STRATOVARIUS: Würden sie mir einen Backstein ins Gesicht schleudern?

STRATOVARIUS: Würden sie mir einen Backstein ins Gesicht schleudern?

Mit Elysium haben STRATOVARIUS den ersten Pflichtkauf 2011 für am Start. Gitarrist Matias Kupianen sprach wenige Tage vor Tourstart im November 2010 über die Entstehung des Albums, die Bandchemie und Schlüsselwächter.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Timo Kotipelto ab? Bei den meisten Songs stehen ja Eure Namen bei den Songwriting-Credits.

Das lief alles problemlos. Bei Timos Songs fängt es gewöhnlich damit an, dass er einen Rock-lastigen Entwurf hat mit einigen Melodien. Bisweilen gibt es noch gar keinen Text dazu. Da schauen wir zuerst, in welche Richtung das Stück gehen soll. Wir arbeiten dann an den Melodien, fügen vielleicht noch ein paar Harmonien hinzu, bis dann die fertige Struktur steht.

Bei den Texten für meine Songs habe ich Timo freie Hand gelassen. Natürlich gibt da dann noch hier und da kleine Veränderungen. Aber alles in allem läuft die Zusammenarbeit ausgesprochen reibungslos ab.

Wie weit hältst du deine Songideen schriftlich fest?

Ich schreibe alles auf. Änderungen sind dann freilich immer noch möglich, wenn Timo und ich dann mit den Demoaufnahmen beginnen. Die Riffs, die Akkorde und Songstruktur werden aber auf alle Fälle festgehalten.

Da du ziemlich jung bist, stellt sich mir die Frage, ob du von Beginn an bei Musikaufnahmen Computer benutzt hast.

Ja, natürlich. Ich glaube, das erste Komponiersystem damals war das Sibelius 1. Das war wohl 1997. Ich glaube, es kam 1996 raus. Heutzutage benutzte ich für unsere Songs ProTools. Ich arbeite jeden Tag damit. Es macht Spaß, zumal ich da einfach auf meine Voreinstellungen für Demos zurückgreifen kann. Da kann man schnell mal einen Schlagzeuggroove hin- und herschieben, so dass ein Song auch mal in zwei Minuten oder so steht, wenn ich die Riffs und Akkorde dazu im Kopf habe. Bei dem überlangen Titeltrack Elysium dauerte es allerdings etwas länger. Da vergingen an die sechs Monate, bis sich alles am rechten Platz befand. Manchmal geht es quälend langsam, oft aber auch richtig schnell. Vorher weiß man eben nie, wie lange es dauern wird.

An welcher Stelle hast du angefangen, den Titeltrack zu schreiben?

Das war der erste Song fürs Album, den ich geschrieben habe. Das war direkt nach der Veröffentlichung von Polaris. Das müsste im Mai 2009 gewesen sein, als ich die ersten Noten aufschrieb.

Hattest du von Anfang an so ein episches Stück vor Augen oder hast du einfach mal herumgespielt?

Mir schwebte schon etwas Größeres vor, als die beiden ersten Themen entstanden. In meinen Kopf waren noch weitere Ideen, bei denen ich dann schauen musste, wie sie zusammenpassen und wie der Song sich dann entwickelt. Die grobe Struktur war bereits da. Ich habe dann beim Komponieren die ganzen Kleinigkeiten ausgearbeitet, was viel Zeit gekostet hat.

Hörst du dir manchmal zur Inspiration alte STRATOVARIUS-Alben an?

Nein, niemals. Tatsächlich versuche ich, gar keine Einflüsse von außen anzuhören.

Benutzt du noch andere Instrumente zum Komponieren außer der Gitarre?

Ja, ich habe in meinem Studio auch Klavier- und Keyboardequipment. Ich bin allerdings so ein schlechter Tastenspieler, dass ich meistens die Sachen mit der Maus vom Computer einfüge.

Wie gut kannst du singen?

