BLIND GUARDIAN: Imaginations From The Other Side

BLIND GUARDIAN: Imaginations From The Other Side

Das folgende Gespräch fand am 22.6.2002 um 18 Uhr zwischen meinem Kumpel Kai und mir statt. Einige wenige Passagen wurden gekürzt bzw. umformuliert, damit der Artikel lesbar bleibt.

Jutze: Hallo Kai, lass uns doch mal die Imaginations From The Other Side-CD von BLIND GUARDIAN für vampster besprechen!

Kai: Gute Idee Jutze! Fangen wir vorne an.

Jutze: Das Titelbild ist das einzige BLIND GUARDIAN-Titelbild ohne belebte Gestalten in menschlicher Form. Es sind zwar drei Drachen drauf, die sehr lebendig wirken, aber ansonsten nur zwei Statuen und lauter Ruinen. Das finde ich sehr bemerkenswert.

Kai: Find ich jetzt nicht so bemerkenswert, da das Cover ja sonst sehr gut in den Rest sich einfügt von den BLIND GUARDIAN-Covern so vom Stil her.

Jutze: Es wurde ja einmal mehr von Andreas Marshall gezeichnet.

Kai: Die Schrift unten ist auch wieder so wie sonst. Klein, unten, kaum zu lesen.

Jutze: Auf den Schallplatten von den ersten beiden Alben waren nicht mal die Albentitel vorne drauf! Aber wir wollen ja nicht über die ersten beiden Alben reden, sondern über Studioalbum Nummer 5. Erschienen 1995 am 10. April.

Kai: Wenn wir schon hier beim Inlay sind, dann fällt natürlich gleich mal negativ auf, dass es so ein Auffaltinlay ist. Also ich denk mal, der normale BLIND GUARDIAN-Fan, der ist ja schon auch Text-Fetischist und liest sich die Texte durch. Und dazu finde ich dieses Auffaltinlay äußerst ungeschickt. Ich bin da mehr so fürs Heft. Das hat mich immer gestört beim Texteauswendiglernen.

Jutze: Was mich immer gestört hat an der Platte allgemein: Die Songreihenfolge! Was meinst Du dazu?

Kai: Ich hab da meine Meinung ein bisschen geändert im Laufe der Zeit. Also früher, da konnte man Hansi oder BLIND GUARDIAN allgemein nicht kritisieren. Das geht ja gar nicht! Ich meine, man kritisiert ja auch nicht die Schöpfung, so wie sie sich uns präsentiert hier auf Erden. Deswegen kritisiert man auch nicht die Songreihenfolge auf einem BLIND GUARDIAN-Album. Aber man wird erwachsen. Man emanzipiert sich so, von Gott und der Schöpfung und so was, und wird kritisch. Und da muss ich dir vielleicht Recht geben. Vielleicht wäre doch ein besserer Opener I´m Alive gewesen.

Jutze: Du sprichst mir aus der Seele. Nichtsdestotrotz hat bei mir fast eine umgedrehte Entwicklung stattgefunden, aber auch nur fast. Imaginations From The Other Side ist zumindest ein guter Opener, insofern, als dass es eine Art Vorwort darstellt, zu dem was noch kommt. Denn wo wir jetzt beim Kritikpunkt waren, dem einzigen, den ich an der Platte hab, gibt es auch eine Sache, die ich an der Platte besser finde als bei allen anderen BLIND GUARDIAN-Platten. Das ist die Tatsache, dass die Texte sehr realitätsnah sind, realitätsnäher als auf allen anderen Platten zusammen vermutlich. Und wie der Albumtitel schon suggeriert handelt der Großteil der Songs vom Konflikt zwischen Realität und Fantasie- oder auch Traumwelt. Und der Titelsong drückt in textlicher Hinsicht ja schon alles aus, was es da zu sagen gibt. Insofern kann ich es mir schon als Vorwort vorstellen. Aber es ist kein Buch, es ist eine CD, und ein CD-Opener muss knallen und nicht so…

Kai: Ja, und vor allem es ist bei weitem das längste Lied auf der Platte, und es ist gerade thematisch eben die Essenz und der Hauptteil der Platte und das gehört nicht an den Anfang, finde ich. Also das gehört dann eher ganz ans Ende. Stell dir mal zum Beispiel vor, bei A Night At The Opera wäre And Then There Was Silence als erstes Lied gekommen. Also ich finde inzwischen, dass Imaginations… ganz am Ende hätte stehen sollen. Gut, wobei And The Story Ends eigentlich das letzte Lied sein muss, ganz klar, Vorletztes also.

