SWALLOW THE SUN: Songs From The North [3CD]

Eine objektive, auf den Punkt gebrachte kritische Bewertung des neuen Werkes "Songs From The North" könnt Ihr also mal ganz klar vergessen!

Ich hab da ja so ein Problem: Seit dem ersten Album The Morning Never Came 2003 haben mich Juha Raivo und seine Jungs von SWALLOW THE SUN in ihren Bann gezogen, berühren gerade mit den letzten Alben gut versteckte Tiefen in mir wie keine andere Band. Eine objektive, auf den Punkt gebrachte kritische Bewertung des neuen Werkes Songs From The North könnt Ihr also mal ganz klar vergessen! Dazu gesellt sich noch der Respekt vor einer Band, die den Mut hat, heutzutage ein aus drei Alben bestehendes Werk zu veröffentlichen. Und das in Zeiten, wo viele aktuelle CDs von Bands und Künstlern aller Genres gerade mal die 40-Minuten-Marke knacken. In den 70ern logisch, bezogen auf die Kapazität der Vinylplatten, heute in dem riesen Markt zu den aktuellen Preisen einer CD ist das schlichtweg eine Frechheit. Zumal heute ja eh viele keine Tonträger mehr anfassen, Musik findet statt auf Smartphones, Tablets oder gleich im riesen Multimedia-TV. Dass es auch anders geht, das eben wollen die Finnen uns zeigen und liefern in einer Box drei theoretisch grundverschiedene Alben, welche die Band aus Jyväskylä und ihren Sound aus ganz verschiedenen Blickwinkeln zeigt. Und wo manch anderes Label halt dann drei einzelne Alben herausgebracht hätte, jedes wahrscheinlich in drei verschiedenen Editions in drei verschiedenen Farben, da gehen die Daumen hoch Richtung Century Media, die Juha bei seiner Vision vom sechsten Album unterstützen. Für so ein Monsterprojekt muss natürlich genug Musik her, um die Alben zu füllen, und eben die muss dann auch überzeugen!

So soll also North I typischen SWALLOW THE SUN-Sound bringen, und ja, das kann man so stehen lassen. Erzählerischer, ergreifender Doom-Death, der geschickt mit Dynamiken spielt, durchtränkt ist von typisch finnischer Melancholie, der keine Angst hat vor schönen Melodien, diese oft eher aus der Gothic-Ecke, welche heute in dieser Form ein unverkennbares Markenzeichen des Bandsounds sind. So lädt With You Came The Whole Of The World´s Tears eher unaufdringlich ein, sich in düstere Gedanken fallen zu lassen. Das hätte man eindringlicher machen können mit einer fetten, bombastischen Doom-Death-Walze, aber warum nicht erst herantasten, es gibt ja noch reichlich Musik zu erleben. 10 Silver Bullets hingegen groovt so teuflisch, so gnadenlos, da wird es Zeit, endlich mal wieder die AJATTARA-Scheiben rauszuziehen, fett! Dass dieser Groove zum Ende hin komplett zusammenfällt ist da nur logisch, nicht dass die heimische Deprihütte noch zur Tanzfläche wird! Rooms And Shadows, typisch SWALLOW THE SUN, aber nicht so intensiv wie das wunderschöne Heartstrings Shattering, wo die einschmeichelnde Stimme von Juha´s TREES OF ETERNITY-Kollegin Aleah ihren passenden Platz findet als Gegenpart zu den derben Growls. Das sonderbare, sperrige The Memory Of Light vermittelt spürbar die Zerrissenheit, die Angst vor den eigenen Gefühlen, wenn man jemanden verloren hat, der durch nichts zu ersetzen ist. Auch die anderen Songs tragen greifbare Emotionen in sich, das abschließende From Happiness to Dust hätte so auch gut auf dem letzten Album Emerald Forest And The Blackbird stehen können. Aber auch viele Parallelen zum fantastischen New Moon tauchen auf North I auf. Rundum findet man hier tatsächlich alles, was die bisherigen Scheiben der Finnen ausgemacht hat, stimmig und rund zusammengefasst.