Ich bin kein Sänger. Ich bin Gitarrist! Natürlich steuer ich manchmal Hintergrundgesang bei. Bei den Demos habe ich sogar die meisten Hintergrundsachen eingesungen. Aber ich höre den Klang meiner Stimme nicht so gern.

Was würde mit STRATOVARIUS passieren, wenn die Band – wie es viele Newcomer machen – ein Jahr lang ein- oder mehrmals pro Woche proben würde?

Ich weiß nicht. Vielleicht wäre dies dann die verdammt coolste Band, die den tightesten Metal aller Zeiten spielt. Man weiß es nicht. Wir haben es nie gemacht.

Vermisst du da manchmal etwas?

Ja, sicher. Es ist natürlich hart, wenn wir beginnen, einen neuen Song zu proben. Wir haben sehr wenig Zeit dafür. Jeder hört sich vorher die Demos an, wo immer man auch gerade steckt. Dann verbringen wir zwei Stunden damit, den Song zu spielen. Zumindest versuchen wir, ihn zu spielen. Nach ein bis zwei geglückten Durchläufen gehen wir ins Studio und nehmen das Banddemo auf. Danach sind wir ein Stückchen weiser. Manchmal vermisse ich es, dass die Band nicht jede Woche probt. Der Ansatz hätte sicher seinen Reiz, da man dann mit der Band zusammen komponieren könnte. Man muss dann nicht selber bei allem die Finger schmutzig machen.

Bei Event Horizon gibt es auf der instrumentalen Seite viele klassische Tonleiterläufe. Wie lange brauchst du, um so etwas auszuarbeiten?

Event Horizon ist erst entstanden, nachdem wir die Demos von den anderen Songs im Kasten hatten. Da fiel uns auf, dass wir nicht genug von dem richtig schnellen Zeug hatten. Ich bin dann mit Timo in mein Studio gegangen und wir haben ein flottes Tempo rausgesucht, ein Riff dazu gepackt, noch einen Refrain geschrieben und so weiter. Die Skalen auf der Gitarre sind eigentlich Sachen, die ich zum Üben spiele. Dementsprechend war es überaus leicht für mich. Das ganze ist natürlich nicht so einfach, wenn man nicht schon die fertigen Elemente im Kopf hat. Aber dank jahrelanger Übung ging das schnell.

Wenn bei einem Lied nur noch die Soloteile fehlen, was ist dir dann lieber: Erst dein Gitarrensolo und dann Jens sein Keyboard oder umgekehrt?

Das hängt immer davon ab, wie sich ein Song entwickelt, wo er hingeht und was vor dem Soloteil passiert ist. Bei Jens weiß ich immer schon, welchen Sound sein Solo haben wird, so dass ich darauf Rücksicht nehme. Manchmal nehme ich aber auch einfach einen Würfel, um die Reihenfolge festzulegen.

Wie lange brauchst du, um vor Tourbeginn ein altes Stück einzustudieren?

Nie allzu lange. Ich war ja in den vier Monaten davor die ganze Zeit im Studio und habe dort schon sehr viel gespielt. Jetzt haben wir auch nur sieben Tage Zeit zum Proben, noch dazu mit einem neuen Schlagzeuger. Es ist hektisch, aber ich denke, wir schaffen das schon. Es ist aber auch viel harte Arbeit.

Gibt es im STRATOVARIUS-Backkatalog Lieder, die ihr nicht spielt, die dir persönlich aber besonders am Herzen liegen?

Ich mag viele Sachen vom Dreamspace-Album. Das ist eins meiner Lieblingsalben der Band. Aber da Tolkki damals noch gesungen, ist es schwierig, Kotipelto dazu zu bringen, die Lieder zu spielen. Aber dafür haben wir einige Stücke von Episode einstudiert und auch ein paar noch ältere Sachen. Ich kann natürlich nicht alle Stücke auswählen, die wir spielen. Es ist in erster Linie Timos Aufgabe, die Setlist aufzustellen.

