LONG DISTANCE CALLING: Eraser

Mein letztes Tütchen Bienenblütenblumensamen hab ich im Frühling im schönen Niendorf an der Ostsee bekommen, als ich ein sehr leckeres Blüten/Honigbrot gekauft habe. Die kommt aber erst nächstes Jahr dran, hier brummt und summt es eh fleißig. Und ja, es blieben beim letzten Rundumschlag gerade die Büsche und Bäume stehen, die gar nicht mal so schön aussehen. Weil eben an denen die Bienen/Hummel/sonstwas-Party abgeht. Auch das übel riechende Ding zwischen den Tomatenhäuschen, weil das in wenigen Tagen blüht und Massen an Pfauenaugen anlockt. Und nein, ich hab den großen Berg angelieferten Mutterboden im Vorgarten nicht weggemacht, weil einen Tag später Erdhummeln eingezogen sind.

LONG DISTANCE CALLING und die Bienenblütenblumensamen

Was das mit LONG DISTANCE CALLING zu tun hat? Nun, auch die Jungs aus Münster haben ihrem Album „Eraser“ ein Tütchen Bienenblütenblumensamen beigelegt. Weil sie etwas zu sagen haben! Nicht mit geschwollenen Worten und erhobenem Zeigefinger, sondern mit der Kraft ihrer instrumentalen Songs malen sie Bilder, die weitaus mehr zum Ausdruck bringen, worum es geht. Um vom Aussterben bedrohte Tiere, jeder Song ist einem dieser Wesen gewidmet. Wurde auf dem letzten Album “How Do We Want To Live?” noch mit futuristischen Klängen gefragt, wie wohl das Leben der Spezies Mensch in ferner Zukunft aussehen mag, so zeigt „Eraser“ auf, wie eben diese ach so intelligente Spezies den Planeten und das Leben darauf zerstört. Und das nicht warnend mit „5 vor 12“-Getue. Deutlich wird, dass es für Warnungen zu spät ist, dass es nur noch ums Retten und Reparieren geht, sofern da noch was möglich sein wird.

LONG DISTANCE CALLING widmen die Songs auf „Eraser“ aussterbenden Tierarten

Das wird in ferner Zukunft die sogenannte Earth’s Black Box zeigen, ein Datenspeicher in Tasmanien, der Daten für eine Zukunft festhält. Und zeigen wird, was da alles schief gelaufen ist. Ihr wird das kurze Intro „Enter: Death Box“ gewidmet. Dann wird es kraftvoll und schwer, das Nashorn bekommt seinen Song. Gejagt und getötet wegen seiner Hörner, so ein beeindruckendes Tier, das wie aus früher Urzeit stammend anmutet. Wer sich im Zoo gerne einfach mal hinsetzt und zuschaut, wie intensiv das Miteinander ist von einer Rhino-Mama und ihrem Nachwuchs, der trauert jedem neuen Opfer nach. Zoos sind Quälerei, Tiere gehören in die Freiheit? Diese Tiere sehen wir bald nur noch dort!

Wir alle wissen, dass King Kong nur missverstanden wurde, und wir wurden nachdenklich beim Film „Gorillas im Nebel“. Die besondere Frau und ihre Arbeit für die Berggorillas, Dian Fossey, um die es im Film geht, wurde 1985 ermordet, es war zu viel Geld zu machen mit den Tieren und sie war im Weg. Beerdigt wurde sie auf dem eigens für ihre Gorillas angelegten Friedhof. Eine große Frau, ein besonderer Mensch! Auch hier der Song macht nachdenklich, setzt einen PINK FLOYD-Groove an. Bis sich der Graurücken wehren muss, King Kong kämpft, es ist nicht schön, sich die Bilder dazu vorzustellen. Auch nicht zum sehr ruhigen Teil.

Nashörner und Gorillas sind symbolisch für weltweites Artensterben durch den Mensch

Der Grönland-Hai kommt schwebend und blubberig daher, LONG DISTANCE CALLING mögen auch hier wieder PINK FLOYD. Ein stetiger Groove lässt uns mit durch eisige Gewässer gleiten. Viel weiß man nicht über diesen noch nicht lange bekannten 4-5 Meter langen Gesellen. Man vermutet, dass er mehrere hundert Jahre alt werden kann. In dem Tempo, wie wir die Eismeere zerstören, wird dies nicht mehr lange so bleiben. Ein metallisches Riff bricht den Song auf. Das ganze Album kommt überraschend kraftvoll, teils fast heavy, aber es geht ja auch nicht ums Bienenblütenblumenpflücken!

