KATATONIA: Sky Void Of Stars

KATATONIA haben sich auf “Sky Void Of Stars” beeindruckend weiterentwickelt und ihren Ruf als innovative Vorreiter des depressiven Metallverarbeitungsgewerbes untermauert!

“…For all of us lies in death a song, in times when truth is turning weak…” !

Diese Zeile aus ‘In Death, A Song’, dem dritten Track aus “Tonight’s Decision” (1999) – eine Scheibe, die einem eigentlich noch das letzte Restchen Selbstvertrauen und Lebenswillen zu nehmen vermag – vermittelt für einen Wimpernschlag, dass aus Tragödien und widrigen Lebensumständen auch etwas Bezauberndes wachsen kann…

KATATONIA, die schwedischen Melancholiemogule, die für ihren Namen ein psychomotorisches Syndrom gewählt haben, das als Begleiterscheinung von z.B. schweren Depressionen oder bipolaren affektiven Störungen auftreten kann und unter anderem von körperlicher Starre und extremer Passivität gekennzeichnet ist, haben sich in den zurückliegenden Coronajahren auf diese unscheinbare Maxime berufen, auf Grund dessen sozusagen “Heimvorteil” genossen und aus der erzwungenen Bewegungsunfreiheit größtmögliche Kreativitäts- und Veröffentlichungsschübe generiert.

Das während des ersten Lockdowns im Studio Gröndahl aufgenommene “Live”album “Dead Air“, die B-Seiten- und Rarity-Compilation “Mnemosynean” und das Liebhaber-6-Tape-Boxset “Melancholium” – all das wurde nach dem letzten regulären Release “City Burials” (VÖ: April 2020) von den ehemaligen Peaceville-Schützlingen auf den Markt geworfen. Und natürlich mit Kusshand von den Die Hard-Followern empfangen! Kaum verwunderlich also, dass es statt wie zuletzt vier nicht einmal drei Jahre gedauert hat, bis der Nachfolger zu “City Burials”, auf dem sich Sänger Jonas Renkse erstmals und überaus erfolgreich als Alleinherrscher über Musik und Text versucht hat, in den Startlöchern steht.

“Sky Void Of Stars” kommt ohne Qualitätseinbussen ins Ziel

Zugegeben, auch mit “Sky Void Of Stars” habe ich relativ lange gebraucht, um einen Zugang zu jedem einzelnen Song und ein Gefühl für das Gesamtprodukt dieser wandelfähigen Band zu bekommen. In den Frühneunzigern als typische Death/Doom-Combo mit starken PARADISE LOST-Worshipping gestartet, verlief der Weg KATATONIAs über gotisch angehauchten Dark Metal (von “Discouraged Ones” bis “Last Fair Deal Gone Down“) hin zu progressiven Strukturen (ab “Viva Emptiness“), die bis heute immer weiter verfeinert und ausgebaut worden sind und aus der sich nicht zuletzt dank Jonas Renkses samtweiche und hypnotisierende Gesangslinien eine vollkommen eigene Handschrift entwickelt hat. Und die seit einigen Alben seine Zeit braucht, um seine Wirkung zu entfalten, dann aber – im besten Fall – einen immer mehr vereinnahmt und nicht mehr loslässt.

Das zwölfte Studioalbum – und gleichzeitig Napalm Records-Debut – hat dazu jedenfalls sämtliche Anlagen und geht bereits mit den ersten Klängen von ‘Austerity’ in die Vollen: ansatzlos bestimmt Daniel Moilanens faszinierend-vertracktes Drumming die Szenerie, auf dem sich alsbald Herrn Renkses erneut außergewöhnliche Vocals darüberlegen und die selbst erfahrene Musikkonsumenten aufhorchen lassen.

Die seit 2016 mit der Zunahme des zweiten Gitarristen Roger Öjersson (immer noch irgendwie auch bei TIAMAT und auf “Sky Void Of Stars” nicht nur bei ‘No Beacon To Illuminate Our Fall’ mit vorzüglichen (Kurz-) Soli unterwegs) zu einem Quintett gewachsene Sverige-Formation versteht es mittlerweile äußerst geschickt, die aus ihrem gefestigtem Kontext hervorgebrachten technischen Fähigkeiten mit der ureigenen Bedrücktheit so spannungshaltend zu kombinieren, dass es schwer fällt, in den zehn umwerfenden und Herzschlag verlangsamenden Emo-Stücken (plus einem nicht minder schlechteren Bonustrack ‘Absconder’) irgendwelche Qualitätseinbussen auszumachen.

