THE EYE OF TIME: ANTI

Ein eindeutiger Titel, ein Album, das eindeutig sein Potenzial nicht ausschöpft: THE EYE OF TIME wandelt wieder auf elektronischen Wegen, lässt aber die Konsequenz früherer Werke vermissen.

ANTI ist ein sehr aggressiver Titel. Eine eindeutige Aussage. Wer THE EYE OF TIME kennt, wer in die Welt deren einzigen Mitglieds Marc Euvrie bereits eingetaucht ist, weiß, dass er ein Kämpfer ist, einer der auf seine Weise Stellung bezieht. Das vor drei Jahren erschienene Doppelalbum The Eye Of Time zeigte den ausgebildeten klassischen Musiker, der gleichzeitig in der Crust- und Hardcore-Szene aktiv war, als Schöpfer verstörender elektronischer Welten, die zwischen IDM und Ambient pendelten und die Aggression nie missen ließen. Nach einem wirklich schönen Ausflug in Richtung Klavier und Cello wandelt THE EYE OF TIME nun erneut die Form und experimentiert im elektronischen Bereich weiter. ANTI schöpft dabei leider nicht das gesamte Potenzial aus, das in ihm steckt.

THE EYE OF TIME arbeitet über fünf Songs hinweg daran, eine düstere Grundstimmung zu entfalten, die gleichzeitig Hoffnung machen soll. This record is not a resignation. Wake Up. steht im Booklet, und genau diese Aussage ist in der Musik hörbar. Die Zeiten mögen dunkel sein, Marc Euvrie gibt das Vertrauen in Menschen seiner Gesinnung nicht auf und ermutigt, weiter zu machen. Deshalb widmet er diese Songs auch Carlos Guiliani, Pavlos Fyssas, Rémi Fraisse und Alexis Gigoropoulos, Menschen, die ihr Leben für ihre Sache gegeben haben. Es scheint also Krieg zu sein, zwischen den Cops und den Antifaschisten, zwischen den Linken und dem Establishment. ANTI bezieht klar Stellung und ist dabei gleichzeitig pessimistisch und optimistisch.

Kompositorisch ist ANTI ein klarer Schritt nach vorne, nur leider nicht immer konsequent. A Perfect World leitet das Album mit heftigen Lärmwänden ein, aus denen sich schöne Klavierarbeit erhebt, die den Bogen zu Acoustic spannt. Verstörend geht es dennoch weiter. Viel Tragik gibt es in der Welt von THE EYE OF TIME zu hören, was aber allgegenwärtig ist, ist bitterer Stolz. So entwickelt sich das Album von Song zu Song, mit den vielerlei Schichten der typischen Synthesizer, die schon auf Acoustic verdammt gut gewirkt haben, mit mal schleppenden, mal komplexen Beats und einigen wirkungsvollen Gitarren und heftigen Vocals. Retrospective Memory ist dabei ein Song, der schon auf dem 2012 veröffentlichen Doppelalbum gut gewirkt hätte. Collapse konzentriert sich nur auf flächige, sphärische Synthesizer, die an JESU denken lassen – das ist schön, zieht sich aber über die Länge von sieben Minuten doch etwas hin.

Es scheint so, als wäre das gesamte Album um den fünfzehnminütigen Titelsong herum entstanden. Denn hier fährt THE EYE OF TIME ein hypnotisch-brutales Stück Musik auf, das in Sachen Heaviness mit vielen Sludge-Bands mithalten kann. Obwohl sich der Titeltrack dank der kaputten Beats hypnotisch ins Hirn fräst, baut er sich gerade in Sachen Dynamik auf, fährt die Lautstärke im weiteren Verlauf wieder herunter und explodiert gegen Ende geradezu. Nach diesem erschöpfenden, enorm intensiven Stück ist Embrace The Truth, Face The End Of All Things ein vergleichsweise milder und blasser Abgesang auf ein Album, das mehr hätte bieten können. Wirklich beeindrucken nur das Titelstück, A Perfect World und die optische Aufmachung des Albums. Mit ein paar Songs mehr und ein wenig mehr Abwechslung im Bereich der Instrumentierung hätte etwas mehr entstehen können als ein Album, das wirkt wie eine etwas zu lange EP. ANTI hat zwar mit ein paar Problemen zu kämpfen und bleibt im Schatten seiner Vorgänger hängen, THE EYE OF TIME packt aber glücklicherweise genügend faszinierende Momente in die Musik, so dass Freunde von düsterem Ambient, Elektro und Trip Hop hier viel entdecken können.

Veröffentlichungstermin: 20. März 2015

Spielzeit: 43:06 Min.

Line-Up:
Marc Euvrie – Instrumente, Gesang

Label: Denovali Records

Homepage: http://www.denovali.com/theeyeoftime/

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/theeyeoftime

Tracklist:
1. A Perfect World
2. Retrospective Memory
3. Collapse
4. ANTI
5. Embrace The Truth, Face The End Of All Things