KLABAUTAMANN: Stille!!!

Statt gruseliger Seefahrerstories erzählen KLABAUTAMANN schwarzmetallisch-kratzig und träumerisch-sanft von Wäldern, Einsamkeit und der Kleinheit des Einzelnen…

 

KLABAUTAMANN haben zwar einen Namen, der an Norddeutschland und die See erinnert, aber die Bonner sind mehr im Wald verhaftet. Ihre alten Alben Our journey through the woods und Der Ort bieten knorrigen Black Metal, der in den ruhigeren Passagen die Kraft besitzt, das Gefühl von Moos unter den Händen in Klänge zu verwandeln. Mit Merkur zeigen sich KLABAUTAMANN von einer anderen Seite – aber noch immer schwarzmetallisch innovativ und extrem spannend. Zeit also, sich via E-Mail bei Flo zu melden, um hinter die Kulissen von KLABAUTAMANN zu blicken.

Vielen Dank für euer Merkur-Album. Schon das Artwork verkündet Veränderung statt Trolle, Wald und warme Erdfarben wirkt das Merkur-Cover bläulich-kalt und gespenstisch. Was symbolisiert es für dich?

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Erweiterung des Horizonts: das Artwork von KLABAUTAMANNs Merkur

Für mich symbolisiert es das Ablegen von alten, eingefahrenen Sichtweisen und die Erweiterung des Horizonts. Man erkennt nicht mehr so deutlich, dass dieser Vorhang, der gleichzeitig der Körper des Wesens ist, eine holzige, baumige Struktur hat. Wir waren ja bisher recht eindeutig mit naturromantischen Anleihen unterwegs. Das Cover symbolisiert für mich die Entwicklung der Band: Hinter den ganzen waldigen Einflüssen liegt noch unendlich viel mehr, was es zu entdecken gilt – verdeckt von einem Vorhang, der jetzt beiseite gezogen wurde.

Außerdem macht mir diese ganze Weltraum-Thematik wieder mal bewusst, wie unwichtig und unbedeutend man als ein einzelnes kleines Menschlein auf der Erde ist – Jan hat für das Artwork ein bisschen Weltraum recherchiert und mir auch mal Bilder vom Hubble-Teleskop gezeigt, das hat mich echt geplättet…

Die Veränderung zeigt sich ja dann auch in der Musik auf Merkur. Für das Artwork sind Jan Buckard und Peter Böhme verantwortlich. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen? Und haben sie sich zuerst die neue Musik von euch angehört und dann das Artwork geschaffen oder konnten sie frei daran arbeiten?

Genau, wir haben Jan die fertigen Songs gegeben und ab da hatte er freie Hand. So funktioniert das einfach am besten. Zeichne dies, zeichne das killt jegliche Kreativität, und mir war wichtig, dass Jan sich da völlig frei fühlen und seine persönlichen Assoziationen einbringen konnte. Peter Böhme ist ein Bekannter von uns, er hat schon beim VALBORG-Artwork Unglaubliches geleistet. Da er mit Jan auch länger befreundet ist und eben aus dem selben Berufsfeld kommt, hat er einfach ein paar wertvolle Tips und Ratschläge gegeben.

Die Stimmung des Covers zieht sich auch durch das Artwork des Booklets. Dort gibt es wieder Wälder und Landschaften zu sehen. Mit Merkur verbinde ich allerdings eher den römischen Götterboten bzw. den Gott des Handelns als Naturumgebungen (da würde mir eher Pan einfallen). Wieso also heisst euer Album Merkur?

Ach, das hat sich eher zufällig ergeben. Wir wollten halt auf jeden Fall einen Songtitel zum Albumtitel machen. Und da Merkur uns und den Illustrator am meisten inspiriert und angesprochen hat und der Song für mich auch irgendwie das musikalische Herzstück des Albums ist, haben wir uns kurzer Hand dafür entschieden. Klingt gut, sieht gut aus, alles gut!

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So eine Produktion kostet viel Zeit und Geld, was beides neben dem Job aufgewendet werden muss. – Flo zu den Folgen des illegalen Downloadings für den Underground.

Manchmal funktioniert die offensichtlichste Interpretation wohl am besten. Handeln und Kommerz bringe ich spontan nicht mit KLABAUTAMANN in Verbindung. Ihr habt ja mit ZEITGEISTER auch eine alternative Vertriebsmöglichkeit für eure Kunst gegründet. Was war der Impuls, der die Gründung von ZEITGEISTER auslöste?

