GOTTHARD: Nürnberg, Löwensaal, 21. Mai 2006

GOTTHARD: Nürnberg, Löwensaal, 21. Mai 2006

Dass GOTTHARD aus der kleinen aber feinen Rocknation Schweiz in der Online-Enzyklopädie Wikipedia als Popband geführt wird, hat sich die Band selbst zuzuschreiben. Anfang der 90er-Jahre als solide Hardrocker im Windschatten der Vorbilder und Ziehväter KROKUS gestartet, mutierte die Truppe zum Millennium hin zusehends zu einer grauenhaft glattgebügelten Balladenkapelle mit Hang zum schwülstigen Pathos. Seit ein paar Jahren sieht man das im Bandcamp glücklicherweise ähnlich, hat prompt den Rückwärtsgang eingelegt und die Stromgitarren wieder lauter gedreht — wie zuletzt die aktuelle Live-CD/DVD Made in Switzerland eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Gute Entscheidung. Auch beim Gastspiel im voll besetzten Löwensaal wird gerockt und geschwitzt wie früher und das Publikum Zeuge einer dynamisch-knackigen Hardrock-Show, wie sie perfekter nicht sein könnte. Die obligatorische Kuschelrock-Einlage kommt zwar nach wie vor äußerst pomadig, ist jedoch auf ein erträgliches Maß zusammengeschrumpft.

Trumpf des Abends ist ohne Frage Steve Lee – ein Ausnahmesänger nicht nur im europäischen Vergleich. Mit so einem Goldkehlchen kommt man wahrscheinlich nicht umhin, eine Karriere als Rockröhre einzuschlagen. Lees einstige Hebamme im wunderschönen Kanton Tessin soll sich Gerüchten zufolge noch heute ins Knie beißen, dass sie den ersten Schrei des neuen Erdenbürgers seinerzeit nicht auf Tonband festgehalten hat.

Völlig affig kommt in dieser Nacht jedoch die Kommunikation mit dem Nürnberger Publikum daher. Wie auf Tonträger hält Lee seine Ansagen mal wieder konsequent auf Englisch. Was bitteschön soll uns das sagen? Dass der eidgenössische Exportschlager in Wahrheit längst ein Globalplayer ist?

Längst bekannt. Sei’s drum. Im Gegenzug drückt GOTTHARD an diesem Abend kristallklar aus den Boxen und stellt unter Beweis, dass es auch im viel geschmähten Löwensaal ohne Soundbrei geht. Und eine derart kompakte Hammerversion von LED ZEPPELINs Immigrant Song als finale Zugabe muss man auch erst mal hinkriegen. Respekt!

gnadiator
Stef (aka “gnadiator”) steuert seit 2002 immer wieder Konzertberichte, Interviews, Reviews oder Filmkritiken bei.