VIRGIN STEELE: Rock Among The Ruins (Bandhistory)

VIRGIN STEELE:  Rock Among The Ruins (Bandhistory)

Eigentlich entstand die Geschichte von Virgin Steele auf einem Berg in Griechenland, namens „Olymp“. In grauer Vorzeit die Schmiede sehr vieler bombastischer Legenden. Überraschenderweise bietet die Karriere von Virgin Steele fast schon verwandtschaftliche Kontakte zu den alten Griechensagas, wenn es um Elemente wie Göttlichkeit, Tragik, Kunst und tiefste Gefühle geht.

Wesentlich nüchterner ging es aber in der Wirklichkeit zu. New York City – Oktober 1981 …. in Europa brennt die NWOBHM und in der Weltmetropole an der Ostküste der USA rotten sich 4 Musiker zusammen, um es mit einer jungen Band namens Virgin Steele den Briten gleich zu tun. Die 4 Metalheads hören auf die Namen David DeFeis (v./key.), Jack Starr (g.), Joe O´Reilly und Joey Ayvazian (d.). In diesen Tagen entsteht parallel an den unterschiedlichsten Orten des nordamerikanischen Kontinents der sogenannte U.S. Metal und Virgin Steele tragen mit ihrem ersten selbstbetitelten Album bereits ein Jahr nach Bandgründung einen wesentlichen Teil dazu bei. Es gab kein Demo, die Band ging mit einem Aufnahmebudget von ca. 1000 Dollar direkt in die erste Albumproduktion. David DeFeis erinnert sich: „Ein paar völlig durchgeknallte Typen gingen zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Studio und versuchten sich an musikalischer Verwüstung, hehe. Es machte total Spaß die Stücke live einzuspielen…in nur 7 Stunden“. Eine der 5000 Kopien brachte den Plattenvertrag mit Music For Nations in Europa – die erste Veröffentlichung dieses Labels überhaupt. In der Heimat unterschrieb man beim Indie Mongol Horde. 1983 erblickte mit „Guardians Of The Flame“ und kurz darauf der EP „Wait For The Night“ (USA, Mongol Horde) bzw. nur leicht davon abweichend „A Cry In The Night“ (Europa, MFN) der zweite und dritte Streich das Tageslicht. Mit Beiträgen auf den wichtigsten Compilaton-Serien dieser Tage, auf „U.S.Metal II“ (Shrapnel Records, 1982) und „Metal Massacre III“ (Metal Blade, 1983) schienen die besten Zeichen für eine Erfolgsstory gesetzt.

In den Jahren 1984-1985 durchlebte Virgin Steele eine bis heute entscheidende Entwicklung. Gitarrist Jack Starr musste die Band verlassen. Damit wurde David DeFeis aufgrund seiner ausgeprägten Persönlichkeit und seiner erstaunlichen musikalischen Fähigkeiten zum Alleinherrscher Virgin Steeles. „Nummer 2“ wurde der junge Gitarrist Edward Pursino. Er schweißte sich fest ins Bandgefüge ein und ohne ihn würden Virgin Steele heute ebenso wenig noch bestehen, wie das ohne Mr. DeFeis der Fall wäre. „Edward brachte für mich frischen Wind in die Gruppe. Sein Vorgänger war nichts gegen ihn. Er war ein guter Gitarrist, aber er konnte die Songs, die ich geschrieben habe, nicht spielen. Edward konnte das, wir konnten zusammen Songs schreiben. Es war eine neue Arbeit…seitdem eine großartige Zeit“ kommentiert David den damaligen Neueinsteiger. Edward war David seit langer Zeit ein Begriff: „Eines Tages hatte ich mit einer meiner früheren Bands ein Vorpielen für einen Highschool Tanz. Wir spielten ‚War Pigs’ und Edward war dort. Wir trafen uns wieder und kamen über den Song ins Gespräch. Er hatte die gleiche Art von Schuhen wie ich (David ist Liebhaber von kitschigen Cowboystiefeln – d. Verf.) und auch lange Haare. Bester Beweis für die gleiche Gesinnung. Gitarre spielen konnte er auch und wir trafen uns daraufhin öfters. Ein wirklich netter Bursche, der verdammt gut Gitarre spielen kann. Er ist die helle Seite an meiner Dunkelheit. Er ist der Sonnenschein…ich bin der Mond, hahaha….“.

„Noble Savage“ nennt sich das erste Album dieser Kooperation und es kommt im Vergleich zu den anderen Mitt-achtziger Werken heute noch einem Wolkenbruch an Kreativität gleich. Das Album erschien 1985 über Cobra in den USA und Steamhammer/SPV in Europa. Die harte Vorbereitung hatte sich gelohnt. Zuvor war noch nie ein solch epischer, harter, gefühlsbeladener Heavy Metal aus der Unterwelt hervorgekrochen. Majestätisch, wenn auch nicht ganz zeitunabhängig schmettern Up-Tempo Kracher wie ‚Fight Tooth And Nail’ oder ‚We Rule The Night’, gekrönt von der unglaublichen bombastischen Titelhymne jeden Zweifel über die Genialität von Virgin Steele nieder. „Noble Savage“ ist und bleibt ein Meisterwerk….bis heute.