Das als ruhiges, semi-akustisches Gegenstück angesagte Album North II beginnt instrumental mit einem düsteren Pianostück, das anfangs fast zu dunkel erscheint, so eher eine stimmige Überleitung ist vom ersten Album zu den zarteren Klängen der zweiten Scheibe. Irgendwo wurde dieser Scheibe der Stempel Singer/Songwriter aufgedrückt, das schimmert hier und dort bei der Herangehensweise sicher durch. Letztendlich findet man ähnliche Klänge auch auf den früheren SWALLOW THE SUN-Alben, dort halt eingesetzt, um die Songs zusammenfallen zu lassen. Hier nun weiten Juha und seine Kollegen dies aus und bauen komplette Songs der ruhigeren Art, um weitestgehend frei von der Bandeigenen Düsterness der Melancholie und Sentimentalität freien Raum zu lassen, ohne einen mit der Genretypischen Heavyness platt zu walzen. Wenn mir Juha schreibt, dass viele der Songs unter Tränen entstanden sind, dann wird dies hier genauso greifbar wie auf den anderen Scheiben, vor allem auch auf North III. Ist man vertraut mit dem Hintergrund dieser Tränen, dann wird natürlich alles noch deutlicher. The Heart Of A Cold White Land greift das Thema zum Package auf, mit einschmeichelnden Melodien, nachdenklich, introvertiert, schlichtweg schön. Away, zart, zerbrechlich, ein dezent FLOYDiger Touch, auch Fans der neueren ANATHEMA dürften hier dahinschmelzen. Sicher sind die Herren auch vom tollen neuen Album Rattle That Look von DAVID GILMOUR begeistert, noch sicherer bin ich, dass sie ihre norwegischen Nachbarn AIRBAG mögen. Tipp: Unbedingt mal ALI FERGUSON checken, Gitarrist bei RAY WILSON/STILTSKIN, der mit The Windmills And The Stars 2011 ein tolles, diesem Sound entsprechendes Soloalbum präsentiert hat und aktuell am nächsten Album arbeitet!

Aber zurück von Schottland nach Finnland, Pray For The Winds To Come verpasst zumindest mir eine Gänsehaut nach der anderen. Wer die typische Melodieführung der Band mag, der wird diesen Song als Mittelpunkt von North II sehen, verträumt sitzt man in der Ecke, Melodien so zuckersüß, dass sie an der Kitschgrenze kratzen, aber eben immer kurz davor bleiben und mit diesem Element spielen. Dies gilt auch für den Titelsong, hier breitet sich die Stimme von Aleah wieder aus, süß und Mädchenhaft, für beinharte Doom-Deather sicher too much, weil nahe am Gothic-Metal-Klischee. Es folgt ein schönes, positiv anmutendes Instrumental, wieder kommt etwas GILMOUR in den Sinn, etwas kraftvoller und fordernder baut sich Autumn Fire auf. Recht fluffig beendet Before The Summer Dies den ruhigen Teil der Triologie, natürlich durchzogen von dieser typischen Melancholie, die es wohl so nur in Finnland gibt. Trotzdem durchzieht den Song ein positiver Touch, den man vor dem Genuss der dritten Scheibe ruhig aufsaugen sollte. Letztendlich spielt North II überzeugend mit schönen Melodien und einer berührenden Melancholie, die gar nicht sooo viel anders ist als der Grundsound von SWALLOW THE SUN, wirklich verbiegen musste sich die Band nicht. Nur liegt hier der Fokus auf gefühlvoll, sensibel und verträumt und nicht auf düster und erdrückend. Dieser Teil der Triologie passt immer, egal ob zum Frühstück, beim Fensterputzen oder auf langen, einsamen Autofahrten über die nächtlichen Autobahnen Hollands, alles ausprobiert!

Da greift dann North III in eine ganz andere Kiste, nachts einsam im Auto passt hier nun gar nicht, sofern man nicht zum ängstlich dahinschleichenden Verkehrshindernis werden will. Funeral Doom ist für mich immer noch die Königsklasse des Doom. Es reicht ein ungünstig gesetzter Snareschlag, ein zu breiter Keyboardteppich, der eine Growl an der falschen Stelle, und der ganze Aufbau des Songs bricht auseinander. Fiese, brutale, depressive Sounds zu erschaffen, das gelingt vielen Bands. Zu erreichen, dass der Hörer in den Song gezogen wird, sein dunkelstes Innerstes nach außen gekehrt wird, eine eisige Hand sich auf die Haut legt und man sich dabei erschreckend wohl fühlt, das gelingt nicht vielen Bands. Diese Tiefen der Musik wollen die Finnen auf North III ausloten, und das gelingt ihnen nicht wenig überraschend sehr gut!

