AS I LAY DYING, LORNA SHORE, TEN56.: Backstage Werk, München – 15.08.2022

Zwischen ihren Festivalauftritten laden AS I LAY DYING zur Headliner-Show ins Münchner Backstage: eine ideale Gelegenheit, sich das neue Line-Up der gebeutelten Metalcore-Größe live anzusehen. Dass neben dem Opener TEN56. mit LORNA SHORE darüber hinaus die derzeitigen Senkrechtstarter der Szene an Bord sind, macht das Paket für Genre-Fans fast schon unwiderstehlich.

Eigentlich sind wir ja verrückt, dass wir an diesem milden Sommerabend wieder einmal vor den Toren des Münchner Backstage stehen, denn schon am nächsten Morgen wollen wir im Auto Richtung Dinkelsbühl sitzen – das SUMMER BREEZE OPEN AIR ruft mit fünftägigem Jubiläums-Programm von Dienstag bis Samstag. Und dennoch war der Gedanke an eine improvisierte Warm-up-Show zu verlockend: AS I LAY DYING haben sich heute zwischen ihren Festivalauftritten für eine Headliner-Show angekündigt und mit LORNA SHORE vielleicht den Senkrechtstarter der Szene als Support ins Boot geholt. Komplettiert wird das attraktive Package durch die französisch-britische Deathcore-Supergroup TEN56., heute in der Rolle des Anheizers im durchaus gut gefüllten Backstage Werk.

TEN56.

Dass sich die Menge vor der Bühne anfangs noch nicht allzu dicht aneinander drängt, liegt zum Teil wohl auch am vorgezogenen Konzertbeginn: Statt um 20:00 Uhr gehen bereits 30 Minuten früher die Lichter aus – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn an Lightshow haben TEN56. heute außer Stroboskop-Effekten nicht viel vorzuweisen. Eine halbe Stunde lang blitzt und blendet es nahezu ununterbrochen, was selbst den hartgesottensten Fans in der ersten Reihe irgendwann zu viel zu sein scheint.

Auch wir müssen notgedrungen immer wieder die Augen abwenden, obwohl die sympathische Band auf den Brettern einen engagierten Auftritt hinlegt. Die Energie der fünf Musiker, die sich zeitweise die Bühne mit ihrem ungeniert umherlaufenden Kameramann teilen, springt dadurch schnell auf das Münchner Publikum über, das schon früh der Aufforderung zur Wall of Death nachkommt. Bei Songs wie „Yenta“ oder „Boy“ gibt es für einen Anheizer tatsächlich ordentlich Bewegung im Pit, wenngleich sich der düstere, teils industrial-geschwängerte Deathcore doch zum Ende hin etwas abnutzt. Recht viel mehr als tief gestimmte Gitarren, ein paar Synths und donnernde Breakdowns hat die eindimensionale Performance letztlich nicht zu bieten. Für den Opener-Slot ist das durchaus in Ordnung, musikalisch und vor allem visuell sind wir allerdings nach dem kurzen Set mehr als gut bedient.

Fotogalerie: TEN56.

LORNA SHORE

Dass einige Besucher im Backstage heute eigens wegen LORNA SHORE angereist waren, haben wir schon am Einlass mitbekommen, als sich einige jüngere Besucher wunderten, weshalb nicht die US-amerikanische Deathcore-Band den Headliner-Slot innehabe, schließlich kenne die ja jeder. Ein weiterer Beleg für den Hype, der sich um das Quintett gebildet hat und den man nicht unterschätzen sollte: Schon in der Umbaupause, die aufgrund von technischen Komplikationen länger dauern soll als angedacht, feuern die Fans lautstark die werkelnden Musiker an.

Angesichts dieser Ausgangslage ist uns schnell klar, dass der anstehende Gig ein Selbstläufer werden dürfte: Die Stimmung im mittlerweile dicht gefüllten Arenabereich ist euphorisch, als das Intro zur Hitsingle „To The Hellfire“ ertönt. Tatsächlich schreit die Meute an der Seite von Fronter Will Ramos textsicher mit, bevor in „Of The Abyss“ nicht nur der erste Crowdsurfer zu sehen ist, sondern auch der Moshpit so richtig in Fahrt kommt.

