AS I LAY DYING, CHELSEA GRIN, UNEARTH, FIT FOR A KING, Zenith, München, 05.10.2019

Ausländische KfZ-Kennzeichen sind kein seltener Anblick in München, schon gar nicht am letzten Wiesn-Wochenende. Doch statt Richtung Oktoberfest biegt der österreichische Kombi vor uns zielsicher in die Lilienthalallee ein, um das Zenith anzusteuern. Es ist der Ort, an dem AS I LAY DYING im vergangenen Dezember ihre bis dato größte Clubshow gespielt haben. Und es spricht viel für die Fangemeinschaft der wiedervereinigten Metalcore-Legende, dass Teile davon auch weitere Strecken auf sich nehmen, um mit ihren Idolen zu feiern.

Da wir im Gegensatz dazu eine eher kurze Anreise haben, lassen wir uns das Gastspiel sowieso nicht entgehen, zumal die aktuelle Platte „Shaped By Fire“ für uns zu den besten Genreveröffentlichungen des Jahres zählt. Das Motto der Tour ist klar, aber es geht für AS I LAY DYING um mehr: um einen Neuanfang, um eine zweite Chance, um einen Weg in die Zukunft trotz der belasteten Vergangenheit ihres Frontmanns Tim Lambesis. Dass sie hierbei nicht alleine gelassen werden, zeigt das satte Tour-Package, das mit CHELSEA GRIN, UNEARTH und FIT FOR A KING gleich drei namhafte Support-Acts mit an Bord weiß.

FIT FOR A KING

Was an diesem Abend zu erwarten ist, stellen FIT FOR A KING direkt zum Einstieg mit „Backbreaker“ klar. Heftige Riffwände und mörderischer Groove sind zwar nur einige der Zutaten, mit denen die US-Amerikaner ihren Metalcore anrichten, den für heute geplanten Abriss der ehemaligen Eisenbahnhalle kann man dafür kaum deutlicher ankündigen. Dass der Ton zu Begin dafür fast ein wenig leise ist, scheint niemanden zu bekümmern, als Fronter Ryan Kirby in „Shattered Glass“ mit einer Wut ins Mikro brüllt, dass es uns eiskalt den Rücken herunterläuft.

Stimmlich sind FIT FOR A KING ohnehin gut aufgelegt: Den kleinen Wackler im Hit „The Price Of Agony“ macht Bassist Ryan O’Leary durch einfühlsamen Klargesang in „When Everything Means Nothing“ und „Deathgrip“ umgehend wieder wett. Überhaupt ist der Mann am Tieftöner die Hauptattraktion auf der Bühne: Wenn er nicht gerade am Mikro gebraucht wird, dreht er sich mit seinem Instrument unermüdlich im Kreis oder setzt zu kung-fu-artigen Luftsprüngen an, als hätte er den 10. Dan im Martial Core.

Bei so viel Motivationshilfe stürzt sich das Münchner Publikum zu „Pissed Off“ selbstverständlich mit Freude in die Wall Of Death. Sänger Kirby muss daher auch nicht zweimal um Circle Pit und Crowdsurfer bitten, als sich FIT FOR A KING nach 30 kurzweiligen Minuten mit „Tower Of Pain“ verabschieden.

FIT FOR A KING Setlist

  1. Backbreaker
  2. The Price Of Agony
  3. Shattered Glass
  4. When Everything Means Nothing
  5. The End’s Beginning
  6. Pissed Off
  7. Deathgrip
  8. Tower Of Pain

UNEARTH

Auch wenn es heute Abend viermal Metalcore auf die Schnauze gibt, können wir nicht behaupten, es werde eintönig. UNEARTH sind von allen Acts derjenige, der am deutlichsten vom klassischen Melodic Death Metal der Göteborger Schule beeinflusst ist. Auch wenn wir anfangs davon noch nicht so viel mitbekommen, da der Doppelpack „Incinierate“ und „Survivalist“ vom aktuellen Album „Extinction(s)“ ungleich brachialer zu Werk geht.

Kurz danach gibt es aber mit dem Klassiker „My Will Be Done“ bereits feinste skandinavische Leadgitarren, die Thrash-Einflüsse und Breakdowns zusammenhalten. Bei so viel Variation fällt es schwer, nicht die Haare fliegen zu lassen oder direkt den Pit zu stürmen. Selbiger hat während der halben Stunde, die UNEARTH dem Zenith einheizen, gut zu tun, auch wenn der Sound in der Halle die Gitarren etwas verschluckt.

