Wenn Liebe nicht ausreicht, ist dann nicht alles verloren? Es mögen düstere Zeiten sein, in denen wir leben, aber die Liebe, ist sie nicht die eine Konstante, an der man sich festhalten kann, ja, muss? In der Realität kann das durchaus anders sein. Denken wir an Beziehungen, die nicht mehr funktionieren, obwohl sich die Partner*innen noch lieben, oder eben auch Bands, die in Sackgassen stecken. Nun gut, CONVERGE steckten kreativ bisher nie so wirklich in einer solchen. Zwar sind nicht alle Alben so legendär – und der Verfasser meint L-E-G-E-N-F-U-C-K-I-N-G-D-Ä-R – wie „Jane Doe“, „You Fail Me“ und „Axe To Fall“, aber so richtig enttäuscht haben CONVERGE bisher noch nie.
Die gute Nachricht ist, das trifft auch für „Love Is Not Enough“ zu. Und das, obwohl die Bostoner in den vergangenen Jahren vergleichsweise wenig aktiv waren. „Bloodmoon: I“, die sensationelle Kollaboration mit CHELSEA WOLFE ist über vier Jahre her, das letzte reguläre CONVERGE-Album „The Dusk Is Us“ sogar über acht Jahre. Steckt die Band um Gitarrist Kurt Ballou und Sänger Jacob Bannon also aktuell in einer kreativen Krise? Ehrlich gesagt, dass „Love Is Not Enough“ ein sehr dichtes, kompaktes Album ist, das kaum Experimente wagt, lässt im ersten Moment darauf schließen. Zum Glück täuscht dieser Eindruck, wie CONVERGE mit Verve verdeutlichen.
CONVERGE präsentieren sich auf „Love Is Not Enough“ sehr pur: In den zehn Songs gibt es kaum Experimente, dafür die ungebremste Wut der Verzweiflung.
Zehn Songs in etwas mehr als dreißig Minuten, das bietet kaum Raum für die etwas experimentelleren Songs, die CONVERGE auf ihren Alben ansonsten stehen haben. Es gibt keine Longtracks, keine Kollaborationen. Als würden sich die Musiker ausschließlich auf sich selbst beziehen, ist „Love Is Not Enough“ so etwas wie die pure Version ihrer selbst. Und das bereits in den ersten Minuten ziemlich erfrischend. Der Titeltrack drischt mit Verzweiflung und Wut unvermittelt los, mit starkem Metalcore-Einfluss und Blast Beats. Zudem klingt Jacob Bannon wieder aggressiver und energiegeladener, so als wäre die Abnutzung seine Stimme wieder ein wenig erholt, nachdem sie in den letzten Jahren doch recht abgenutzt war. Mit „Bad Faith“, „Distract And Divide“ und „To Feel Something“ bleiben CONVERGE am Anfang voller Furor. Keine zehn Minuten dauert es, bis mit dem düsteren Interlude „Beyond Repair“ ein bisschen das Gas rausgenommen wird und zum ersten und einzigen Mal vom traditionellen Songwriting zurückgetreten wird.
„Love Is Not Enough“ gelingt das Kunststück in dem verknappten Rahmen so ziemlich alles zu zeigen, was CONVERGE ausmacht: Kompakte Songs mit Hardcore Punk-Wildheit, thrashige Momente („Force Meets Presence“), stumpfe Refrains zum Mitbrüllen („We Were Never The Same“), komplexes Chaos („Distract And Divide“), melodiöse Momente („Make Me Forget You“), zu Herzen gehende Leadgitarren und düster-repetitive Heaviness („Gilded Cage“). Hierbei tappt die Band nicht in die Falle, dass jedes dieser Elemente nur ein oder zweimal vorkommt, einfach um es abzuhaken, weil es in den CONVERGE-Katalog gehört. Die Songs sind schlau angeordnet, und CONVERGE steigern sich von Song zu Song, bis am Ende drei Stücke mit über vier Minuten stehen und zum intensivsten gehören, was auf diesem Album zu finden ist. Dass die Band ihre Arrangements dahingehend anpassen, kommt dem Gesamteindruck ihres („Bloodmoon: I“ nicht eingerechnet) zehnten Albums sehr entgegen.
„Love Is Not Enough“ hat eine stimmige Dramaturgie und ist durchgehend äußerst intensiv: CONVERGE halten den Fokus und schaffen auf diese Weise ein gutes Spätwerk.
Von der Wildheit von „Distract And Divide“ hin zum dunkel groovenden „Gilded Cage“ mit seinem starken Bassriff und verzweifelten Sprechgesang ist es ein ziemlich weiter weg, den CONVERGE logisch nachzeichnen. Die Dramaturgie stimmt, ebenso das Songwriting an sich. CONVERGE zeigen, dass sie noch viel zu sagen haben, selbst wenn es keine besonderen und innovativen Momente zu hören gibt. Dafür ist mit „Make Me Forget You“ ein Song dabei, der ähnliche Qualitäten wie „Aimless Arrow“ besitzt und so dem Album einen kleinen Hit beschert. „We Were Never The Same“ ist dann die passende Conclusio für „Love Is Not Enough“: Die verschiedensten Elemente des Albums fließen ineinander, bevor als Album abrupt und sehr direkt endet.
Die Jahre, in denen CONVERGE das Genre des metallischen Hardcore geprägt haben, wie keine andere, sind vorbei. Ein Album, das weniger verspielt ist, als „The Dusk Is Us“, aber auch mehr Songs hat, die live funktionieren. Schnickschnack und Füllmaterial findet sich nicht auf „Love Is Not Enough“ – OK, über „Beyond Repair“ lässt sich streiten. Instrumental wie üblich groß – siehe Ben Kollers Drumming – und stimmlich überzeugender als auf den letzten Alben, ist „Love Is Not Enough“ ein ordentliches Alterswerk geworden. Keins, das im Œuvre von CONVERGE große Akzente setzen kann, aber das doch sehr solide und sauber umgesetzt wurde. Die Wahrheit ist, wer noch den Erstkontakt zu CONVERGE sucht, springt besser 20 bis 25 Jahre in die Vergangenheit. Das ist aber kein Grund zum Verzagen. Denn wahre Liebe bleibt, sie vergeht nicht. Bestehende Fans der Band greifen natürlich zu und sollten, wenn sie realistische Maßstäbe ansetzen, auch nicht enttäuscht sein. Die Liebe zur Musik, die Liebe zu einer Band wie CONVERGE, manchmal reicht das alles eben doch einfach aus.
Wertung: 7 von 10 Pralinen zum Valentinstag
VÖ: 13. Februar 2026
Spielzeit: 31:10
Line-Up:
Jacob Bannon – Vocals
Kurt Ballou – Guitar, Backing Vocals
Nate Newton – Bass, Backing Vocals
Ben Koller – Drums
Label: Epitaph
CONVERGE „Love Is Not Enough“ Tracklist
1. Love Is Not Enough (Official Video bei Youtube)
2. Bad Faith
3. Distract And Divide
4. To Feel Something
5. Beyond Repair
6. Amon Amok
7. Force Meets Presence
8. Gilded Cage
9. Make Me Forget You
10. We Were Never The Same (Official Visualizer bei Youtube)
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