THE ABSENCE: Zu wenig angesagt, um relevant zu sein

THE ABSENCE: Zu wenig angesagt, um relevant zu sein

THE ABSENCE sind irgendwo schon ein wenig außergewöhnlich. Obwohl die Band aus dem sonnigen Florida stammt, könnte man beim Genuss von Enemy Unbound schwören, die Jungs wären die verlorenen Söhne von AT THE GATESIN FLAMES. Und weil sie das, was sie tun, auch noch richtig gut machen, haben wir uns Gitarrist Patrick Pintavalle geschnappt, um ihm per E-Mail ein paar Hintergrundinformationen zu Band, Musikindustrie und natürlich Album zu entlocken.

Hallo und Glückwunsch zu eurem neuen Album Enemy Unbound, das ich gern gehört habe! Es ist euer drittes Album, das über METAL BLADE erscheint. Handelte es sich um einen klassichen drei-Alben-Vertrag, der jetzt erfüllt ist? Falls ja, könntet ihr euch vorstellen, diese Zusammenarbeit in Zukunft fortzusetzen?

Vielen Dank, ich freue mich, dass dir die Platte gefällt. Wir haben damals für einen vier-Alben-Vertrag unterschrieben mit der Option auf ein Fünftes. Aber das liegt dann bei METAL BLADE. Ich weiß nicht wie die Zukunft von THE ABSENCE im Endeffekt aussehen wird, da müssen wir dann einfach schauen.

Da dies ja bereits euer drittes Album ist, würde mich interessieren, wie die Rückmeldungen eurer Fans waren. Immerhin müssen einige Bands in dieser Hinsicht mit einer ziemlich kritischen Fanbasis auskommen…

Ja, wir haben einige kritische Gitarrenfans, also werden ständig verschiedene Meinungen zu unserer Musik geäußert. Meistens in Online-Foren und auf YouTube. Das Feedback, das ich bislang von Freunden und Fans erhalten habe, scheint jedoch soweit positiv zu sein.

Das Artwork zeigt die Skelette zweier Schlangen und erinnert mich stark an eine Fotografie, auf die ich schon des Öfteren im Internet gestoßen bin. Gibt es einen bestimmten Grund, warum ihr das Motiv so gewählt habt? Immerhin gilt die Schlange als Symbol für die verschiedensten Dinge.

Wir wollten eine zweiköpfige Schlange, welche die Musikindustrie verkörpert. Das Album entstand in lyrischer Hinsicht aus unserer Abscheu gegenüber ihr. Wir fingen mit der Musik aus reiner Freude an, aber wir hatten immer die Vorstellung irgendwann von ihr Leben zu können. Dieser Gedanke wurde ab dem Moment zerstört, als wir unter Vertrag genommen und auf den Markt geworfen wurden. Es wurde schon aus vielen verschiedenen Winkeln aus der Metal-Industrie auf uns geschissen.

Unglücklicherweise liegen mir die Texte des Albums nicht vor. Jedoch scheint der Titeltrack Enemy Unbound davon zu handeln, ein System von innen heraus umzustürzen. Ist Widerstand ein wiederkehrendes Thema auf dem Album?

Ja, Enemy Unbound  dreht sich im Grunde darum, dass sich Geschäft und Vergnügen auf derselben Straße begegnen, und das geht nicht gut. Wenn du Musik aus der Liebe zu den Emotionen schreibst, die sie hervorruft, und irgendein Arschloch in Anzug und Krawatte dir etwas anderes erzählt, dann macht es keinen wirklichen Spaß mehr. Heutzutage scheinen die meisten erfolgreichen Bands so falsch zu sein und sind im Prinzip purer Müll, aber die Labels stehen hinter ihnen, weil sie mit ihnen Geld verdienen. Es geht nur ums Geld, nicht um Talent oder Kreativität.

Ich glaube The Bridge handelt davon, zu den Entscheidungen, die man getroffen hat, zu stehen. Es ist wichtig eine Haltung einzunehmen und mit den Folgen fertig zu werden. Es ist sinnlos, das ganze Leben lang nur eine Marionette zu sein…

The Bridge geht darum, eine große Entscheidung zu treffen. Sollten wir mit dieser Band weitermachen, oder uns auflösen und uns richtige Berufe suchen. Die Musiker in dieser Band haben schon sehr viele Entscheidungen getroffen, die ihnen andernfalls finanziell hätten helfen können. Aber stattdessen entschieden wir uns dazu bis zum Ende durchzuhalten. Wir haben wegen unserer Hingabe zu dieser Band viele Partnerinnen, Jobs, Frauen und Wohnstätten verloren.

