ALLEGAEON: Fragments Of Form And Function

ALLEGAEON: Fragments Of Form And Function

So richtig auf der Rechnung hatte ich ALLEGAEON anfangs nicht. Schlecht war „Fragments Of Form And Function“ bei weitem nicht, haltlose Begeisterung mochten die Amerikaner in mir dafür genauso wenig wecken. Doch wusste ich da noch nicht um das enorme Wachstumspotenzial, das diesem Debütalbum innewohnt. Was anfangs von mir noch als gewöhnlicher Death Metal der modernen Sorte vorschnell abgestempelt wurde, zeigte mit jedem neuen Durchlauf bis dato unbekannte Details auf. Kurz gesagt: Der Abwechslungsreichtum auf „Fragments Of Form And Function“ ist enorm.

Gestaltet sich der Einstieg mit den beiden kompromisslosen Wutgeschossen „The Cleansing“ und „The Renewal“ noch so, wie man es in letzter Zeit häufiger gewohnt ist – knüppelharte Blastbeats, Tempowechsel und leicht schwedische, an IMPIOUS erinnernde Riffs, die auf Melodieführung der Marke OBSCURA treffen – so weiten ALLEGAEON mit den folgenden Tracks ihr Spektrum gehörig aus und offenbaren so die verschiedensten Einflüsse.

Ich muss gestehen, am besten gefallen mir die Jungs immer dann, wenn sie etwas vom Gaspedal gehen und stattdessen eine dicke Portion Groove, gepaart mit einem immer noch walzenden Unterton, zum Besten geben. Vor allem „The God Particle“ setzt sich mit seinem nackenbrechenden Chorus hartnäckig in den Gehirnwindungen fest und gibt sich ähnlich wie „Across The Folded Line“ von BOLT THROWER sowie ILLDISPOSED inspiriert, ohne jedoch den technischen Ansatz über Bord zu werfen.

Auf „Fragments Of Form And Function“ steht der Song im Vordergrund

Überhaupt haben ALLEGAEON spieltechnisch einiges auf dem Kasten. Die Gitarrenfraktion Ryan Glisan und Greg Burgess besticht durch verspieltes Riffing und frickelige Soli, während Schlagzeuger Jordon Belfast abseits der ausgelutschten Standardpatterns ebenfalls zur Schau stellen darf, was er alles kann. Dennoch steht auf „Fragments Of Form And Function“ der Song im Vordergrund – es bekommt also lieber eine simple, doch enorm bereichernde Melodie den Vorzug als Profilierungsversuche in Form von selbstgefälligem Technikgeschrubbe. Nur so kann ein Achtminüter wie das fantastische „Accelerated Evolution“ einen dank cleveren Synthesizern und Leadgitarren komplett gefangen nehmen.

Aber keine Sorge, wie bereits erwähnt bewegt sich „Fragments Of Form And Function“ auch dann noch auf hohem Niveau, was von den leicht verspulten Stromgitarren in „Biomech – Vals No. 666“ nur untermauert wird. Fantastische Arbeit leistet übrigens Sänger Ezra Haynes, welcher in seiner aggressiven Performance viel Wert auf eine deutliche Artikulation legt, so dass die intelligenten Texte über philosophische und ethische Fragestellungen nahezu glasklar wiedergegeben werden. Zweifellos eine der stärksten Vocalleistungen im Death Metal seit langem.

ALLEGAEON zeigen viele Gesichter

ALLEGAEON gelingt mit ihrem Debüt eine regelrechte Überraschung. Auf der Grundlage einer kühlen und mechanischen Produktion, die der Platte mit seiner interessanten Thematik übrigens ausgezeichnet zu Gesicht steht, vermengen die Amerikaner schiere Brutalität und technische Präzision wie in „From Seed To Throne“ mit eingängigen und melodischen Elementen nach schwedischem Vorbild („A Cosmic Question“). Herausgekommen ist „Fragments Of Form And Function“, ein Werk mit vielen Gesichtern. Eines, das mit der Zeit wächst und erst nach einigen Durchläufen alle ihm eigenen Facetten offenbart. Für die puristische Knüppelfraktion mag das vielleicht unbefriedigend und zu sehr verwässert sein, für das Genre ist dies aber eine echte Wohltat.

Veröffentlichungstermin: 16.07.2010

Spielzeit: 53:45 Min.

Line-Up:

Ezra Haynes – Vocals
Ryan Glisan – Guitars
Greg Burgess – Guitars
Corey Archuleta – Bass
Jordon Belfast – Drums

Produziert von Dave Otero
Label: Metal Blade

ALLEGAEON „Fragments Of Form An Function“ Tracklist

01. The Cleansing
02. The Renewal
03. Across The Folded Line
04. The God Particle
05. Biomech – Vals No. 666 (Video bei YouTube)
06. From Seed To Throne
07. Atrophy Of Hippocrates
08. Point Of Disfigurement
09. A Cosmic Question (Lyric-Video bei YouTube)
10. Accelerated Evolution

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.