NECROPHOBIC: Gegen das digitale Kunstmassaker

NECROPHOBIC: Gegen das digitale Kunstmassaker

 

NECROPHOBIC schlagen im Mai 2009 gleich zwei Mal satanisch todesmetallisch zu. Am 15. Mai erscheint endlich der Demo-Rückblick Satanic Blasphemies, welcher Einblick gibt in das frühe Schaffen der mittlerweile 20jährigen Death Metal-Institution. Der 29. Mai ist dann der Stichtag für das Album des Jahres – Death To All. Während Saitensatan Sebastian Einblicke in das neuere Schaffen der Stockholmer gibt, ist Drummer und Gründer Joakim Sterner der Mann, wenns um den rhythmischen Herzschlag und die frühen Blasphemietage geht…

Und genau dort sind die Satanic Blasphemies angesiedelt. Diese erschienen am 15. Mai 2009, hätten aber schon 2008 in den Regalen stehen sollen. Was war der Grund für die Verspätung?

Es gab ein riesiges Problem dabei, meine ursprüngliche Idee der Metalbox-Verpackung umzusetzen und auch tatsächlich herzustellen. Diese Box hätte man aus Teilen herstellen müssen, die aus drei verschiedenen Ländern kommen. Das gab also schon mal die ersten Verspätungen. Und plötzlich hat die Finanzkrise zugeschlagen. Wegen der Wirtschaftskrise wurden die Preise für die Metalbox unglaublich hoch und irgendwann zu hoch, um die ursprüngliche Idee weiterzuverfolgen.

Wir hatten also zwei Alternativen: Die ursprüngliche Metalbox zu produzieren, die dann zu teuer für unsere Fans geworden wäre oder aber die Box neu zu designen, so dass sie zwar noch immer exklusiv ist, aber eben noch erschwinglich für die Fans. Ich habe mich natürlich für die preiswerte Alternative entschieden. Dann musste ich mich um das Redesign kümmern, REGAIN RECORDS mussten die Veröffentlichung neu ansetzen… Und jetzt hoffe ich einfach, dass Satanic Blasphemies am 15. Mai wirklich erscheint, so wie versprochen.

Ja, hoffentlich. Am Ende hat die Verspätung einen Vorteil – der Release von Satanic Blasphemies fällt mit dem 20 Jahre NECROPHOBIC-Jubiläum zusammenn. Das passt auch deswegen, weil das Coverdesign schön alt aussieht und mich spontan an die Originaltapes von damals erinnert. Ist das Satanic Blasphemies-Cover eigentlich ein echtes altes Design, das du irgendwo aus einer Schublade wiederauferstehen hast lassen oder ist es ein neues Design, das einfach alt aussieht?

Es ist eine alte Zeichnung aus dem Jahr 1992, wenn ich mich recht entsinne. Ursprünglich hätte das Design auf einem T-Shirt sein sollen als unsere EP The Call rauskam. Aber dann machten wir das Shirt mit diesem Artwork nie.

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Und dieses Logo ist fucking awesome. – Joakim Sterner

Auf dem Cover von Satanic Blasphemies ist ja auch das alte NECROPHOBIC Logo zu sehen. Wer hat eigentlich dieses ursprüngliche Logo gemalt damals? Und wann fiel die Entscheidung für das neuere Logo, das ihr noch immer habt?

Das alte Logo stammt von mir und ich hasse es. Allerdings gab es keine Zweifel darüber, dass genau dieses alte Logo auf dem Satanic Blasphemies-Cover sein sollte.

Ein neues, anderes Logo wollten wir schon von Anfang an. Wir kannten einfach nie einen guten Graphiker, der eines für uns machen konnte. Klar fragten wir einige Freunde, dass sie uns ein anderes Logo zeichnen sollten, aber es kam nie was Gutes dabei raus, hehe. Eines Tages trafen wir Johan, der auch das UNLEASHED-Logo gemacht hatte. Wir baten ihn darum, uns ein professionell aussehendes Logo zu designen, das dann auf unserem ersten Album sein sollte. Er brachte uns das Logo, das wir noch immer haben. Und dieses Logo ist fucking awesome.

Da stimme ich dir ohne Wenn und Aber zu, hehe. Aber kehren wir graphisch nochmals in die Vergangenheit zurück. Das Artwork zum Slow Asphyxiation-Tape sieht ja etwas anders aus als das übliche Design damaliger Tapes. Anders als bei diesen ist das Cover farbig (auf jeden Fall bei dem Tape, das ich habe). Was steckte dahinter, dass ihr das Cover mit Farben angereichert habt?

