Es gibt Bands, deren Agenda und Sound sich seit ihren Anfangstagen nicht verändert haben, und die trotzdem noch immer am Puls der Zeit liegen. Der Zahn der Zeit nagt an IMMOLATION weniger als an vielen anderen ihrer Death Metal-Genrekollegen, die weiterhin infantil ihre Gore-Botschaften unters Volk bringen, scheißegal, ob die 60 bei den Akteuren in greifbarer Nähe sein mag. Ganz unbeschadet altern IMMOLATION indes auch nicht, gerade weil in den letzten fünfzehn Jahren nur etwa jedes zweite Album überzeugen konnte – „Acts Of God“ aus dem Jahr 2022 war zum Beispiel ziemlich zerfahren und konfus. „Decent“ ist allerdings ähnlich gelagert wie „Atonement“ und zeigt die Band wieder in ihrer Kraft, ohne dass sie auch nur annähernd in die qualitative Nähe ihrer ersten fünf Alben gelangen. Aber das erwartet vermutlich niemand mit realistischen Erwartungen.
IMMOLATION sind auch vier Jahre nach „Acts Of God“ eine gut geölte Maschine: „Descent“ zeigt routiniert alle Facetten der Death Metal-Band.
Das zwölfte Album der New Yorker Death Metal-Band ist aber hörbar gut gereift, ohne dass es die Energie missen lässt. IMMOLATION, deren Debütalbum dieses Jahr das 35. Jubiläum feiert, klingen gesetzter als früher, aber noch immer angriffslustig. Mit „These Vengeful Winds“ und „The Ephemeral Curse“ startet das Album schnell, mit dissonanten Riffs, chaotischen Leadgitarren, entfesseltem Drumming und Ross Dolans charismatischen Growls. Nachdem IMMOLATION die Aufmerksamkeit mit klassisch gutem Songwriting gewonnen haben, sind es auch Songs wie „God’s Last Breath“ und „Attrition“, die mehr auf Groove setzen dürfen, insgesamt aber etwas zu konservativ gelagert sind, um wirklich mitzureißen. Das Gegenteil davon ist „Host“: Hier beweist die Band Mut. Die repetitive Drum-Figur führt das Stück mit Heaviness an, gegen Ende dreht sich der Song und driftet ins Chaos ab. So schaffen es IMMOLATION auch nach so vielen Jahren, neue Akzente zu setzen. Es hätten mehr Songs wie „Host“ auf „Descent“ stehen dürfen.
Und auch einen Hit haben sie vorzuweisen: „Bent Towards The Dark“ baut eine starke Hook ein und hat einen Refrain, der als Klimax schlüssig funktioniert. Insgesamt haben IMMOLATION über die gesamte Spielzeit viele starke Songs auf „Descent“, wenn auch wenige, die wirklich herausragend sind. Einer davon ist der abschließende Titelsong, in den die New Yorker ihr ganzes Können gepackt haben: düstere Riffs und dissonante Leads an der Schwelle zum Black Metal, chaotisches Drumming zwischen Blast Beats und Grooves und ein episches Finale. Das positive Gesamtbild wird durch die restliche Ästhetik abgerundet: Die größtenteils anachronistische Produktion passt, selbst wenn der Snaresound etwas zu penetrant geraten ist. Und vor allem Eliran Kantors Artwork überzeugt, gerade im großen Format beim Blick auf die Details.
Trotz ihres gefestigten Stils setzen IMMOLATION zwischendurch Akzente – es hätte mehr mutige Songs wie „Host“ auf „Descent“ geben dürfen.
„Descent“ zeigt, dass IMMOLATION noch immer das Potenzial haben, Akzente zu setzen, ohne von ihrem Kurs abzuweichen. Dass sie diesen Spagat nicht in allen zehn Songs durchhalten, sollte niemanden wundern. Nein, ein neues „Close To A World Below“ haben IMMOLATION nicht geschrieben, sie sind aber auch meilenweit von einem „Kingdom Of Conspiracy“ entfernt, das mit zeitlichem Abstand betrachtet, IMMOLATIONs Lowlight war. „Descent“ zeigt aber auch, dass diese Band im Death Metal eine echte Sonderstellung hat: Wie ein Feld in der Brandung trotzen sie Trends und haben nach wie vor das Potenzial sich als Songwriter immer noch ein bisschen weiterzuentwickeln, selbst wenn fraglich ist, ob es dieses Album sein wird, an das man sich in 20 Jahren erinnert, wenn man an IMMOLATION denkt. Dennoch: US-Death Metal der alten Schule spielt auch 2026 niemand so überzeugend, niveauvoll und relevant wie IMMOLATION.
Wertung: 7,5 von 10 Engelsstürze
VÖ: 10. April 2026
Spielzeit: 43:04
Line-Up:
Ross Dolan – Bass, Vocals
Robert Vigna – Guitar
Alex Bouks – Guitar
Steve Shalaty – Drums
Label: Nuclear Blast Records
IMMOLATION „Descent“ Tracklist:
1. These Vengeful Winds
2. The Ephemeral Curse
3. God’s Last Breath
4. Adversary (Official Video bei Youtube)
5. Attrition (Official Video bei Youtube)
6. Bend Towards The Dark
7. Host
8. False Ascent
9. Banished
10. Descent
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