KATATONIA haben ein rundum wundervolles Stück Schwarzkunst abgeliefert

Das kompositorische Zepter bleibt hierbei erneut einzig bei “Lord Seth” (so das einstige, zu “Dance Of December Souls”-Zeiten selbstgewählte Pseudonym Renkses), der auf dem von Produzent Jacob Hansen mit einem druckvollen, kühl wirkenden und nur minimal moderneren Sound veredelten Album die Stärken der fünf vorangegangenen KATATONIA-Alben bündelt. Auf “Sky Void Of Stars” werden so harte, angedoomte (Anders Nyström-) Riffs auf elegante und harmonische Weise in weiche, pop- und postrocknahe Arrangements eingebettet, woraus filigrane, technisch gehobenere Deprirocknummern mit sorgsam mitfühlendem Unterton entstehen. Und welche – nicht zuletzt durch das unvergleichlich stimmliche Charisma des introvertierten Frontmanns geprägt – jede für sich mit hohem charakteristischem Wiedererkennungswert ausgestattet, auch bei mehrmaligem Replay nichts von ihrer düsteren Faszination verlieren. Was man bei so manch blassem Säuselsong auf “Dead End Kings”, “Fall Of Hearts” und vor allem bei “Night Is The New Day” nicht behaupten konnte.

KATATONIA haben jedoch aus diesen Fehlern gelernt! Ob mit coolem Groove (‘Author’ oder ‘Colossal Shade’), elektronischen Beats (‘Opaline’) oder auch mit fragiler Getragenheit (‘Impermanence’ feat. SOEN-Sänger Joel Ekelöf) benetzt: KATATONIA beherrschen traumhaft sicher ihr über die letzten zwei Dekaden aufgebautes Repertoire an unterschiedlichen Stimmungen und Dynamiken und sind so auf “Sky Void Of Stars” in der Lage, daraus zehn homogen klingende, aber verführerisch richtungswechselnde Kreationen zu basteln, die sich einem nach und nach erschließen und dadurch hoch spannende Eingebungen offenbaren. Und die auch mit einigen Querverweisen auf frühere Werke die eigene Historie berücksichtigen: ‘Colossal Shade’ besitzt bspw. die ein oder andere “The Great Cold Distance”-Reminiszenz und die letzten Saitenzupfer auf ‘Atrium’ sind durchaus in dunkelblauem “Tonight’s Decision”-Couleur getränkt.

KATATONIA haben früh im 2023-Veröffentlichungskreis mit “Sky Void Of Stars” ein rundum wundervolles Stück Schwarzkunst abgeliefert, sich mit diesem bandeigenen Meilenstein beeindruckend weiterentwickelt und ihren Ruf als innovative Vorreiter des depressiven Metallverarbeitungsgewerbes untermauert! In diesem Zusammenhang sei zu guter Letzt auch noch das gelungene Coverartwork im Graphic Novel-Stil von Roberto Bordin erwähnt, welches die auf “Sky Void Of Stars” vorherrschende Stimmung perfekt einfängt.

“…all I ever wanted was to make you smile again…” (aus ‘Absconder’).

Die Herren mit dem Faible für schwarze Vögel: Mission accomplished !

 

Veröffentlichung: 20. Januar 2023

Label: Napalm Records

Spielzeit: 47:23 Minuten

 

Line Up:

  • Jonas Renkse – Vocals
  • Anders Nyström – Guitar
  • Roger Öjersson – Guitar
  • Niklas Sandin – Bass
  • Daniel Moilanen – Drums

Produced by: Jacob Hansen

Cover: Roberto Bordin

KATATONIA “Sky Void of Stars” Tracklist

Austerity (Video bei YouTube)
Colossal Shade
Opaline
Birds (Video bei YouTube)
Drab Moon
Author
Impermanence (feat. Joel Ekelöf)
Sclera
Atrium (Video bei YouTube)
No Beacon To Illuminate Our Fall
Absconder (Bonus Track)

KATATONIA, SÓLSTAFIR “Twilight Burials” Tourdaten 2023

  • 25/01/23 – Berlin, Astra
  • 26/01/23 – Köln, Essigfabrik
  • 27/01/23 – Stuttgart, Longhorn
  • 01/02/23 – München, Backstage Werk
  • 16/02/23  – Frankfurt, Batschkapp
  • 22/02/23 – Hamburg, Gruenspan