Beirren lassen sich davon aber weder UNEARTH noch deren Fans. Die Amerikaner brauchen weder große Lightshow noch sonstigen Firlefanz, um uns die Fresse zu polieren. Da reicht einzig „The Great Dividers“ und – wie soll es zum Abschluss anders sein – ein gepflegter Circle Pit.

CHELSEA GRIN

20:20 Uhr – zur Primetime dürfen nun CHELSEA GRIN ran, die mit ihrem breakdown-lastigen Deathcore so ziemlich jedes Klischee verkörpern, das dem Genre regelmäßig zur Last gelegt wird. Selbige zu widerlegen, fällt den Jungs auf der Bühne im Traum nicht ein, als sie mit „My Damnation“ riffgewaltig in ihr 40-minütiges Set starten. Sonderlich gut abgemischt ist der Sound auch bei der dritten Band des Abends nicht, wäre jedoch akzeptabel, wenn nicht die zahlreichen Subwoofer-Bässe vom Band permanent übersteuern und die eigentliche Musik verschlucken würden.

Es scheint fast so, als hätten sich CHELSEA GRIN im Wettrüsten um den dicksten Sound etwas übernommen. Das ist schade, denn gerade das im Fokus stehende aktuelle Album „Eternal Nightmare“ hat einiges zu bieten. Die tief gestimmten Gitarren in „Dead Rose“ sind live ebenso erdrückend wie auf Platte. Kurz darauf verdreht uns Stephen Rutishauser in „The Wolf“ mit einer wahnsinnigen Gitarre den Kopf, bevor uns Drummer Pablo Viveros Richtung Pit hetzt.

Das atmosphärisch pechschwarze „Across The Earth“ hingegen erinnert uns an eine Deathcore-Version von THE BLACK DAHLIA MURDER und ist unser vorgezogenes Highlight des Auftritts, der ein wenig später mit „Hostage“ ein heftiges wie unerbittliches Ende findet. Zu früh für die zahlreichen Fans, die CHELSEA GRIN augenscheinlich in München haben. Wir sind allerdings eher erleichtert, diesem ermüdenden Subwoofer-Bombardement keine weitere Minute ausgesetzt zu sein. Das hat die Band in diesem Maß wirklich nicht nötig.

AS I LAY DYING

Eine gute halbe Stunde warten die rund 4000 Gäste darauf, dass die Lichter zum letzten Mal erlöschen. Ein weißer Vorhang versperrt mittlerweile die Sicht auf die Bühne und schürt die Spannung, was AS I LAY DYING wohl für ihre große Europatour geplant haben. Als schließlich die ersten Töne des Intros „Burn To Emerge“ erklingen, geht ein Raunen durch das Publikum, bevor neben hunderten Armen ebenso viele Smartphones in die Luft gereckt werden.

Es ist kein Wunder, dass viele Besucher die ersten Momente der Show eigens für die Nachwelt festhalten wollen, schließlich ist die Energie, die sich im Zenith angestaut hat, geradezu elektrisierend. Wenig später fällt der Vorhang, unter einem ohrenbetäubenden Knall steigen weiße Pilzwolken zu den Stahlverstrebungen an der Decke auf und alles, was sich in den Münchnern angesammelt hat, wird mit einem Schlag freigesetzt.

Sänger Tim Lambesis dirigiert das Schlachtfeld vor sich mit einer wahren Urgewalt

Der Opener „Blinded“ geht direkt nach vorne und verwandelt das vordere Drittel des Zeniths in ein regelrechtes Schlachtfeld, das Tim Lambesis mit einer Urgewalt dirigiert, als hätte es die jahrelange Pause nie gegeben. Hinter dem Frontmann führen einige Stufen auf eine zweite Ebene, von der Drummer Jordan Mancino jeden Break und jedes Fill punktgenau ans Ziel bringt. Es ist ein eindrucksvolles Bühnenbild, das von einer fantastischen Lichtshow in Szene gesetzt wird und neben den entflammbaren „Shaped By Fire“-Insignien zu beiden Seiten noch so einige Überraschungen bereithalten soll.

Zunächst aber nehmen uns die Amerikaner mit „Through Struggle“ fast anderthalb Dekaden in die Vergangenheit zurück, bevor Tim Lambesis eine „wahre Circle Pit-Hymne“ ankündigt. Was dann zu „Within Destruction“ im Schein brennend heißer Feuerfontänen passiert, bedarf wohl keiner Erwähnung.

