MORIBUND OBLIVION: Endless

MORIBUND OBLIVION, die bekannteste Black-Metal-Band aus der Türkei, legen mittlerweile ihr siebtes Album vor. Ist gut, kann was: stilistisch offen, lassen sie klassischen Black Metal der Marke IMMORTAL ebenso aufleben wie Dark Metal im Sinn von frühen MOONSPELL oder Melodic-Death. Ein gutes Album, das aber manchmal fast ein wenig zu routiniert klingt.

Gleich zum Einstieg muss ich hier mal den Besserwisser geben. Die Türkei hat eine lange Tradition in Sachen Rock-Musik: angefangen beim Anadolu Rock, der bereits ab Mitte der 60er Jahre Psychedelic und Progressive mit „klassischen“ Elementen der türkischen Folklore verknüpft hat. Bis hin zu zeitgenössischen Bands wie REDD, die – sehr politisch – schönen, stimmungsvollen Alternative-Rock spielen: aber die nach einem Soli-Konzert für den Journalisten Hrant Dink, von türkischen Nationalisten ermordet, Ärger mit der Staatsmacht bekamen. Nein: türkischer Rock, das hat nichts Exotisches, das ist ganz natürlich und organisch gewachsen. Auch wenn es in westlichen Staaten viele Fans und Journalisten nicht wahrnehmen wollen.

Nur Black Metal aus der Türkei: Das ist dann tatsächlich keine so häufig anzutreffende Sache. Die „Encyclopaedia Metallum“ listet immerhin 583 Black-Metal-Bands aus der Republik auf. Mag viel klingen, ist aber eben doch wenig, wenn man bedenkt, dass allein in Norwegen aktuell eine wohl fünfstellige Zahl an Black-Metal-Bands gelistet ist. Kein Wunder, spielen im Mekka des Genres doch gefühlt vier von fünf Einwohnern in Black-Metal-Bands. Nicht in einer Band: sondern in mehreren. Den Witz mit der Inzucht erspare ich mir: sonst werde ich hier noch ans umgedrehte Kreuz geflochten.

MORIBUND OBLIVION sind aktuell die bekannteste Black-Metal-Band aus der Türkei

Und da wären wir auch bereits beim Thema der Rezension: MORIBUND OBLIVION sind aktuell wohl die bekannteste Black-Metal-Band aus der Türkei. Nicht von ungefähr. Bereits seit 1999 aktiv, haben sie sich auch in westlichen Staaten bereits den Ruf einer exzellenten Live-Band erarbeitet. Und um das gleich mal klar zu stellen: Hier geht es nicht um die reine Lehre. Wo andere Black-Metal-Acts möglichst true sein wollen (mit allen daraus folgenden Peinlichkeiten), zeigen sich die Istanbuler auch für zahlreiche andere Einflüsse offen. Auch auf Corpsepainting verzichtet die Band – zum Glück.

Aktuell hat sich das Label Talheim der Türken angenommen: und ihr Album „Endless“ neu aufgelegt, das bereits 2017 eingespielt wurde. Den Verfechtern ungebrochener Trueness sei zugleich Entwarnung gegeben: auch hier gibt es unzählige Old-School-Momente. Im Interview mit dem Rock Hard nennt die Band aus der 15-Millionen-Einwohner-Metropole (fünfmal Berlin!) IMMORTAL als wichtigen Einfluss. Und tatsächlich dröhnen die Gitarren in bester Old-School-Manier: auch die frühen Alben von EMPEROR klingen durch. Hochgestimmt, dröhnend, melodisch, atmosphärisch. Sänger Bahadır Uludağlar krächzt und keifert ebenfalls in bester Black-Metal-Manier. Es muss einem hier nicht Bange sein, dass die weißgeschminkten Traditionalisten die Band in ihr Herz schließen könnten.