Neben den putzigen Ottern und dem schwarzen Panther mein Liebling, das Faultier! Entsprechend gemächlich kommt der Song daher, mit traurig singendem Saxophon von Jørgen Munkeby (SHINING). Am bekanntesten sicher das Zweifinger- und Dreifinger-Faultier aus den Regenwäldern in Süd- und Mittelamerika. Sie sind Sinnbild für Langsamkeit, die Doomer der Tierwelt, und haben keine Chance, dem Flächenroden- und Brennen in ihren letzten Lebensräumen zu entkommen. Damit es noch mehr Platz gibt für die Sojafutter- und Rinderproduktion, die Welt will ihre Burger und Steaks. Man bleibt traurig zurück, denkt an das süße, zum Lächeln einladende Gesicht dieser knuffigen Tiere.

LONG DISTANCE CALLING machen mit „Eraser“ nachdenklich und traurig

„Giants Leaving“ gilt dem Albatros, hauptsächlich in den südlichen Ozeanen zu finden. Mächtig mit 3 Metern Flügelweite, sind auch diese gern in kälteren Regionen zuhause, welche immer mehr schrumpfen. Von den Tintenfisch-Fischern als Konkurrenz gejagt, ebenso als Begleiter von großen Fangschiffen, oder es folgt ein oft ewig dauerndes Sterben verfangen in Fischernetzen. In früheren Zeiten hingegen galten sie sogar als mystisch, sie würden die Seelen verstorbener Seeleute in sich tragen und wurden von den Seefahrern geehrt. Damals halt, heute nimmt ihre Zahl drastisch ab. Der Song selber kommt lebhaft, zappelig und energisch daher.

Ebenso lebhaft geht es musikalisch bei den Bienen weiter. „Blood Honey“ zeigt das summende Treiben im und am Bienenstock, ein munteres Hin und Her. Bio-Imker auf Römö, vor drei Wochen, es war wunderschön, da zuzuschauen, wie die Bienen fleißig ihren Job machen. Und dann hat man die Bilder vor Augen von industrieller Honigproduktion, wo diese Tiere Produkte sind und ihre Lebensweise und ihr ausgeprägtes soziales Leben keine Rolle spielen, Money talks. Auch der Song malt Bilder vom Kampf, den diese so wichtigen Lebewesen zu kämpfen haben. Da reicht der Blick in den eigenen Garten. Wie die Bienen und Hummeln von Blüte zu Blüte fliegen und den Garten am Leben halten. Gibt es den noch, wenn hier nichts mehr fliegt? Der Platz für die beiden Bienenblütenblumensamentütchen ist schon ausgewählt. Der lange Song verlangt geradezu danach, danke für das Tütchen!

Wenn die Bienen nicht mehr fliegen stirbt die Welt

Mal ehrlich, wenn man durch einen Zoo schlendert, bei wem bleibt man garantiert stehen? Ja ja, Löwe ist toll, Leo- und Gepard auch, meinen Panther gibt es nicht oft. Aber beim König der Großkatzen bleibt man immer stehen, dem Tiger. Den zeichnet „Landless King“ wieder perfekt, kraftvoll, schleichend und majestätisch, aber auch gefährlich. Dabei ist es der Mensch, das gefährlichste Geschöpf, das diesem faszinierenden Tier seinen Lebensraum nimmt, ihn jagt und tötet aus Spaß oder aus Sucht nach angeblichen die Männlichkeit fördernden Mitteln. Ist es männlich, ein Tier zu töten (töten zu lassen), um mehr „Manneskraft“ zu haben? Ist es schick und weiblich, ein sexy Tigerfellkleidchen zu tragen? Es ist nur dann edel, wenn das Fell jenes Tier trägt, dem es gehört, und das lebend!

