ULVER und ZWEIZZ am 1. April 2011 im Backstage, München

"Wars Of The Roses" live – auf der Bühne ebenso schwierig, wie im heimischen Wohnzimmer.

 

Was für ein Tag. So chaotisch und ärgerlich, bis wir voller Vorfreude schon sehr früh im Auto sitzen und schon um kurz nach 5 am Backstage sind. Dann ein Interview mit Daniel O´Sullivan, schließlich in Richtung Gärtnerplatz, weil wir im Kopfeck zu Abend essen wollen. Das schließt aber tags darauf, deshalb ist es so voll, dass kein Platz mehr ist. Neuer Versuch, wo anders Futter zu finden, das kostet uns aber genau eine halbe Stunde. Warum ich mit solchen Details langweile? Das ist genau die halbe Stunde, die ZWEIZZ spielen. Wir treffen beim wieder Ankommen am Backstage ein paar verstörte Leute, auch ein paar Belustigte, aber ich ärgere mich schon irgendwie, dass ich nicht gesehen habe, wie dieser verrückte Norweger pausenlos in ein Klo schreit, all das verzerrt, und damit die Leute anpisst.
Nun aber auf ULVER warten, die Band, die letztes Jahr für die größte Gänsehaut gesorgt hat, die man von einem Auftritt kriegen kann. Die so eigensinnig wie poetisch ist. Von deren Stil und Charakter einfach alle anderen Bands lernen können. Nun haben diese Musiker mit ihrem neuen, sehnlichst erwarteten Album Wars Of The Roses nicht ganz das neue Meisterwerk parat, das sich alle erhofften, sondern suchen viel mehr nach einer neuen Identität, als Live-Band ULVER. So schwierig sich das Album stellenweise zu Hause gestaltet, so bin ich voller Hoffnung, dass es live überwältigend werden wird, auch trotz Momente, die dabei Schwierigkeiten machen können.

 ULVER
Mehr im Vordergrund der Show als auf der letzten Tour – ULVER und ihre neue visuelle Präsentation.

Um kurz vor neun beginnen ULVER mit ihrem Auftritt, der – es hat sich schon herumgesprochen und keinen verwundert es – aus dem ganzen neuen Album besteht, wenn auch hier in leicht veränderter Reihenfolge. Beginnend mit February MMX, das als erstes veröffentlichtes Stück des Albums schon etwas befremdlich wirkte, hat es sich inzwischen in meinem Herzen gesichert, zusammen mit dem Großteil des neuen Materials. Dabei fällt die Reduktion der Optik deutlich auf, statt großer, symbolträchtiger Bilder gibt es nun repetitive, simple optische Untermalung als Projektionen. Deshalb steht auch die Band selbst mehr im Vordergrund, vielleicht liegt das aber auch an der relativ kleinen Bühne im Backstage, die für die ganzen Instrumente und Gerätschaften nicht wirklich viel Platz beherbergt und auch nicht hoch genug ist, um die Projektionen von der Band etwas abzuheben.

Immerhin, die Songs werden mit Hingabe dargeboten. Wer findet, dass Kristoffer Rygg demotiviert erscheint, der vergisst, dass es ein Musiker ist, der sich Jahre geweigert hat, die Bühne zu betreten und sich dort immer noch etwas unsicher verhält. Seine Stimme ist heute Abend nicht hunderprozentig sicher, er zeigt sich außerdem als Teil einer Einheit, die generell mit kleinen Macken zu kämpfen hat. Dennoch, der Großteil der Instrumentalisten, allen voran Schlagzeuger Tomas Pettersen, leistet großartige Arbeit, und auch auf Multiinstrumentalist Daniel O´Sullivan ist Verlass. So werden auch auf Platte schwächere Songs wie Island, Norwegian Gothic live zum Erfolg, vor allem aber das sagenhafte Providence und überraschenderweise auch Stone Angels, vor dem ich im Vorfeld eigentlich große Bedenken hatte, werden zum Genuss. Schön ist auch September IV, das gegen Ende wundervoll ausgedehnt wird und einen herrlichen Improvisationsteil zu gleißendem Licht bietet. Nach dem gut einstündigen Hauptset kehren ULVER auf die Bühne zurück, Rygg kündigt an, dass jetzt Nattens Madrigal am Stück gespielt wird, doch als sich der frenetische Applaus der trven Besucher legt, verweist er darauf, das heute der 1. April ist – und ULVER spielen die übliche Zugabe dieser Tour, Hallways Of Always von Perdition City, das von den Fans wie erwartet am allermeisten abgefeiert wird.

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Zurückhaltender, gefühlvoller Frontmann – Kristoffer Rygg.

 Zu einem unter die Haut gehenden Konzert gehört natürlich mehr als nur eine gut eingespielte, motivierte Band, intensives Songmaterial und in diesem Fall auch teils wirklich wunderschöne Visuals, wie zu Sepember IV und vor allem Norwegian Gothic, es gehört auch das richtige Ambiente dazu. Auf ROTTEN SOUND in einem Rockclub freue ich mich sehr, aber bei ULVER möchte ich eine große Bühne haben, idealerweise in einem Theater, eine große Leinwand und auch eine Sitzgelegenheit. Damit wird es automatisch unterbunden, dass irgendwelche verstandfreien pubertären Metaller und ihre Bräute, die plötzlich überrascht sind, dass keine Black Metal-Band auf der Bühne steht und sich langweilen, pausenlos vor meiner Nase Trinkspiele und Herumgeprolle ablassen müssen. Ich hoffe, diejenigen wissen, dass sie gemeint sind, falls sie das lesen. Das alles trübt den Eindruck des Konzerts durchaus und führt zur Konsequenz, dass ULVER nur dann richtig gut sind, wenn sie sich rar machen, dadurch die Extravaganz zurück holen und darauf verzichten, eine normale Rockband zu sein.

 ULVER
Tapferer Kampf gegen Verlust der Extravaganz durch einen profanen Rockclub als Auftrittsort: ULVER im Backstage, München.

Aber bitte nicht missverstehen, ich muss mich schon vor meiner Mrs. Chaos rechtfertigen, streng mit ULVER ins Gericht zu gehen. Sie bieten eigenwillige Magie, sie sind so sehr Künstler, wie wenige andere Formationen dieser Tage, da sie einfach sich selbst gegenüber Konsequent sind und nicht ihrem Publikum dienen, auch wenn Argumente wie relativ kurze Spielzeit für einen hohen Preis von knapp 30 € sehr stichhaltig sind. Und natürlich, das Material von Shadows Of The Sun hätte heute Abend niemandem weh getan, im Gegenteil. Und nur weil wir in den Siebzigern noch Brei waren und nicht dabei waren, hat es sich auch bis zu uns herumgesprochen, dass es damals Bands gab, die ellenlange Auftritte spielten und in diesem Zug mehr als zwei komplette Alben präsentierten. So ist dieser Abend für mich und auch den Großteils des Publikums wohl verbesserungsfähig, für die eigenwilligen Musiker hinter ULVER aber hoffentlich die Erfüllung ihrer künstlerischen Aspirationen.

Setlist ULVER:
February MMX
England
September IV
Norwegian Gothic
Island
Providence
Stone Angels

Hallways of Always

Fotos: (c) Florian Schneider