Und die Fans haben natürlich auch gewisse Erwartungen und wären enttäuscht wenn von Stücken wie Kiss Of Judas, Black Diamond, Hunting High And Low kein einziges gespielt wird.

Nunja, sie wären schon enttäuscht. Das sind eben Standards. Aber wenn wir jetzt mit HELLOWEEN auf Tour gehen, haben wir nur 60 Minuten zur Verfügung, um zu zeigen, was die Band heutzutage ausmacht. Da wird es sicher Klassiker geben, aber auch altes Speed-Metal-Material.

Auf der Polaris-Tour seid ihr auch in China aufgetreten. Was war das für eine Erfahrung?

Wunderschön! Ich liebe Peking. Das ist die beste Stadt, die ich bis dato besucht habe. Sehr schöne Stadt, sehr freundliche Menschen, sehr leckeres Essen. Wir waren auch in Shanghai bei der Weltausstellung, wo wir mit TURISAS gespielt haben. Da spielten wir zuerst eine Clubshow und dann noch ein großes Festival im Rahmen der Expo. Das war sehr schön.

Wie war das Publikum drauf bei so einer Veranstaltung?

Das lässt sich schwer sagen. Es waren viele Leute da, die meisten davon Chinesen. Und im Club war es dermaßen heiß, dass man schon beim Betreten anfing zu schwitzen. Ich fragte mich, ob ich in einer Sauna gelandet war. Nach dem Auftritt könnten wir unsere Klamotten förmlich auswringen. Das habe ich in dieser Form noch nie erlebt. Aber es sind schöne Erinnerungen.

Profitierst du eigentlich davon, aus einem kalten Land wie Finnland zu kommen, wenn ihr jetzt den Winter über mit HELLOWEEN auf Tour seid?

Wir waren ja bereits im Januar und Februar 2010 in Europa unterwegs. Es nervt natürlich schon, in der Winterzeit zwei Monate lang in einem Bus zu leben. Aber wir schaffen das schon. Wir sind ja schließlich aus Finnland. Es hilft schon. Ich will mich da nicht groß beklagen.

Wie lange brauchst du morgens, um zu entscheiden, was du anziehst?

Null Sekunden. Ich nehme einfach das, was herumliegt.

Was hältst du davon, einen Song für den Eurovision Songcontest zu schreiben, wenn du das Angebot bekämst?

Ich würde es versuchen. Man kann nie wissen. Der Eurovision Songcontest ist freilich nicht so meine Baustelle.

Magst du Star Wars?

Natürlich, ich bin ein großer Star-Wars-Fan! Insbesondere mag ich auch John Williams, den Komponisten der Filmmusik.

Wie weit im Voraus kannst du dein Leben als Musiker im Moment planen?

Ich weiß nicht. Sechs Monate, schätze ich. Wir spielen jetzt die Tour. Dann folgen ein paar freie Tage und die Festivals im Sommer. Keine Ahnung, was danach kommt.

Was ist dein Lieblingsfortbewegungsmittel?

Was bitte?

Lieblingsfortbewegungsmittel – wenn du von hier irgendwo hin musst, würdest du dann am liebsten zu Fuß gehen oder einen Helikopter haben?

Es ist natürlich bequem, auf dem Rücksitz eines Autos zu sitzen. Aber ich laufe auch gerne weite Strecken. Sowohl daheim in Helsinki als auch auf Tour, bemühe ich mich, viel zu bewegen. Man kann dann auch Sehenswürdigkeiten anschauen, wenn man in fremden Städte zu Fuß unterwegs ist. Auf längeren Strecken wäre sicher ein Zug praktischer. Aber ansonsten laufe ich auch gerne.

Wie beeinflusst Alkohol dein Gitarrenspiel?

Ich trinke nie, bevor ich spiele.

