DAS ICH: anti´christ

DAS ICH: anti´christ

Lange, lange ist´s her, dass man von der Gothic/Darkwave-Institution DAS ICH zum letzten Mal diese einmalige Mischung aus spannungsgeladener Klassik, anspruchsvoller Elektronik und überaus lyrischen Texten geboten bekam. Seit dem nun auch schon neun Jahre alten Staub-Album hatten die beiden Bayreuther Todeskünstler vielmehr Solopfade beschritten, spezielle Projekte wie einen Soundtrack, die Kooperation mit ATROCITY, Remixe und die Vertonung von Gottfried Benn-Gedichten verfolgt sowie auf dem Album Egodram einen deutlichen Schwenk in Richtung purer elektronischer Musik vollführt. Doch auf anti´christ präsentiert sich die Band gewissermaßen in alter Frische so, wie viele sie während ihrer Anfangstage kennen- und liebengelernt hatten. Eine Rückkehr zu den Wurzeln, die angesichts der damals schon stark vertretenen Komplexität und Innovativität wie auch der Klasse der zehn neuen Songs durchaus sinnig ist. Damit will ich mich allerdings nicht prinzipiell einreihen in die Ränge derer, für die früher alles besser war. Bei DAS ICH scheint vielmehr eine Heimkehr zu den Anfängen nach vielschichtigen und -seitigen Ausflügen in verschiedenste Regionen düsterer Musik stattgefunden zu haben, so dass sie nun den großen ursprünglichen Reiz ihrer Musik mit Versatzstücken der zwischenzeitlich gesammelten Erfahrungen beim Experimentieren zur Vollkommenheit bringen können. Somit werden selbst recht nah an Hits wie Gottes Tod angesiedelte Songs wie z.B. Garten Eden nicht zur bloßen Imitation früherer Glanztaten, sondern zu einer stilsicheren, inspirierten Fortführung und Weiterentwicklung der damaligen Grundidee.

anti´christ wirkt gemäß einem Egodram-Songtitel wie ein Destillat all dessen, was die Band bislang so einzigartig und speziell gemacht hat. Treibende Elektronik fernab technoider Beats, deutschsprachige Lyrik – intensiv wie nie von Stefan Ackermann dargeboten -, die der in den einschlägigen literarischen Anthologien nicht im Geringsten nachsteht, und überaus vielschichtige Harmonien wie Disharmonien, all das vereinen DAS ICH mittlerweile nahezu perfekt miteinander. Gesteigert wird der mächtige Eindruck noch von der überzeugend dargebotenen textlichen Konzeption rund um Nietzsches Religionskritik, die den zumindest in der Musikszene doch sehr plakativen Titel vergessen macht. Etwas ist faul, nicht nur im Staate Dänemark, sondern ringsum, und DAS ICH legen mit ihrer schlicht genial zu nennenden Einheit von Klang und Wort den Finger in die Wunde. Es schmerzt, sich darauf einzulassen, und doch führen DAS ICH die reinigende Wirkung eines Aderlasses herbei.

Veröffentlichungsdatum: 27.05.2002

Spielzeit: 65:21 Min.

Line-Up:
Stefan Ackermann – Gesang

Bruno Kramm – alle Instrumente

Produziert von Bruno Kramm
Label: Massacre Records/Sony

Tracklist:
Engel

Keimzeit

Grund der Seele

Vater

Krieg im Paradies

Tor zur Hölle

Garten Eden

Das dunkle Land

Sodom und Gomorra

Der achte Tag