“HELLOWEEN sind schon so ’ne Bande von Freaks” – Interview mit HELLOWEEN-Gitarrist Sascha Gerstner

Es gibt Menschen, die sagen, dass Sascha Gerstner HELLOWEEN ein Stück weit gerettet hat. Als der Gitarrist 2002 jung an Jahren bei den Hamburger Power-Metal-Pionieren einstieg, hatten diese nicht eben den besten Lauf ihrer Karriere. Doch mit Gerstner – Top-Musiker und Teamplayer vor dem Herrn – ging es wieder merklich aufwärts.

2016 fand schließlich das statt, das lange für unmöglich gehalten wurde: Die große Reunion mit Sänger Michael Kiske und Gitarrist/Sänger Kai Hansen, bei der die aktuelle HELLOWEEN-Besetzung (neben den Gründungsmitgliedern Michael „Weiki“ Weikath an Gitarre und Markus Grosskopf am Bass Sänger Andi Deris, Schlageuger Daniel „Dani“ Loeble und besagter Sascha Gerstner ebenfalls an der Gitarre) jedoch an Bord blieb. Mit dem Effekt, dass die Hamburger aktuell mit drei Sängern und drei Gitarristen agieren.

Einer erfolgreichen Tour rund um den Erdball folgt nun das erste gemeinsame Reunion-Album, schlicht „Helloween“ betitelt – so wie das allererste Minialbum von 1985. Ein Kreis schließt sich.

Skeptisch wie wir notorischen Miesmacher von der Presse sind, glauben wir den Herren Musikanten natürlich kein Wort von der großen „Alle haben sich plötzlich wieder lieb“-Nummer – und durften uns von einem tiefenentspannten, brutal positiv gestimmten Sascha Gerstner eines Besseren belehren lassen …

Sascha, Du bist in Stuttgart geboren und in Nürnberg aufgewachsen.

Geboren bin ich in Stuttgart, doch da war ich nur die ersten paar Lebensjahre. Meine Mutter ist dann mit mir nach Nürnberg gezogen, wo ich auf der Insel Schütt in die Grundschule gegangen bin. Aufgewachsen bin ich aber in Fürth.

Hast Du noch Verbindungen nach Franken?

Meine Familie lebt immer noch da, und ich hab noch ein paar Freunde im Süden. Als Musiker war ich aber eh ständig unterwegs, war viel in Hamburg und auf Teneriffa. Dann hab ich kurz wieder in der Fränkischen Schweiz gelebt, wo ich ein Studio hatte – bevor ich 2009 ganz nach Berlin gezogen bin.

Wo in der Fränkischen Schweiz?

In Ebermannstadt.

Ach was?! Reden wir gerade vom „Great Hall Studio“, das SUBWAY TO SALLY-Schlagzeuger Simon Michael dort betreibt?

Der hat das nach mir übernommen. Es ist das gleiche Gebäude. Ich habe das Studio mit zwei Freunden betrieben, aber als ich nach Berlin gezogen bin, hab ich es aufgelöst, und der Simon hat das ein oder zwei Jahre später übernommen.

Zwischen Nürnberg und Hamburg gibt es seit vielen Jahren einen regen Musikantenaustausch. Jens Becker, Stefan Schwarzmann und Iain Finlay, die bei RUNNING WILD gespielt haben, kommen alle aus Franken, ebenso Dan Zimmermann, der lange bei GAMMA RAY getrommelt hat …

… oder Herman Frank aus Erlangen, der dann bei ACCEPT gelandet ist.

Ja. Stefan Schwarzmann hat ja auch bei ACCEPT getrommelt – und für zwei Jahre bei HELLOWEEN. Und bei KROKUS. So viele Legionäre! Franken scheint eine Quelle für gute Musiker zu sein.

Zumindest im Metal-Bereich. Da gab es in der fränkischen Szene echt ein paar Musiker, die rausgestochen sind. Jeder weiß aber auch, dass mit Metal in Franken nicht viel zu holen war – die großen Bands speziell in dieser Szene kamen halt unter anderem aus Hamburg. Gut, ich selbst war schon immer sehr vielseitig unterwegs und habe viele andere Sachen gemacht, deshalb war das für mich als junger Musiker nicht so schlimm. Aber wenn jemand ein reiner Metal-Musiker war wie der Daniel Zimmermann – ein mega-guter Metaldrummer – wo willst du da in Franken was reißen?