Das waren zunächst einfach praktische Überlegungen. Ist einfach Quatsch, für so viele Bands verschiedene Mail-Konten, Bestellsysteme und so weiter zu haben. Es macht mehr Sinn, das alles zusammen zu fassen und über eine Seite laufen zu lassen. So promoten die Bands sich auch noch mal gegenseitig. Mittlerweile haben wir auch genug negative Erfahrungen mit einigen Labels gemacht, so dass wir ganz froh sind, jetzt jederzeit ein eigenes im Rücken zu haben. Wir arbeiten zwar auch weiterhin mit anderen Firmen zusammen, sind aber doch recht misstrauisch und vorsichtig geworden…

Eigentlich schade, aber auf jeden Fall verständlich. Die Musikindustrie klagt zurzeit ja über die Problematik der illegalen Downloads. Was ist deine Meinung dazu als jemand, der keine Dollarzeichen in den Pupillen hat?

Ich sehe das durchaus als ernst zu nehmendes Problem. Natürlich ist so was praktisch, und ich habe mir auch schon Sachen runter geladen, allerdings kaufe ich ALLES was mir dann auch gefällt. Das ist aber leider eher die Ausnahme, fürchte ich. Viele Leute machen sich keinen Kopf um dieses Thema und sehen Musik einfach als selbstverständlich kostenloses Gut an. Das trifft auch den Underground ziemlich hart, denn die Rechnung ist ganz einfach: Wenn sich das aktuelle Album nicht gut verkauft, weil jeder die Mp3s auf dem PC hat, dann gibt es einfach kein neues Album danach.

So eine Produktion kostet viel Zeit und Geld, was beides neben dem Job aufgewendet werden muss. Viele gerade junge Menschen wachsen leider mit der heutigen Technik auf, die das Klauen von Musik mit zwei Mausklicks möglich macht, das ist natürlich verführerisch. Merkur war zwei Tage, nachdem ich die Promos und Vorbestellungen raus geschickt habe, auf diversen Pages zum kostenlosen Download zu haben. Wozu also noch Geld ausgeben? Ich hoffe, dass es irgendwie gelingt, wenigstens den Underground für diese Problematik zu sensibilisieren, sonst sieht das in ein paar Jahren düster aus…

Das fürchte ich eben auch – schliesslich sind Instrumente und Recording-Equipment nicht gratis. Zurück zu eurem aktuellen Album. Ein Blick auf die Lyrics zeigt, dass ihr eurem primären Thema – der Natur – doch treu geblieben seid, wenngleich sich musikalisch und Artwork-mässig Veränderungen feststellen lassen (dazu komme ich noch). Was bedeutet dir die Natur?

Ich sehe die Natur als wichtigen Rückzugsort aus diesem ganzen Wahnsinn dem man ausgesetzt wird, wenn man in einer Stadt wohnt. Brauche das auf jeden Fall um immer wieder Energie zu schöpfen. Das ist einfach enorm wichtig für die Seele und durch nichts zu ersetzen!

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Und irgendwie ist der Wald in der Nähe meiner Heimatstadt auch sehr in meinem Herzen. – KLABAUTAMANNs Naturverbundenheit

Oft fühlt man sich ja von Landschaften, in denen man sich aufhält, beeinflusst oder inspiriert. Welche Art von Landschaft (egal in welchem Land) hat dich am meisten beeindruckt?

Puh, schwer zu sagen. Island war natürlich beeindruckend aber auch mehr ein Sightseeing-Urlaub. Am meisten überwältigt hat mich bisher, wenn man nach stundenlanger Anstrengung auf dem Gipfel eines Berges steht und übers Land blickt – vorzugsweise in den Dolomiten. Ansonsten war da auch noch ein großartiger Tag als ich mit ein paar Leuten um Fünen gesegelt bin. Generell haben mich auch immer die Unwetter beeindruckt, sowohl im Gebirge als auch auf See. Wenn da mal so ein schönes Gewitter ankommt und man mitten drin ist und nirgends wo hin kann, da merkt man auch, dass man die Natur niemals kontrollieren kann und ihr doch immer wieder ausgesetzt ist. Naja, und irgendwie ist der Wald in der Nähe meiner Heimatstadt auch sehr in meinem Herzen – vermutlich für Außenseiter nichts Besonderes, aber da habe ich schon so viele magische Momente erlebt…

Warum habt ihr denn als Landratten einen Bandnamen, der mit dem Meer zu tun hat?

Also, ich bin eigentlich keine Landratte! Ich komme aus Eckernförde, das ist hoch im Norden, schön am Meer. Mein Vater ist Admiral, da kannst du dir denken, dass ich von klein auf entsprechend maritim geprägt bin. Auch wenn ich leider länger nicht auf dem Meer war… Naja, und da hab ich mich als kleiner Stöpsel an Karneval mal als Klabautermann verkleidet. Ich glaube aber, dass der Name uns am Ende aus irgendeinem Mythologie-Buch angesprungen hat. Puh, das ist schon so lange her…

In Der Wald ist ein Meer habe ich das Gefühl, dass sich das lyrische Ich im Wald selbst findet. Es findet sozusagen seinen Lebenssinn an diesem Ort. Kann man das so interpretieren oder hat dieser Text eine andere Aussage?