Wir wollten immer etwas mehr machen als nur die kopierten Covers, welche die Bands damals hatten. Also öffneten wir unsere Geldbörsen mit all unserem Ersparten (natürlich nachdem wir eine Million Biere erstanden hatten) und gingen mit unserer Restkohle zur Druckerei. Dort sagten wir: Druckt dieses Cover auf professionelles Papier und farbig! Das Cover sieht Scheisse aus und nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten, aber hey, wir haben mal was anderes gemacht. Wenigstens war die Musik grossartig und wir haben über 1000 Exemplare davon auf die Welt losgelassen.

Was am Ende ja die Hauptsache ist. Du wohnst ja noch immer in Stockholm, genau wie vor 20 Jahren. Hast du eigentlich noch Kontakt mit deinen alten Bandkumpels David Parland und Stefan Zander? Und was denken sie über den Satanic Blasphemies-Release?

Hie und da treffe ich David noch und wir unterhalten uns in Real Life, via Mail oder Myspace. Stefan sehe ich seltener. Aber beide finden den Release von Satanic Blasphemies eine positive Sache.

Wie hast du die beiden eigentlich damals kennengelernt? Und was hat euch dazu motiviert, ne Band zu starten?

Ich und David gingen seit der 4. Klasse zusammen in die Schule. Freunde wurden wir allerdings erst in der 7. Klasse, glaube ich. Metal hat uns zusammengebracht und vor allem, dass wir beide IRON MAIDEN mochten. Stefan kam im 8. Schuljahr in unsere Schule. Da alle unsere Klassenkameraden komplette Idioten waren, befreundeten wir uns mit Stefan, der auch ein Metaller war.

Das eine Band starten-Ding geschah einige Jahre später. Wir entdeckten die Underground Metalszene, Fanzines und Demotapes. Wir hatten sofort das Gefühl, eine düstere, böse Metalband gründen zu müssen – und diese hiess BLACK ANGEL.

Meistens wollen Bandmitglieder ja Frontmann sein oder der posende Leadgitarrist. Warum bist du Schlagzeuger bei BLACK ANGEL geworden?

David war schon Gitarrist. Stefan konnte besser Gitarre spielen als ich, also wurde er Bassist. Für mich blieben die Drums übrig. Alle von uns versuchten sich am Gesang und Stefan war der beste. Also übernahm er den Gesang. Alles was ich weiss, ist, dass ich der beste Frontmann der Welt hätte sein können – wenn ich nur singen beziehungsweise schreien könnte, haha.

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Überlässt die Triggerkits den modernen Kids, fucking keyboardists – Joakim

Dann bekommst du jetzt dafür eine Drummerfrage: Was hältst du von getriggerten Drumkits?

Trigger passen nicht zu meinem Drummingstil. Ich bin der Meinung, dass ein getriggertes Kit niemals so gut klingt wie ein akustisches, nicht getriggertes Kit. Ich habe schon mit Triggern gespielt, aber ich überlasse die Triggerkits lieber den modernen Kids, die mit digitalen Drumsounds aufwachsen (fucking Keyboardists!).

Du sprichst mir aus der Seele. Der Bandname NECROPHOBIC geht ja auf einen SLAYER-Song zurück. Aber es waren nicht SLAYER, die dich zum Metal gebracht haben…

Nein, die erste Metalband, die ich hörte, waren IRON MAIDEN. Ich war sofort Fan. SLAYER habe ich ein paar Jahre später kennengelernt und sie haben mich in eine neue Metalwelt gebracht. Von da an wurde es einfach immer extremer und extremer…

Bist du nekrophobisch, hast du also Angst vor dem Tod?

Nein.

Du bist ja schon lange in der Metalszene zuhause und konntest auch die glorreichen 80er Jahre geniessen. Was vermisst du am meisten aus dieser Zeit?

Es war eine spezielle Zeit, als diese Musik neu war und man zuschauen konnte, wie sie gewachsen ist – vom totalen Underground zu dem, was sie heute ist. Ich vermisse nichts Spezifisches aus dieser Zeit, weil ich noch immer NECROPHOBIC habe und wir noch immer genau den Sound kreieren, den wir machen wollen. Kein Label entscheidet über unsere Musik, wir haben noch immer die Kontrolle. Grosse Acts schauen vielleicht auf ihre Karriere zurück und vermissen das Gefühl der kreativen Freiheit. Aber wir müssen es nicht vermissen und uns solche Gedanken machen.

Was am Ende wichtiger ist als Ruhm und Geld. Soweit ich weiss, warst du in deinen frühen Tagen auch ein aktiver Tapetrader. Welches dieser alten Tapes ist noch immer eins deiner Favoriten?