LORNA SHORE reißen die Bude ein und werden dafür auch noch gefeiert

Weil darüber hinaus der Sound die richtige Balance zwischen orchestralen Synthesizern und Metal-Instrumentarium findet, verwandelt sich das Werk schnell in einen Hexenkessel: Die unablässige Doublebass feuert an, Ramos ist live mindestens so variabel und beeindruckend wie auf Platte, Gitarrist Adam zeigt in „…And I Return To Nothingness“, dass er auch live die verspielten Soli virtuos umzusetzen weiß.

Kurzum, LORNA SHORE reißen gerade die Bude ein und werden dafür auch noch abgefeiert. In „Sun // Eater“ dreht der Circle Pit munter seine Runden, bis im massiven Breakdown von „Into The Earth“ gar der Hallenboden vibriert. Nach knapp 40 Minuten scheinen wir schließlich in der Halle vorwiegend Wasser einzuatmen, während das größtenteils junge Publikum die Band noch lange mit Ovationen beglückt. Nicht zu Unrecht, denn es war ein starker Auftritt, bei dem es LORNA SHORE wie ihre Vorgänger einzig mit den Stroboskop-Effekten etwas zu gut gemeint haben.

LORNA SHORE Setlist

1. To The Hellfire
2. Of The Abyss
3. …And I Return To Nothingness
4. Sun // Eater
5. Cursed To Die
6. Into The Earth

Fotogalerie: LORNA SHORE

AS I LAY DYING

Natürlich könne man nun der Ansicht sein, AS I LAY DYING stünden nach dieser Leistung unter Zugzwang – mit über zwei Dekaden auf dem Buckel lässt sich die Metalcore-Institution jedoch durch so etwas kaum aus der Ruhe bringen. Trubel sind Gründer Tim Lambesis und Gitarrist Phil Sgrosso sowieso gewohnt, mussten die beiden doch in den vergangenen Monaten die komplette Besetzung umkrempeln: An der zweiten Gitarre agiert heute Ken Susi (UNEARTH), hinter dem Drumkit nimmt nach dem plötzlichen Ausstieg von Drummer Jordan Mancino der nicht minder talentierte Nick Pierce (ex-UNEARTH) Platz und den Bass übernimmt auf der Tour Ryan Neff (MISS MAY I).

Das ist schon ein ordentliches Aufgebot, das Lambesis um sich formiert hat und welches trotz der geringen Zeit miteinander schon jetzt gut aufeinander abgestimmt zu sein scheint. Die kleinen Club-Shows im Sommer sind da natürlich ein guter Probelauf, auch wenn an der Bühnenaufbaut sofort ersichtlich ist, dass AS I LAY DYING normalerweise in größeren Hallen unterwegs sind: Der Drumriser zwischen den metallenen „Shaped By Fire“-Siegeln reicht im Backstage Werk fast bis unter die Decke, wodurch Nick Pierce inmitten der Scheinwerfer nicht immer ideal zu sehen ist.

AS I LAY DYING bescheren dem Backstage einen explosiven Auftakt

Ansonsten heißt es aber produktionstechnisch mehr klotzen denn kleckern: Die visuelle Untermalung ist abwechslungsreich und farbenfroh, während der Sound selbst am Hallenrand noch schön differenziert ankommt. Logisch also, dass bereits mit dem eröffnenden „Blinded“ die Dämme brechen – vor der Bühne herrscht reges Treiben, es wird munter mitgesungen, während sich die ersten Crowdsurfer ihren Weg nach vorne bahnen. In der Tat signalisiert die örtliche Security bereits nach dem zweiten Song, den Fotograben am liebsten schließen zu wollen – bester Beleg für einen explosiven Auftakt.

