BLIND GUARDIAN: The God Machine

“The God Machine” ist eine zweispältige Angelegenheit: Ein vielversprechender Start versandet letztlich in Beliebigkeit

Neulich bin ich mal nach meiner Lieblingsband gefragt worden – und erstaunlicherweise war BLIND GUARDIAN einer der Namen, die mir eingefallen sind. Was daran liegen mag, dass sämtliche Alben, die die Band in den 90ern geschaffen hat, bis heute keinen Funken an Strahlkraft eingebüßt haben und immer wieder gerne von mir gehört werden. Klar, sämtliche Alben danach kann man m.E. getrost in der Pfeife rauchen (mit Ausnahme des “Twilight Orchestra“-Werks), aber das ändert ja nichts daran, dass unsereins immer noch Gänsehaut bekommt, wenn das Intro von “Time What Is Time” ertönt, nicht wahr?

Ich bin also in gewisser Weise prädestiniert für ein Review des neuen Albums – denn die Band hatte angekündigt, dass es wieder back to the roots gehen sollte, eingängiger, härter sollte es werden, weniger verkopft, und der Promotext nimmt gar das große Wort “Imaginations From The Other Side” in den Mund. Dazu schürte die gute Erfahrung mit dem Orchester-Album durchaus die Hoffnung, dass “The God Machine” sich lohnen würde.

Ist “The God Machine” BLIND GUARDIAN in alter Frische…?

Abschreckend wirkt dann allerdings das Cover-Artwork, das mich eher an alten Prog denken lässt als an guten alten Fantasy-Metal. Aber gut, die Band legt Wert darauf, dass man nicht einfach 1995 kopieren möchte, kein Problem, es sei ihr gegönnt. Trotzdem komme ich nach mehrfachem Hören letztlich nicht umhin, enttäuscht zu sein von den großspurigen Ankündigungen, dass hier BLIND GUARDIAN in alter Frische zu hören sein sollen.

Wobei die Band durchaus frisch klingt – rein handwerklich gibt es nicht das Geringste an der Band auszusetzen, auch Hansi Kürsch klingt kraftvoll wie eh und je.”Deliver Us From Evil” ist ein super Opener, macht mir als Old-School-Fan Spaß und weckt Erwartungen. “Damnation” und “Secrets Of The American Gods” machen da durchaus weiter, und bei letzterem wird der Bombast-Hammer so dolle geschwungen, dass ich fast von befriedigten Erwartungen sprechen möchte.

Enttäuschte Erwartungen

Danach baut “The God Machine” jedoch leider wieder ab. Zwar ist “Violent Shadows” wirklich ganz schön violent, aber darüber hinaus bietet das Stück nichts, was vor dem beeindruckenden Katalog der Band Bestand haben könnte. Mit “Life Beyond The Spheres” nimmt die Band zur Mitte des Albums klug das Tempo raus, aber auch hier steht und fällt die Größe BLIND GUARDIANs mit der Qualität des Refrains – und der kann einfach nichts.

Mit “Architects Of Doom” und “Let It Be No More” wird das Problem dann wirklich überdeutlich: BLIND GUARDIAN wissen, was ihre Fans hören wollen, aber ihnen fehlt das Gefühl dafür. Beide Stücke klingen wie sehr laue Aufgüsse früherer Großtaten und lassen mich auch nach wiederholtem Hören einfach nur kalt. “Blood Of The Elves” weckt vom Titel her dann Erinnerungen an glorreiche “Nightfall”-Tage, wäre aber damals sicherlich verworfen worden. Und mit “Destiny” möchte man am Ende nochmal alle Songwriter-Register ziehen, verzettelt sich aber in einer Flut an Ideen, die nirgends hinführen.

“The God Machine” ist also eine zweispältige Angelegenheit: Ein vielversprechender Start versandet letztlich in Beliebigkeit – und BLIND GUARDIAN bleiben anno 2022 eine Band, die selbst mit einer expliziten Rückbesinnung auf die großen 90er musikalisch nicht mehr viel reißen kann.

Spielzeit: 51:03 Min.

Veröffentlichung am 2.9.2022 auf Nuclear Blast

BLIND GUARDIAN “The God Machine” Tracklist

1. Deliver Us From Evil (Video bei YouTube)
2. Damnation 5:21
3. Secrets Of The American Gods (Video bei YouTube)
4. Violent Shadows 4:18 (Video bei YouTube)
5. Life Beyond the Spheres 6:03
6. Architects of Doom 6:21
7. Let It Be No More 4:49
8. Blood of the Elves 4:38 (Video bei YouTube)
9. Destiny 6:47