PARAGON OF BEAUTY: Von Kindern, Welten und tröstlichen Gedanken

PARAGON OF BEAUTY haben unlängst mit ihrem zweiten vollständigen Album „Comfort me, infinity“ ein selten eigenständiges, ergreifendes und ungemein intensives Stück zeitloser Rockmusik geschaffen, das sich durch seine Tiefe von normalen Werken abhebt. Ich habe versucht, das Konzept, die Musik und die Hintergründe des Ganzen zu beleuchten. Lest selbst…

PARAGON OF BEAUTY haben unlängst mit ihrem zweiten vollständigen Album „Comfort me, infinity“ ein selten eigenständiges, ergreifendes und ungemein intensives Stück zeitloser Rockmusik geschaffen. Ähnlich wie bei dem zweiten Projekt aus dem Umfeld der Band, AUTUMNBLAZE, haben PARAGON OF BEAUTY damit einen recht krassen Wandel weg von atmosphärischem Dark Metal hin zu alternativeren Klängen vollzogen, den es zu erklären galt. Darüber hinaus bieten sowohl Konzept als auch Musik mehr als genug Stoff für ein Interview – leider ist dieses, wie schon bei AUTUMNBLAZE, in schriftlicher Form geführt worden, so dass ich nicht nachhaken konnte. Ich denke aber, dass es auch so sehr interessant zu lesen ist. Nun aber genug der Vorrede, hier das Interview mit Sänger Monesol über Musik, staunende Kinder und den Kampf um eine wirklich erlebte Welt…

Wie fühlt ihr euch nach der Fertigstellung von Comfort me, infinity? Hättet ihr, jetzt im Nachhinein, etwas anders gemacht?

Im Nachhinein würde man immer etwas anders machen, denn während des Aufnahmeprozesses befindet man sich in einem stark fixierten Zustand, in einer Konzentrationsphase, die eine „objektive“ Betrachtungsweise ausschließt. Da jedoch jedes Album ein subjektives Momentbild ist, kann man darüber hinwegkommen und viele Dinge für die nächste Platte lernen.

Wie ist der musikalische Wandel zustande gekommen? Waren andere/mehr Personen am Songwriting beteiligt? Wer überhaupt?

Es ist immer wieder interessant wie ein musikalischer Wandel stets an den beteiligten Personen ausgemacht wird. Fakt ist, dass ich alle Songs geschrieben habe, wobei im Proberaum natürlich auch die ganze Band an den Stücken gearbeitet hat. Das war aber bis jetzt immer so bei uns.

Einen musikalischen Wandel habe ich eigentlich nie bemerkt. Ich schreibe meine Songs und achte nicht darauf, ob sie sich vom vorherigen Material unterscheiden. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich möchte einfach nur die Musik machen, welche in mir klingt. Auch war uns von Anfang an klar, dass wir uns nicht nach Erwartungen richten, sondern allein nach dem Herzen, auch wenn das klischeehaft klingen mag.

Mir liegen zwar leider die Texte nicht vor, aber das, was ich heraushören kann, unterscheidet sich ziemlich von den sehr fantasylastigen Texten auf The Spring. Soll das eine logische Fortsetzung sein, oder kommt die erst noch?

Was ist schon eine logische Fortsetzung? Außerdem mag ich das Wort „fantasylastig“ im Zusammenhang mit den „The Spring“ Texten überhaupt nicht hören. (Deswegen auch die Anführungszeichen… – Anm. d. V.) Auf der ersten Platte waren meine Gefühle noch viel mehr durch eine symbolhafte und metaphorische Sprache verschleiert. Nun ist alles schonungsloser, direkter, schmerzhafter, intensiver, näher geworden.

Wie empfindet ihr heute beim Rückblick auf The Spring, sowohl in musikalischer als auch in textlicher Hinsicht?

Hiermit will ich mich im Augenblick nicht beschäftigen, da ich nicht immer zurückblicken möchte. Was war, war gut und richtig, denn es hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Kurz gesagt: „The Spring“ war ein Saatkorn.

Wird es eine Fortsetzung des Buches Die Mondsonnenwiege geben?

Wir haben längst ein Buch geschrieben, welches den Umfang der Mondsonnenwiege weit übertrifft. Man kann es durchaus als Fortsetzung betrachten. Jedoch weiß ich nicht, ob und wie überhaupt wir es veröffentlichen könnten. Inzwischen sind wir gerade dabei ein weiteres Buch, für dessen Publizierung wir einen Verlag suchen werden, abzuschließen. Der Inhalt dieses Buches ist aber noch streng geheim.

Wohin werden sich PARAGON OF BEAUTY in Zukunft entwickeln? Gibt es schon vage Vorstellungen?

