Fast scheint es so, als würden sich SOEN mit dem Titel ihres Albums auch direkt an uns wenden: Auf die Band sei Verlass. Was die Schweden in der jüngeren Vergangenheit auszeichnete, hat auch heute noch Bestand. Und damit ist „Reliance“ im Kern bereits umschrieben.
Denn den Stil der letzten beiden Platten „Imperial“ (2021) und „Memorial“ (2023) setzt das Quintett nahtlos sowie unaufgeregt fort. Die progressiven Wurzeln haben SOEN längst abgestreift, um sich kompakten Alternative-Metal-Arrangements zu verschreiben. Variierte die Band in Stücken wie „Antagonist“ (2021) noch den Songaufbau, so gibt sich „Reliance“ über eine Dreiviertelstunde mit dem klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Schema zufrieden.
SOEN tischen mit „Reliance“ mehr vom Bekannten auf
Das macht die zehn Kompositionen formelhaft und vorhersehbar, wodurch packende Momente und große Songs rar gesät sind. Im Gegenzug bleibt das grundlegende Niveau zumindest überdurchschnittlich hoch, obgleich SOEN uns lediglich mehr vom Bekannten auftischen. Dazu zählt Single „Primal“, wo sich das Gitarrenduo Lars Enok Åhlund und Cody Ford an einer Variante des stampfenden Industrial-Riffs versuchen, das seit ARCHITECTS‘ „Animals“ gefühlt jede vierte Modern-Metal-Band in ihr Repertoire aufgenommen zu haben scheint.
Sänger Joel Ekelöf wiederum mischt seinem stets guten, doch auf Albumlänge leicht gleichförmigen Gesang wie schon auf „Memorial“ öfter mal eine kratzig-raue Note bei. Diese soll für Kontrast sorgen, untergräbt jedoch die Stärke seiner sonst warmen Stimme. Auflockernd wirken darüber hinaus wunderbar gespielte Soli wie in „Mercenary“ oder die doch kurzzeitig an progressive Zeiten erinnernde Leadgitarre in „Indifferent“. Leider bleibt die Ballade mit Pianobegleitung ansonsten – auch textlich – eher blass.
„Reliance“ zeigt wenig Ambition, ein prinzipiell unterhaltsames Album haben SOEN dennoch geschrieben
In „Discordia“ experimentieren SOEN zwischenzeitlich mit einem modernen Breakdown und getragenen Synthesizern, nur um anschließend in dieselben alten Schemata zurückzufallen. Im Prinzip wärmen die Musiker zehn Tracks lang das immergleiche Rezept neu auf, wodurch die Spannungskurve schnell abflaut. Aus dem Trott ausbrechen kann zumindest „Axis“, dessen Elan kurzzeitig beflügelnd wirkt, bevor sich die Band wieder in das zuvor etablierte Register zurückzieht.
„Reliance“ bewegt sich ausschließlich in der eigenen Komfortzone und ist somit in gewisser Weise völlig frei von Ambition. Erschreckend ist das, wenn man die eigene Vita SOENs betrachtet; und doch darf man die Qualitäten der Platte nicht völlig außer Acht lassen. Denn sofern man sich mit der nahezu apathischen Formelhaftigkeit des Materials arrangieren kann, bekommt man zwar kein inspiriertes, doch zumindest unterhaltsames sowie kompetent konzipiertes Alternative-Metal-Album. Eingängige Melodien, schöne Soli, gelungene Riffs – all das ist ja eigentlich vorhanden. Wem das reicht, der darf den Skandinaviern selbstverständlich ein weiteres Mal auf die Schulter klopfen: Auf SOEN ist zumindest aus diesem Blickwinkel tatsächlich Verlass.
Veröffentlichungstermin: 16.01.2026
Spielzeit: 43:36
Line-Up
Joel Ekelöf – Vocals
Martin Lopez – Drums
Lars Enok Åhlund – Keyboards and Guitar
Cody Ford – Lead Guitar
Stefan Stenberg – Bass
Produziert von SOEN, Alexander Backlund und Tony Lindgren (Mastering)
Label: Silver Lining Music
Homepage: https://www.soenmusic.com/
Facebook: https://www.facebook.com/SoenMusic
Instagram: https://www.instagram.com/soenmusic/
SOEN “Reliance” Tracklist
- Primal (Video bei YouTube)
- Mercenary (Video bei YouTube)
- Discordia (Video bei YouTube)
- Axis
- Huntress
- Unbound
- Indifferent (Video bei YouTube)
- Drifter
- Draconian
- Vellichor