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THE LOVECRAFT SEXTET: Miserere

Die nächste Schauermär: „Miserere“ zeigt THE LOVECRAFT SEXTET im Spannungsfeld zwischen Darkjazz, Black Metal und kirchlicher Chormusik.

Wabernde, verzerrte Orgeln, die aufziehen wie Nebelschwaden: THE LOVECRAFT SEXTET künden den Herbst an. Das Projekt von Darkjazz-Experte Jason Köhnen, aus dessen reichem Schaffen unter anderem THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE, MANSUR und THE THING WITH FIVE EYES entstand, scheint kreativ aus allen Nähten zu platzen. „Miserere“ ist das dritte Album des Projekts innerhalb der vergangenen 13 Monate. Köhnen, dessen musikalische Anfänge in die späten Achtziger reichen, scheint seine kreative Kraft derzeit gebündelt in diese Beschwörungen zu stecken.

Nach dem soliden Debüt „In Memoriam“ und dem im Frühjahr erschienen „Nights of Lust“, das THE LOVECRAFT SEXTET am Rande von verführerischem Elektropop und Synthwave präsentierte, wird es nun pechschwarz. „Miserere“, benannt nach dem und beeinflusst durch das berühmte Chorstück von Gregorio Allegri, ist unwahrscheinlich finster, so sehr, dass es dem Namen des Projekts absolut gerecht wird. Stilistisch liegt „Miserere“ wieder näher an „In Memoriam“, doch zirkuliert die Musik nicht um zwei Hauptkompositionen, hier wird eine Schauermär erzählt, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Analog zum Psalm 51 geht es um Reue und Buße, nicht um einen Nachtspaziergang durch Innsmouth.

THE LOVECRAFT SEXTET prozessieren durch ein finsteres Darkjazz-Universum: „Miserere“ kann nur als Ganzes begriffen werden.

Die verführerische Seite des Darkjazz, wie ihn THE THING WITH FIVE EYES und THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE packten, bleibt hier ganz aus. Keine Zugänglichkeit findet sich auf „Miserere“, keine griffigen Momente bleiben zurück. Im Gegenteil, diese sechs Stücke müssen als Ganzes begriffen werden. Daneben positioniert sich das Album zwischen Abscheulichkeit und faszinierender, morbider Schönheit. So sind THE LOVECRAFT SEXTET so polarisierend wie nur irgendwie möglich: Mal sind über die kriechende Schwärze extreme Black Metal-Screams gelegt, dann ist da wunderschöner Soprangesang und trägt die Musik weiter in Richtung Ambient und klassischer Musik.

Das von David Jagger stammende Artwork „Kathleen“, die wie eine Märtyrerin gen Himmel blickt, passt wirklich gut auf das Cover des Albums. Es visualisiert diese symmetrischen Gegensätzlichkeit von „Miserere“. U-Förmig bündelt sich das erst vage und dekonstruiert wirkende Album, bis es in der Mitte, spätestens bei „Opus IV – Sacrificium“ – auch durch den betörenden Gesang von Lilian Tong – greifbarer wird und im letzten Drittel wieder wie in einem Nebel zerfasert. Das ist unfassbar atmosphärisch, unheimlich und spannend und deutlich kantiger und charakterstärker als „In Memoriam“, das einfach nur ein richtig guter Genrebeitrag war. „Miserere“ hingegen steckt das Feld neu ab und erlaubt sich in der Finsternis zu experimentieren.

„Miserere“ spannt den Bogen zwischen Black Metal und kirchlicher Chormusik: THE LOVECRAFT SEXTET zeigen sich kantig und charakterstark.

Doch nicht nur die Gesangsperformace beeindruckt, auch die kompositorische Detailversessenheit ist beachtlich. Jason Köhnen sorgt mit Kontrabass, Orgel und elektronischen Instrumenten für das große Ganze, die Detailtiefe ist beachtlich. So minimalistisch und frei die Musik zunächst auch wirken mag, hier gibt es bisweilen akribische Arrangements zu hören. Das fängt beim klagenden Saxofon an und endet nicht erst bei den Gitarren im Hintergrund oder dem finsteren Cello, auch die komplexen Arrangements und improvisierten Teile lassen erkennen, dass THE LOVECRAFT SEXTET nichts dem Zufall überlassen. Kurz: Trotz der hohen Veröffentlichungsdichte wirkt „Miserere“ nicht lieblos oder wie schnell zusammengeschustert.

In Jason Köhnens reicher Diskografie finden sich viele Arbeiten, die deutlich zugänglicher sind als „Miserere“, aber auch vieles, das improvisierter ist. THE LOVECRAFT SEXTET könnten auf ihrem dritten Album die Brücke zwischen diesen Polen schlagen. „Nights Of Lust“ wird daher sicherlich öfter aufgelegt werden, „Miserere“ bietet aber viel mehr zu entdecken. Nur: Neben der richtigen Stimmung braucht es auch eine gewisse Ruhe, um in diese Welt einzutauchen. Wer aber die Verbindung des Darkjazz mit der nihilistischen Atmosphäre des Black Metal und der Epik von Chormusik erleben möchte, findet hier die eleganteste Dunkelheit seit langem.

Wertung: 4,5 von 6 Rosenkränze

VÖ: 7. Oktober 2022

Spielzeit: 40:04

Line-Up:
Jason Köhnen – Upright/Bass/Guitar/Organ/Electronics
Colin Webster – Saxophone
Lilian Tong – Soprano
Dimitris Gkaltsidis – Screams
Eugene Bodenstaff – Cello

Label: Debemur Morti Productions

THE LOVECRAFT SEXTET „Miserere“ Tracklist:

1. Miserere [Opus 1] – Occulta (Official Audio bei Youtube)
2. Miserere [Opus 2] – Domine (Official Video bei Youtube)
3. Miserere [Opus 3] – Sanctum (Official Video bei Youtube)
4. Miserere [Opus 4] – Sacrificium
5. Miserere [Opus 5] – Humiliatum
6. Miserere [Opus 6] – Libera

Mehr im Netz:

https://thelovecraftsextet.bandcamp.com/
https://darkjazz.bigcartel.com/

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