Das nächste Album wird, grob gesagt, melancholischen Alternative Pop/Rock enthalten. Das kann alles bedeuten, nur nicht, dass wir uns irgendwo anbiedern werden. Wir werden unseren Weg gehen und ich hoffe, dass unsere Fans so offen sind, diesen Weg mitzugehen. Wir zwingen jedoch niemanden dazu.

Ich habe euch bei der Prophecy-Nacht in Bielefeld live gesehen und war ein wenig enttäuscht, weil ich die neuen Songs noch nicht kannte und sie einfach nicht beim ersten Mal zünden. Nach mehrmaligem Hören des neuen Albums dagegen bin ich hin und weg. Könnt ihr euch vorstellen, wie so etwas zustande kommt?

Mir war das eigentlich bereits vorher klar, dass die neuen Stücke mehrmals gehört werden müssen, bevor man sie richtig greifen kann. Dennoch denke ich, dass die Songs für diejenigen, die die Platte schon kennen, live richtig „zünden“. Auch lag es wohl an deiner Erwartungshaltung. Nach den ersten beiden Alben hast du dir eine Erwartungshaltung aufgebaut, die natürlich so nur enttäuscht werden kann. Bestimmt trug auch das äußere Erscheinungsbild etwas dazu bei, wobei ich sagen muss, dass mir diese Szeneanbiederei schon sehr lange missfällt. Ich ziehe mir die Klamotten an, in denen ich mich wohl fühle und ich muss mich nicht durch irgendein falsches Fanverständnis mit denselben solidarisch erklären.

Wie wird das Booklet gestaltet sein?

Das Booklet wird das Coverkonzept mit der Herzschlagfrequenz und dem gebeugten Menschen fortführen. Ich bin äußerst stolz auf die gesamte grafische Umsetzung.

Können sich alle in der Band vollständig mit dem Konzept identifizieren, oder sind manche nur wegen der Musik dabei?

Ich habe stets die Texte verfasst und somit auch das „Konzept“ irgendwie in meine Richtung gedrängt. Ich glaube, dass sich niemand vollständig damit identifizieren kann, denn dafür sind meine Texte zu persönlich. So ist es auch mit den Bandmitgliedern. Einige können meine Texte nachvollziehen, einige nicht.

Wie begegnet ihr Menschen, die euch als verträumte Spinner o.ä. darstellen?

Ich kann nur für mich antworten. Ich weiß, dass ich nicht den sinnlosen Normen der Menschen entspreche. Mittlerweile gehe ich jedoch viel entspannter mit solchen Themen um, da ich weiß, dass die Menschen nur Angst haben in eine andere Richtung zu blicken und über die eigenen Grenzen hinwegzuschweben. Der Mensch will sich sicher sein und daher beschimpft er das Unsichere. Mir macht das nichts aus.

In Die Mondsonnenwiege habt ihr eine eigene Welt entworfen, in der ihr Götter seid, bzw. die Rollen der Götter – Monesol und Sol – spielt. Ist das nicht ein wenig überheblich? Seht ihr euch in diesem Kontext denn überhaupt als Menschen an? (in dem Sinne, dass man unter Menschen auch die oberflächlichen Wesen der modernen Massenkultur verstehen kann)

Die Welt, die wir entwarfen, war eine reine Geisterwelt, eine Seelenutopie, welche wir uns erträumt und ersponnen haben. Wir wollten den Geist vom Körper lösen, um endlich frei zu sein, frei von irdischer Körperlichkeit. Inzwischen bin ich der Meinung, dass der Körper in diesem Leben für den Geist unerlässlich ist und dass das Gleichgewicht zwischen beiden hergestellt werden muss. Das bedeutet jedoch nicht, dass unsere Vision falsch gewesen ist. Sie muss lediglich ergänzt und viel viel umfassender gedacht werden. Um deine Frage zu beantworten: Im Kontext der Mondsonnenwiege sind wir reine Geistwesen. Im Kontext der Welt sind wir Menschen.

Die Welt ist voll von mehr oder weniger seelenkalten – vielleicht sogar seelentoten – Menschen, denen Oberflächlichkeit über alles geht, im wahrsten Sinne des Wortes. Was, meint ihr, macht euch – und mich als Liebhaber eures Werks – so sicher, unter diese Oberfläche schauen zu können?

Nichts ist sicher. Es gibt auch keine seelentoten Menschen. Wir sehen im Endeffekt nur die kalte Maske. Aber wissen wir warum sich ein Mensch so und so verhält? Dazu müsste man viel mehr über den Einzelnen erfahren. Es ist einfach über die Menschen zu urteilen. Schwerer ist es jedoch ihre Verhaltensweisen zu verstehen und zu ergründen.