Dazu Christian, der Verfasser: Novemberabend 2005. Zermürbende Gedanken und epische Erinnerungen. Der Wald lässt dich vergessen und erkennen. Gehe tiefer in die Dunkelheit, verliere die Angst und dich selbst. Reinige deine Seele. Erkenne deine Größe, sieh wie klein du bist. Strike back with wisdom.

Meine Gedanken hierzu sind weniger lyrisch-kryptisch: Wenn ich meiner Interpretation folge, habe ich bei Der Wald ist ein Meer das Gefühl, dass der Wald als Ort der Erkenntnis so das ersetzt, was für viele Menschen der Grund ist, sich einer Religion anzuschließen (die ihnen dann diese Wanderung abzunehmen scheint). Was ist deine Meinung zu Religion und organisierter Religion? Hat Religion für dich persönlich eine Bedeutung?

Ich meine, dass jeder Mensch das Recht hat welcher Religion auch immer zu folgen, so lange er damit keinen anderen in seiner Freiheit einschränkt. Das ist etwas sehr Persönliches, und so sollte es aber auch behandelt werden. Ich glaube, dass Religiosität vielen Menschen sehr wichtig ist und viel gibt, andererseits rege ich mich total auf wenn ich z.B. in der Debatte um Stammzellen irgendwelche halbgaren Argumente aus Richtung der Kirche höre. Vielleicht mal so gesagt: Ich glaube, dass in vielen Religionen viele gute Werte vermittelt werden, allerdings finde ich es skandalös, wie sich die großen religiösen Organisationen ihren Glaubensbrüdern gegenüber verhalten, sie unterdrücken, indoktrinieren und ihr Leben bestimmen. Das schreckt mich sehr ab! Ich bin übrigens selber absoluter Atheist, ziemlich rational-naturwissenschaftlich geprägt und will am liebsten mit Religion gar nichts am Hut haben. Lässt sich leider nicht immer vermeiden…

In der Tat nicht. Inspiriert dich das Tagesgeschehen (Nachrichten etc.) zum Schreiben von Texten und Musik oder ziehst du alle Ideen aus deinem Inneren und dem Sein draußen in der Natur?

Ich schreibe grundsätzlich gar keine Texte. Das macht meistens der Christian (VALBORG, ISLAND) für uns. Er ist sehr von Naturstimmungen beeinflusst, aber auch von anderen Dingen des täglichen Lebens. Allerdings nicht von Nachrichten…

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Durch die coolen Cover zum Metal gekommen: KLABAUTAMANN 

Musikalisch seid ihr ja auch auf Merkur schwarzmetallisch geblieben, wenngleich ihr euch etwas verändert habt und auch progressivere Parts in eure Musik einflechtet. Welche Band hat dich ursprünglich zum Metal gebracht?

Ganz klassisch MEGADETH und IRON MAIDEN! Das gilt auch für Tim, die andere Hälfte von KLABAUTAMANN. Er hat die Kassetten auf dem Flohmarkt gekauft weil die Cover so cool aussahen. Haben wir uns dann bei unseren HeroQuest-Sessions vor 15 Jahren schwer beeindruckt reingezogen…

Alles klar… Und da ihr eben auch diese jazzigen Parts auf Merkur habt: Welche andere Art von Musik befindet sich in deinem CD-Player?

Jetzt gerade? Kein Jazz, aber ARVO PÄRT – Litany. Großartig!!!! Und gestern habe ich endlich die “Don`t break the oath” von MERCYFUL FATE bekommen, die musste ich mir bestellen, nachdem wir sie bei Dir im Auto gehört haben, hehe…

Hehe, das freut mich. Nicht alle meiner Mitfahrer schätzen MERCYFUL FATE… Im Wald: Stille oder Musik im Ohr?

Stille!!!

KLABAUTAMANN ist ja als Duo unterwegs, aber du und Tim nehmt dann jeweils noch Sessionmusiker (wie etwa Drummer Patrick Schröder oder Fredy Schnyder) hinzu. Wie kam die Zusammenarbeit zustande? Und da Fredy ja auch noch bei NUCLEUS TORN aktiv ist: Gibts da mal eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Bands? Interessant wäre es auf jeden Fall…

Hm, mit Fredy ist aktuell nichts geplant, ich hoffe natürlich, dass wir das noch mal wiederholen, er ist ein großartiger Musiker und ein wahnsinnig netter Mensch, mit solchen Leuten will ich Musik machen! Ich glaube kennen gelernt haben wir uns über einen CD-Kauf, hab mir die erste NUCLEUS TORN bei ihm bestellt und direkt Kram von uns mit geschickt. Dann haben wir uns auch bei den letzten beiden Konzerten in der Schweiz getroffen.

