END OF GREEN: Last Night on Earth

Diesmal hat die Klinge die Haut bereits angekratzt, der Strick sich schon zugezogen, den letzten Luftblasen kann nur noch gen Oberfläche steigend nachgeschaut werden, und die Augenlider flattern schon unendlich müde…

Man kann sich Horrorfilme anschauen, die dank versehentlich ins Bild gehaltener Mikrofone, geradezu possierlich wirkender Monsterchen, welche meistens knödelige Grunzer ausstoßen, und der Erfüllung sämtlicher Stereotypen vom unschuldigen, bleichen, blonden Mädchen über den Möchtegerncharismat, der sich als munterer Killer entpuppt, bis hin zum edlen, wenn auch leicht trotteligen Helden einen unfreiwillig komischen Effekt haben, und sich dabei ganz nett amüsieren. Oder man taucht ein in die widerwärtige Psyche eines erschreckend glaubwürdig dargestellten Psychopathen, der einen mitreißt in einen Strudel aus Wahn, Deformiertheit und Grauen, bis einem der Abspann seltsam unwirklich vorkommt und der Heimweg ein langer, von Schatten belebter Horrortrip wird…bis man im Bett liegt und plötzlich all diese Geräusche hört, die zuvor nur für das Ticken der Uhr, das Knarzen der Dielen und das Klappern im Kamin gehalten worden waren…Der Morgen danach lässt einen unwillkürlich den Hals nach Bissspuren abtasten, und man ertappt sich dabei, alle Schränke und Kellerräume nach blutverschmierten Opfern zu durchsuchen. Es dauert noch ein Weilchen, bis sich die Normalität wieder als real etabliert hat…wenngleich da fortan immer ein Rest Zweifel nagen wird…

Genauso verhält es sich mit düsterem Metal. Man kann sich all diese putzigen Pubertätssorgenverarbeiter anhören, diese haben sicher auch ihre Berechtigung, das Schwelgen in süßem Selbstmitleid und das Sich-Suhlen in Melancholie funktionieren prima als Schutzfunktion gegen eine als oberflächlich empfundene Welt, die einen nicht zu verstehen scheint. Und oftmals klingt die Umsetzung ja auch passabel. Man kann sich aber auch END OF GREEN anhören und sich auf einen ungleich dunkleren Pfad begeben, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist.

Prinzipiell lässt sich zu Last Night on Earth alles wiederholen, was für Songs for a Dying World schon galt. Verzweifelt die Flucht nach vorne antretende, losrockende Hassklumpen und ellenlange, mal fies und mal unter dem Deckmantel vermeintlicher Harmonie daherkriechende Depri-Monster wechseln sich ab und schicken den Hörer auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die sich bald als die von Trent Reznor besungene Abwärtsspirale entpuppt. Doch END OF GREEN haben sich nicht darauf beschränkt, die Trademarks von Songs for a Dying World einfach zu kopieren, sondern haben ihr Gruselkabinett weiter ausgefeilt, so dass gerade bei den heftigeren Songs ein deutlicher Fortschritt zu spüren ist. Egal, ob Highway 69 rotz´n´rollig eine Höllenfahrt verkörpert oder Tragedy Insane blind mit Wut um sich wirft, um diese wie einen Bumerang ins Gesicht zurückgeschleudert zu bekommen – dichter (ich meine jetzt im emotionalen Sinne :-) ) kann man diese Musik nicht mehr spielen. Hinzu kommen außerdem Midtempostampfer wie Melanchoholic, die dank fettem Gitarrensound und differenzierten Harmonien gerade bei den Gitarren einen direkt an der Gurgel packen und anspucken. Mit Queen of My Dreams und Emptiness/Lost Control komplettieren dann die spätestens seit I Hate legendären Überlängesongs das tiefschwarze Bild. Während ersterer den süßlich-kitschigen Titel mit geradezu wahnhaft wiederholter Anrufung der im Grab liegenden Herzdame untergräbt, sind bei Emptiness/Lost Control die Störfrequenzen und Misstöne auf´s Äußerste gespannten Nerven gleich von Beginn an präsent, auch wenn sich der Song ansonsten nur mit cleaner Gitarre und Hubers unvergleichlichem Gesang über die ersten Minuten windet. Spätestens wenn dann endlich der Ausbruch kommt, kommen die existentiellen Zweifel an allem und jedem auf, und man wird sie nicht mehr los, auch wenn die letzten Pianoklänge längst verklungen sind. Haben wir die Kontrolle verloren? Kann man etwas verlieren, was man eh nie hatte, wie einem so langsam schwant?

Hier liegt große, größte Liedkunst vor, die einem selbst bei guter Laune einen bitteren Geschmack in die Kehle kriechen lässt. Es scheint geradezu profan und lächerlich, die Musik von END OF GREEN analysieren zu wollen. Klar, es gibt zu bemerken, dass Huber seine tiefe TYPE O NEGATIVE-Stimme nicht mehr auspackt, sondern dafür lieber die raueren Töne bevorzugt und bei Demons Nick Holmes zeigt, wie dessen Gesang bei konsequenterer Umsetzung klingen könnte. Doch all das sind Randnotizen angesichts der Magie, die die Band auf einzigartige Weise entfaltet. Und so kann ich als Fazit nur wiederholen, was ich zu Songs for a Dying World schon geschrieben habe: END OF GREEN sind das Kratzen des Stricks um den Hals, der letzte Atemzug im eisigen Wasser, der bittere Nachgeschmack der Schlaftabletten, das Rauschen des Windes im Fallen, die trocknende Tinte des Abschiedsbriefes, der stechende Geruch von Kohlenstoffmonoxid, die Gänsehaut am Innenarm, während die Rasierklinge ein letztes Mal auf der noch unversehrten Haut innehält… – nur dass diesmal die Klinge die Haut bereits angekratzt hat, der Strick sich schon zuzieht, den letzten Luftblasen nur noch gen Oberfläche steigend nachgeschaut werden kann und die Augenlider schon unendlich müde flattern…

Veröffentlichungstermin: 19.05.2003

Spielzeit: 49:44 Min.

Line-Up:
Michael Huber – Gesang, Gitarre

Oliver Merkle – Gitarre

Michael Setzer – Gitarre

Rainer Hampel – Bass

Matthias Siffermann – Schlagzeug

Label: Silverdust Records/Soul Food

Homepage: http://www.endofgreen.de

Tracklist:
Evergreen

Tormented Sundown

Demons

Dying in Moments

Queen of My Dreams

Tragedy Insane

Highway 69

Melanchoholic

Emptiness/Lost Control