Artwork
Wir wollten eine zweiköpfige Schlange, welche die Musikindustrie verkörpert.

Dieses Mal habt ihr alles zusammen mit Brian Elliott selbst aufgenommen. Wir war es denn ohne einen unabhängigen Produzenten zu arbeiten, der den kompletten Produktionsprozess im Auge behält?

Für uns funktionierte das gut. Ich denke Peter (Joseph, Gitarre – Anm. d. Verf.) und ich sind schon lange genug in der Musik tätig, dass wir wissen wie man Songs strukturiert. Wir haben im Vorfeld, schon Monate bevor wir ins Studio gegangen sind, sehr viel mit Pro Tools auf unseren Laptops gearbeitet.

Jonas Kjellgren (SCAR SYMMETRY) zeichnet sich für Mix und Mastering von Enemy Unbound verantwortlich. Was ist es, das ihr an seiner Arbeit schätzt? Immerhin ist das nicht das erste Mal gewesen, dass THE ABSENCE mit Jonas zusammenarbeiten.

Wir lieben Jonas, er hat uns nicht im Stich gelassen. Jonas hat ein großartiges Ohr für Musik und verlangt keine ungeheuerlichen Preise für seine Arbeit. Es gibt eine Menge Produzenten, die zu viel Geld verlangen und nicht so gut sind. Wir haben vor mit ihm auch an unserem nächsten Album zu arbeiten, aber dann wollen wir mit ihm von Anfang bis Ende zusammenarbeiten.

Als ich Enemy Unbound das erste mal gehört habe, war ich ziemlich überrascht. Ich hatte nicht erwartet, dass eine Band aus Florida so sehr nach den klassischen Death Metal Bands aus Göteborg wie AT THE GATES und IN FLAMES klingt. Seht ihr solche Aussagen überhaupt als Kompliment an? Immerhin gibt es tausende von Bands, die verzweifelt versuchen, genau so zu klingen…

Wir fühlen uns dadurch nicht angegriffen. Wenn jemand sagt, dass wir diese Bands nur nachahmen, dann ist das ziemlich dämlich. Wir sind von europäischen Metal-Bands beeinflusst. Wir versuchen nicht, wie jemand anderes zu klingen als THE ABSENCE. Wir mögen Heavy Metal, aber nicht ohne Melodie.

Wo wir gerade von schwedischen Einflüssen gesprochen haben…Deepest Wound erinnert mich sehr an Jesper Strömblads (Ex-IN FLAMES) Band DIMENSION ZERO, die auch klassischen Melodic Death Metal mit einer guten Portion Thrash kombiniert. Wie findest du die Band und haben sie in irgendeiner Weise Einfluss auf euch gehabt?

Wir sind große Fans von DIMENSION ZERO, aber ich habe seit dem This Is Hell-Album nichts mehr von ihnen gehört. Ich weiß, dass sie eine weitere Platte veröffentlicht haben, aber ich mir seitdem mehr Zeug wie OPETH und KATATONIA angehört. Deepest Wound war der erste Song, den wir für Enemy Unbound geschrieben haben. Ich hatte damals den Eindruck, er ginge etwas in eine progressivere Richtung.

Der Titeltrack wiederum scheint mir an ARCH ENEMY angelehnt zu sein. Besonders die Gitarren transporieren dieses typische ARCH ENEMY-Gefühl. Ist das bloßer Zufall, oder gibt es bestimmte Gitarristen, die dich beim Songschreiben beeinflussen?

Ich weiß es nicht… Wir schreiben einfach, was wir schreiben. Wie ich sagte, versuchen wir nicht wie irgendjemand anders zu klingen als THE ABSENCE. Wir sind von den Amott-Brüdern, aber auch von vielen anderen Metal-Gitarristen beeinflusst worden. Die frühen SOILWORK-Platten haben beispielsweise den Grundstein für unseren Leadgitarren-Stil gelegt.

Gibt es noch weitere Bands, die für THE ABSENCE wichtig waren? Vielleicht TESTAMENT, wenn man die Thrash-Attitüde, die Enemy Unbound innewohnt heranzieht.

Ja, es gibt viele andere Bands, die uns beeinflusst haben. TESTAMENT war eine der ersten Bands, die ich in meiner Jugend gehört habe. Die und METALLICA sowie SEPULTURA. Davon abgesehen gab es auch noch eine Menge Rock-Bands.