Kommst Du aus dem Metal?

Ich komme aus jedem Fall aus dem Rock, aber sehr breit gestreut. Als ich angefangen habe, aktiv Musik zu hören, war ich sehr jung – und habe als Kinder der 80er alles gehört, was damals im Radio lief. PHIL COLLINS und PETER GABRIEL hatten einen Rieseneinfluss auf mich. Später habe ich dann angefangen, mich mit Synthesizern zu beschäftigen, da war natürlich New Wave ein Thema. Als ich dann angefangen habe, Gitarre zu spielen, waren es ganz viele Hardrock-Bands. Mein Onkel, der auch in Franken lebt und ein sehr guter Gitarrist ist, hat mich da sehr geprägt. Jedes Wochenende hat er mir Alben von Vinyl auf Kassette überspielt, dadurch habe ich Bock gekriegt, selbst Gitarre zu spielen: MICHAEL SCHENKER und diese ganzen Hair-Metal-Bands von damals, aber auch Sachen wie TOTO, SAGA und CHICAGO – das hat mich alles sehr beeinflusst. Parallel habe ich aber nie meine Liebe für Synthesizer und elektronische Musik verloren. Dann kamen die 90er, da war das mit diesen Hair-Bands vorbei – und es kamen andere Einflüsse. Aber ja, ich würde schon sagen, dass ich sehr Rock-geprägt bin.

Vor HELLOWEEN hast Du bei FREEDOM CALL gespielt, einer der wenigen namhaften Bands aus Franken …

Mit FREEDOM CALL ging für mich mich alles los. Chris Bay und Daniel Zimmermann hatten mich schon auf dem Schirm, als ich gerade mal 18 oder 19 Jahre alt war und in einer Coverband spielte. Als sie 1998 FREEDOM CALL gründeten, haben sie sich anscheinend an mich erinnert und gefragt, ob ich mal zum Proben kommen will. So bin ich überhaupt erst in dieses Power-Metal-Genre reingerutscht.

… und bist 2002 dann bei HELLOWEEN gelandet. Als Du bei denen eingestiegen bist, herrschte Eiszeit zwischen den verbliebenen Mitgliedern Michael „Weiki“ Weikath (Gitarre) und Markus Grosskopf (Bass) auf der einen und Star-Sänger Michael Kiske und Gitarrist/Sänger Kai Hansen auf der anderen Seite.

So viel Eiszeit war da eigentlich gar nicht – also zwischen Kai und HELLOWEEN sowieso nicht. Wir haben ja schon 2007 angefangen, zusammen mit GAMMA RAY auf Tour zu gehen – „Hellish Rock 1“ und „Hellish Rock 2“. Schon mit FREEDOM CALL war ich viel in Hamburg gewesen und bin dem Kai da über 20 Jahre hinweg quasi ständig über den Weg gelaufen. Eiszeit herrschte eher zwischen Michi und Weiki. Michi war ja auch völlig raus aus der Metalszene und hat da lange nix gemacht. Durch die Touren mit GAMMA RAY hatten HELLOWEEN also eh viel mit Kai zu tun gehabt, und da sitzt du natürlich zusammen und redest über solche Sachen. So hat sich das über Jahre entwickelt, seit 2007 – was ja schon eine massive Zeit ist. Mit Michael Kiske war es im Endeffekt ähnlich, der hat mit Kai zusammen UNISONIC gemacht und so wieder ein bisschen seinen Fuß ins Metalgenre reingestellt. Wir sind uns dann ab und zu auf Festivals über den Weg gelaufen, wenn er zum Beispiel mit AVANTASIA auf Tour war. Das war einfach ein Prozess. Als darüber gesprochen wurde, ob man eine Tour zusammen macht, war von einem Album noch gar keine Rede. Man wollte erst mal sehen, wie es sich anfühlt. Und gerade mit Michi ist dann aber ein Mega-Verhältnis entstanden. Er hat selbst irgendwann gesagt: „Krass! Das hätte ich so jetzt gar nicht erwartet …“

Ich weiß nicht. Man kennt das ja aus dem eigenen Leben: Man trifft Menschen wieder, mit denen man früher unterwegs war, vielleicht sogar kreativ, und wo es dann übel Streit gab. Mit denen sitzt man dann nach Jahren wieder zusammen, der Abend ist nett, alle reißen sich zusammen. Aber recht schnell ist man in der Regel dann doch wieder dort, wo man vorher schon mal war…