Patrick ist eigentlich seit 2004 bei der Band. Er kommt auch aus Bonn, da war klar, dass man sich irgendwann über den Weg läuft. Er ist nie fest eingestiegen, aber trotzdem konstant dabei. Ohne ihn wären die letzten drei Releases nicht möglich gewesen!

Warum wollt ihr beim Songwriting nur zu zweit sein? Und wie läuft der Songwritingprozess bei euch ab?

Naja, was heißt wollen… das ist halt einfach so. Wir haben keine festen Mitmusiker, da kann man nichts machen. Wir schreiben aber eh so mehr für uns alleine und setzen uns dann zusammen, so dass sich jeweils der andere Kram zu den neuen Stücken ausdenken kann. Ist nicht perfekt, aber funktioniert. Bin schon manchmal froh, dass wir zu zweit und nicht zu viert oder fünft über Songs diskutieren…

Sicherlich stressfreier. Ihr seid ja beide auch noch bei anderen Bands aktiv, du z.B. bei VALBORG, ISLAND, und WOBURN HOUSE, soweit ich weiss. Welchen Stellenwert nimmt KLABAUTAMANN ein, wenn du so viele Bands am Start hast?

KLABAUTAMANN ist schon was Besonderes, da ich hier Gitarre spiele und da es auch die einzige Band ist in der Christian nicht beteiligt ist. Das hat Auswirkungen auf die Arbeitsweise, aber auch auf die Komposition. Christian ist sicher einer meiner Lieblingsgitarristen, gerade weil sein Stil so einzigartig ist. Bei KLABAUTAMANN möchte ich aber doch irgendwie was anderes machen, eben das was in der Zusammenarbeit mit Tim bei raus kommt.

Was die Arbeitsweise anbelangt, da waren wir früher schon sehr auf nem Perfektionismus-Trip. Will das heute nicht mehr so nennen, aber es wird doch alles sehr genau und durchdacht getan, das ist bei den anderen Bands eher locker – Mikro hinstellen und ab dafür. Außerdem ist KLABAUTAMANN die erste Band, in der ich überhaupt beständig über einen längeren Zeitraum aktiv war. Habe fast alles, was ich heute an Recording-Erfahrung habe durch diese Band, wir haben nämlich schon immer alleine aufgenommen.

Worin liegt für dich der Reiz, in vier Bands aktiv zu sein?

Es wird nie langweilig! Alle Bands haben irgendwie kleinere oder größere Schnittmengen, aber sie sind doch auch sehr verschieden. Und man kann immer mit neuem Elan an den Sachen arbeiten auf die man Lust hat, und wenn man keine Lust hat lässt man sie einfach ruhen. Z.B. ist im Moment ein bisschen Regenerationsphase angesagt bei KLABAUTAMANN, und bei ISLAND sind wir wegen massiven Labelproblemen demotiviert und haben die aktuelle Aufnahme auf Eis gelegt. Dafür proben wir oft mit VALBORG, und wenn Jan nicht kann, mache ich mit Christian neue WOBURN HOUSE-Lieder.

Dann ist in der Tat immer etwas los. Innerhalb von KLABAUTAMANN fällt mir auf, dass ihr auf allen Alben sowohl englische wie auch deutsche Texte habt. Was entscheidet für dich, welche Sprache in einem Lied verwendet wird?

Ach, das ist relativ zufällig und nebensächlich. Christian schreibt die Lyrics ja unabhängig von der Musik und lässt uns die Wahl. Dann muss halt die Stimmung der Texte zu den jeweiligen Liedern passen. Der Wald ist ein Meer hätte z.B. denselben Text, auch wenn Christian ihn in Englisch verfasst hätte. Die Sprache spielt eine untergeordnete Rolle.

Nochmals zurück zu Merkur: Werdet ihr das Album mit einer Tour promoten oder wo gibt es die nächsten Möglichkeiten, die Live-Umsetzung zu erleben?

Ne, zur Zeit können wir nicht live spielen, haben kein komplettes Line-up zusammen. Das ist immer ein Problem bei uns. Darum auf unbestimmte Zeit keine Gigs!

Schade. Wie sehen denn die Zukunftspläne von KLABAUTAMANN aus?

Erstmal ein bisschen relaxen. Neue Kraft schöpfen und Inspiration erlangen und auf den Moment warten, an dem sich richtig anfühlt, ein neues Album anzugehen.

Fotos: KLABAUTAMANN
Layout: Arlette Huguenin Dumittan