MISERY INDEX: Retaliate

Kaufen!

Ich gebe es ja zu, hier und da kommt es mal vor, dass ich mich für eine Scheibe kurze Zeit begeistere und die dann nach allen Regeln der Kunst feiere, bis ich sie wenig später totgehört habe. Nicht so bei Retaliate, dem ersten und von mir sehnsüchtig erwarteten Longplayer der Death-Grind-Kronprinzen aus Maryland, denn diese Scheibe rotiert bereits seit einigen Wochen ständig bei mir und ich denke, dass es noch lange so bleiben wird.

Overthrow, ihr erster Streich fegte wie ein Wirbelsturm um die Ohren des Hörers, doch der erste Longplayer Retaliate ist der verdammte Weltuntergang, eine nukleare Waffe, verdammt, Retaliate ist eine Wand, die alles und jeden zerquetscht. Sparky Voyles, Jason Netherton und der neue Drummer Matt Byers, der Kevin Talley locker ersetzt, legen zu dritt mächtig los und lassen die neue, auch sehr gute DYING FETUS weit hinter sich zurück. MISERY INDEX heißt die neue Referenz für brutalen Sound! Denn sie machen nicht den Fehler permanent in den, inzwischen leider schon ein wenig festgefahrenen, Songschemen von DYING FETUS zu dümpeln. Nein, das US-Trio nimmt die ganze Wut aus dem Bauch, scheißt auf Schubladen und schaut einfach nach vorne. Das soll jetzt nicht heißen, dass sie den Grindcore neu erfinden, aber sie geben ihm eine erfrischende Note mit auf den Weg.

Wie moderne TERRORIZER mit einer gewaltigen Schlagseite Death Metal – die DYING FETUS-Vergangenheit lässt sich gerade in den Midtempo-Parts eben doch nicht verbergen – mit einem Schuss Punk und Hardcore matzen MISERY INDEX dahin und haben immer eine Message. Kein Wunder, Sänger und Texter Jason hat Politikwissenschaften studiert und setzt dieses Wissen sehr gut ein, gerade das abschließende History is Rotten, ein Song über die Glorifizierung der blutigen Geschichte Amerikas geht durch Mark und Bein. So pazifistisch dieser Text anmutet, so prügelt das Stück dahin. Genauso intensiv sind auch die neun anderen Attacken auf das Nervenzentrum, von denen besonders Angst isst die Seele, Demand the Imposible, The Great Depression und Servants of Progress herausstechen und die wohl keinen Death-Grinder bewegungslos hinterlassen dürften. Gerade Jasons angepisster Gesang trägt da einiges dazu bei, denn so wütend hat der Mann noch nie geklungen.

Das letzte Quentchen, dass ihnen also noch fehlt ist eine fette Soundwand. Und die gibt es definitiv! J.F. Dagenais, seines Zeichens Gitarrist bei KATAKLYSM hat einen rohen, aber dennoch scharfkanntigen und differenzierten Sound geschaffen, der anderseits sehr live-authentisch klingt. Selbst wenn die Drums nach Destroy the Opposition klingen, so wirken sie nicht so, als würden sie zwei Meter neben den Gitarren stehen, sondern fügen sich gut ein.

Alles in allem bleibt für Retaliate nur das Prädikat Kauf das Ding, verdammt nochmal! übrig, denn dies ist das beste Debüt(full length)album des laufenden Jahres. Sicher, die Verdächtigen konnten schon einiges an Erfahrung vorab sammeln, aber dennoch ist dieses Stück extremster Musik einfach atemberaubend. Viel Spaß beim Verwüsten der Einrichtung und beim abfeiern der Band auf den X-Mas-Festivals, man sieht sich!

VÖ: 15. September 2003

Spielzeit: 31:17 Min.

Line-Up:
Jason Netherton – Vocals, Bass
Sparky Voyles – Guitars
Matt Byers – Drums

Produziert von Jean-Francois Dagenais
Label: Nuclear Blast

Homepage: http://www.misery-index.com

Tracklist:
1. Retaliate
2. The Lies that Bind
3. The Great Depression
4. Angst isst die Seele
5. Demand the Impossible
6. Order Upheld / Dissent Dissolved
7. Servants of Progress
8. The Unbridgable Chasm
9. Bottom Feeders
10. History is Rotten