Also ich sag mal ganz salopp: Wenn jemand ein Arschloch ist, dann bleibt er wahrscheinlich auch ein Arschloch. Aber Konflikte haben ja nicht unbedingt immer etwas damit zu tun. Ich weiß das ja von mir selbst: Wenn du als junger Mann – 18, 19 Jahre alt, testosteron-getrieben – rausgehst in die weite Welt, dann gehört dieses Sich-wichtig-machen einfach dazu. Wenn man dann noch in einer Band wie HELLOWEEN spielt – Plattenvertrag, plötzlich goldene Schallplatten und internationaler Erfolg – da kann ich mir gut vorstellen, dass damals die Egos ausgepackt wurden und es geheißen hat „das ist übrigens alles wegen mir“. Und dann fangen die Konflikte an. Aus meiner Sicht ist heute bei HELLOWEEN keiner dabei, bei dem du sagst „das ist ein tiefböser Mensch“. Klar gibt es Egos, aber die sind bei uns eh recht stark ausgeprägt. Wir haben viele Songschreiber, jeder hat was zu melden. Man muss schon für seinen Standpunkt kämpfen, und das macht auch jeder. Aber man ist heute irgendwie vernünftiger und steigert sich nicht mehr rein, sondern stellt eine Frage: „Wie hast du das gemeint? Warum willst du das so haben?“ Und hat dann auch den Respekt vor dem anderen, sich dessen Meinung anzuhören. Als junger Mensch kannst du das oft einfach nicht so gut. Ich konnte es ja selbst nicht: Ich hab früher auch immer versucht, mein Ding durchzudrücken und alle anderen, mit denen ich gearbeitet habe, in dem Alter auch (lacht). Am Ende hast du entweder eine Symbiose und es funktioniert, oder es kracht halt. Und so, denke ich mal, ist das damals – ich war ja nicht dabei – auch bei HELLOWEEN abgelaufen: dass da massiv die Egos geclasht haben. Heute sitzen da jedoch erwachsene Menschen, und wenn es einen Konflikt gibt, dann wird sich Mühe gegeben, den zu lösen. Das ist ja mit allen Beziehungen so: Die Bereitschaft zur Kommunikation muss gegeben sein, sonst kannst du es gleich knicken.

Wie lief das mit Michael Kiske? Der war zuletzt ja sehr anti-Metal, sehr christlich und auch ein bisschen weltverschwörerisch unterwegs…

Der Michi ist schon sehr spirituell unterwegs. Und die Musik ist nur ein Teil von ihm. Das ist bei mir ganz genauso: Ich bin kein Metaller per se, für mich ist das nur ein Teil meiner Persönlichkeit, aber es macht mich jetzt nicht komplett aus. Menschen wie Markus und Kai hingegen sind 100 Prozent Metal. Kai findet TOTO scheiße – weißt Du, was ich meine?

Hahaha! Oh ja, ich weiß, was Du meinst: TOTO sind ja auch scheiße.

Ich sehe es halt anders, aber das macht es auch ein bisschen aus, finde ich. Bei HELLOWEEN hast du diese vielen verschiedenen Charaktere – diese Band ist schon sehr speziell. Nach 18 Jahren muss ich echt sagen: das ist schon so ’ne Bande von Freaks, bei der jeder was drauf hat, gerade was das Songwriting angeht. Sowas findet man selten, das ist schon eine magische Verbindung und das weiß jeder und das will auch jeder bewahren. Deswegen muss man sich heute nicht mehr andauernd durchsetzen.

Lass uns über Kai Hansen sprechen. Für mich ist er einer der stilprägendsten deutschen Rockmusiker überhaupt. Ganz viel, was im deutschen Metal passiert ist, diese Verquickung von Speed auf der einen und Melodie auf der anderen Seite, bei der am Ende dieser charakteristische deutsche Kinderlied-Power-Metal rauskam, geht auf Kai Hansen und die frühen HELLOWEEN zurück. Unheimlich prägender Typ – vielleicht ein bisschen so, wie es Jesper Strömblad (IN FLAMES) für den Göteborg Death Metal war. Kannst Du diesen Gedanken irgendwie nachvollziehen?

