AUÐN: Vökudraumsins fangi

Eine typisch „isländisch“ klingende Black Metal Band wie etwa MISÞYRMING mit Disharmonie und Chaos waren AUÐN ja bisher ohnehin nicht, aber auf dem neuen Werk „Vökudraumsins fangi“ machen sie es einem nicht nur an der Tastatur mit isländischen Songtiteln schwer, sondern auch in der Einschätzung der Musik.

AUÐN liefern zu viel Transparenz

War der Vorgänger „Farvegir Fyrndar“ mit gelungenen Ausreißer in die Post-Welt noch in der Gesamtheit düster und dunkel, teilweise sogar rasend und aggressiv, ist die neue Platte vor allem eines, nämlich transparent. Ich bin ja klaren Produktionen eigentlich nicht abgeneigt, da es ja prinzipiell nicht schaden kann, bei Musik auch hier und da Instrumente hören zu können, aber der Atmosphäre dieser Platte tut das sehr transparente Klangbild für meinen Geschmack nicht gut. Im Prinzip klingt diese Platte wie ein klarer, sehr kalter Wintertag in einer bergigen Landschaft unter stahlblauem Himmel, in dem sich der Hörer in einem modernen Elektroauto lautlos auf einer leeren Autobahn in Richtung einer aus dem Fels herausragenden Villa in Bauhaus-Architektur bewegt. Das mag jetzt für den ein oder anderen verlockend sein, ich für meinen Teil möchte nicht Teil dieser Szenerie sein.

Auf “Vökudraumsins fangi” will vieles nicht zusammenpassen

Eigentlich hat die Platte alles, um in Atmosphäre zu schwelgen und von Wäldern und Seen zu träumen, so wie es der Vorgänger bei mir noch ausgelöst hat, aber dennoch ruft sie bei mir die eben beschriebenen Assoziationen an die moderne Welt hervor, was ja nicht prinzipiell schlecht ist, aber hier irgendwie nicht mit den genutzten Stilmitteln zusammenpassen will.

Und dann schreit vom Rücksitz des Elektroautos auch noch einer der Passagiere (einen Fahrer gibt es natürlich nicht mehr) direkt ins Ohr. Denn besonders stört mich an der Produktion der extrem im Vordergrund stehende Kreisch-Gesang. Der Gesang ist expressiv, dramatisch und eigentlich wirklich gut, aber für meinen Geschmack leider völlig falsch im Sound platziert. Etwas weiter im Hintergrund und mit einer anständigen Portion Hall versehen hätte der Gesang ein Atmosphäre-Träger sein können, so ist er leider ein Atmosphäre-Killer und fügt sich nicht nur nicht in die Musik ein, sondern lenkt von ihr ab. Eigentlich nennt man so was Produktions-Fehler.

AUÐN hinterlassen mit “Vökudraumsins fangi” einen zwiespältigen Eindruck

Im Songwriting entfernt sich die Band weiter von Black Metal-Elementen und versucht sich in „Verður von að bráð“ gar an ENSLAVED-artiger Struktur, was jedoch als gescheitert bezeichnet werden muss. Blast-Beat-Passagen und ruhige, atmosphärische Gitarren-Parts mit Melodie zu verschmelzen, auf dem Vorgänger noch eine Stärke der Band, gelingt leider selten so gut wie in „Næðir um“. Teilweise wirken die Songs eher zerfahren als fließend, vor allem „Ljóstýra“. Am besten funktioniert für mich noch der Titelsong, in seiner Klarheit und Melancholie, auf der gesamten Platte überwiegen aber leider die mittelmäßigen und nicht so gut gelungenen Momente.

Insgesamt also ein zwiespältiger Eindruck, den die Isländer hinterlassen und der für mich den guten Eindruck des Vorgängers leider nicht bestätigen kann.

Release Date: 30.10.2020

Line-Up:

Andri Björn Birgisson – Guitars
Aðalsteinn Magnússon – Guitars and vocals
Hjalti Sveinsson – Vocals
Hjálmar Gylfason – Guitars
Matthías Hlifar Mogensen – Bass and guitars
Sigurður Kjartan Pálsson – Drums

Label: Seasons of Mist

https://audnofficial.bandcamp.com

AUÐN „Vökudraumsins fangi“ Tracklist

1. Einn um alla tíð (08:15)
2. Eldborg (04:08) (Audio bei YouTube)
3. Birtan hugann brennir (05:33)
4. Verður von að bráð (05:50) (Audio bei YouTube)
5. Drepsótt (03:16)
6. Næðir um (05:03)
7. Horfin mér (06:42)
8. Á himin stara (03:47)
9. Ljóstýra (05:54) (Audio bei YouTube)
10. Vökudraumsins fangi (06:43)