JOLLY: Forty Six Minutes, Twelve Seconds Of Music

JOLLY: Forty Six Minutes, Twelve Seconds Of Music

Sind wir doch mal ehrlich, bei all ihrer spielerischen Raffinesse langweilen die Prog-Bands auch langsam. Wirklich progressiv ist da nicht mehr viel, zumindest wenn man es der Bedeutung Weiterentwicklung zuordnet. Da ist eine Band wie die New Yorker JOLLY schon richtiggehend erfrischend, zumindest lassen sie sich mal was anderes einfallen und greift dabei durchaus zu unfairen Mitteln.

Musikalisch ist die Überraschung gar nicht so groß, auch hier gibt es nichts großartig Neues. Hier mal ein hartes DREAM THEATER-Riff, dort eine verspielte RADIOHEAD-Melodie, TOOL haben ebenso Spuren hinterlassen wie MARILLION. Die Songs sind vollgepackt mit Ideen, die man auch woanders bereits gehört hat, die Musiker beherrschen ihre Geräte, der Sound ist gut und klasse ausbalanciert. 64:12 gewinnt vor allem durch die etwas introvertierte Atmosphäre, die eine gewisse Melancholie mitbringt. Hier liegt der Trumpf, den JOLLY gezielt ausspielen. Als Zuhörer versinkt man eh schon verträumt in den Melodien und dem instrumentalen Spiel. Um dem noch einen drauf zu setzen, greift die Band zur psychologischen Kriegführung. Den Songs werden binaurale Töne untergelegt, mit denen man die Stimmung des Zuhörers beeinflussen kann. Visuell kennt man das z.B. aus dem Kino bei überlangen Filmen, wenn kurz vor der Filmpause immer wieder in Sekundenbruchteilen Bilder von Kaltgetränken und lecker Eis eingeblendet werden, und pünktlich zur Pause rennt man zum Stand um sich `ne Coke und ein kaltes Knuspereis zu holen. Schaut mal wieder Schweigen der Lämmer und achtet auf die zahlreichen unterschiedlichen Musikfolgen, wenn Agent Starling dem Psycho Hannibal Lecter vom Schlachten der Lämmer erzählt, wie sie es als Kind miterlebt hat. Wie viel Macht in dieser nicht sehr langen Szene die Töne und Klänge der Musik haben, es ist fantastisch. Und eben mit sowas arbeiten JOLLY, indem sie uns entsprechende Töne und Klänge unterjubeln und man fast gezwungen wird, das Album zu mögen. Diese Manipulation nimmt man gern an, denn auch ohne diese Einflussnahme wissen die Songs zu gefallen. Aber gerade unter dem Kopfhörer genossen, macht man sich gern auf die Suche nach den mal mehr, mal weniger versteckten Spielchen. Natürlich hätte man das ausnutzen können und 46:12 so zu einem kleinen Erfolgsalbum hochmogeln können. Aber JOLLY sind sich ihrer Verantwortung anscheinend bewusst und weisen deutlich auf den Einsatz von binauralen Tönen hin. Menschen mit bestimmten Erkrankungen können davon deutlichen Schaden nehmen, da ist der Hinweis sehr wichtig. Wer sich vor diesen Spielchen ebenso wenig fürchtet wie vor gutem, interessanten Prog-Rock, der sollte seinen Kopfhörer entstauben, sich mit Forty Six Minutes, Twelve Seconds Of Music zurückziehen und sich gefangen nehmen lassen. Ein spannendes Erlebnis, versteckt in schönem Prog-Rock.

Veröffentlichungstermin: 27.05.2009

Spielzeit: 46:12 Min.

Line-Up:
Anadale – Guitar, Vocals
Mike Rudin – Bass
Joe Reilly – Keyboards
Louis Abramson – Drums

Produziert von Louis Abramson
Label: ProgRock Records

Homepage: http://www.jollyband.com

MySpace: http://www.myspace.com/jollyband

Tracklist:
1. Escape From DS-3
2. Renfaire
3. Peril
4. Red Sky Locomotive
5. We Had An Agreement
6. Downstream
7. Carousel Of Whale
8. Solstice
9. Inside The Womb

Frank Hellweg
Frank (“WOSFrank”) ist seit 2002 bei vampster und alt genug, um all die spannenden Bands live gesehen zu haben, als die selber noch jung und wild waren! Er kümmert sich um Reviews, News und andere Artikel sowie um interne Hintergrundarbeit. Lieblingsbands: TROUBLE, CANDLEMASS, BLACK SABBATH, SWALLOW THE SUN. Genres: Doom, Stoner, Classic/Retro/Hard Rock, US/Power Metal, Southern/Blues Rock, Psychedelic/Progressive Rock, Singer/Songwriter.