JOHN ARCH: A Twist of Fate

Kein Klassiker, aber doch ein überdurchschnittliches Werk für jung und alt. Und das nicht ausschließlich wegen der einzigartigen Stimme.

Die beiden Fragen:

Kann John Arch nach all den Jahren Pause an seine alten Gesangsleistungen anknüpfen?

Ja, man merkt ihm die 16 Jahre Pause zu keinem Zeitpunkt an.

Ist A Twist of Fate der legitime Awaken The Guardian-Nachfolger?

Nein, mit den ersten FATES WARNING-Alben hat die EP abgesehen von der Gesangsphrasierung nur wenig gemeinsam.

Die Geschichte:

Ich will mich kurz fassen. John Arch sang auf den ersten drei Alben von FATES WARNING, ehe er dem Musikgeschäft den Rücken kehrte. 1990 war er bei DREAM THEATER als Sänger im Gespräch (bzw. im Proberaum) und 1994 stand er noch einmal für ein Lied mit FATES WARNING zusammen auf der Bühne. 2002 fragte ihn Jim Matheos schließlich, ob er Lust hätte, bei seinem OSI-Projekt etwas Gesang beizusteuern. Arch lehnte ab, wollte stattdessen aber ein paar eigene Ideen ausprobieren. Daraus entwickelte sich dann A Twist of Fate.

Die EP:

Bekanntlich mag Jim Matheos, der sich auf A Twist of Fate für die Gitarren und Keyboards, sowie einen Teil des Songwritings verantwortlich zeichnet, die ersten Alben von FATES WARNING nicht mehr sonderlich. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die EP kein Awaken The Guardian II geworden ist. Vielmehr vermittelt die Musik eine eher nüchterne, zugleich aber auch persönliche Atmosphäre, ähnlich wie die letzten Alben von FATES WARNING.

Die Instrumentierung ist über weite Strecken geradezu spartanisch ausgefallen. Eine Gitarre, ein unauffälliger Bass und DREAM THEATER-Oktopus Mike Portnoy am Schlagzeug, der routiniert seine Felle und Becken bearbeitet. An manchen Stellen gibt es noch elektronische Klangtupfer und die ein oder andere Leadgitarre. Überhaupt ist die gesamte Produktion so ziemlich das Gegenteil der alten FATES WARNING-Alben.

Damals waren die Gitarren und der Gesang gleichberechtigt, sowohl was die Lautstärke, als auch was die Melodieführung anbelangt. Das Schlagzeug rumpelte und brachte Breaks an Stellen, wo heutzutage sämtliche Schlagzeuger einem ungeschriebenen Gesetz zu folgen scheinen, das ihnen einen durchgehenden Takt vorschreibt. Keyboards gab es keine. Die beiden Gitarren erzeugten auch so mehr als genug Gänsehautharmonien.

Anno 2003 ist davon nicht mehr viel übrig. Mythen und Illusionen gibt es keine mehr, obwohl das (zumindest bei mir) die erste Assoziation mit John Archs Stimme ist. Diese hat nach all den Jahren wie gesagt nichts von ihrer Faszination verloren und steht ganz klar im Mittelpunkt der beiden überlangen Tracks.

Die Songs:

Beim metallischen Relentless gibt es immerhin noch allerlei dramatische Elemente. Das gesamte Stück klingt aber eher so, als wäre Awaken The Guardian lediglich ein (schöner) Traum gewesen, aus dem John Arch nach 16 Jahren Dornröschenschlaf jetzt plötzlich erwacht ist. Das war zumindest mein Gedanke bei den ersten Zeilen I open my eyes was that real or was I dreaming.

In Wirklichkeit singt John Arch allerdings über die Konflikte, die er als Jugendlicher mit seinem Vater gehabt hatte, ehe er am Ende des Stücks selbst als der Vater eines Sohnes dasteht. Die Komposition entwickelt sich dabei recht ungewöhnlich, weil schon nach wenigen Minuten die Spannung ihren Höhepunkt erreicht. Im weiteren Verlauf kommt aber keine Langeweile auf, da immer wieder unvorhersehbare Einschübe die Stimmung kippen lassen.

Cheyenne beginnt zwar mit einer vorzüglichen, epischen Melodie, entpuppt sich dann aber als ein eher Artrock-lastiges Unterfangen. Die Atmosphäre bleibt die meiste Zeit über entspannt, nicht zuletzt auch wegen dem vermehrten Einsatz von Akustikgitarren. Auf Soloeskapaden wurde bei beiden Stücken ohnehin gänzlich verzichtet. Dafür gibt es bei Cheyenne zur Auflockerung etwas Geigenuntermalung, sowie ein schleppenderes Grundtempo.

Das 15-minütige Stück enthält leider einige Längen, die den Hörgenuss auch dann noch schmälern, wenn man sich an den modernen Sound gewöhnt hat. Das mag entweder an der fehlenden Erfahrung von John Arch als Songschreiber liegen (Cheyenne ist der erste Song, der komplett aus seiner Feder stammt), oder aber der Track wurde einfach etwas zu hastig fertiggestellt.

Natürlich könnte es auch gut möglich sein, dass Arch erst jetzt und mit diesem Stück seinen eigenen Stil gefunden hat. Der wäre dann ähnlich eigenwillig wie sein Gesang. Ob an dieser Vermutung etwas dran ist, wird sich allerdings frühesten dann zeigen, wenn er ein ganzes Album mit Eigenkompositionen veröffentlicht. Und ob es dazu überhaupt je kommen wird, steht momentan noch in den Sternen.

Das Fazit:

Trotz kleinerer Ungereimtheiten im Songaufbau gibt es für Relentless die volle Punktzahl. Cheyenne wirkt über weite Strecken allerdings eher willkürlich zusammengestückelt, was zusammen mit dem Mangel an Gänsehautmelodien zu Abzügen in der B-Note führt.

Unterm Strich bleibt A Twist of Fate aber dennoch ein überdurchschnittliches Werk für jung und alt, und das nicht ausschließlich wegen der einzigartigen Stimme.

Veröffentlichungstermin: 16.06.2003

Spielzeit: 28:03 Min.

Line-Up:
John Arch: Gesang

Jim Matheos: Gitarre, Keyboards

Joey Vera: Bass

Mike Portnoy: Schlagzeug

Produziert von John Arch und Jim Matheos
Label: Metal Blade

Tracklist:
1. Relentless

2. Cheyenne