Sehr theatral kommt dann gleich mal The Gathering of Black Moths, das seine düstere Geschichte in akustischen Bildern präsentiert. Wenn hier Tempo aufgenommen wird, dann bewegt man sich immer noch in Takten, die bei normalen Musikfreunden tiefe Depression garantieren. Mikko growlt in tiefsten Tiefen, keift auch mal Blackmetallisch wie ein genervter Tonttu. Hätte sich auch gut als eigenständige EP für Fans gemacht, die auch gern in Plague Of Butterflies eingetaucht sind. Es passiert viel mehr, als man anfangs wahrnimmt, ein Brocken, mit dem man sich gern näher auseinander setzt. 7 Hours Late hingegen arbeitet mit Minimalismus, es passiert oberflächlich kaum etwas, ein eisiger Nebel umhüllt den Zuhörer, den auch der Hauch eines Grooves in klassischer CANDLEMASS-Manier auf halber Geschwindigkeit und epische Keyboardchöre nicht verdrängen können.

Wenn Mikko Kotamäki bei Empires of Loneliness in gebrochenen Worten sein Leid klagt, dann spricht das auch eigene verborgene Narben an. Ansonsten ein starker Song, der geschickt mit Dynamiken spielt, ohne große Überraschungen aufzufahren. Wer sich CANDLEMASS´ The Well Of Souls und At The Gallows End auf einem Viertel der Geschwindigkeit vorstellen kann, der liegt nicht ganz falsch. Wie jedes Mal, wenn der Song läuft, verspüre ich auch wieder den Drang, mal wieder eine Scheibe von den Holländern OFFICIUM TRISTE zu hören, warum auch immer… Das fiese Abandoned by the Light kommt dann wieder aus dem tiefsten Keller, ultra zäh, erdrückend, aufgemischt durch das Gekeife eines übelst gelaunten Ajatar. Dass hier im Song viel mehr passiert, als man beim Hören wahrnimmt, spricht für die zermürbende Stimmung, die der Song verbreitet. Ähnlich auch das abschließende The Clouds Prepare For Battle, aber kräftiger zupackend, das Laut/Leise-Spiel wird hier wieder stimmig ausgepackt. Wie jedes der drei Alben hat North III eine andere Sichtweise auf den Grundsound der Band. Natürlich sind SWALLOW THE SUN und ihre typischen Elemente durchgehend herauszuhören, aber die Bitterkeit, die Zerrissenheit, die zermürbende Tiefe des Funeral Doom lassen den sonst so schönen Momenten des Bandsounds keinen Raum. Dass hier im Studio bei manchen Musikern die Emotionen ordentlich durchgerührt wurden, das kann man sich gut vorstellen. Und eben das erreicht den Zuhörer, wenn er sich darauf einlässt, und das war sicher das erhoffte Ziel der Finnen.

Was SWALLOW THE SUN hier auffahren, das ist ebenso mutig wie riskant. Als Gesamtwerk ist das schlichtweg zu viel, sofern man nicht absoluter Fan ist, wird man alle drei Alben kaum in einem Rutsch durchleben wollen und können. Dann machen sich hier und da ein paar Längen bemerkbar, der auf Abwechslung achtende Gesang ist in den überzeugenden Momenten richtig gut und transportiert die Emotionen super, hier und da wünscht man sich aber doch einen Überraschungsmoment. Gerade bei den Funeral-Songs wirken die Keyboards teils zu aufgeblasen oder auch mal zu Klischeehaft, dort fehlt auch mal dem Drumming der große Moment. Und auch die Produktion lässt noch ein wenig Luft nach oben. Da steigt die Neugier auf den Sound der auf 5 Scheiben verteilte Vinylversion, wenn denn die bestellte Plattennadel endlich mal eintrudelt. Aber mir persönlich ist es wichtiger, dass Musik mich abholt und in die Songs zieht, als kopflastige Perfektion bis ins Detail. Und eben das Eintauchen finde ich persönlich seit Jahren bei Juha und seinen Jungs. Wenn kritisiert wird, dass alle drei Alben doch gleich sind und nur mit der Härte variieren, ja klar, stimmt. Aber war das nicht das Ziel der Finnen, ihren eigenen Sound aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten? Auch Vergleiche zu Genrekollegen erübrigen sich, SWALLOW THE SUN haben schon lange ihren eigenen Sound gefunden im Pool der großen Doom/Death-Bands.