Das liegt natürlich an der mitreißenden Performance der Band selbst: Tim Lambesis mag zwischen den Songs kein geborener Entertainer sein, erklingt stimmlich an diesem Abend dafür ähnlich imposant, wie es sein Auftreten bereits vermuten lässt. Abseits der markigen Screams und charakteristischen ‚Air Punches‘ zeigt sich der Frontmann dagegen bescheiden und dankbar, verweist mehrfach darauf, wie sehr er die zweite Chance nach seinem Gefängnisaufenthalt zu schätzen wisse.

Gitarrist Ken Susi schiebt vor dem Breakdown in “Within Destruction” mal eben ein kleines Workout ein

Als Gegenleistung spendieren AS I LAY DYING dem überaus aktiven Publikum ein perfekt durchgetaktetes Best-of-Set, das sich zwar in puncto Songauswahl stark an der letzten „Shaped By Fire“-Tour im Jahr 2019 orientiert, doch immerhin kaum einen Hit vermissen lässt: „Parallels“ ist live weiterhin eine Bank und gefällt mit einem schön gespielten Solo, „The Sound Of Truth“ zieht früh das Tempo an und „The Darkest Nights“ wird gar durch eine Art Shoegaze-Intro erweitert. Dazwischen sorgen härte Nummern à la „Within Destruction“ oder „An Ocean Between Us“ für den einen oder anderen Circle Pit, während die Münchner zu „Forsaken“ in Massen auf und abspringen.

Es ist tatsächlich schön anzusehen, wie positiv und lebensbejahend die gesamte Atmosphäre an diesem Abend ausfällt. Gitarrist Ken Susi findet nach der Wall of Death zum Beginn von „A Greater Foundation” die Zeit, einen Fan per ‘Fist Bump’ zu begrüßen, nachdem er vor dem Breakdown in „Within Destruction“ spontan ein paar Liegestütze vorgeführt hatte. Für das Intro von „My Own Grave“ wiederum bittet Tim Lambesis um Feuerzeug- oder Taschenlampenschein, damit in rund 75 Minuten zumindest auch ein besinnlicher Moment der Ruhe vor dem unausweichlichen Sturm einkehrt.

Nach dem heutigen Abend können wir doch optimistisch auf die Zukunft AS I LAY DYINGs blicken

Hier zeigt zudem Bassist Ryan Neff, dass er für den ausgestiegenen Josh Gilbert auch gesanglich ein zumindest ordentlicher, wenn nicht ganz ebenbürtiger Ersatz ist. Meistert Neff die meisten Refrains anstandslos, so meidet er doch auffallend oft die ganz hohen Noten, die Gilbert gerne zum Finale eines Tracks ausgepackt hatte. Das ist schade, trübt aber unsere Freude an diesem schweißtreibenden Auftritt letzten Endes nur unwesentlich. Als nämlich im abschließenden „Confined“ die ganze Halle den Refrain mitsingt, verstehen wir einmal mehr, dass AS I LAY DYING trotz ihrer schwierigen Geschichte doch mehr sind als irgendeine Band: Viele der Besucher verbinden den Namen ganz offensichtlich auch mit wichtigen Erinnerungen, tiefgreifenden Emotionen und einer entscheidenen Phase des Erwachsenwerdens. Beruhigend zu wissen, dass wir nach dem heutigen Abend doch ein wenig optimistischer auf die Zukunft der gebeutelten Band blicken dürfen – vorausgesetzt natürlich, Lambesis verliert den rechten Weg nicht noch ein weiteres Mal aus den Augen.

AS I LAY DYING Setlist

1. Burn To Emerge (Intro)
2. Blinded
3. Through Struggle
4. Within Destruction
5. Redefined
6. The Sound Of Truth
7. Forsaken
8. Re-Separation (Intro)
9. Shaped By Fire
10. The Darkest Nights
11. An Ocean Between Us
12. A Greater Foundation
13. Parallels
14. My Own Grave
15. 94 Hours
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16. Separation (Intro)
17. Nothing Left
18. Confined

Fotogalerie: AS I LAY DYING

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)