Und wenn du nicht auf Tour bist und nach ein paar Bier eine Liedidee hast?

Dann versuche ich schon, das festzuhalten. Aber für mich ist Alkohol und Gitarrespielen keine gute Kombination. Nach dem Gig ist ein Bruski aber schon mal drin.

Was auch immer das ist…

Aber niemals vor der Show. Dasselbe gilt für die Studioarbeit.

Zu welcher Tageszeit arbeitest du am liebsten im Studio?

Ich arbeite gewöhnlich nachts. Ich begebe mich meistens gegen 3 oder 4 Uhr nachmittags ins Studio und arbeite dann so lange, wie ich will. Es kann schon mal passieren, dass ich bis 7 Uhr morgens aufnehme und dann auch gleich im Studio übernachte.

Wie läuft das mit dem Rest Band? Gibt es irgendwelche Frühaufsteher unter euch?

Nein, eigentlich sind wir alle eher Spätaufsteher. Das gilt besonders für Kotipelto. Nach dem Aufwachen geht er meistens erst einmal joggen, um in Form zu kommen. Zwischen 8 Uhr abends und Mitternacht singt er dann meisten am besten.

Du bist jetzt seit zwei Jahren in der Band. Du hattest am Anfang sicher gewisse Erwartungen. Gab es da auch angenehme Überraschungen?

Zuerst hatte ich schon ein bisschen Angst, wie die Jungs wohl so sind. Würden sie feindselig sein? Mir einen Backstein ins Gesicht schleudern? Aber es ist sehr angenehm; es herrscht ein freundliches Klima und wir haben keine Probleme miteinander.

Mir gefallen die letzten beiden Album-Cover, Polaris und jetzt Elysium, sehr gut. Wie seid ihr zu den Motiven gekommen?

Die Bilder hat ein Mensch aus Ungarn gemacht: Gyula Havancsák. Jörg hat ihn gefunden und den Kontakt hergestellt, als wir das Polaris-Cover machten. Wir hatten noch zwei weitere Entwürfe von anderen Leuten, aber Gyula mit seinen Sachen kam, war von der ersten Skizze an klar, dass das das ist, was wir wollen. Bei Elysium lief es ähnlich ab. Das fertige Cover hat große Ähnlichkeit mit dem ersten Entwurf; es passt perfekt. Er tolle Arbeit geleistet. Mir gefallen die Motive auch ausgezeichnet.

Was war deine erste Begegnung mit der Musik von STRATOVARIUS?

Das müssten die Lieder von Visions gewesen sein. Ein Kumpel kam mit dem Album zu mir und fragte mich, ob ich schon davon gehört hätte. Ich bin dann in Helsinki in den Plattenladen gegangen und habe mir Visions selber gekauft. Das war mein erstes STRATOVARIUS-Album. Anschließend habe ich mir auch Dreamspace und Episode zugelegt. Infinite besorgte ich mir dann auch noch, bevor ich für ein paar Jahre das Interesse an der Band verlor. Bei den großen finnischen Sommerfestivals war ich aber immer da, wenn sie gespielt haben.

Zum Abschluss habe ich noch eine Frage zu HELLOWEEN, mit denen ihr ja auf Tour geht. Welches Album ist besser: Keeper Of The Seven Keys Part 1 oder Keeper Of The Seven Keys Part 2?

Teil 1, eindeutig! Mein Lieblingsalbum, keine Frage. Teil 2 ist natürlich auch toll. Aber Teil 1 hatte so einen großen Einfluss. Selbst die Leute, die HELLOWEEN vorher schon kannten, fanden das Album großartig.

STRATOVARIUS-Bandfoto

STRATOVARIUS in Tourbesetzung 2010: Lauri Porra, Timo Kotipelto, Jens Johansson, Matias Kupiainen, Alex Landenburg (Aushilfsschlagzeuger – inzwischen ist Jörg Michael genesen und wieder mit der Band unterwegs)

Jutze
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