Ich persönlich kann auch keines der drei Alben heraus- oder herunter reden, denn das zeigt sich bei mir nach zahllosen Durchläufen: jedes Album wirkt entsprechend der eigenen Tagesform immer wieder anders. Vielleicht weil ein finnischer Musiker in mir die Leidenschaft für edlen Scotch geweckt hat (kippis Kimi!), kam gestern der Vergleich der Alben zum Scotch in den Sinn. Ich liebe kraftvollen, rauchigen Islay Single Malt. Und auch da gibt es Tage, wo mein so geliebter 10er ARDBEG absolut nicht geht, es der Kick vom ungleich feurigeren Ardbeg Corryvreckan sein muss. Und dann wieder der Tag, wo es doch der mildere Highlander von ARDMORE sein muss. Und am nächsten Tag ist wieder alles anders und der 10er Ardbeg ist das Maß aller Dinge. Und eben so geht es mir mit den drei North-Scheiben, heute ist der klassische SWALLOW THE SUN-Sound genau richtig, weil ich diesen halt eh mag. Ein anderer Tag zeigt die Größe der ruhigen Klänge, und irgendwann passt genau die derbe Funeral-Abfahrt von North III. Und wieder einen Tag weiter greift wieder eins der anderen Alben in die aktuelle Tagesstimmung. Dann entdeckt man auch den Bass, der sich oft zugunsten von Gesang und Gitarre in den Hintergrund verzieht, und sich doch immer wieder interessant einbringt. Dann tauchen auch mehr Feinheiten und Facetten auf, die bisher an einem vorbeigezogen sind. Wer sich dann noch unterm Kopfhörer auf den Trip einlässt, der wird richtig in die Songs eintauchen.

Fazit nach endlosem Blabla: Ich kann und will keines der drei Alben von Songs From The North hervorheben. Jedes bietet wie versprochen die typischen Elemente der Finnen aus einer anderen Richtung, und trotzdem bleibt alles eindeutig SWALLOW THE SUN. Wer sich nicht so zuhause fühlt im Sound der Band, der mag hier und da mal mehr, mal weniger berechtigte seine Rosinen rauspopeln zum Benörgeln. Als echter Fan hingegen wird man sich vor SWALLOW THE SUN verbeugen und dankbar sein für dieses stimmige Mammutwerk! Das kommt natürlich noch besser in der Vinylversion (inklusive CDs), wo das nicht überzogene Layout natürlich noch besser kommt. Das hübsche Paganmädel gibt dann jedem Album die passende Optik.Das Layout und die Links zu den bisherigen Videos zur North-Box findet Ihr in unseren News zu SWALLOW THE SUN.

Veröffentlichungstermin: 13.11.2015

Spielzeit: 59:20 / 42:33 / 51:57 Min.

Line-Up:
Mikko Kotamäki – Vocals
Juha Raivio – Guitar
Markus Jämsen – Guitar
Matti Honkonen – Bass
Aleski Munter – Keyboards
Juuso Raatikainen – Drums
Aleah Liane Stanbridge – Vocals

Label: Century Media

Homepage: http://swallowthesun.net

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/swallowthesun

Tracklist:
North I:
1. With You Came The Whole Of The World´s Tears
2. 10 Silver Bullets
3. Rooms And Shadows
4. Heartstrings Shattering
5. Silhouettes
6. The Memory Of Light
7. Lost & Catatonic
8. From Happiness To Dust

North II:
1. The Womb Of Winter
2. The Heart Of A Cold White Land
3. Away
4. Pray For The Winds To Come
5. Songs From The North
6. 66°50´N,28°40´E
7. Autumn Fire
8. Before The Summer Dies

North III:
1. The Gathering Of Black Moths
2. 7 Hours Late
3. Empires Of Loneliness
4. Abandoned By The Light
5. The Clouds Prepare For Battle