THE LOVECRAFT SEXTET: Penance

Über Buße und Lynchjustiz in finsteren Zeitaltern: THE LOVECRAFT SEXTET meditieren auf „Penance“ über ein berühmtes Abbild des Meuchelmordes.

Sie taten Buße, die Gebrüder de Witt, ob sie wollten oder nicht. Buße ist in diesem Fall ein Euphemismus für Lynchjustiz, denn als die Gebrüder am 20. August 1672 von einer aufgebrachten Meute ermordet wurden, waren ihre Körper fürchterlich verstümmelt, sogar einige ihrer Körperteile wurden verkauft. Jan de Baen hielt das grausige Ereignis in dem Gemälde „Die Leichen der Gebrüder Wit“ fest, und es wurde zu einem der berühmtesten Kunstwerke der Niederlande dieser Zeit. Dieses berühmte Gemälde inspirierte, so grimmig es eben ist, THE LOVECRAFT SEXTET zu ihrem fünften Album „Penance“, die damit eine Brücke zur Gegenwart schlagen.

Verglichen mit dem süffigen „The Horror Cosmic“ ist „Penance“ eine sehr komplizierte Angelegenheit. Wie in „Miserere“ stecken Themen aus Klassik bis Black Metal in dem Material, insofern ist „Penance“ der logische Nachfolger zum 2022er Werk von THE LOVECRAFT SEXTET. Jason Köhnen verbindet katholische Lithurgie mit der Düsternis und Brutalität des Black Metal und bringt all das in eine Darkjazz-Ästhetik, angesiedelt in der Epoche des Barock. Das klingt sehr kompliziert und verkopft, und tatsächlich ist „Penance“ weit weniger greifbar als die vorigen Alben des Projekts. Dabei ist der Beginn mit „Si Quaeris“ noch relativ klassisch und nah an dem, was Jason Köhnen unter THE LOVECRAFT SEXTET bisher geschaffen hat, mit einigen Variationen: Eine pechschwarze Atmosphäre, vergleichsweise wenig zugängliches Songwriting, dafür aber viel Atmosphäre, höllentiefe Growls und der Lillian Tongs Soprangesang.

Vielschichtiger Darkjazz, der auch in Richtung Black Metal und klassische Musik schielt: THE LOVECRAFT SEXTET erschaffen mit „Penance“ den Quasi-Nachfolger zu „Miserere“.

Der einzige Jumpscare kommt im Anschluss: In „Symbolom Apostolorum“ führen THE LOVECRAFT SEXTET das Chaos der „Black†White“-EP fort, dieses Mal triggert der gewalttätige Ausbruch allerdings mehr das lichtlose Chaos des Black Metal anstelle von Grindcore. Das Stück wirkt etwas zerfahren, auch wenn das abschließende barocke Klavierthema einen Schauer über den Rücken jagt. Das anschließende „Anima Christi“, das zwölf Minuten lang über einem Zeitlupenthema meditiert, lässt sich ebenfalls nur schwer greifen. Die Musik auf „Penance“ scheint eher improvisiert, dabei aber auch etwas ziellos, vielleicht auch der Drones und den verstörend aufeinander geschichteten Sounds wegen. Daran kann der berührende Gesang von Lilian Tong ebenso wenig ändern, wie das leidenschaftliche Saxophonspiel von Colin Webster. Mit „Requiem Aeternam“ schaffen THE LOVECRAFT SEXTET dann doch noch fast, die Magie aufleben zu lassen, die auf „Miserere“ gegenwärtig war.

Am Ende, wenn in „Confiteor“ erst die Finsternis zum Schneiden dick und die Boshaftigkeit körperlich spürbar wird und die Brücke subtil zu BONG-RA geschlagen wird, bevor sich „Te Deum“ wie das Erwachen nach einer schrecklichen Tat anfühlt, wenn Trauer und Scham nach der Gewalt übrig bleiben, wenn sich der Staub gelegt hat, dann werden die Parallelen dieser grausigen Geschichte zur heutigen Zeit sichtbar. Die Barbarei ist nicht aus der Welt gewichen, Brutalität ist noch immer da, im Menschen verankert. Sie manifestiert sich inzwischen nur vorwiegend im digitalen Raum. Inwiefern dieser Zusammenhang nun konstruiert erscheint oder auch nicht sei dahingestellt. Zumindest zeigt das, wie sehr „Penance“ dazu einlädt, auch die Gedanken auf die Reise zu schicken.

THE LOVECRAFT SEXTET lassen ihre Kompositionen auf „Penance“ mehr in Richtung Improvisation driften.

Es sind drei Jahre vergangen, seit THE LOVECRAFT SEXTET zum letzten Tanz luden – irre eigentlich, denn es scheint, als wäre „The Horror Cosmic“ erst vor kurzem erschienen. Es ist ja auch verwirrend: Jason Köhnen ist dauerpräsent, zum Beispiel mit BONG-RA, THE ANSWER LIES IN THE BLACK VOID und dem jüngst wiedervereinigten THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE. Neues Darkjazz-Material gibt es derzeit allerdings nur von THE LOVECRAFT SEXTET. Und so schön es ist, dass die länger werdenden Nächte nun eine passende Untermalung enthalten: Dieses Mal fehlt trotz der dichten Atmosphäre dieses verführerische Element, das einen mit samtigen Fesseln an diese pechschwarze Kompositionen fesselt. Schlecht ist „Penance“ aber deshalb noch lange nicht, im Gegenteil: Wer dem Darkjazz verfallen ist, wird auch an diesem Album seine morbide Freude haben.

Wertung: 7 von 10 Galgenbäume

VÖ: 16. Oktober 2026

Spielzeit: 38:15

Line-Up:
Jason Köhnen : Guitar / Upright / Drums / Organ / Vocals / Electronics

Guest musicians
Colin Webster : Saxophone
Lilian Tong : Soprano

Label: Debemur Morti Productions

THE LOVECRAFT SEXTET „Penance“ Tracklist:

1. Si Quaeris (Official Audio bei Youtube) 
2. Symbolum Apostolorum
3. Anima Christi
4. Requiem Aeternam
5. Confiteor
6. Te Deum

THE LOVECRAFT SEXTET „Penance“ Full Album Stream bei Youtube 

Mehr im Netz:

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