Ist das Sähen (day by day I try to sow) eine Art Missionierung? Ist das ein innerer Drang? Und woher die plötzliche Resignation (How Futile It Is To Sow)? Ist die musikalische Umsetzung des Albums in der Folge dieser Resignation eine logische Umsetzung derselben, so dass The Spring eine Art jugendlichen Enthusiasmus´ darstellte und Comfort me, infinity nun die resignative Erkenntnis, dass sich sowieso nichts ändern wird? Wenn ja: Was macht euch da so sicher?

Es heist „How futile it seems to sow“. (Okay, das nächste Mal sollte ich besser dreimal Korrektur lesen… – Anm. d. V.) Es gibt einfach Tage, an welchen es den Anschein hat, dass alles sinnlos wäre. Das sind die Tage des Scheiterns. Dahinter steckt jedoch keinesfalls eine Resignation sondern es sind vielmehr Ermüdungserscheinungen, die immer öfter auftauchen. Manchmal ist man dabei so müde, dass man nur noch Ruhe braucht. Merke: Auch der Geist muss sich einmal ausruhen.

Ich bin überzeugt, dass man immer etwas ändern kann, dass man es nur nicht auf den ersten Blick sieht. Und das macht einen oft verrückt.

Fällt es euch schwer, nach dem Aufnahme- und Kompositionsprozess eines Albums wieder in die reale Welt überzugehen? Wie bewältigt ihr diese?

Was ist schon die „reale Welt“? Wir versuchen stets weiter zu leben und weiter zu suchen.

Comfort me, infinity! Ist das der Wunsch nach dem Eingehen der Seele in die Unendlichkeit? Der alte Traum vom ewigen Leben?

Es ist der Wunsch nach Trost und wenn mich nichts Irdisches mehr trösten kann, dann wenigstens die Unendlichkeit. „Comfort me, infinity“ ist ein Hilfeschrei, ein sehnsüchtiges Verlangen nach der Liebe und Geborgenheit in einer dumpfen, tonlosen Welt.

Ihr habt immer vom Garten gesprochen, zu dem ihr möglichst viele Kinderseelen führen wollt, um sie zu retten. Ich finde das sehr interessant, denn ich betrachte dies ebenfalls als wichtige Aufgabe. Wie aber soll man erkennen, wie man die Kinderseelen rettet, und vor allem: Wie erkenne ich die Kinder?

Kinder erkennt man an ihren staunenden Augen. Es gibt viel zu viele „Erwachsene“, die über nichts mehr staunen, die von den weltlichen Dingen völlig verschüttet sind und sich blind durch den Rest ihres Lebens tasten. Wie man die Kinderseelen rettet? Eine Anleitung dafür gibt es nicht. Man sollte ihnen jedoch keinesfalls das Staunen verbieten.

Meine Kindheit ist vorüber. Für meine Begriffe bedeutet das genauso viel wie Ich bin tot. Seht ihr das ähnlich?

Nicht ganz. Wenn jemand die Worte „Meine Kindheit ist vorüber“ ausspricht, dann bedeutet das für mich, dass derjenige mit dem Staunen abgeschlossen hat. Klar kann man dann auch sagen „Ich bin tot“. Es gibt jedoch immer noch eine Möglichkeit den Anderen zu erwecken. Dafür muss man aber sehr viel Energie verwenden und in das tiefste Innere des Anderen eintauchen, um zu ergründen, was ihn zu diesen Worten veranlasst hat.

Was würdet ihr sagen, wenn ich sagte, ihr lebtet in einer Art Diaspora in dieser Welt? Ich persönlich empfinde mich z.B. oft als Fremdkörper in der sog. realen Welt und stehe deshalb ein wenig außerhalb. Wie ist das bei euch?

Ich habe mich stets außerhalb der Welt gefühlt. Wenn man sich jedoch stets nur außerhalb bewegt, dann spricht man irgendwann eine andere Sprache und die Anderen verstehen einen nicht mehr und umgekehrt. Daher verhungerten Körper und Geist irgendwann an mir und ich war nur noch ein einsamer, stummer Himmelswanderer, der die Erde nicht mehr berührte. Daran bin ich fast zugrunde gegangen.

Denkt ihr, die Welt wird einmal zu einem Großteil von wirklich lebendigen Wesen bevölkert sein?

Sie ist es bereits. Nur sehen wir es nicht.

Zum Schluss ein Dank für das Beantworten der Fragen und die Bitte um ein Schlusswort eurerseits.

Ich danke Dir für die interessanten Fragen und hoffe, dass jeder Leser auch stets einen tröstlichen Gedanken findet, um beruhigt einschlafen zu können.