Jutze: Kommen wir zum zweiten Lied, gehen wir einfach mal ein bisschen der Reihe nach durch. Nebenbei bemerkt hören wir im Hintergrund auch die CD. Wir sind jetzt bei Sekunde 41 vom zweiten Lied, dass, wie die Fans eh wissen, I´m Alive heißt. Ein ungewohnt hartes BLIND GUARDIAN-Lied. Vermutlich das heute noch härteste, finde ich persönlich, oder eins der härtesten.

Kai: Ja, es gibt kein bedeutend härteres.

Jutze: Am Anfang sehr schöne Akustikgitarren gleich nach dem Einstieg. BLIND GUARDIAN an sich, was für Musik machen sie eigentlich? Speed Metal? Progressive Speed Metal?

Kai: Also als klassischen Speedmetal würde ich das nicht bezeichnen. Dazu sind sie zum Beispiel ja, würde ich mal sagen, spätestens seit Somewhere…, auf jedenfall auf Nightfall… zu bombastisch, als dass das noch Speemetal wäre.

Jutze: Ja, zumal die Stücke nicht mehr so rein speedmetallisch sind, wie noch auch den ersten paar Platten, wo die Band halt auch noch ihre HELLOWEEN-Einflüsse zur Schau trägt.

Kai: These: I´m Alive ist das düsterste Lied, das BLIND GUARDIAN je gemacht haben.

Jutze: Gegenthese: Born In A Mourning Hall ist das düsterste Lied, das BLIND GUARDIAN je gemacht haben. I´m Alive ist voller Hoffnung und eigenem Antrieb, und es ist sicher jetzt nicht We all live in future world, aber es beinhaltet, denke ich, einige sehr mutmachende und auch diese typischen rebellischen Elemente. Was bei dem Lied natürlich sehr krass ist, ist, dass am Ende die letzten paar Strophenzeilen lauten: They´ve locked the door and hold the key und am Ende Oh, it´s neverending. Das ist natürlich schon sehr bedenklich, weil alles, was davor gesagt und gesungen wurde, negiert wird. Aus musikalischer Sicht kommt danach noch mal der Refrain, und dann geht es im alten Trott weiter von wegen Ich lebe! Ich lebe! Ich Lebe! Und wenn ich mir das Inlay so anschaue, es steht da als letztes I´m Alive in Großbuchstaben (wie sonst nichts in diesem Inlay) und drei Ausrufezeichen. Also entweder war der Setzer besoffen oder sie wollten noch mal verdeutlichen, dass sie von HELLOWEEN geklaut haben. Ich weiß es nicht. Insofern bin ich deiner These gegenüber sehr kritisch.

Kai: Ja, ok, sagen wir mal so: Bei Born In A Mourning Hall spielt bei mir noch die Tatsache mit, dass ich das in erster Linie als das sozialkritischste Lied ansehe. Und Sozialkritik, finde ich, übt eigentlich nur jemand, der etwas verbessern will. I´m Alive ist in der Hinsicht persönlicher.

Jutze: Lassen wir das mal so stehen. Am Ende dieses Artikels befindet sie auch noch Platz zur Diskussion. Lied Nummer 3, A Past And Future Secret. Erste und einzige Single-Auskopplung von dem Album. Die Ballade, das Schmusestück. Erfreulicherweise kein The Bard´s Song Teil 3, sondern etwas sehr eigenständiges.

Kai: Schon auch so mit den huge classical drums und so.

Jutze: Stimmt, das war damals ja die Aktion, BLIND GUARDIAN auf Headbanger´s Ball wie sie versuchen Englisch zu reden (Jetzt müsste man noch wissen, watt Pauken heißt!). Das sind so Momente, an die man sich oft erinnert, wenn man die Musik hört. Das Stück hat beim Refrain übrigens weder die Tonika noch die Mollparallele dazu drin, faszinierend, oder?!

Kai: Was soll man sagen zu dem Lied?! Ich mein, es ist die Ballade auf der CD, und die Balladen fallen natürlich durch die Tatsache, dass es Balladen sind, immer raus bei BLIND GUARDIAN.

Jutze: Aber sie lassen sich auch nie mit den Balladen von anderen Bands vergleichen, so nach dem Motto wir haben jetzt ein bisschen Klavier und in der zweiten Strophe kommt das Schlagzeug dazu und am Ende haben wir einen Frauenchor. Das finde ich sehr wohltuend.