Make It Or Break It – der alte Wahlspruch, wenn es um das dritte Album einer Band geht traf die Band und Virgin Steele waren vorbereitet. Es folgten Tourneen durch Europa und Nordamerika im Vorprogramm von u.a. Black Sabbath, Motörhead, Manowar, Riot, Twisted Sister und Krokus. Doch in Zeiten wie dieser steigt auch der Druck auf eine Band. Zuviele Businesspeople wollen mitreden. Das gipfelte in offenen Streitereien mit dem Engineer des nächsten Albums „Age Of Consent“. 1988: Glam Rock und Thrash Metal überrannten die Szene. Es gab keinen Platz mehr für anspruchsvollen Power Metal. Virgin Steele wurden genauso wie Jag Panzer, Riot, Exxplorer, Raven, Anvil, Vicious Rumors, uva. den Trends geopfert. David: „Age Of Consent … die schrecklichste Zeit meines Lebens. Es war ein ständiger Kampf. Alle wollten auf einmal Zeug wie Bon Jovi und Mötley Crue von uns hören. Es war eine sehr schmerzhafte Zeit in der Karriere der Band“. Eine Zeit an der Virgin Steele zerbrach und in der Versenkung verschwand….

Es gab erst wieder 1993 ein neues Lebenszeichen der New Yorker. Vergessen waren Virgin Steele noch nicht, besonders nicht in Europa. Und deshalb trudelte irgendwann ein Angebot für ein neues Album vom deutschen Label Shark bzw. T&T Records im Hause DeFeis ein, und „Life Among The Ruins“ wurde gezeugt. „Wir gingen zurück zum Ursprung, dem Spaß am Musikmachen. Wir schrieben die Songs vorerst nur für uns, ohne die Absicht, eine Platte daraus zu machen…Ich liebe dieses Album…“ David in his own words und Edward ergänzt: „Wenn wir „Life Among The Ruins“ nicht gemacht hätten, hätten wir den ersten Teil der Marriage-Alben auch nicht gemacht. Man muss gewissen Dinge tun, um andere daraus entstehen zu lassen.“

Virgin Steele hatten wieder Blut geleckt, doch erst im Jahr 1995 – zehn Jahr nach „Noble Savage“ – startete die Band wieder ins Profigeschäft. Der erste Teil der „Marriage Of Heaven And Hell“ Saga rüttelte erstaunlich bombastisch an den Gehörgängen der Metalfans. David: „Ich war damals wieder an der Universität um zu studieren. Ich kam wieder in die ganze Kompositionstheorie, fand wieder Spaß an der klassischen, epischen Seite der Musik, wie früher schon. Eines Tages saß ich mit Ed im Auto und sagte ‚Lass uns was absolut Monumentales, Phantastisches schaffen’. Die Folge war „The Marriage Of Heaven And Hell“ Teil 1 und 2“. Das war der Ausgangspunkt für die zweite entscheidende Entwicklung in der Karriere von Virgin Steele.

Mit dem zweiten Teil dieser Konzeptstory setzten Virgin Steele noch einen drauf und überzeugten auch den letzten Zweifler von der Genialität und Klasse der zwei Hauptakteure David DeFeis und Edward Pursino. Es folgten Tourneen (u.a. mit Uriah Heep), Festivalauftritte (Wacken und BYH) und natürlich weitere Alben. Überhaupt schienen Virgin Steele von Neuveröffentlichungen nie genug zu bekommen. So lässt sich die Discographie neben den weiteren hochwertigen und bis an den Rand mit Bombast Metal vollgepackten neuen Alben „Invictus“ (1997), „The House Of Atreus – Act I“ (1999) und „The House Of Atreus – Act II“ (2000) und der EP „Magick Fire Music“ (2000) noch mit den Wiederveröffentlichungen von „Noble Savage“ und „Age Of Consent“ (beide mit reichlich Bonusmaterial) und ganz aktuell der BestOf „Hymns To Victory“ und dem neu aufbereiteten Material der Anfangstage auf „The Book Of Burning“ ergänzen.

Außerdem wurden die zwei textlichen Konzepte von „The House Of Atreus “ und „The Marriage Of Heaven And Hell“ in zwei Rockopern verpackt und in Zusammenarbeit mit dem Landestheater Schwaben unter den Titeln “Klytaimnestra – Der Fluch der Atriden“ (The House Of Atreus) und „Die Rebellen“ (Marriage….) mehrfach aufgeführt. Damit stehen Virgin Steele meilenweit vor ebenso genialen Bands wie Queensryche und Savatage, die ihrerseits ihre Opernkonzepte nie aufführen konnten.

Und es geht weiter, der Kreativität des Duos scheinen keine Grenzen gesetzt. Die so entscheidenden 80er Jahre waren rückblickend nur ein Schatten des wahren Potentials der Band. Die einzige Lücke, die im Bandgefüge bis heute nicht geschlossen werden konnte, ist das Line-Up. Außer Frank Gilchrist an den Drums gibt es seit 1995 immer wechselnde Musiker am Bass und selbst Frank musste auf der letzten Tour im Vorprogramm von Hammerfall vertreten werden.

Viele von Euch fragen sich jetzt vielleicht, wie das alles zu bewältigen ist und was so eine Band immer wieder voran treibt, denn der absolute kommerzielle Durchbruch ist noch nicht geglückt. Nun, in meinem letzten Interview konnte ich dieses Geheimnis lüften:

Edward: „Du musst in diesem Geschäft einen guten Sinn für Humor haben…“

David: „Und einen großen Vorrat an Kondomen, haha“

Und damit schließe ich die Chronik bis zum nächsten Kapitel. Ich freue mich schon auf die geplante Live CD und die DVD, die vermutlich die Metal-Opern enthalten wird.