AS I LAY DYING gönnen sich keine Sekunde der Ruhe

Bei dieser Energie ist es kein Wunder, dass sich AS I LAY DYING in bester Spiellaune zeigen. Gitarrist Nick Hipa steht das Grinsen ins Gesicht geschrieben, während Bassist Josh Gilbert unermüdlich von einer Seite der Bühne zur anderen wechselt. Im Zentrum steht jedoch stets Sänger Tim Lambesis, der nicht nur wegen seines hünenhaften Auftretens die Blicke auf sich zieht. Der Frontmann gönnt sich keine Sekunde der Ruhe, animiert die ersten Reihen zum Mitsingen, springt mit dem Publikum zu „Forsaken“ auf und ab, ja wird sogar später bei „94 Hours“ selbst eine Runde auf der Bühne drehen, um den Münchnern in Erinnerung zu rufen, wie ein Circle Pit auszusehen habe.

Nicht, dass die bayerische Landeshauptstadt Nachhilfeunterricht nötig hätte: Den Refrain von „The Sound Of Truth“ singen tausende Kehlen im Einklang mit Josh Gilbert, während der Pit im thrashigen „Gatekeeper“ mit dem flinken „Kerry King“-Gedächtnissolo beinahe Schritt halten kann.

Auf der „Shaped By Fire“-Tour haben AS I LAY DYING auch etwas gut zu machen

Es hat allen Anschein, als wäre diese Show ein Selbstläufer und doch lassen es sich AS I LAY DYING nicht nehmen, für das fantastische „Redefined“ mit FIT FOR A KING-Fronter Ryan Kirby einen Gastshouter auf die Bühne zu holen. Dass dessen Mikro neben Tim Lambesis etwas untergeht – geschenkt; der Breakdown zur Hälfte sitzt trotzdem.

Dass AS I LAY DYING auch etwas gut zu machen haben, kehrt die Formation nicht unter den Tisch. „A Greater Foundation“ erzählt von der Chance, etwas Neues aufbauen zu dürfen. Nur wenig später wendet sich Tim Lambesis erneut an sein Publikum, um sich im Namen der Gruppe für Vertrauen und Unterstützung zu bedanken, die sie heute erfahren dürfen. Es sei ihnen ernst, eben diese Chance zu nutzen, erklärt der Sänger mit Demut, bevor er um ein Lichtermeer für das Intro zu „My Own Grave“ bittet.

Die Halle singt mit Bassist Josh Gilbert um die Wette

Die Comeback-Single geht durch Mark und Bein, als die komplette Halle mit Bassist Josh Gilbert um die Wette singt. Da vergessen wir sogar den nicht optimal abgemischten Ton im klangtechnisch berüchtigten Zenith, der uns manchmal ein wenig die Freude am sonst durchweg starken Auftritt nimmt.

Die beiden Zugaben „Nothing Left“ und „Confined“, wo sich die fünf Musiker unter einem Funkenregen würdig verabschieden, sind quasi Ehrensache und live ohnehin eine sichere Bank. Dementsprechend hitzig wird es ein letztes Mal auf und vor den Brettern, bis auch der letzte Besucher sein Soll erfüllt hat, um die große Comeback-Show des vergangenen Jahres zu übertrumpfen.

Was angesichts des letzten Wiesn-Wochenendes in der bayerischen Landeshauptstadt wie eine Herausforderung klingt, scheint für das hiesige Publikum eine Selbstverständlichkeit: „Wir werden diese Show niemals vergessen, München!“, lesen wir wenig später auf der Facebook-Präsenz AS I LAY DYINGs. Der erste Stein für den Neuanfang ist somit gelegt – dass die Münchner allerdings auch Rückendeckung aus dem Nachbarland hatten, konnten die Mannen um Tim Lambesis ja nicht wissen.

AS I LAY DYING Setlist

  1. Burn To Emerge (Intro)
  2. Blinded
  3. Through Struggle
  4. Within Destruction
  5. Redefined
  6. The Sound Of Truth
  7. Forsaken
  8. Shaped By Fire
  9. The Darkest Nights
  10. An Ocean Between Us
  11. Gatekeeper
  12. A Greater Foundation
  13. Parallels
  14. My Own Grave
  15. 94 Hours
    ————————————–
  16. Separation / Nothing Left
  17. Confined

Fotogalerie: AS I LAY DYING, CHELSEA GRIN, UNEARTH, FIT FOR A KING

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.