Kai: Ich finde halt, bei der Platte fällt es besonders auf, weil sie eben, wie wir ja gesagt haben, so düster ist und melancholisch und auch sehr hart zum Teil, und auch thematisch sehr einheitlich. Und da fällt A Past And Future Secret in jeglicher Hinsicht raus. Es ist eben langsamer, es ist nicht so düster vorgetragen und ich würde mal sagen, es ist beinahe das einzige Lied, das diesen reinen Fantasy-Text hat. Das hast Du ja vorhin gesagt, dass du findest, dass es die BLIND GUARDIAN-Lieder auf der Platte mit dem meisten Bezug zur Realität sind. Und selbst bei den Liedern, die eindeutig irgendwie von Fantasy beeinflusst sind, wie hier Mordred´s Song oder so, ist durchaus noch der Bezug zur Realität zu sehen. A Past And A Future Secret ist ja eigentlich völlig Fantasy.

Jutze: Musikalisch ist es ein weiterer Grund für mich mich aufzuregen, dass BLIND GUARDIAN nicht ihre Chance wahrgenommen haben und ein Demo für den Herr der Ringe-Soundtrack aufgenommen haben. Aber wir schweifen von der Platte und vom Thema ab. Inzwischen läuft das nächste Lied namens The Script For My Requiem. Thematisch handelt es von, Kai, was meinst Du?

Kai: Kreuzzüge, würde ich eindeutig sagen. Allein der Titel ist ja schon bemerkenswert, The Script For My Requiem. Wo hört man so was sonst? Also ich fand´s früher das beste Lied auf der Platte, so am Anfang. Das muss bedeuten, dass es wohl ziemlich eingängig ist. Inzwischen kann ich das nicht mehr sagen.

Jutze: Es ist so mit das traditionellste Lied. Es hätte auch auf der vorigen Platte unter Umständen stehen können, oder auf der nächsten. Auf der ersten nicht.

Kai: Gut, es gibt ja viele BLIND GUARDIAN-Lieder. Oder würdest du jetzt sagen, dass eins der Lieder auf der Platte nicht auf anderen Platten stehen könnte.

Jutze: Ja, definitiv!

Kai: Zum Beispiel?

Jutze: Alles, außer The Script For My Requiem und unter Umständen A Past And Future Secrets. Das sind für mich alles Stücke, die vorher auf den ersten viel Platten fehl am Platz gewesen wären, weil sie einfach sehr hart sind, weil Hansi sehr hart singt.

Kai: Ja, seine Stimme hat sich verändert, auf jeden Fall. Wo ich zum ersten Mal die Platte gehört habe, war es das erste, was mir aufgefallen ist: Dass Hansis Stimme sich verändert hat im Vergleich zur Somewhere….

Jutze: Also meine Theorie ist ja immer noch, dass es daher kommt – er hat es oft genug in Interviews erwähnt – dass die Band bei den Aufnahmen in Kopenhagen sehr viel Kuchen gegessen hat, und dass dann der Magen irgendwie auf die Stimmbänder gedrückt hat.

Kai: Der Kuchen von Flemming Rasmussens Frau?

Jutze: So weit ich weiß, ja. Und zuguterletzt war es ja auch so, dass immer nur Thomen und Hansi gegessen haben. Die Gitarristen waren die ganze Zeit Hier noch ein Solo, da noch ein Solo…

Kai: Hier noch ein Bier…

Jutze: Wir wissen es nicht!

Kai: Bierbauch! Bierbauch! Das ist ein Kuchenbauch in Wirklichkeit!

Jutze: Ok, weiter im Text. Es mag den Leser zwar vielleicht nicht interessieren, aber die Platte erschien damals, und du Kai, du hast sie gleich gekauft.

Kai: Wie immer am ersten Tag, sobald die Läden aufmachen.

Jutze: Den Sportunterricht hast du da geschwänzt, bist dann noch im Nachhinein gekommen und hattest die CD. Ich hab sie mir nicht gleich gekauft. Ich hab sie mir auch später nicht gleich gekauft. Denn du lieber Kai bist dann auf irgendeine Urlaubsfreizeit gefahren.

Kai: Zum Skifahren, damals musste ich. Der Leser kann es, denke ich, nachvollziehen. Man kauft sich eine BLIND GUARDIAN-CD und muss am Tag danach in den Urlaub fahren.