Tapetrading war dazu da, sich extreme Musik aus der ganzen Welt zu beschaffen. Aber es war mehr dafür da, um zu sehen, ob es interessante Bands für mich gibt da draussen. Vermutlich hast du dir da von Tobias Sidegård zuviel erzählen lassen. Denn eigentlich war das Trading von VIDEO-Tapes viel cooler. So konnte man sich die Bands, die man mochte, aber nie live gesehen hatte, nicht nur anhören, sondern auch ansehen – zum Beispiel ne frühe POSSESSED-Show aus dem Jahr 1986 oder ähnlich coole Sachen. Ich las damals auch viele Fanzines und kaufte mir Demos von Bands wie MORBID ANGEL, MAYHEM, MEFISTO oder MORBID (viele M-Bands, hehe). Also muss ich (stolz) sagen, dass hier bei mir ein wahrer Demoschatz herumliegt…

In der Tat… Heute benutzen die meisten Bands ja das Internet, um ihre Musik zu promoten. Das Web hat seine Vor- und Nachteile, wie wir alle wissen. Welche Einstellung hast du als Musiker, der auch die alten Zeiten kennt, zum Internet?

Es ist natürlich ein Weg, um schneller und einfacher mit der Szene und deinen Fans zu kommunizieren. Aber was ich an der computerisierten Welt hasse, ist, dass das eigentliche Produkt und die Kunst digital massakriert werden. Nichts übertrifft ein echtes Demotape, das von Hand gemacht ist von A bis Z. Nichts übertrifft eine Vinylveröffentlichung mit ihrem grossen Format, wo man alle Details im Artwork sehen kann, wie es gemalt ist und so weiter. Oder extra angefertigte Produkte, Shaped Picture Disks oder CD-Sonderausgaben – das übertrifft doch jedes fucking Mp3-Album, das man auf dem PC oder dem Ipod hat. Natürlich habe ich auch Musik auf meinem Computer und auf meinem Ipod, aber ich habe eine grosse Plattensammlung zuhause, weil nichts an das Original herankommt.

Stimmt. Kommen wir nochmals zurück zur Vergangenheit. NECROPHOBIC waren ursprünglich ein Trio, dann kam Tobias Sidegård als Bassist dazu (und übernahm später die Vocals). Wie habt ihr Tobias damals gefunden?

Ich hatte Tobias an einigen Undergroundshows damals in Stockholm getroffen. An einem MORBID ANGEL-Gig Ende 1991 hier in Stockholm fragte ich ihn, ob er Bass spielen könne, da wir einen permanenten Bassisten brauchten. Tobias war 16 Jahre alt damals und behauptete, schon seit sieben Jahren Bass zu spielen. Wir tauschten unsere Telefonnummern aus und etwas später tauchte er in unserem Proberaum auf. Seitdem ist er bei NECROPHOBIC dabei.

In der Zwischenzeit ist der Bassistenposten ja in den Händen von Alex Friberg. Wo siehst du die Vor- und Nachteile darin, ein Quintett statt ein Trio zu sein?

Der Sound eines Quintetts ist viel besser als der Sound eines Trios. Das ist der grosse Vorteil. Der Nachteil wäre dann wohl, dass man das verdiente Geld in fünf kleine Häufchen teilen muss statt in drei grosse, haha. Aber andererseits verdienten wir nie Geld, als wir noch ein Trio waren…

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Ich hasste einfach alles an meinem Religionslehrer – Joakim Sterner

Was sich an NECROPHOBIC nie verändert hat, ist die satanische Einstellung. Du hast ja das Necrogramm als Tätowierung auf deinem Arm, was deine Hingabe zu NECROPHOBIC und dieser Einstellung zeigt. Was hat dich ursprünglich zur dunklen Seite gebracht?

Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon geht zurück in die Schulzeit, zum Religionsunterricht und vor allem zu einem bestimmten Religionslehrer. Ich hasste alles an ihm und wie er unterrichtete. Natürlich kam ich auch in Kontakt mit der dunklen Seite durch die Musik, die ich hörte. Die Bands, die ich am meisten mochte, hatten eben auch diese dunkle visuelle Komponente und die entsprechenden Lyrics. Meine Freunde teilten diese Leidenschaft und so führte eine Sache zur anderen…

Beeinflusst Satanismus auch dein tägliches Leben?

Das würde ich nicht sagen. Neben meinem Banddasein arbeite ich für eines der grössten schwedischen Medienunternehmen als Graphic Designer und in dieser Zeit mache ich nichts, was etwas mit meinem Privatleben zu tun hat.