„Eraser“ zeigt auf: der Grund für Zerstörung, Umweltkatastrophen und mehr ist der Mensch

Und wer hat Schuld? Das wissen wir: die fortschrittliche, nachweislich „intelligenteste“ Spezies dieses Planeten, der Mensch. Ihr gehört der abschließende Titelsong. Der malt Bilder von Krieg, Zerstörung, Leid im Miteinander und in der Natur, mit der wir eigentlich zusammen leben sollten. Aber wir machen alles und damit unsere eigene Lebensgrundlage kaputt. Bilder gibt es genug, man muss nur die Nachrichten schauen oder die Startseiten der Internetportale öffnen. Entsprechend wütend kommt der Song, nimmt rasant Fahrt auf, unsere Zeit läuft ab, 5 nach 12! Wenn das Werk dann langsam, traurig und hoffnungslos ausklingt, bleibt man nachdenklich zurück. Die Welt retten? Ich? Keine Chance! Aber die eigene kleine Welt, jeder kleine Schritt ist ein guter und wichtig. Ich freue mich, wenn dann die Blumen aus den Tütchen wachsen und irgendwann blühen. Und es dort summt und brummt, Schmetterling und seltsamstes Krabbelzeug unterwegs sind. Aber ich bin ein Softie, bringe erschöpften Hummeln und Bienen Zuckerwasser, sammele jede Spinne im Haus einzeln ein und bringe sie raus. Selbst die Heimchen, das Futter für den Gecko, kommen in den Garten, wenn sie für ihn zu groß werden. An lauen Sommerabenden gibt das immer ein fettes Konzert draußen, Mittelmeerfeeling!

LONG DISTANCE CALLING wissen, es ist 5 nach 12!

Ach ja, Konzert und Feeling, Musik gibt es ja auch: Was LONG DISTANCE CALLING hier musikalisch abliefern, das ist kaum mehr in Worte zu fassen. Bisher fand ich sie interessant, ihr Post Rock-lastiger Sound war immer unterhaltsam und hat sich mit jedem Album gewandelt. Hier auf „Eraser“ schaffen sie es, nur mit der Ausdruckskraft ihrer Musik klare Bilder zu zeichnen, die jeder Zuhörer für sich natürlich anders sehen wird. Die Umsetzung spiegelt das entsprechende Thema wieder, alles ist abwechslungsreich und stimmig umgesetzt. Und wirkt dabei nie konstruiert oder kopflastig, jeder Song hat einen organischen Flow. Dem man sich auch super unter dem Kopfhörer hingeben kann! Es gibt viel zu entdecken, die vielschichtigen Elemente, die jeder Musiker für sich einbringt, perfekt aber immer emotionsgeladen gespielt. Die merklich lautere Ausrichtung steht LONG DISTANCE CALLING gut, die harmonische, nie gestückelte Mischung aus Post Rock, Prog Rock und einigen deutlichen Verbeugungen vor PINK FLOYD steht den Jungs gut.

LONG DISTANCE CALLING bieten auf „Eraser“ großartige Musik und prägen diese mit dem wichtigen Thema

Das kommt sicher am Besten in der Vinylausgabe, aber allein die CD kommt schon fantastisch aufgemacht und sagt mit wenigen, minimalistischen Bildern mehr als die meisten vollgetexteten Booklets. Dazu der kraftvolle, aber immer differenzierte Sound, passt! Ein Pflichtkauf, wegen der großartigen Musik und wegen des so sehr wichtigen Themas des Albums „Eraser“. Für mich ganz klar ein Album ganz oben auf den Jahreshighlights. Und man spürt durch und durch, dass LONG DISTANCE CALLING die Aussage des Albums, und dass eben diese ankommt, wichtiger ist als die Spitze meiner Top10.

Ganz aktuell kann man sich auch ein langes, informatives Q&A Video anschauen.

Veröffentlicht am 26.08.2022

Spielzeit: 57:21 Min.

Lineup:
Florian Füntmann – Guitars
Jan Hoffman – Bass
David Jordan – Guitars, Synths
Janosch Rathmer – Drums
Label: earMUSIC

Homepage: https://longdistancecalling.de

Mehr im Web: https://www.facebook.com/longdistancecalling

Die Tracklist von “Eraser”:

1. Enter: Death Box
2. Blades
3. Kamilah (Video zu „Kamilah“ bei YouTube)
4. 500 Years
5. Sloth
6. Giants Leaving (Video bei YouTube)
7. Blood Honey
8. Landless King
9. Eraser (Video bei YouTube)