Jutze: Vielleicht interessiert es den Leser auch nicht, dass du mir dann die CD ausgeliehen hast für zwei Wochen, und dass ich die CD dann oft gehört habe.

Kai: Und das jetzt wird den Leser interessieren, denn es ist krank, und kranke Sachen interessieren die meisten Menschen; dass der Jutze hier von Vampster, als ich nach den zwei Wochen Skifahrenwiederkam, in der Schule, wo er neben mir saß, die Texte der komplette Platte Wort für Wort niederschreiben konnte. Das ist, denke ich, doch erstaunlich und sagt einiges aus.

Jutze: Ja, die Platte rockt! Mordred´s Song…

Kai:…handelt von Mordred! Die Arthus-Sage ist ja so was von uneinheitlich, sage ich dir! Eine offizielle Version scheint es nicht zu geben. Ich erzähle halt mal, was ich gut finde: Mordred ist gleichzeitig der Sohn und der Neffe von Arthur Pendragon (the once and future king, the one who took the sword out of the stone) und wurde von diesem und seiner (Halb-) Schwester Morgase bei so einem Fest gezeugt, wo alle Masken tragen (und vermutlich auch Drogen bewusstseinsverändernder Natur nehmen). Mordred sollte dann gleich als Kind getötet werden, aber er überlebt und wird später Ritter der Tafelrunde. Arthur muss dann den ehebrecherischen Lancelot verfolgen, der seines Nächsten (=Arthur) Weib (=Guinevere) nicht nur begehrte, sondern auch nahm, und Mordred regiert in dieser Zeit Camelot und das Königreich. Außerdem macht er sich wohl auch mächtig an Guinevere ran und schließt einen Pakt mit Arthurs Feinden, den Sachsen. Mordred und Arthur Pendragon töten sich am Ende gegenseitig auf dem Schlachtfeld bei Camelot. Genauso hatte es der Zauberer Merlin vor der Geburt Mordreds geweissagt. Der Rest ist bekannt: Morgan Le Fey nimmt Arthur nach Avalon, von wo er wiederkehren wird, wenn die Not des Volkes am größten sein wird… Und das alles macht Mordred zu einem klassischen, nicht Bösewicht, aber bösen Menschen, Versager…

Jutze:…Basser, Kunst-Lkler…

Kai:…aber BLIND GUARDIAN machen ihn in dem Lied zu einem zwar immer noch Verlierer, aber einem sehr sensiblen, sehr tragischen Helden, Antihelden natürlich, aber eben einem, ja, im Prinzip moralischen Sieger. Weil es heißt ja, ich zitiere mal Mordred hier bezogen auf ihn: Born with a king´s heart but fate fooled me and changed my cards. None asked if I want it, if I like it. Also das fasst, finde ich, gut zusammen, um was es da geht.

(Jutze und Kai headbangen ob des Beginns von Born In A Mourning Hall)

Jutze: Am Anfang war mir dieses Lied sehr sperrig, fast schon zu sperrig. Die Platte an sich war schon sperrig. Es war wie gesagt so, dass damals Kritik an BLIND GUARDIAN ein Sakrileg sondergleichen gewesen wäre, doch trotzdem war dieses Lied lange Zeit mein eigener Mordred. Aber irgendwann hat es klick gemacht.

Kai: Also mein Lieblingslied war es von Anfang an auch nicht. Ist es auch heute nicht unbedingt. Naja, das kann man jetzt vielleicht mal an der Stelle erwähnen: Es gibt einfach kein Lied, das wirklich von den anderen so stark abfällt auf der Platte. Was soll man machen?! Ich meine, ich könnte jetzt auch nicht hundertprozentig sagen, dass es das schlechteste Lied auf der Platte ist von den lauter guten Liedern.

Jutze: Deswegen besprechen wir die CD ja auch für die Hell of Fame-Rubrik! Was mir hier auch wieder sehr schön gefällt, ist dieses Spiel mit den Märchenfiguren, gerade Peter Pan im Refrain immer wieder: einerseits natürlich eine fiktive Gestalt, die aber dann in dem Text so eingebaut wurde, dass es darum geht gar nicht im Leben aufzuwachen und überhaupt Visionen im eigenen Leben zu bekommen. Quasi eine Negation der Negation. Das fasziniert mich an dem Lied.

Kai: In der Hinsicht steht es ja thematisch auch im Mittelpunkt des Platte, passt sehr gut zu Imaginations… und auch zu Bright Eyes im Gegensatz zu den anderen Liedern, die da thematisch vielleicht ein ganz kleines bisschen andere Wege gehen.

