ARBOR IRA: Und krankt mein Selbst vor Leidenschaft

ARBOR IRA: Und krankt mein Selbst vor Leidenschaft

Es ist schon eine kleine Weile her, seitdem ich die letzte Rezension zustande brachte. Doch bevor ich mich der Schreibfaulheit bezichtigen lasse oder mich auf den Mangel von Freizeit ausreden möchte, spreche ich von vornherein Tacheles: ARBOR IRA haben ein Chaos verursacht. Ein Trümmerfeld von Gedanken und Impressionen, die einer musikalischen Reise folgten, wo die Gegensätze Spalier standen. Eine Irrfahrt durch Interpretations-willige Textfragmente, eine Pilgerung durch offenbarten Irrsinn, ein Marathon über 71 Minuten, der Fragen aufwirft, Antworten andeutet und in Summe den Hörer im Unklaren lässt, was er von allem halten soll bzw. inwiefern es ARBOR IRA mit ihrer Musik und ihren Texten Ernst ist.

Vielleicht ist es auch nur die Definition, wie ARBOR IRA ihrerseits ihren Musikstil beschreiben: Psycho Doom. Da fühlt man sich ja schon im Vorfeld dazu verleitet, etwas Anderes, irgendwie Abnormes, Verstörendes zu erwarten. Insofern war ich schon sehr gespannt auf das Debütalbum der Zwickauer Formation, die sich 1999 zu einer Band formierte und 2002 das Demo Ohne Welt Und Aber veröffentlichte.

Grundthematik von Und krankt mein Selbst vor Leidenschaft scheint die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zu sein. So wird im kurzen Intro der Kahlschlag des Waldes gar etwas theatralisch (Hör´ auf, es sind schon so viele tot) beschluchzt und im folgenden Waldmeister streift sich ARBOR IRA die Rolle des Baumfällers über. Und die Art und Weise, wie das Fällen geschildert, interpretiert und zu Musik gemacht wird, ist eine Gratwanderung zwischen Ernst und Humor, zwischen gespielter Psychose und tatsächlich berührender Aggression. Wie eingangs erwähnt, aus diesem Psycho Doom wird man nicht schlau. Musikalisch vermittelt dieser Song aber einen ganz guten ersten Eindruck von Und krankt mein Selbst vor Leidenschaft. Schleppendes Tempo, klagende Riffs und ein leidenschaftlicher Gesang, der böse gegrowlt, finster gekreischt und falsch gesungen wird. Und letzteres stört eigentlich gar nicht, unterstreicht es doch in gewisser Form die Leidenschaft und Authentizität.

Zwischen den einzelnen Songs streuen ARBOR IRA immer wieder kleine Episoden ein, die teilweise englischsprachige von Akustik-Gitarren begleitete Geschichten erzählen und mich in ihrer Atmosphäre an den Hack & Slay-Rollenspiel-Klassiker Diablo erinnern, oder dem Hörer minimalistisch betextete deutschsprachige Häppchen vorwerfen – ganz mit dem Ansinnen, sich seinen eigenen Reim darauf zu bilden (Glaubst Du, dass wir uns retten können? – Wozu?).

Und krankt mein Selbst vor Leidenschaft ist schon ein sehr merkwürdiges Album – vor allem wenn es darum geht, es fachgerecht zu besprechen. Wenn ich die nackten Tatsachen, das messbar Hörbare miteinbeziehen sollte, dann stünde ARBOR IRAs Werk nicht im besten Licht da: die Produktion hat ihre Schwächen, die sich wie so oft bei günstigeren Aufnahmen vor allem beim Schlagzeug niederschlagen, die haarsträubenden Ausrutscher von der richtigen Tonlage beim cleanen Gesang entwerfen auch nicht gerade ein professionelles Bild von der Truppe und auch von der allgemeinen Spielfreude oder Instrumental-technischen Versiertheit lassen die vier Musiker nicht allzu viel durchschimmern. Doch das alles macht rein gar nichts. Denn das Album verfehlt an keiner Stelle seine Wirkung: die Verstörtheit, das Absurde, die Bitternis und die Leidenschaft ist von Anfang bis zum Ende spürbar.

Veröffentlichungstermin: 2006

Spielzeit: 71:35 Min.

Line-Up:
Filou von Ivenack – Guitars
Stör – Bass & Vocals
Pille – Drums
Blum – Guitars & Vocals

Produziert von Dennis Pelz @ Studioarts Klingental
Label: Redtogrey

Homepage: http://www.arbor-ira.de

Email-Adresse der Band: we@arbor-ira.de

Tracklist:
1. Der Wald wartet
2. Der Waldmeister
3. The Bridge
4. Bodyjail
5. Historia
6. Late At Night
7. Planet der Ringe
8. Val Sans Retour
9. Mirror Of The Fairy
10. Glaubst du?
11. Anything Goes
12. Ich bin die kleine Schnecke
13. Off Sun Through Walls
14. Illusion Leben
15. Why We Do Not Fly 2006
16. I´m On The Way

Christian Wögerbauer
Christian ist seit 2005 unser Vertreter der Österreicher Metalszene, rezensiert gern im Bereich Symphonic Metal, Doom, Melodic Death und auffallend gern Bands mit Sängerin. Genres: Symphonic Metal, Gothic Metal, Melodic Death Metal, Doom.