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DAS METAL-UTENSIL DES MONATS: ´Wenn du nicht weißt, was es ist, nenn´ es Progmetal!´

DAS METAL-UTENSIL DES MONATS: ´Wenn du nicht weißt, was es ist, nenn´ es Progmetal!´

Man sollte meinen, des Metallers liebstes Kind wäre wahlweise die arschlange Matte, die CD-Sammlung oder der mittlerweile schon selber Metal hörende eigene Sprößling. Doch weit gefehlt. Wirklich ans Eingemachte geht es ausschließlich in der Diskussion über Musikstile. Daher ist das Metalutensil dieses Monats die Schublade. Sie bestimmt Denken, Kleidung und Musiksammlung aller Metaller, sei es durch Konventionen oder das Brechen von Konventionen. Keine noch so junge, frische Nachwuchsband kann ihr entrinnen. Doch wer will das schon? Gerade die Bands, die darauf beharren, sämtliche Konventionen zu brechen und sich in keine Schublade zwängen zu lassen, erschaffen sich selbst unvergessliche Monumente der Stilbeschreibung. Darf es ein wenig Cyber-Nano-Blast-Metal sein? Oder lieber eine Portion True-Aquaristic-Post-Success-Nothing-Metal? Auch zu öde? Na, dann viel Spaß mit Supreme-Epic-Emotional-Downbeat-Oldschool-Nu-Core! Erstaunlich daran, dass verblüffend oft die Zahl der Bandmitglieder mit der Anzahl der genannten Adjektive übereinstimmt…während die Anzahl der bereits geschriebenen und eingeprobten Songs eher gegen Null tendiert. Schnellt letztere dann doch allen Widrigkeiten zum Trotze nach oben, so folgt meist eine Phase des Progmetals, denn nun können die Musikusse schon mehrere Tonleitern und sogar einen 5/4-Takt, weil der Drummer nicht weiß, wo der Beat aufhört. Mit der Bezeichnung „Prog“ entbindet man sich sämtlicher stilistischer Vorgaben und ist nicht länger verpflichtet, all die mühsam über Jahrzehnte hinweg aufgebauten Konventionen, die einem das Songschreiben erleichtern und das Betreten von bereits ausgelatschten Sackgassen verhindern, zu beachten.

Doch letztlich ist die Schubladisierung von Musik nicht auf hoffnungsfrohe Newcomer beschränkt. Im doppelten Sinne wahre Glaubenskriege werden immer wieder von dem kleinen, unschuldigen Wörtchen „true“ entfacht, mit der Bezeichnung „oldschool“ kann man locker eine zünftige Kneipenschlägerei anzetteln, und was nun „black“ ist und was nicht, tja, das sagt euch gleich das dunkle Licht – aufmerksamen vampster-Lesern dürfte die Diskussion hierüber auf dem Messageboard noch allzu gut im Gedächtnis sein. Am allerschlimmsten dabei: ständig kommen neue Genres hinzu, ständig sind selbst die truesten der truen Spielarten einem Wandel in der Definition unterworfen. Ihr dachtet, ihr wüsstet, was Power Metal ist? Tja, vor 16 Jahren firmierten PANTERA mit ihrem Album „Power Metal“ unter eben diesem Siegel. Selbst „A Vulgar Display of Power” (da isse schon wieder, die Power…) wurde in einem nicht ganz unbekannten deutschen Metalmagazin noch als Prototyp dafür, wie Power Metal ab sofort zu klingen habe, angeführt. Und mal ehrlich, Phil Anselmo singt nun wirklich kein Falsett…

Doch woher stammt diese Faszination an der Ein- und Unterteilung, die sogar zu einem fünfbändigen Heavy Metal-Lexikon von Matthias Herr führte? Dort werden unter anderem neben etlichen alphabetisch angeordneten Bandvorstellungen vom Megaseller bis zum kleinen musikalischen Irrlicht die arrogantesten, muskulösesten, verwirrtesten, erfolgreichsten und asozialsten Musiker gekürt, die melodischste, überbewertetste, kontroverseste und beliebteste Band gesucht und exakt recherchierte („Bullshirt. Hab´ da unten mal (neben vielen anderen Artikeln) zwei metallische SLAYER-Pins bestellt (je 9,95). Bei Lieferung fehlte einer. Bei der nächsten Bestellung kurze Notiz mit reingelegt, und die Brosche wurde anstandslos nachgeliefert“) Überblicke über die deutsche Metalindustrie (Magazine, Mailorder, Labels etc.) geboten. Aber das schönste daran: Bei all diesen Einschätzungen und vor allem bei der stilistischen Einordnung und Beurteilung der jeweiligen Band konnte man sich so richtig schön an die Birne fassen und einfach mal nächtelang entrüstet was ganz anderes meinen. Erst recht witzig wird die Lektüre mit zehn Jahren Abstand…im Handel sind die Teile leider nicht mehr erhältlich, wie es scheint, aber vielleicht findet ihr die Ausgaben ja mal bei einer Web-Versteigerung…es lohnt sich, denn bei aller belächelbaren Naivität kommt bei diesem Trip in die Vergangenheit eine angenehme, unterhaltsame Nostalgie auf. Da kann man nochmal die Qualen durchmachen, die manch einer beim Hören vom Poseralbum „…And Justice for All“ („dröges Busineß-Einerlei“) damals empfunden hatte, man erfährt, dass die schweizer Knüppelknechte MESSIAH „vom musikalischen Können ganz einsam dort oben an der Spitze“ sind (sic!), und man wird Zeuge der Prophezeihung bzw. Drohung, dass MANOWAR bleiben werden.

Wer ist verantwortlich für diesen Schubladenwahn? Sind es die Schreiberlinge, die danach lechzen, alles stilistisch einzutüten, was nicht bei „one, two, three, four“ auf den Bäumen ist? Sind es von nächtelangen Promo-CD-Versand geschädigte Labelpraktikanten, die sich mit schweren Augenlidern abstruse Stilbeschreibungen aus den Fingern saugen? Sind es Musiker, die sich nicht mit schnöden Etikettierungen abfinden möchten und daher so ziemlich jedem einzelnen Riff ein neues Genre widmen? Oder ist es vielleicht einfach die Liebe zur metallischen Musik, die uns fieberhaft suchen lässt nach Einstufungen und musikalischem Verstehen, die uns dank einer „Das nennst du Thrash? Ich zeig´ dir mal was Neues, hömma, DAS ist Thrash!“-Erfahrung neue Geheimtipps entdecken lässt, die Musiker dazu anspornt, je nach Gusto eine Schublade besonders exakt auszufüllen oder dem Metal neue Facetten zuzufügen, indem Genregrenzen bewusst überschritten werden?