Jutze: And The Story Ends, denke ich, gehört auch noch dazu.

Kai: Stimmt. Da würde ich sagen, was du schon angesprochen hast mit dem Konflikt von Realität und Fantasie. Hier müsste man vielleicht noch konkreter sagen, dass es insgesamt zwar kein Konzeptalbum ist, aber es könnte im Prinzip eine Analyse oder ein Bericht sein eines Menschen, der sich irgendwann mal in der Mitte seines Lebens daran erinnert, dass er früher mal noch Träume und Fantasie gehabt hat, und jetzt feststellt, dass er sich da zwar noch ganz leicht düster dran erinnert, aber nicht mehr wirklich zurück kann, so wie es bei Imaginations… ja auch ziemlich, ziemlich klar rauskommt. Und jetzt sitzt er da, der Archetyp sozusagen, hypnotized by the TV-snake. Er obeyed und worked hard.

Jutze: Das Ende ist auch noch sehr polarisierend, wenn es heißt: Caught inside a web caught live, the only way to get out soon is suicide. Es ist noch etwas drastischer als einfach nur die Lethargie des normalen Menschen, Otto-Normal-Verbraucher.

Kai: Anscheinend ist die Analyse des Lebens, das da besprochen wird, also die Tatsache, dass man nicht mehr zurückkann zur Fantasie, die man mal kannte, sich eben nicht mehr erinnert, ob Frodo mal in Mordor war, so negativ, dass der einzige oder bessere Ausweg als dieses Leben weiterzuleben hier Selbstmord ist.

Jutze: Nun zu Bright Eyes. Ich mag das Lied inzwischen voll.

Kai: Ich mochte es von Anfang an.

Jutze: Was mir an dem Lied nicht gefallen hat so richtig, ist die zusammengeschnippelte Videofassung.

Kai: Ja gut, aber es war vielleicht trotzdem das beste BLIND GUARDIAN-Video bisher. Von den lauter schlechten.

Jutze: Vom Visuellen her ja. Vom Musikalischen her ist natürlich Mirror Mirror wesentlich besser geeignet gewesen. Die Imaginations…-Platte hat halt ein bisschen das, ich nenne es jetzt mal Manko – für mich persönlich war es kein Manko – dass es keine Single beinhaltete. A Past And A Future Secret war da fast noch das beste.

Kai: Ja, auf jeden Fall!

Jutze: Ronnie Atkins von den PRETTY MAIDS hat auch Backing Vocals auf der Platte gesungen, falls es irgendjemanden interessiert.

Kai: Das Ende des Lieds ist tierisch!

Jutze: Ja, es ist, wie eigentlich die ganze Platte, eine Höhepunkt.

Kai: Irgendwie von der Art her ähnlich wie das Ende von And The Story Ends.

Jutze: Ja, nur vom Ausgang her, denke ich, anders. Weil beim einen heißt es Farewell to my last hope und bei And The Story Ends heißt es At least I´ve found a friend.

Kai: Another Holy War.

Jutze: Eins von den vielen schnellen, fetzigen Liedern auf dieser Platte.

Kai: Naja, fetzig ist nicht das Attribut, das ich wählen würde. Ich habe mal gelesen, dass es in dem Lied um Jesus geht.

Jutze: Natürlich handelt es von Jesus. Was mir sehr gut gefällt, das was eben kam: My sellout waits till I´m crucified: Es degradiert mit einem Satz im Prinzip die gesamte christliche Religion zu einem einzigen Merchandisegeschäft. Das schätze ich an der Platte: Wenn man ins Detail geht, gibt es immer noch was zu finden. Natürlich ist es reine Interpretation. Auch sehr schön einfach der Refrain: Warum bin ich geboren? Werde ich scheitern um erneut wiederaufzuerstehen?

Kai: Ja, es ist schon eine schöne Idee ein Lied zu schreiben aus der Sicht von Jesus.

Jutze: Vom wiederauferstandenen Jesus. Mich wundert es fast, dass sie nie bei Gottesdiensten damit aufgetreten sind. Wäre sicher der Hit gewesen.

Kai: And The Story Ends, ein sehr bombastisches Lied! Mit Chören und so.

Jutze: Sehr schleppend für BLIND GUARDIAN-Verhältnisse.

