MORBID ANGEL: Illud Divinum Insanus

Das Alphabet wird reformiert – es endet mit dem Buchstaben "h".

Senilität im Hause MORBID ANGEL? Zugegeben, die Erwartungen für dieses Album waren, nachdem Heretic ja eher mies und mit Dave Vincent auch wieder der unsympathischste Frontmann der Musikwelt – neben Kevin Russell vielleicht – mit an Bord ist, ungefähr auf Höhe der Bordsteinkante. Gut, ich gebe zu im Redaktionsforum ein erstes so schlimm ists gar nicht losgelassen zu haben, aber nur aufgrund des typischen MORBID ANGEL-Songs Nevermore. Was da noch alles kommt, stinkt teilweise schlimmer, als das, was morgens in der Toilette landet. Aber natürlich, ich bin ja nur ignorant und gestehe niemandem eine Weiterentwicklung zu (Denkst du das, bitte andere Artikel von mir lesen). Aber Radikult beweist, dass hier wirklich jemand ganz arg abgestürzt ist. Vielleicht hätte ich mir im Vorfeld nicht wieder mal Altars Of Madness, Blessed Are The Sick und Covenant anhören dürfen. Aber Radikult, diese Komposition, zwischen ROB ZOMBIE und MARILYN MANSONs The Beautiful People mit einem Dave Vincent, der schon zehn Jahre in der Midlife-Crisis steckt und einem völlig planlosen, weil mental kaputten, Trey Azagthoth, ist zum Brüllen komisch. Sofern man einen etwas bizarren Humor hat.

Aber das war ja nur die Spitze der Eisbergs, darunter verbirgt sich ein wenig Hoffnung, aber auch noch mehr Schrecken. Zwischen dem besten Song Nevermore, der eine gute MORBID ANGEL-Standardnummer ohne großes Ideenreichtum ist, und der Comedyeinlage Radikult ist noch jede Menge Platz für weiteren Sinn und Unsinn. Nach einem Intro, das nach Martial Industrial mit einem schlecht von NILE geklauten Chorus klingt, beginnt das Album mit dem furchtbar betitelten, weil sich selbst überschätzenden, Semi-Industrialsong Too Extreme!, der elektronische Stampfrhythmen, die in den Neunzigern schon kitschig waren, mit RAMMSTEIN verbindet und vor allem furchtbar langweilt. Kein Wunder, dass Illud Divinum Insanus gleich zu Beginn unter einem schlechten Stern steht. Das wird aber wieder aufgegriffen, Destructos Vs. The Earth / Attack steht dem in nicht viel nach, es ist nur noch tanzbarer und belangloser und kann auch trotz dem chaotischen Abschluss, in dem Tim Yeong mal zeigen darf, wie schnell er ist, nicht mehr als ein Gähnen erzeugen.

Immerhin, für ein paar Songs ist Besserung in Sicht. Existo Vuloré und Blades For Baal sind zwei typische MORBID ANGEL-Stücke, die weder Akzente setzen können und weit hinter Klassikern wie Blessed Are The Sick oder Covenant zurück bleiben, aber immerhin auch nicht schlechter als das Material von Heretic sind. Unterdurchschnittlich wird es hingegen bei den gequält wirkenden Nummern 10 More Dead und Beauty Meets Beast. Danach setzt erneut der Schrecken ein, I Am Morbid ist eher Sleaze Rock, bei dem sich David Vincent in seiner Selbstverliebtheit suhlen kann. Ein Fall für Oldieparties, wäre es nicht zu hart. Durch das abschließende Profundis – Mea Culpa (in einem anderen Review wurde bereits der Verdacht geäußert, es handele sich hierbei um eine Entschuldigung bei den Fans für dieses Album) endet Illud Divinum Insanus so farb- und ideenlos, wie es begonnen hat – aber immerhin mit schnellen Gabberbeats.

Doch seien wir nicht ungerecht. Tim Yeongs Drumming ist zwar eine pure Kopie von Pete Sandoval, aber immerhin ist er hörbar der einzige Mitwirkende auf Illud Divinum Insanus, der wirklich sein Bestes zu geben scheint. Aber auch Dave Vincent liefert zumindest eine ordentliche Gesangsleistung ab, seine Stimme ist und bleibt eben doch mächtig. Nur leider werden diese beiden positiven Aspekte zunichte gemacht, einerseits durch das unwahrscheinlich misslungene, lieblose Songwriting, andererseits durch das konfuse bis kraftlose Songwriting, das sogar die letzte CRYPTOPSY erblassen lässt. Trey Azagthoth erweist sich als uninspirierter, müder Musiker, dem es wohl egal ist, welche Qualität er abliefert. Und wie schon auf Heretic ist auch dieses Mal die verwaschene, drucklose Produktion nicht gerade schmeichelnd für die Musik der Death Metal-Band. Sie ist genauso lieblos wie die Musik es eben ist.

Illud Divinum Insanus ist vor allem eines: Eine Stunde Fremdschämen. Visionäres Songwriting ist hier ebenso wenig gegeben wie das mutige Verschmelzen von Genres. MORBID ANGEL haben sich selbst an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, obwohl es für alle Beteiligten besser gewesen wäre, wenn nach Heretic die Euthanasie eingeleitet worden wäre. Gut, vielleicht bin ich negativ eingestellt, vielleicht habe ich Vorurteile gegenüber David Vincent, der ja jetzt wieder zu den Guten gehört und seine Naziaussagen total bereut. Vielleicht ist Illud Divinum Insanus aber objektiv gesehen nur ein schlechtes Album. MORBID ANGEL schreiben jedenfalls das Alphabet neu. Es endet mit dem Buchstaben h.

Veröffentlichungstermin: 10. Juni 2011

Spielzeit: 58:15 Min.

Line-Up:
David Vincent – Vocals, Bass, Keyboards
Trey Azagthoth – Guitars  
Destructhor – Guitars
Tim Yeung – Drums  

Label: Season Of Mist

Homepage: http://www.morbidangel.com

MySpace: http://www.myspace.com/morbidangelofficial

Tracklist:
1. Omni Potens
2. Too Extreme!
3. Existo Vulgoré
4. Blades for Baal
5. I Am Morbid
6. 10 More Dead
7. Destructos VS the Earth / Attack
8. Nevermore
9. Beauty Meets Beast
10. Radikult
11. Profundis – Mea Culpa