Stilistisch offen: Dark Metal und Schwedentod sind auch Referenzen

Aber es sind eben noch andere Einflüsse vernehmbar. Mehr als einmal erinnern die Songs an frühe MOONSPELL: gerade, was den Groove betrifft. Black-Metal mit Gothic-Touch. Und auch Ausflüge in Melodic-Death-Gefilde sind deutlich präsent: im Zweifel die ersten Alben von DISSECTION oder gar UNANIMATED. Entsprechend ist auch die Produktion sehr klar und sauber. Wo norwegische Bands ihre Rumpeligkeit ausstellen, geht es hier eher darum, eben nicht unperfekt und punkig zu sein. Folglich ergießen sich auch die Songs nicht in purer Raserei: Es gibt viel Midtempo, viel Groove: und man merkt, dass die Band auch auf Harmonien setzt.

Nein, das alles ist nicht neu. Man kann sogar sagen: nach mittlerweile sieben Alben klingt die Band erstaunlich routiniert. Zahlreiche Tempi-Wechsel und gepflegt-offensive Ausbrüche zeigen, dass hier gute Musiker am Werk sind. Groovige Tracks wie „This Is Your Fight“ stehen für kontrollierte Offensive. Das Intro von „Renunciation“, akustisch und harmonisch, lässt sogar leicht progressive Einflüsse erkennen. Bis der Song in eine keifernde Midtempo-Black-Metal-Groove-Nummer übergeht: sehr melodisch, auch Einflüsse des Thrash klingen durch. Das kann was.

Aber während man “routiniert” als Zeichen für Qualität setzen will (Ist es ja auch: hier sind gute Musiker am Werk, die wissen, was sie tun), stellt sich eben schon die Frage, ob das die beste der möglichen Zuschreibungen ist. In einem Genre, in dem es um ungezügelte Energie und ungebändigte Wut geht. Um entfesselte Gewalt. Ja, das Album ist gut: Songs wie der Opener “Death Is With You”, das folgende “Winter” (hart im mittleren Tempo groovend, bis der Song ausbricht und in Raserei endet) oder “Price of Defeat” sind wirklich sehr amtliche Hymnen. Extreme-Metal-Fans werden ihre Freude daran haben.

Aber manchmal stellt sich schon die Frage: Wie würde das klingen, wenn die Band weniger routiniert, weniger perfekt wäre? Wo wird Professionalität zum Stolperstein? Ist das hier zu sauber, zu kalkuliert? Und nein: Das sollte Genre-Fans wirklich nicht davon abhalten, mal ein Ohr zu riskieren.

Auch textlich haben die Istanbuler eigentlich die Nase vorn. Statt satanischer Attitüde behandelt die Band in ihren Texten das Thema Tod, Endlichkeit: den Schmerz, den es mit sich bringt, sterblich zu sein. Es ist zudem eine Band, die auf kulturellen Ausgleich setzt: Sie bekunden, dass sie trotz ihrer islamischen Wurzeln (“Wir sind religionsfreie Zone!”, bekunden sie im Rock-Hard-Interview), gerne auch in Staaten wie Israel spielen würden: Weil religiöse Vorurteile, gleich welcher Religion, einfach Bullshit sind. Hey: Daran sollten sich wirklich auch einige Black-Metal-Bands in Norwegen ein Beispiel nehmen! Manch ein Fanatiker hat es da ja nicht so mit Toleranz. Und auch Antisemitismus im Black Metal ist leider immer noch ein relevantes Thema.

Fazit: Ja, das Album ist gut, ist empfehlenswert. Manchmal wissen MORIBUND OBLIVION zu gut und zu genau, worauf sie sich beziehen und wen sie zitieren. Das sollte Genre-Fans nicht davon abhalten, mal reinzuhören: Es kann sich lohnen. Melodische Songs, abwechslungsreich, mit ordentlichem Groove unterlegt: und Ausbrüchen in den richtigen Momenten. Kluger Black-Metal, der sich einen Scheiß um Trueness und Konventionen schert. Nur manchmal eben zu kalkuliert tönt, was auf Kosten der Lebendigkeit geht. Es fehlt, ein bisschen, der roughe Rotz.

7,0 von zehn Punkten.

Label: Talheim Records
Release Date: 30.03.2021

MORIBUND OBLIVION “Endless” Tracklist

01. Death is With You
02. Winter
03. Price of Defeat
04. This Is Your Fight (Official Lyric Video)
05. A Grain of Sand
06. Far Away
07. Renunciation
08. Sınırların Ötesi