Ich höre das oft und ich verstehe auch, woher diese Legendenbildung kommt, aber so richtig nachvollziehen kann ich sie nicht. Aus meiner Sicht stellt sich die Sache ein wenig anders dar. Das, was HELLOWEEN ausgemacht und als Band geprägt hat, das war ja nicht Hansen alleine. Nimm Michis Stimme weg, dann wären „Keeper 1“ und „Keeper 2“ sicher nicht so erfolgreich gewesen. Nimm Weikis grandiose Songs und Melodien weg, dann wäre die Band auch nicht so groß geworden, wie sie ist. Und wenn wir weiter in die 90er gehen – nimm Andis massives Songschreiber-Talent und seine unique Stimme – keiner klingt wie Andi Deris! Ich will meinen Bandkumpel Kai nicht schmälern, aber für mich hinkt das alles ein bisschen. Ich verstehe, woher es kommt, ich verstehe Menschen, die sagen: „Walls Of Jericho“, das war damals eine Sensation! Aber es war nie Kai alleine. Und das ist auch heute nicht so. Speziell bei der Band ist es immer eine Symbiose aus echt guten Leuten.

Mit Michael Weikath, Dir, der seit 18 Jahren dabei ist, und dem zurückgekehrten Kai Hansen gibt es nun drei Gitarristen bei HELLOWEEN. Werden da für Dich als Jüngsten die Spielräume nicht eng zwischen diesen beiden Alphatieren?

Ey, das sind alles so Fragen … Da muss ich echt sagen: Ich sehe das alles gar nicht so. Wenn du eine Band machst, nur um alleine zu glänzen, dann brauchst du doch keine Band machen! Dann kannst du auch Solo-Artist werden. Und was Kai betrifft, weil du ihn so hervorgehoben hast und jetzt die Spielräume und überhaupt diese ganzen Floskeln: Was ist denn dann mit dem Umkehrschluss? Wenn es so wäre, dann wäre ja HELLOWEEN nicht weiterhin erfolgreich geblieben ohne Kai Hansen. Dann wären ja alle zu GAMMA RAY gerannt und GAMMA RAY wäre die größere Band geworden. Dort hattest du ja 100 Prozent Kai Hansen. Und jetzt die Brücke zu den von Dir angeführten Spielräumen: Der Begriff Band kommt ja von Bande, wenn man so will – also eine Gruppe von Leuten, die Bock haben, zusammen Musik zu machen. Und da hat jeder seinen Platz und seinen Spielraum. Natürlich ist es so, wenn Kai wieder in der Band spielt, dass ich dann Platz machen muss. Das ist für mich doch völlig klar! Ich war der Erste, der zu ihm hingegangen ist … da waren wir zusammen auf Tour, er bei GAMMA RAY und ich noch mit Weiki alleine bei HELLOWEEN. Das war in einem Club in Japan, zu einer Zeit, als schon ein bisschen so im Gespräch war, dass wir was zusammen machen, da bin ich zu ihm hin und habe gesagt „Ach übrigens, sollte es in Zukunft tatsächlich zu einer HELLOWEEN-Reunion kommen: ich habe überhaupt keinen Stress, auch mal einfach nur Rhythmusgitarre zu spielen.“ Für Andi und Michi gilt dasselbe, die müssen sich Gesänge teilen. Aber genau das ist doch das Ding, das macht doch eine Band aus: Dass man Platz für den anderen macht. Bei uns hat jeder sein Spotlight – auch ich habe meine Solo-Parts. Ich finde es aber auch ziemlich geil, mit Markus zusammen bei diesen klassischen Songs, wo Weiki und Hansen diese Doppel-Soli spielen, in den Hintergrund zu treten. Das ist ja logisch, dass der Fan das sehen will – das ist legendär. Da spiele ich dann Rhythmusgitarre und finde das voll cool. Ich hab da keinen Stress. Ich werde das immer wieder gefragt, wie das für mich ist: Tatsächlich ist das gar nicht so schlimm. Es ist kein Kuschelkurs, sondern einfach sehr erwachsen und ausgecheckt.