Ihr habt außerdem Tom Englund von EVERGREY eingeladen, als Gastmusiker einen Teil zum neuen Album beizusteuern. War es schwierig ihn davon zu überzeugen? Ich bin mir nicht sicher, aber hat er das Gitarrensolo in The Bridge gespielt?

Nein, das war überhaupt nicht schwer. Peter (Joseph, Gitarre – Anm. d. Verf.) und Tom schreiben sich via MySpace und sind überhaupt viel in Kontakt. Pete fragte ihn, ob er ein Lead beisteuern möchte und er war sofort dabei. Ich glaube, das ist etwas, dass wir Gitarristen alle gerne tun. Ich habe schon Leads für zahlreiche Bands eingespielt, sowohl lokale Bands ohne Label als auch etablierte wie GOD FORBID. Sogar für neuere Gruppen, die bis jetzt noch gar nichts veröffentlicht haben. Es macht immer Spaß, seine eigene Kreativität in fremdes Material miteinfließen zu lassen.

Nun zu einem etwas ernsteren Thema. Im Frühling hatte euer Schlagzeuger Justin Reynolds einen Autounfall und Verletzungen an Rücken und Hals erlitten. Wie erholt er sich? Glaubst du, dass er irgendwann wieder Schlagzeug spielen kann?

Justin geht es wieder gut und er spielt auch schon wieder Schlagzeug. Er spielt derzeit in einer Band namens ARIS. Er war während einem unserer Heimkonzerte in der Rehabilitationsklinik, aber nun ist er wieder wohl auf.

Foto
Die Konzertagenten wollen uns nicht anrühren, weil wir musikalisch irrelevant sind.

Schön zu hören. Vor ein paar Monaten habt ihr bekannt gegeben, dass sein Nachfolger das ehemalige Gründungsmitglied Jeramie Kling sein wird. Wie fühlt es sich an, ihn wieder zurück in der Band zu haben? War er der erste, an den ihr gedacht hattet?

Es ist großartig, Jeramie wieder zurück in der Band zu haben. Er und ich haben sogar schon angefangen, an neuem Material zu jammen. Er war nicht unsere erste Wahl, aber es schien sinnvoller zu sein, als einen anderen Schlagzeuger zu suchen und zu hoffen, dass wir es mit dieser Person auch wirklich für beträchtliche Zeit in ein und demselben Van aushalten.

Werdet ihr jetzt, da Enemy Unbound weltweit veröffentlicht wurde, auch auf Europatour gehen? Deutschland wartet auf euch!

Wir hoffen es. Alles, was wir allerdings tun können, ist darauf zu hoffen, dass eine größere Band uns mit auf Tour nehmen möchte. Die Konzertagenten wollen uns nicht anrühren, weil wir musikalisch irrelevant sind. Ich nehme an, wir ziehen nicht die Szene-Kids und Mode-Chicks an, die auf Deathcore und den ganzen anderen Fake-Scheiß stehen.

Bevor wir zur letzten Frage kommen, gibt es noch eine weitere wichtige Sache, die ich fragen muss: Warum hat Jamie (Stewart, Vocals – Anm. d. Verf.) seine Haare abgeschnitten? Ist es damit leichter Mädels aufzureißen?

Das scheint eine dämliche Frage zu sein, aber ich werde sie trotzdem beantworten. Er hat sich die Haare abgeschnitten, weil es ihm nicht mehr gefallen hat. Er wird trotzdem niemals Mädels abkriegen, ha, ha, ha, ha, ha, ha!

Wir sind fast am Ende, danke für deine Zeit! Stell dir vor, ein Zombie lebt in deinem Schrank und er fängt langsam an lästig zu werden, da er ständig versucht, dein Gehirn zu essen. Also willst du ihn töten, aber alles, was du hast, ist eine Karotte, ein Stück Schnur, einen schizophrenen Hamster und einen schottischen Dudelsack. Was machst du?

Ich bin mir nicht sicher, wie ich diese Frage beantworten soll. Ich denke, ich würde den Zombie mit der Karrotte töten. Dann würde ich den Hamster verkaufen, um mir von dem Geld Bier zu kaufen. Dann würde ich betrunken lernen Dudelsack zu spielen. Ich habe aber keine Verwendung für die Schnur. Danke für das Interview.

Cover-Artwork © Metal Blade
Pressefotos © alywebstarphotography.com

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.