MOSAIC: Secret Ambrosian Fire

MOSAIC: Secret Ambrosian Fire

Man hat’s ja nicht leicht als Stadtmensch: Zwischen Autoabgasen, Menschenlärm und Sperrmüllhaufen bleibt nicht viel Raum für das Urwüchsige, das im Menschen wohnt, egal, wie sehr er es verdrängen möchte. Da, wo es sich dann Bahn bricht, richtet es oft Unheil an. Was also tun? Klar: mal eben schnell zum Bäcker, dann zum Kiosk, in weniger als zehn Minuten hab ich Brot und Bier, und wenn ich die Augen schließe und das „Secret Ambrosian Fire“ anmache, sitze ich damit dann fast schon in meiner prunkvoll eingerichteten Waldhütte. Geil ist’s, in der Stadt zu wohnen!

Ich hab natürlich keine prunkvoll eingerichtete Waldhütte. Wie denn auch, als mittelprächtig verdienender Lohnarbeiter! Ich hab lediglich eine gute Stereoanlage und eine blühende Fantasie, und beides kommt mir sehr zupass, wenn ich MOSAIC höre. Das nach einigen EP-Veröffentlichungen offizielle Debütalbum des Soloprojekts eines in der Unterholz-Szene nicht ganz unbekannten Mannes namens „Valkenstijn“ verlangt nämlich ein aktives Zuhören. Hypnotisch-ritualistisch beschwört der Mann zunächst „die Schatten der Alten Welt“, wie es „Am Totenacker“ heißt, ehe wir in „Cloven Fires“ plötzlich vor Raserei wild werden (und gar unsere Muttersprache vergessen!), so dass wir mit „She-Water“ ins Folkloristische beginnen zu schwanken. Und so weiter.

Das „Secret Ambrosian Fire“ als gelungenes Ergebnis einer kohärenten künstlerischen Vision

Valkenstijn gehen Stimmung, Atmosphäre und Abwechslung über beinahe alles. Sein Album pendelt jedoch zwischen Black Metal, Ritual und Neofolk hin und her, ohne chaotisch zu wirken – denn zusammengehalten wird das Ganze von einer überzeugenden künstlerischen Vision, in die sich einzutauchen lohnt. Er kennt seine Wurzeln, bezeichnet sich als „Supreme Thuringian Folklore“ und ist aber reflektiert genug, nicht in rechtsradikale Gefilde abzudriften, wie spätestens „Coal Black Salt“ mit seiner eindrucksvollen Verarbeitung von Paul Celans „Todesfuge“ beweist. Da ist ihm mal ein echter Neofolk-Hit gelungen, großartig!

Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass bei MOSAIC diesmal die Songs als solche nicht zu kurz kommen. Die Lieder sind größtenteils leicht nachvollziehbar aufgebaut und funktionieren auch ganz ohne tranceartigen Zustand, und es gibt sogar ein paar überzeugende Hooks – etwas, das mir auf den früheren Veröffentlichungen noch gefehlt hat. Auch klingt Valkenstijns urige Stimme deutlich besser und kommt nicht mehr nur aus dem Telefonhörer. Die Black-Metal-Stücke jedoch bleiben zu schwach aufgenommen und können auch durch Markus Stocks Mastern nicht vollständig gerettet werden – Untergrund-Klang in allen Ehren, aber es muss kratzen und knacken, nicht breiig wabern. Da es aber nur zwei Black-Metal-Stücke auf das Album geschafft haben, kann man drüber hinwegsehen – Valkenstijns Liebe zu Neofolk, vor allem zu den großartigen STURMPERCHT, sei Dank. (Zum Glück halten sich auch die englischen Texte in Grenzen, denn über deren Aussprache sprechen wir mal besser nicht weiter…)

Also: MOSAIC ist mit „Secret Ambrosian Fire“ ein sehr gutes Debüt-Album gelungen, das Freundinnen und Freunde des gepflegten Waldkauzes einen späten Jahreshöhepunkt bescheren dürfte. Wer es sich auf Vinyl zulegt, wird zudem mit gesprochenen Zwischenspielen aus dem Munde Ulf Theodor Schwadorfs (EMPYRIUM) belohnt.

Veröffentlichung am 13.12.2019 auf Eisenwald

Spielzeit: 48:48 Min.

MOSAIC auf Bandcamp

MOSAIC „Secret Ambrosian Fire“ Tracklist

1. Am Teufelsacker (5:56)
2. Brimstone Blossoms (3:44)
3. Cloven Fires (3:29)
4. She-Water (5:11)
5. Ambrosia XIX (5:35)
6. Wetterdistel (4:45)
7. Coal Black Salt (4:13)
8. The Devil´s Place (10:18)
9. Im Kohlensud (5:37)

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.