Ja, aber sowas ist doch selten. Wer die Geschichte von HELLOWEEN verfolgt hat, weiß, dass es genau das eben früher eben nicht war: erwachsen und ausgecheckt. Und dass die Band genau daran fast zerbrochen ist … Du hattest es vorhin selbst angesprochen. Zugegeben, ich war skeptisch, was diese ganze Happy-Happy-Reunion angeht – aber auch überrascht, dass Andi und Du weiter im Team geblieben sind. Das hat mich ehrlich gefreut. So, wie sich das bei Euch gerade alles präsentiert, ist das hochanständig. Aber wir wissen beide, wie es normalerweise im Geschäft läuft: Wenn eine Reunion der Originalmitglieder ansteht, ist man blitzschnell vergessen. Wie schnöde haben sie den Ripper bei JUDAS PRIEST ausgewechselt – oder Blaze Bayley bei IRON MAIDEN. Gut, bei MAIDEN wiederum hast du auch die Kumpelnummer, dass sie Janick Gers als dritten Gitarristen behalten haben…

…und das scheint ja auch zu funktionieren.

Klar. Und noch weiter gedacht, ist man dann irgendwann bei DEF LEPPARD und ihrem einarmigen Schlagzeuger und dem vielleicht größten Freundschaftsdienst, den es je in der Rockmusik gegeben hat. Aber sowas ist doch echt die Ausnahme!

Aber deshalb musst du uns doch nicht andichten, dass wir dieses Problem hätten. Warum sollten HELLOWEEN das nicht genauso können wie MAIDEN oder DEF LEPPARD?

helloween-bandfoto-2020Ich dichte Euch kein Problem an. Mich interessiert nur, wie das ist, wenn die eigene Band plötzlich auf eine halbe Fußballmannschaft anwächst. Aber gut, ich frag mal anders rum: Was ist heute Deine Rolle bei HELLOWEEN?

Das kann ich Dir sagen: Meine Rolle bei HELLOWEEN war von Anfang an die des Mediators. Ich spiele da jetzt ja nicht ohne Grund schon seit 18 Jahren – auch, weil ich weiß, mich zurückzunehmen. Mein Vorgänger hat, so wie ich das mitgekriegt habe, den Fehler gemacht, sich ein bisschen als Gitarrengott aufspielen zu wollen. Wahrscheinlich war das nicht mal böse gemeint, aber es ist eben nicht Sinn und Zweck einer Band. Wenn ich unbedingt mein Spotlight brauche, dann mach’ ich halt was Eigenes. Aber das muss ich doch nicht in einer Band durchdrücken. Und ja, Du hast recht: Es ist selten und in einer so bösen Welt klingt das schnell komisch und man kann es gar nicht glauben. Ich kann nicht über die Zukunft sprechen, aber im Moment ist es tatsächlich so, dass wir bei HELLOWEEN alles durch Kommunikation gelöst haben. Das finde ich genial und so halte ich mit allen Beziehungen in meinem Leben.

Hast Du Schiss gehabt, dass Andi Deris und Du bei einer HELLOWEEN-Reunion hinten runterfallen könnten?

Schiss würde ich es nicht nennen. Es gab bestimmt die Möglichkeit – ganz am Anfang, als ich das erste Mal davon gehört habe, dass darüber nachgedacht wird, was zusammen zu machen. Aber schon gleich da wurde das auch sofort ausgeräumt: Sowohl Markus als auch Weiki haben direkt gesagt, dass das nur geht, wenn Andi und ich bleiben und dass das auch nur mit uns geht, weil wir ja schließlich lange genug erfolgreich die Band weitergeführt haben. Ich will mir da jetzt gar nicht die große Rolle geben, aber gerade Andi hat aus meiner Sicht die Band in den 90ern gerettet.

Naja, es gibt aber schon auch viele Leute, die sagen, dass es mit Deinem Einstieg bei HELLOWEEN wieder aufwärts ging.

Gut, es ist halt ’ne Band, und jeder, der dazu kommt, bringt seine Energie mit. Zwischen Weiki und mir hat es damals halt direkt gematched. Das war wirklich so. Ich bin zwar wesentlich jünger, aber wir finden beide MICHAEL SCHENKER geil und hatten dann gleich so eine gemeinsame Welle. Deshalb konnte ich da auch vom Fleck weg Energie reinlegen. Mit Andi war es genauso: Als er in die Band kam, hat sich das Gefüge natürlich auch verändert. Und um an dieser Stelle den Bogen zu Kai und Michi zurückzuschlagen: Genau das gleiche ist jetzt auch wieder passiert. Kai und Michi haben eine HELLOWEEN-Band vorgefunden, die völlig neu ist für die zwei und die es so ja vorher nicht gab. Die mussten sich auf uns einstellen und wir uns umgekehrt auf die beiden. Aber auch hier kamen zwei Leute dazu, die wieder Energie reingebracht haben. Aus meiner Sicht ist das eine Erweiterung, und auch auf der Tour hat man gemerkt: Es ist einfach nochmal ein Mega-Schritt nach vorne. Das haben wir uns selbst nicht träumen lassen.