Kai: Gerade im Vergleich zu Another Holy War. Von daher finde ich es auch ein bisschen ähnlich wie Imaginations…. Das habe ich mir auch immer gedacht. Äh, mal eine Frage. Ich habe es nicht wirklich rausgefunden, aber And The Story Ends hat kein konkretes Thema, oder? Außer wieder dieses allgemeine Thema der Platte vom Außenseiter, der im Konflikt steht zwischen Realität und Fantasie.

Jutze: Auf die Frage, ob die Platte ein Konzeptalbum sei, hat Hansi mal gemeint, nein, allerdings sind die Lieder Bright Eyes und And The Story Ends thematisch sehr miteinander verflochten.

Kai: Interessant. Das wundert mich jetzt eigentlich nicht. Da würde ich Imaginations… noch mit einbeziehen. Und vielleicht I´m Alive auch noch.

Jutze: Zudem hat Hansi auch gemeint, dass die einzigen beiden Lieder mit Happy End auf der Platte And The Story Ends und I´m Alive seien. Und dass alle anderen eben nicht so happy sind.

Kai: Ja, wenn Du Dir zum Beispiel mal die Tales… anhörst, praktisch jedes Lied hat einen direkten Bezug zu einem Buch, Film,… Ich glaube wirklich jedes Lied.

Jutze: Traveler In Time: Dune, Welcome To Dying: Hauch des Drachen, Weird Dreams als Instrumental ist ausgeklammert, Lord of The Rings…

Kai: Da braucht man nichts dazu zu sagen. Goodbye My Friend: Enemy Mine…

Jutze: Lost In The Twilight Hall fehlt mir gerade.

Kai: Fehlt mir auch gerade. Wahrscheinlich alle Hohlbein-Bücher der Welt. Tommyknockers ist klar.

Jutze: Altair 4: Forbidden Planet. The Last Candle hat eigentlich keinen direkten Bezug, aber Elben hier, Hobbits da, Dwarves da, hauptsächlich Dwarves eigentlich. Da wird, glaube ich, ein bisschen auf das Backcover angespielt. Komm Kai, lass uns gleich auch noch die Tales From The Twilight World reviewen!

Kai: Ja, nein. Also das ist schon verdammt auffällig bei der Tales… und bei der Somehwere… geht es eigentlich so weiter. Und jetzt hat es hier vier Lieder ohne Bezug zu irgendeinem Fantasy-Werk. OK, bei Bright Eyes wird Merlin erwähnt und so was, aber es handelt nicht über ihn, wie im Gegensatz dazu A Past And Future Secret und Mordred´s Song. Das ist doch mal eine Erkenntnis! Ich meine, das macht die Platte ziemlich erstaunlich, wenn Du bedenkst, dass danach Nightfall… kam, das ja doch auch einige Bezüge zu Fantasy-Büchern aufweist! Und bei A Night At The Opera, da geht es ja auch so weiter.

Jutze: Was ich bei BLIND GUARDIAN immer sehr schätze, ist dass die Lieder nach dem letzten Refrain nicht einfach zuende sind oder immer ein Fade-out habe, sondern dass sie sich immer zum Schluss meistens was überlegt haben, und dass Lieder noch bis zur letzten Minuten interessant und schön bleiben. Auch hier bei der Platte, die hört nicht einfach auf nach dem Motto großes Crescendo, sondern der letzte Abschnitt ist noch mal was Neues, was Anderes. Und bei den restlichen Platten war es ja eigentlich fast uneingeschränkt auch so.

Kai: Ich erinnere mich natürlich gleich an And Then There Was Silence mit dem bombastischen Ende, wo es auf jeden Fall so war.

Jutze: A Final Chapter.

Kai: Ja, es war mir bisher nicht bewusst, aber… unterbewusst vielleicht bewusst. Ja, in der Tat, das ist ziemlich wichtig und gut bei BLIND GUARDIAN!
Veröffentlichungsdatum: 10.04.1995

Spielzeit: 49:18 Minuten

Line-Up:
Hansi Kürsch: Gesang, Bass
André Olbrich: Gitarre
Marcus Siepen: Gitarre
Thomen The Omen Stauch: Schlagzeug
Produziert von Flemming Rasmussen

Label: Virgin

Homepage: http://www.mp3.com/blindguardian
Tracklist:
1. Imaginations From The Other Side
2. I´m Alive
3. A Past And Future Secret
4. The Script For My Requiem
5. Mordred´s Song
6. Born In A Mourning Hall
7. Bright Eyes
8. Another Holy War
9. And The Story Ends

Jutze
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