MOTÖRHEAD, MORBID ANGEL, TODAY IS THE DAY – San Diego, 4th&B, 19.05.2002

Einmal Ohrenputzen bitte!

Ich werde es wohl nie schaffen, TODAY IS THE DAY mal live zu sehen. Schon öfters waren sie Vorband bei Gigs, die ich besucht habe, doch just immer dann war ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nicht pünktlich vor Ort und Stelle. So auch diesmal. Auf Grund eines Strandspaziergangs im Torrey Pines State Park und gesteigerten Nahrungsbedarfs betrat ich direkt nach dem TODAY IS THE DAY-Auftritt das 4th&B, einen raffiniert angelegten Club mitten in Downtown San Diego. Nach einer kurzen Umbaupause fegten sodann MORBID ANGEL den letzten Rest Sand aus den Gehörgängen. Laut war es, höllisch laut, doch stets differenziert, so dass Knaller wie mein MORBID ANGEL-Fave Dawn Of The Angry, Maze Of Torment und das gute alte Immortal Rites mit geradezu mörderischer Präzision das Publikum erstmal staunend gaffen ließen, bevor ein riesiger Moshpit losbrach. Eigentlich war ich bis zu dem Abend bei allem Wissen um die Livequalitäten der Jungs aus Florida nicht unbedingt der größte Fan der Band, doch an diesem Abend kannte meine Begeisterung kaum Grenzen. Die morbiden Engel entfachten einen Höllensturm, gegen den all die Blackmetal-Acts trotz bereits weißem Make-up noch mehr erblassen dürften. Pete Sandoval ist an den Drums einer der wenigen, der von Mike Terrana den Ausspruch Ich bin eine verdammte Maschine! übernehmen dürfte, ohne deswegen der Überheblichkeit bezichtigt werden zu können, während die Saitenfraktion bangte, was das Zeug hielt, und ebenfalls ungemein tight einen Deathmetalkracher nach dem anderen runterzockte. Sicher, Trey Azagthoth ist manchmal etwas solo- und selbstverliebt, aber an diesem Abend stimmte das Verhältnis, so dass die Band homogen wie nie zuvor rüberkam. Ich war jedenfalls mit Sicherheit nicht der Einzige, der sich wie von einem Panzer überrollt vorkam und das auch noch genossen hatte! Selbst wenn ich mittlerweile nicht mehr Chapel Of Ghouls hören kann, ohne dabei mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Sleazeversion von STIKKI FYKK denken zu müssen, hehe…

MOTÖRHEAD. Laut. Rock´n´Roll. Das ist das, was man für gewöhnlich von einem MOTÖRHEAD-Konzert erwartet, oder sehe ich das falsch? Vielleicht noch einen extrem hoch gehängten Mikroständer… Nun, von alledem sollte das Publikum in Lemmys Wahlheimat Kalifornien an diesem Abend mehr als genug bekommen. MOTÖRHEAD spielten nämlich weitaus länger als üblich, nachdem der Gig der letzte der Tour war (bei MORBID ANGEL versuchte Wurzel bereits, Pete Sandoval mit witzigen Beckenputzaktionen im Bademantel aus dem Konzept zu bringen, hehe…). MOTÖRHEAD spielten meinem Empfinden nach auch noch lauter, als sie das normal eh schon tun – zumindest leuchteten gegen Ende des Konzerts auf dem Mischpult schon beim kleinsten Huster von Lemmy alle roten Warnlämpchen grell auf. Und schlussendlich waren MOTÖRHEAD auch mehr Rock´n´Roll als üblicherweise, da sie enorm viele ältere Kamellen auspackten, die weniger mit Metal zu tun hatten, sondern mit schlichtem, coolem Rock´n´Roll bestachen, natürlich ebenso geprägt von Lemmys Stimme wie die Evergreens Ace Of Spades, No Class und die neueren Songs, die jedoch eher ein Randgruppendasein im Set darstellten. Einer der Höhepunkte war die knackig-kurze Punkverbeugung Ramones, gewidmet den verstorbenen Joey Ramone und Layne Staley. Durchatmen ließen die Krawallbrüder aus England nicht zu, selbst bei Mickey Dees superbem Drumsolo, bei dem man alle Drummer im Publikum an den ungläubig geweiteten Mündern erkannte, bekamen die Leute kaum Gelegenheit, ihren Ohren Erholung von den schrillen Gitarrensoli und dem tödlichen Basssound zu gönnen. Nach dem Konzert sah man jedenfalls vor dem Club viele Leute, die ungläubig ihr verbliebenes Gehör testeten und doch glücklich drein schauten, denn MOTÖRHEAD waren an diesem Abend so frisch und mitreißend, wie es keine andere Rockband in dem Alter noch schaffen würde. Eben MOTÖRHEAD, laut und Rock´n´Roll!