Wie läuft das Songwriting bei Euch? In der neuen Mannschaftssituation gibt es ja viele Schöpfer…

Bei uns hat jeder sein Studio zu Hause und schreibt Lieder. In der Regel ist es so, dass jeder die Songs alleine komplett fertig schreibt – inklusive Gesang. Also es gibt quasi von den Songs von mir, die jetzt auf dem Album sind, eine Version mit meinem Gesang drauf, alles komplett vorproduziert und fertig. Bevor es ans Album geht, treffen wir uns in Hamburg, bauen eine Anlage auf und spielen uns gegenseitig unsere Sachen vor. Da kriegt man dann schon so eine Tendenz: Worauf hat der Großteil der Mannschaft Bock? Wo wird mitgewippt, wo kriegt man ein gutes Feeling? So gibt es Nummern, die hinten runter fallen, es gibt Songs, die gut zusammenpassen … und am Ende hast du dann nach der Produktion ein Album. Diesmal war es aber so, dass man Parts freigelassen hat, weil noch gar nicht klar war, wer was singt. Manche Songs haben wir auf eine andere Tonart transponieren müssen für den jeweiligen Sänger. Die Solo-Parts waren auch noch nicht ausgecheckt. Dann sind wir nach Hamburg gegangen und haben eine gemeinsame Vorproduktion gemacht, haben vier Wochen lang alle Songs grob eingeprobt und geguckt, ob neue Ideen entstehen. Dabei sind nochmal ganz coole Sachen rausgekommen.

Und davon habt Ihr die gewählt, die am nähesten am klassischen HELLOWEEN-Sound sind?

Nö, wir haben die gewählt, die uns am besten gefallen und die am besten zusammen gepasst haben. Ich würde sagen, dass das neue Album ein guter Querschnitt von über 30 Jahren HELLOWEEN ist und keine „Keeper 3“ oder eine „Walls Of Jericho 2“. Was ziemlich cool war: Unser Produzent Charlie Bauerfeind, der ja auch Franke ist und aus Erlangen kommt, wollte, dass alle Gitarristen alle Songs spielen und dass alles aufgenommen wird, was an Ideen da ist. Er sagte: „Ich möchte am Ende alles so zusammenfügen, dass genau das entsteht, was ich live von euch wahrgenommen habe – mit diesen drei Gitarren und dieser Super-Symbiose. Das will ich auf dem Album hören: dass die Energie von jedem drinsteckt!“ Das fand ich eine ziemlich geile Idee.

Ihr habt in Fürth aufgenommen – im Studio von der Rockband BRUNHILDE

Ich habe in Fürth mit Charlie aufgenommen, Kai in Hamburg mit Dennis Ward. Dann ist Charlie nach Teneriffa geflogen und hat Weiki aufgenommen.

Sascha, Du bist 1977 geboren und warst acht Jahre alt, als HELLOWEEN die erste EP rausgebracht haben. Wann, wo und wie hast Du die Band zum ersten Mal wahrgenommen?

In meiner Schulzeit, Ende der 80er Jahre, mit den „Keeper“-Alben. Mitschüler haben HELLOWEEN gehört, aber ich hab’ nur die Hits mitgekriegt – „Dr. Stein“ und „Future World“. So richtig mit der Band befasst habe ich mich erst, als ich bei FREEDOM CALL eingestiegen bin und es in diese Musikrichtung ging.

Hast Du HELLOWEEN mal live gesehen, bevor Du bei ihnen eingestiegen bist?

Nein. Die erste Band, die ich live gesehen, war VICTORY – zusammen mit BONFIRE (lacht). Ich glaube, das war in Hirschaid bei Bamberg.

Im „Skyfall“-Video spielst Du eine abgefahrene Gitarre. Was ist das für ein Gerät?

