier Sänger auf den Brettern Randy Blythes (LAMB OF GOD) Gastpart dennoch vom Band eingespielt wird.

ALIEN WEAPONRY Setlist – ca. 35 Min.

1. Rū Ana Te Whenua
2. Te Riri o Tāwhirimātea
3. Mau Moko
4. Taniwha
5. Kai Tangata

Fotogalerie: ALIEN WEAPONRY


AVATAR

Avatar live in München 2026

Halbe Sachen gibt es bei AVATAR für gewöhnlich nicht und das gilt selbst für das Vorgeplänkel: Minutenlange Regen- und Windgeräusche künden von ungemütlichem Seegang, bevor sich das Drumkit wie von Geisterhand spaltet, um den Weg auf die Bühne freizugeben. Die mit roten Theatervorhängen umrahmte Manege wird so zur plötzlich erstarrten See, als die Musiker Rücken and Rücken auf einer kleinen Plattform nach vorne schippern. Ein diabolisches Grinsen ist unter der Kapuze des Lampenträgers zu erkennen, der sodann das Shanty „Captain Goat“ anstimmt.

Mit ihm setzen schnell hunderte weitere Kehlen ein, begleitet von geballten Fäusten und einer sichtlichen Entschlossenheit, die nach diesem feierlich inszenierten Auftakt nur auf Erlösung wartet: „Silence In The Age Of Apes“ nennt sich selbige, die im direkten Anschluss einer Eruption gleicht, während sich AVATAR-Frontmann Johannes Eckerström nonchalant der Robe entledigt und sie satt auf den Boden pfeffert. Von einem Moment auf den anderen gleicht die TonHalle einem Hexenkessel: Über die Bretter fliegen die langen Haare, während es davor drunter und drüber geht.

AVATAR-Sänger Johannes Eckerström ist ein sagenhafter Frontmann

Avatar live in München 2026

Unmittelbar ist klar, dass die Münchner:innen eben nicht nur wegen der eingängigen Singalongs hier sind, sondern auch die rohe Seite der Schweden zu schätzen wissen. Jubelnd nimmt man das Hitmaterial in der bayerischen Landeshauptstadt dennoch entgegen, als uns AVATAR mit „The Eagle Has Landed“ ob unserer Textsicherheit prüfen. Immer an vorderster Front dabei: Johannes Eckerström, dessen markantes Make-up die ausdrucksstarke Mimik unterstreicht, dabei jedoch nicht vom eigentlichen Kern der Performance ablenkt.

Der Sänger, der darüber hinaus den Großteil des Merchandise ziert, mag ein Rockstar sein, wie er im Buche steht; ein sagenhafter Entertainer, dem wir an den Lippen kleben, wenn er in seinen wenigen, doch ausufernden Ansagen in lupenreinem Deutsch ausholt. Gleichzeitig jedoch vermittelt er das Gefühl der Authentizität; dass es eben nicht ausschließlich eine Rolle ist, die der Frontmann für sein Publikum spielt.

Schlagzeuger John Alfredsson schneidet hinter seinem Kit munter Grimassen

Avatar live in München 2026

Vielleicht ist die Resonanz auch deshalb so überwältigend, als AVATAR mit „Bloody Angel“ einen Evergreen recht früh im Set anstimmen, während Eckerström als Zirkusdirektor mit Hut und Gehstock über die Bühne stolziert. Gleichzeitig bewahren sich die Schweden einen eigenen Sinn für Humor, als in „Death And Glitz“ nicht nur die fahrbaren Scheinwerfer-Monturen der Backline anfangen zu tanzen, sondern sich im Break ein Komparse immer näher an das Schlagzeug pirscht. Weiter mit der Show geht es erst, als Drummer John Alfredsson dem armen Kerl eins überzieht. Glück im Unglück: Nicht nur trug das Opfer einen Helm, sogar ein kleines Becken war darauf montiert.

Derart kauzige Einlagen – wie auch der gepflegte Schluck aus dem Benzinkanister – gehören zur DNA der Band, die natürlich auch ganz anders kann: Heftig und kompromisslos geht das schwedischsprachige „Blod“ nach vorne, während die Rock’n’Roll-Einsprengsel von „Let It Burn“ von synchron rotierenden Haarbüscheln begleitet werden. Damit Drummer Alfredsson hinter seinem Kit nicht ganz außen vor bleiben muss, wechselt er für das groovende „Colossus“ zeitweise an eine Stehvariante in der vorderen Reihe, wo sich die wilden Grimassen des Musikers noch besser begutachten lassen.

Zwischen den neuen Songs vergessen AVATAR keineswegs ihre Klassiker

Avatar live in München 2026

Im Grunde tut sich ständig was in der TonHalle: Für das sanfte „Howling At The Waves“ nimmt Johannes Eckerström am Klavier Platz, nicht allerdings ohne sich vorher für seine eigens dafür angezogene Nieten-Jacke bejubeln zu lassen. Für das ausladende „Legend Of The King“ wiederum mimt Gitarrist Jonas Jarlsby wie gehabt den König, der von seinem güldenen Thron aus die Meute mit Musik beglückt. Ein Jammer nur, dass ausgerechnet in unserer Ecke der Soundmix hier arg unsauber wird und die Leadgitarre im Bassgemisch verschwimmt.

Kein Drama natürlich, aber ein kleiner Dämpfer, den AVATAR jedoch mit einem starken Zugaben-Block schnell vergessen machen. Bevor der stadiontaugliche Singalong „Don’t Go In The Forest” jedoch loslegt, schwebt ein knallroter Luftballon über die Bühne und landet später irgendwo zwischen Mischpult und Moshpit. Den Sack zu macht das Quintett schließlich mit zwei Klassikern.

AVATAR sind bereit für die großen Bühnen

Avatar live in München 2026

„Smells Like A Freakshow“ gibt nochmals Gas, bis „Hail The Apocalypse“ die Fans im Flitterregen und nach nicht ganz zwei Stunden in die Nacht entlässt, wo uns auf dem Weg zur S-Bahn nochmals Eckerströms Worte durch den Kopf schwirren: München sei in Deutschland so etwas wie ihre „Arena“ geworden, erklärte er uns eine knappe Stunde zuvor. Aus gutem Grund, möchten wir hinzufügen: Nicht nur angesichts dieser Worte dürfte es für AVATAR spätestens jetzt an der Zeit sein, auch hier in der Metropole die großen Bühnen unsicher zu machen.

AVATAR Setlist – ca. 110 Min.

1. Captain Goat
2. Silence In The Age of Apes
3. The Eagle Has Landed
4. In The Airwaves
5. Bloody Angel
6. Death And Glitz
7. Blod
8. The Dirt I’m Buried In
9. Colossus
10. Torn Apart
11. Howling At The Waves
12. Legend Of The King
13. Let It Burn
14. Tonight We Must Be Warriors
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15. Don’t Go In The Forest
16. Smells Like A Freakshow
17. Hail The Apocalypse

Fotogalerie: AVATAR

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)