Aber etwas Aussermusikalisches muss ich dich jetzt trotzdem fragen. Anders als zum Beispiel dein Bandkumpel Tobias bist du kein Bajen-Fan. Gibt es jemals Fussballstreit in der Band? Und bist du eigentlich der einzige Nicht-Bajenfan bei NECROPHOBIC?

So, da muss ich etwas ausholen. Etwas, was du nicht verstanden hast, ist, dass Bajen nicht das ist, wofür du Bajen hältst. Es ist eigentlich ein Team aus Bauern und Idioten vom Land. Landeier, die aus der Provinz in die Stadt ziehen und versuchen, sich anzupassen. Bajen reüssieren in nichts und sie sind engstirnig und naiv.

Und ja, wir haben hie und da Diskussionen in der Band über Fussball-spezifische Dinge. Ich war auf mich allein gestellt, bis Alex Friberg in die Band kam. Nun kann ich sagen, dass Djurgården einen gewissen Vorteil hat innerhalb der Band. Tobias ist Bajenfan und an Sport interessiert, aber Sebastian und Johan sind sozusagen nur auf dem Papier Bajenfans und nicht wirklich an Sport interessiert.

Ein Beispiel: Während der letzten neun Jahre hat Bajen ein Mal Gold gewonnen im Fussball, aber Djurgården drei Mal. Ausserdem hat Djurgården zweimal doppelt gewonnen, also den Cup zwei Mal UND das Ligatold. Soviel zum Thema Fussball. Punkto Ice Hockey gibt es kein Bajenteam mehr. Sie sind bankrott gegangen. Vermutlich haben sie Bier gesoffen statt ihre Rechnungen und ihre Spieler zu bezahlen. Gold haben sie auch nie gewonnen. Djurgården hingegen ist das erfolgreichste Team in Schweden und hat 16 Mal Gold gewonnen. Ende der Diskussion.

Mal schauen, ob ich diese Diskussion mit Tobias in einem zukünftigen Interview nochmals aufgreife, hehe. Anders als deine anderen Bandmitglieder bist du momentan nicht aktiv in anderen Bands (wie etwa NIFELHEIM, TRIDENT oder ORDER OF ISAZ). Warum?

Ich spielte früher mal zwei Jahre bei SOULDEVOURER (mit Ex-DISMEMBER Gitarrist Robert Sennebäck), aber wir beide haben realisiert, dass ich für SOULDEVOURER einfach zu wenig Zeit hatte. Vielleicht mache ich später wieder mal bei ihnen mit, aber momentan ist mein Leben ausgefüllt mit NECROPHOBIC, meiner Familie und meiner anderen Arbeit. Mitte der 90er hatte ich auch mal noch eine andere Band zusammen mit Peter Stjärnvind und Churchburner, die CHARRED REMAINS hiess. In dieser Band habe ich Gitarre gespielt.

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Altes Coverartwork und magische Momente: die NECROPHOBIC-Demosammlung Satanic Blasphemies

Wow. Ich hatte mich eben gefragt, ob CHARRED REMAINS zwei Drummer hatte, wenn sowohl du als auch Peter Stjärnvind in der Band waren… Aber kommen wir zurück zu Satanic Blasphemies. Hast du einen Lieblingssong auf dieser Demosammlung?

Das ist schwer zu sagen, aber ich mochte immer Slow Asphyxiation. Andererseits mochte ich auch immer, wie Father of Creation auf der alten Aufnahme klingt. Es gibt immer magische Momente, wenn du Songs aufnimmst und manchmal geht etwas von diesem magischen Gefühl verloren, wenn du sie neu aufnimmst. Es gibt einen speziellen Sound, der bei der Erstaufnahme von Father of Creation zu hören ist und dieser klingt nicht genau gleich auf der Albumversion. Natürlich gibt es auch Songs, die viel besser klingen in der Albumversion.

Wenn man die gesamte NECROPHOBIC-Diskographie anschaut, welcher Song spiegelt da am besten deine Persönlichkeit wider?

Darkside.

Und wo siehst du dich in 20 Jahren?

Vermutlich tot.

Death To All geschieht ja schon vorher. Wie sehen die NECROPHOBIC-Pläne für 2009 aus?

Spielen, Touren, Trinken, Rauchen, Ficken, Feiern, Schlafen… Die Pläne für die Leserschaft dieses Interviews: Kauft euch Satanic Blasphemies und Death To All und wir sehen uns am nächsten NECROPHOBIC-Konzert!

Livefotos und Layout: Arlette Huguenin D.
Titelbildfoto, Satanic Blasphemies-Coverbild: Joakim Sterner / Band

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.