Das ist mein eigenes Design – mein eigenes Signature-Modell, das ich mit einem Freund zusammen entwickelt habe. Der kommt übrigens auch aus Franken (lacht). Das, was ich da im Videoclip spiele, ist ein Prototyp und noch ganz neu: Eine Mischung aus der Roland-Synthesizer Gitarre von 1986, die ich bei meiner anderen Band PALAST spiele, und der Ibanez Destroyer von 1982, die mir mein Onkel vermacht hat – die allererste Gitarre, die ich überhaupt mal in den Händen gehalten habe. Aus diesen beiden Welten wollte ich eine Symbiose hinkriegen: Ein bisschen diesen futuristischen Tech-Touch, gemischt mit dem klassischen Look einer Destroyer. Ein Gitarrenbauer aus der Nähe von Hannover ist gerade dabei, Prototypen zu bauen, bis wir das fertige Modell haben. Ob wir sie auf den Markt bringen, weiß ich noch gar nicht. Erst mal muss sie fertig werden und genau so sein, wie ich sie haben will.

Was geht mit der Fotografie? Neben der Musik hast Du Dir ja eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Fotograf aufgebaut…

Das mache ich immer noch. Ich fotografiere schon seit längerer Zeit Mode, das hat mich irgendwann gepackt, deshalb bin ich auch nach Berlin gezogen. Ursprünglich wollte ich was machen, was außerhalb vom Rock’n’Roll-Business ist, aber dadurch, dass wir in den letzten Jahren so viel auf Tour waren und dann das neue HELLOWEEN-Album anstand, ist die Fotografie zuletzt ein bisschen weniger geworden. Was ich manchmal auch noch mache, sind Musikvideos für andere Bands – zuletzt zwei Clips für BRUNHILDE.

Einer, der nicht bei der großen HELLOWEEN-Reunion dabei sein kann, ist Schlagzeuger Ingo Schwichtenberg, der nach dem 1993er-Album „Chameleon“ gefeuert wurde und sich 1995 vor eine S-Bahn geworfen hat (seine Familie hat die wirklich sehr schöne Erinnerungsseite ingoschwichtenberg.com aufgesetzt, checkt die mal aus)…

Auf der Reunion-Tour wollten wir unbedingt auch einen Moment für Ingo haben, der nicht mehr da ist. Da gab es live dann diese Einlage, bei der sich Dani eine Live-Drum-Battle mit Ingo geliefert hat. Das war seine Idee. Er hatte sich auch darum gekümmert, hat vorher altes Live-Material von Info gesammelt und das zu einem kleinen Video geschnitten, das über die LED-Leinwände abgefeuert wurde. Jetzt für die Aufnahmen zum neuen Album haben wir Ingos altes Drumkit bekommen. Das Ding steht bei einem Freund von Ingo, er hat es uns ausgeliehen … und Dani hat darauf das Album eingetrommelt.

Ach, das ist echt nice.

Ja, das war sehr speziell. Dani meinte, wenn wir das schon machen, dann wäre es schön, einen Teil von Ingo mit auf dem Album zu haben.

Was macht Deine andere Band PALAST, mit der Du Deine Vorliebe für elektronische Klänge auslebst?

Liegt ein wenig auf Eis, tät ich sagen (lacht). Das ist ja mehr oder weniger mein Soloprojekt, und ich hab aktuell auch gar keine Livemusiker, mit denen ich auftreten könnte. Live spielen ist ja gerade auch nicht. Im Moment schreibe ich Songs und nehme Ideen auf. Mal gucken, was sich da noch so entwickelt.

Ich hatte immer den Eindruck, PALAST sei schon eine Band…

Wir haben ursprünglich als Band angefangen, aber nach dem ersten Album ist das dann auseinandergefallen … und Corona hat dem Ganzen den Rest gegeben. Die letzte Single war eigentlich schon ein kompletter Alleingang, weil der Kollege irgendwann einfach abgehauen ist, mit seinem Motorrad in den Wald und dort zelten (lacht). Keine Ahnung, im Moment drehen viele Leute ein bisschen durch. Ich mach aber auf jeden Fall weiter mit PALAST. Hab ja vorher schon die ganzen Songs alleine geschrieben und produziert. Und wenn es dann irgendwann wieder daran geht, live zu spielen, dann suche ich mir einfach neue Musiker.

Stell Dir vor, Du feierst eine Gartenparty und hast drei Bands Deiner Wahl frei, die für Dich und Deine Freundinnen und Freunde aufspielen. Der Clou: Leichen willkommen! Das heißt, Bands, die es nicht mehr gibt, und Musiker, die schon tot sind, dürfen für diesen Nachmittag zurückkommen. Wer spielt auf Sascha Gerstners Gartenparty?

JOHN LENNON, JIMI HENDRIX und KURT COBAIN.